Nepos

Paul Lunow will denjenigen Zugang zur digitalen Welt verschaffen, die sich häufig schwer damit tun: älteren Menschen. Ihnen verspricht er: den einfachsten Computer der Welt.





• Die Idee, Apple und Samsung mit einem selbst entwickelten Tablet für die ältere Generation Konkurrenz zu machen, zumindest ein klein wenig, kam Paul Lunow, 33, bei Familienfesten. Die Verwandten mit Blöcken voller Computer-Fragen. Gesichter, die auch nach ausgiebigen Erklärungen zu Updates, Einfach- und Doppelklicks genauso verzweifelt aussahen wie zuvor. Einen solchen Moment der Überforderung erlebt der Gründer des Berliner Start-ups Nepos auch an einem Tag im Januar 2019. Seine Großtante Luise ist zu Besuch im Firmenbüro in der ehemaligen Malzfabrik in Berlin-Schöneberg.

Luise Lunow, 87 Jahre alt, ist Schauspielerin, hat mit Loriot „Pappa Ante Portas“ gedreht und fungiert als eine Art Werbefigur für die Firma. Sie ist zum Beispiel auf der Startseite des Internetauftritts zu sehen, im Sessel mit einem Tablet vor sich, da lächelt sie.

Aber jetzt möchte sie eine Mail mit Bildern von ihrem iPhone verschicken.

„Ich hab’s schon zweimal probiert, geht nicht.“

„Zeig mal her“, sagt Paul Lunow. „Die Datei ist wohl zu groß.“

„Kannste mir die kleiner machen?“

„Das Gerät will aber erst mal dein E-Mail-Passwort.“

„Mist, wo habe ich das nun wieder.“ Sie wischt über das iPhone. „Hier, hab’s in die Notizen geschrieben.“

„Nee, das ist die Apple-ID.“

Wie viele ihrer Generation nimmt Luise Lunow noch aktiv am gesellschaftlichen Leben teil, liest aus ihrer Autobiografie und synchronisiert Filme. Als „Enkelschreck“ hat sie mit dem Rap-Song „Acid auf Rädern“ sogar erlebt, wie man viral geht. Doch bei der Nutzung des Internets, sagt sie, sei sie verun-sichert. Fehlermeldungen, das Feuerwerk von Update- und Viren- warnungen, die Wildnis der Bedienoberflächen, aus allen Nähten platzende App-Stores – das sei ihr alles zu viel.

Um der alten Dame und vielen anderen der Generation 65 plus diese Verunsicherung zu nehmen, hat Paul Lunow gemeinsam mit einem Geschäftspartner Nepos gegründet, der Name bedeutet im Lateinischen Enkel. Das ehrgeizige Ziel der Firma: Apples Erfolgsrezept der simplen Bedienbarkeit auf die Spitze treiben und den einfachsten Computer der Welt bauen – „von Anfang bis Ende“, so Lunow.

Es beginnt 2015. Um herauszufinden, wie ein solches Gerät beschaffen sein könnte, fahren Lunow und seine Kollegen zu einem Berliner Seniorenheim, setzen sich mit den Bewohnern an den Tisch und befragen sie. Zwei Jahre lang besuchen sie das Heim wieder und wieder, lassen die alten Menschen Tablet-Prototypen, Software und Menüführungen testen. Insgesamt 300 Probanden nehmen an der Studie teil, 50 davon über den gesamten Zeitraum. Familienfest-Atmosphäre in der Dauerschleife. Geduldsarbeit.

Aber das Tablet soll nicht nur funktionieren, es soll auch gut aussehen. Als Formgeber kann Paul Lunow den Produktdesigner Werner Aisslinger gewinnen, der Nomos-Uhren und das 25hours Hotel im Berliner Bikinihaus gestaltet hat. Aisslinger verpasst dem Gerät sein griffiges Gehäuse, den gebogenen Standfuß und einen Drehregler für die Lautstärke.

Dann ist es so weit: Sie haben ein Tablet entwickelt, dessen Bedienoberfläche dem Wildwuchs von Apps und Websites visuelle Einheitlichkeit entgegensetzt. Statt Web-Adressen im Browser eingeben oder sich in Apps zurechtfinden zu müssen, brauchen die Nutzer auf dem Touchscreen lediglich einen der sechs Menüpunkte anzutippen, die „Kommunizieren“, „Einkaufen“ oder „Unterhalten“ heißen. Die Menüführung findet größtenteils in der Display-Mitte statt. Jedes Bedienelement hat eine einzige Funktion, große Pfeile weisen den Weg. Mitteilungen wie „Wählen Sie bitte links: Farbe“ füllen beim Online-Kleiderkauf den ganzen Bildschirm. Bei E-Mails geht es schrittweise voran: Empfängeradresse, Betreff, Nachricht schreiben, überprüfen, abschicken. Klappt beim Onlinebanking eine Überweisung, wird der Nutzer mit einem Smiley belohnt. Auch eine Sprachhilfe lässt sich aktivieren.

© Nepos
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Test im Seniorenheim: Nepos-Mitarbeiter Giuseppe Vitucci (oberes Bild) schaut, wie alte Menschen mit dem Tablet zurechtkommen

Der Junge schreibt Gedichte – und Programme

Paul Lunow ist in Berlin geboren. Als Zwölfjähriger zerlegt er den alten Compaq 386 PC seines Vaters. Er liest ein Buch übers Programmieren, wird in der Schule zum „blassen Jungen ohne Turnbeutel“, wie er sagt. Zu Hause sind sie alle kreativ: die Mutter Kostümbildnerin, der Vater technischer Leiter am Theater, ein Großvater Grafiker, der andere Opernsänger. Auch Paul hat eine künstlerische Ader, ihn faszinieren Drehbücher und Skripte, er fängt an, Gedichte zu schreiben – über die Liebe, den Schmerz, die Unbegreiflichkeit der Welt. Die Texte sollen hinaus in die Welt, das damals aufkommende Internet bietet die Möglichkeit dazu. Er programmiert ein Autoren-Portal: Papyros.org. Es ist bis heute online.

Später beginnt Lunow, an der FU Berlin Informatik zu studieren. „Ein knappes Semester“, dann bricht er ab. Anwesenheitspflicht und Mathe? Nichts für ihn. Der Chef einer Werbeagentur nimmt ihn als Praktikanten unter die Fittiche: Er soll Kunden Content-Management-Systeme erklären. Lunow lernt etwas über Unternehmensführung, arbeitet später als freier Programmierer. Mit Mitte 20 gründet er mit Freunden die Ape Unit, ein Netz aus Strategen, Entwicklern und Designern, das digitale Lösungen für Firmen entwickelt. Er steigt aus, als er im Jahr 2015 Florian Schindler trifft, den späteren Mitgründer von Nepos.

Schindler hat für den Werbekonzern BBDO gearbeitet, ist gut vernetzt. Sein Bruder Philipp Schindler ist im Google-Vorstand und verantwortlich für sämtliche Geschäftsaktivitäten des Konzerns. Florian Schindler spannt Lunow als Berater für seinen Tech-Fonds June Fund ein. Dessen Idee mit der universellen Bedienoberfläche begeistert Schindler. Schließlich ist das Marktpotenzial beeindruckend: Allein in Deutschland sind 17 Millionen Menschen älter als 65 Jahre. Von denen ist bislang nur die Hälfte im Netz unterwegs – und mit einer weniger komplizierten Technik lassen sich vielleicht auch die anderen überzeugen. In Europa gehören mehr als 100 Millionen zur Zielgruppe, und welch gigantische Möglichkeiten böten sich erst in einem Land wie China.

Lunow und Schindler werben Geldgeber an wie Rolf Schrömgens, den Trivago-Mitgründer, Werner Conrad vom Elektronikhändler Conrad und Christian Vollmann, den Gründer der Nachbarschafts-Plattform Nebenan.de. Auch ProSiebenSat.1 ist dabei.

2018 ist das Tablet marktreif. Ein Hersteller in China steht bereit, auch den Preis gibt es: 450 Euro. Doch dann erlebt Lunow den Moment, den viele Gründer kennen: geniale Idee, prima Design, aber woher das Geld für die Produktion nehmen? Eine Crowdfunding-Kampagne auf Companisto, die zum Weihnachtsgeschäft 2018 eine erste Serie an Tablets ermöglichen sollte, bleibt unter den Erwartungen, muss Lunow an einem Montag im August seinen Mitarbeitern sagen. Ende 2018 haben immerhin knapp 340 Geldgeber 870 000 Euro in den Nepos-Topf geworfen. Doch für die Herstellung einer ersten Serie liegt die Schwelle bei einer Million Euro. Als Nischenanbieter auf dem Tabletmarkt anzutreten sei halt „das dickste Brett“, sagt Lunow heute. Nun also Weihnachten 2019 – vielleicht.

Ein Investor mit Geduld

Der Investor Christian Vollmann gibt sich trotz dieser Verzögerungen gelassen. Beim Treff in einem Kreuzberger Restaurant serviert er zur Vorspeise erst mal ein Psychogramm der Gründerszene: Start-ups zu gründen bedeute „immer zwei Schritte vor und 1,8 zurück“, eine Achterbahnfahrt, der Anteil manisch-depressiver Menschen unter Gründern sei daher deutlich größer als in der Normalbevölkerung. „Das Erfolgskonzept ist, das zu erkennen und es beherrschbar zu machen.“ Lunow sei „intrinsisch motiviert“ und als „Techie“ tief drin im Produkt. Deshalb habe er das Zeug, gemeinsam mit dem Zahlenmann Schindler ein solches Auf und Ab zu überstehen.

Vollmann ist Anfang 40 und war bereits an mehr als 75 Firmengründungen beteiligt. Er ist im Vorstand des Bundesverbands Deutsche Start-ups und hat mit Unternehmensverkäufen ein Vermögen gemacht. Seine Nachbarschafts-Plattform Nebenan.de, die über digitale Anbahnung den Austausch in der realen Welt fördern will, soll zu den ersten Anwendungen zählen, die über den Menüpunkt „Kommunizieren“ auf Lunows Tablet aktiviert werden können. Auch deswegen habe er einen sechsstelligen Betrag in Nepos investiert. Dass die Hardware wegen des verschobenen Produktionsstarts veralte, befürchtet er nicht. „Unsere Zielgruppe braucht nicht immer ,the latest shit.‘“

Im Büro in der Malzfabrik hat Luise Lunow ihr iPhone mittlerweile wieder ein- gesteckt. Es fehlt das aktuelle Passwort. Beim Nepos-Tablet wird sie auf Passwörter weitestgehend verzichten können. Bestellungen funktionieren durch das Auslesen des Personalausweises oder von Kreditkarten über ein integriertes Lesegerät. Auch Systemmeldungen zu Updates vermeidet Nepos. Sie laufen stattdessen im Hintergrund ab.

Langfristig will Lunow aus Nepos viel mehr machen als einen Tablet-Hersteller. Es soll zur Marke für die jeweils älteste Generation werden. Denn auch Digital Natives werden irgendwann überfordert sein. Virtual-Reality-Masken? Nichts für mich! Das sagen viele Jüngere schon jetzt. Nano-Roboter? Auch das noch! Quantencomputer? Ach, hör auf! Immer schneller voranschreitende technische Entwicklungen stellen unser Gehirn vor ständig neue Herausforderungen. Davon möchte Nepos profitieren.

Sven Voelpel von der Jacobs University in Bremen vermutet, dass die heutige Zeit in 20 Jahren als primitiv und „technisches Steinzeitalter“ belächelt werden wird. Um erfolgreich zu sein, sagt der Professor für Betriebswirtschaftslehre und Altersforscher, müsse eine Firma wie Nepos zeigen, dass ihr Produkt älteren Menschen ermöglicht, auch in den nächsten 10 bis 20 Jahren an der technischen Entwicklung teilzuhaben. Das könne man zum Beispiel durch ein Abo-Modell gewährleisten. So erhielten die Kunden immer wieder Zugang zu neuer Technik, ohne sich umstellen zu müssen. Die Aussicht, digital am Ball zu bleiben, könne ältere Menschen begeistern.

Verlockend für Investoren wäre dabei: Wenn Nepos es tatsächlich schafft, zur geschätzten Marke für ältere Käufergruppen zu werden, kann es auch den Zugang zu einer wachsenden Zielgruppe kontrollieren – Prinzip Gatekeeper. Denn ähnlich wie Apple an fremdentwickelten Apps über iTunes mitverdient, will auch Nepos von jedem Euro, der über die eigene Plattform ausgegeben wird, ein paar Cent abhaben.


Orientierung gebende Pfeile, verständliche Aufforderungen, übersichtliche Gestaltung: die Bedienoberfläche des Nepos-Tablets; Fotos: © Nepos

Statt Markteinstieg: Etappensiege

Das Risiko sei natürlich, so Voelpel, dass Apple – begleitet von einer großen Marketingkampagne – ein ähnliches Modell auf den Markt werfen könnte und „Nepos plattmacht“. Doch damit würde das Unternehmen eine Produktdifferenzierung vornehmen, die es eigentlich nicht will. „Denn iPhone und iPad sollen ja immer für alle passen.“ Andererseits werde gerade dieses Versprechen nicht eingelöst, allein schon wegen der schnellen Produktzyklen. Apple und Samsung ließen die Alten im Stich, so Lunow. „Die sind doch froh, wenn sie die Bedienung eines Geräts erst mal verstanden haben.“

Die große Herausforderung sieht Voelpel beim Marketing. Zwar müsse das Gerät irgendwie eingeordnet werden, doch die Bezeichnung „Senioren-Tablet“ klinge ziemlich negativ. „In die Senioren-Residenz gehe ich mit 80“, sagt er. „Ich bin unsicher, ob jemand mit 65 Jahren schon als Senior gebrandet sein will.“ Aus diesem Grund sei es zum Beispiel auch nicht erfolgversprechend, ein Senioren-Auto auf den Markt zu bringen.

Lunow weiß das: „Wir bauen kein Krückstock-Tablet, sondern etwas, das echt cool ist – und bei dem die jüngere Generation sagt: Darauf haben wir gewartet, das ist sinnvoll.“ Die jüngere Generation? Ja, Lunow setzt seine Hoffnungen beim Marketing auf die Kinder und Enkel, das macht Nepos auch auf der Website deutlich. „Muss ein Senioren-Tablet aussehen wie ein Senioren-Tablet?“, heißt es dort. Und weiter: „Schenken wir der Generation 65+ ein Tablet, das sie nicht mehr stigmatisiert. Geben wir ihr das Gefühl, schon immer Teil der digitalen Welt gewesen zu sein.“

Sven Voelpel bezweifelt zwar, dass die Enkel nun ihren Omas reihenweise Tablets schenken werden, denn der Finanzfluss verlaufe meist umgekehrt, von den Alten zu den Jungen. „Aber die Älteren fragen die Jüngeren gern um Rat in technischen Dingen, es existiert also ein Info-Fluss.“

Mittlerweile sind auch Großkonzerne auf das kleine Start-up aus Berlin aufmerksam geworden. Volkswagen etwa will testen, ob sich die universelle Bedienoberfläche für den Betrieb im Auto eignet. Und Paul Lunow hat vor, nun doch gezielt die anvisierte Nutzerklientel anzusprechen. Zum Beispiel über den Wort & Bild Verlag, der unter anderem die »Apotheken Umschau« herausgibt.

Um Nutzern einen Vorgeschmack auf die einheitliche Bedienoberfläche des späteren Tablets zu geben, hat Nepos inzwischen eine Android-App entwickelt. Sie soll auch ein Signal an die Investoren sein, nach dem Motto: „Wir haben etwas erreicht.“ Und auch bei der Hardware legt das Unternehmen einen Zwischenschritt ein: Noch für dieses Jahr ist ein fremdproduziertes Tablet mit Nepos-Schriftzug und -Software geplant. Diese Billigversion und die App sollen weitere Geldgeber anlocken, damit auch der dritte Schritt, das eigene Tablet, keine Nullnummer bleibt. ---