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Wirtschaftsgeschichte – Mary Woodard Lasker

Mary Woodard Lasker wusste, wie man Geld beschafft – und veränderte damit die amerikanische Forschung.





• „Da kann man nichts machen.“ Diesen Satz hörte Mary Woodard Lasker immer wieder, wenn Menschen, die ihr nahestanden, mit Krankheiten kämpften. Als prägendes Erlebnis schildert sie, wie sie als Kind einmal zusammen mit ihrer Mutter die Waschfrau der Familie besuchte. Die Frau erholte sich von einer Operation, beide Brüste waren amputiert worden.

Das Erlebnis verstörte die junge Mary Woodard Lasker. Sie war wütend darüber, dass Krebs einen Menschen quälen und verstümmeln kann. Noch mehr verstörte sie, dass alle außer ihr diese Tatsache hinzunehmen schienen. Später starben sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter in der Folge von Schlaganfällen. Sie fragte die Ärzte, wie man Schlaganfälle verhindern könne. Und wieder dieselbe Antwort: Da könne man nichts machen, dazu werde auch nicht geforscht.


„Wir sind im Krieg mit einem gnadenlosen, heimtückischen Feind.“

Lasker wollte es nicht dabei belassen. Es gelang ihr, die medizinische Forschung und deren Finanzierung in den USA Mitte des 20. Jahrhunderts grundlegend zu verändern. Ihr missionarischer Eifer wirkt bis heute nach.

Mary Woodard Lasker, geboren 1900 in Wisconsin als Tochter eines Bankiers, entschied, dass sie Krankheiten nicht als Ärztin bekämpfen wollte, sondern indem sie die Weichen für bessere Forschung stellen würde. So erzählt sie es in Gesprächen, die in der Bibliothek der Columbia University archiviert sind. Einen wichtigen Anstoß dazu gab demnach ihr zweiter Ehemann, Albert Lasker, Leiter einer Werbeagentur. Für das, was sie vorhabe, müsse sie größer denken, riet er ihr. „Du brauchst nicht mein Geld, du brauchst öffentliche Gelder.“

Seit den Vierzigerjahren kämpfte Lasker dafür, die Forschung für Therapien voranzutreiben, vor allem für solche gegen Krebs. Sie begriff es als ihr persönliches Projekt. Dazu sammelte sie im großen Stil Spenden, stärkte medizinische Gesellschaften und gründete eine eigene Stiftung, die Lasker Foundation.Sie war in der New Yorker Oberschicht zu Hause, traf zum Lunch und auf Partys Persönlichkeiten wie die Kennedys und die Rockefellers. Diese Verbindungen nutzte sie, um für ihr Anliegen zu werben und politische Entscheidungen zu beeinflussen.

„Die Idee, dass sich die Landschaft der medizinischen Forschung in Amerika mithilfe politischer Lobbyarbeit und der Beschaffung von Geldmitteln in beispiellosem Maßstab umgestalten ließ, elektrisierte sie“, schreibt Siddhartha Mukherjee, ein amerikanisch-indischer Arzt und Autor, in seinem Buch „Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie“. „Die Laskers waren professionelle Gesellschaftslöwen, wie jemand von Beruf Wissenschaftler oder Sportler ist.“

1943 besuchte Mary Woodard Lasker den Direktor der American Society for the Control of Cancer. Sie fragte ihn, was die Organisation unternehme, um die Krebsforschung zu fördern, war mit den Antworten jedoch höchst unzufrieden. Die Gesellschaft mit dem knappen Jahresbudget von 250 000 Dollar kam ihr selbstgenügsam und ineffizient vor.

Die Laskers übernahmen in den folgenden Jahren selbst die Führung der Gesellschaft und holten Geschäftsleute, Filmproduzenten und Anwälte aus ihrem Bekanntenkreis dazu. Sie gaben der Einrichtung den Namen, den sie heute noch trägt, American Cancer Society. Mit dem nun straff organisierten Gremium sammelten sie systematisch Geld für die Krebsforschung: 1947 waren es bereits mehr als zwölf Millionen Dollar.

Im Jahr darauf lernte Mary Woodard Lasker den Arzt Sidney Farber kennen, der an der Entwicklung der Chemotherapie arbeitete. Da er nicht nur wissenschaftlichen Ehrgeiz hatte, sondern auch politisch ambitioniert war, planten er und Lasker nun einen Großangriff gegen den Krebs. Immer wieder sprachen sie im Kongress vor und versuchten die Abgeordneten zu überzeugen, die Forschung in ihrem Sinn zu fördern.

1951 wurde bei Albert Lasker Darmkrebs festgestellt, ausgerechnet die Krankheit, gegen die er und seine Frau so beharrlich kämpften. Operationen blieben erfolglos. Mary Woodard Lasker versuchte alles, um Onkologen ein Mittel abzuringen und ihren Mann zu retten. Doch er starb. Nach einer Zeit der Trauer verfolgte sie ihr Ziel noch unerbittlicher als zuvor, einem Freund soll sie gesagt haben: „Wir sind im Krieg mit einem gnadenlosen, heimtückischen Feind.“

Ihr massives Engagement brachte Lasker auch Kritik ein: Mitte der Fünfzigerjahre gab es eine Debatte darüber, wofür die National Institutes of Health die Mittel zur Bekämpfung von Krebs einsetzen sollten – für die Entwicklung einer Impfung oder für die weitere Erforschung der Chemotherapie. Obwohl Wissenschaftler protestierten, wurde ein umfassendes Programm für die Chemotherapie verabschiedet. Die Entscheidung war beeinflusst von Laskers Anwälten. 1965 untersuchte eine Kommission die Vorgänge und kam zu dem Ergebnis, dass das Programm in zu großem Stil begonnen worden sei, gemessen am damaligen Stand der Wissenschaft.

Nichtsdestotrotz ist Mary Woodard Lasker zur Legende geworden. Die Preise, die ihre Stiftung an Wissenschaftler vergibt, gelten als „amerikanische Nobelpreise“. Viele der ausgezeichneten Wissenschaftler gewannen später den echten Nobelpreis. ---