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„Man wirkt wie ein Roboter, aber hat Bauchschmerzen“

Denise Shull war früher Wertpapierhändlerin, zuerst in Chicago, dann an der Wall Street. Heute klärt sie ihre Ex-Kollegen über Gefühle auf. Ihr Mantra lautet: Hört auf euch, steht zu eurer Angst, und bitte schlaft genügend.





• Jüngst machte Denise Shull Schlagzeilen in den US-Medien. Auslöser war die Fernsehserie „Billions“ über einen betrügerischen Hedgefonds-Manager, in der sie Parallelen zu ihrer eigenen Arbeit entdeckte. Denn eine der Hauptfiguren, Wendy Rhoades, ist wie sie Performance Coach – oder Performance Architect, so nennt Shull ihren Beruf, den sie seit rund 15 Jahren ausübt. Zu ihren Klienten zählen neben Leuten aus der Finanzbranche auch Profi-Sportler.

Die 59-Jährige hat 1995 an der Universität von Chicago ihren Master in Neuropsychoanalyse gemacht. Ihr Buch „Market Mind Games“ ist Fachliteratur mit romanartigen Episoden, die Handlung nicht weiter erwähnenswert, den Charakteren fehlt das Herz, und das hier und da eingestreute Eigenlob ist etwas dick. Aber die Botschaft bleibt bestehen: Kenne deine Gefühle.

Das ist auch die Botschaft von Wendy Rhoades. Wegen Urheberrechtsverletzung hat Denise Shull Ende Dezember 2018 Klage eingereicht.

brand eins: Frau Shull, wie sehr gleicht Ihnen Wendy Rhoades?

Denise Shull: Es ist natürlich eine fiktionale oder fiktionalisierte Serie. Aber Wendy hat einige Coaching-Szenen, die sehr real sind. Oder anders gesagt: Sie sind so wie die Geschichte, die ich in meinem Buch erzähle.

Müssen Sie deshalb gleich vor Gericht ziehen?

Wenn man eine Klage einreicht, raten die Anwälte natürlich, nicht zu viel über die Sache zu sprechen. Was ich sagen kann, ist: Gegen Ende der ersten Staffel verbringt Wendy einen Abend mit dem Hedgefonds-Manager Robert Axelrod, dem Protagonisten der Serie. Sie hilft ihm zu verstehen, wieso er gerade viel Geld verloren hat. Die Szene entspricht einer Szene in meinem Buch. Es ist das, was ich tue. Leute verlieren eine Menge Geld, und zwar nicht, weil sie den Markt falsch eingeschätzt haben.

Sondern?

Aufgrund eines Gefühls, das nichts mit dem Markt zu tun hat. Was Wendy also mit Robert tut in dieser Nacht, ist genau das, was in meinem Buch steht. Sie hilft ihm herauszufinden, dass die Emotion mit dem Tod einer anderen Person zusammenhängt. Und damit mit seinen Schuldgefühlen.

Sind Sie der einzige Coach, der so arbeitet?

Das glaube ich, ja. Ich bin bekannt für die Idee, dass Menschen Emotionen aus ihrer Privatsphäre im Geschäft ausleben. Und ich helfe den Leuten dabei, das zu verstehen.

Ich fühle mich seit ein paar Tagen gestresst und nervös. Was raten Sie mir, damit ich trotzdem meine beste Leistung bringen kann?

Finden Sie heraus, was Sie fühlen und wieso Sie es fühlen, und artikulieren Sie das Schlimmste, das Ihnen passieren könnte. Die Angst oder Sorge übermittelt Ihnen eine Botschaft. Sie sagt: Vergessen Sie nicht, sich vorzubereiten.

Meine Taktik war bisher: negative Gefühle ausblenden und weitermachen.

Das funktioniert eigentlich nicht wirklich.

Wieso nicht?

Ich glaube, alle Emotionen in ihrer reinen Form sind dazu da, uns zu helfen. Wir sollten deshalb immer fragen und beantworten können: Was fühle ich und wieso? Häufig ist das Gefühl dann auch nicht mehr so schmerzvoll oder störend.

Welchen Zweck haben Gefühle?

Ohne sie können wir keine Entscheidungen treffen. Die Forschung zeigt, dass Menschen, deren Hirn geschädigt ist und die deshalb keine Emotionen mehr verarbeiten, simpelste Entscheidungen nicht mehr treffen können. Sie wissen nicht, was sie zu einem Treffen anziehen sollen oder an welchem Tag sie sich verabreden wollen. Wir brauchen unsere Gefühle ständig, wir merken es nur nicht.

In Ihrem Buch behaupten Sie, dass an der Börse Gefühle wichtiger seien als Analysen und Statistiken. Eine gewagte These.

Wenn mich die Leute das sagen hören, ist die Reaktion immer: Mein Gott, diese Frau ist verrückt! Aber erfahrene Wertpapierhändler wissen: Deine Überzeugung ist das, was zählt. Egal welche Analysen sie benutzen. Überzeugung ist ein Gefühl. Selbstvertrauen ist ein Gefühl. Und an der Wall Street will man die Gefühle aus allem raushalten – was für eine Ironie. Jeder Wertpapierhändler sagt die Zukunft voraus. Aber keiner kennt sie. Alles, was man tun kann, ist: eine Reihe von Faktoren bestimmen, die man analysiert, und eine Vorhersage machen. Wenn Sie also immer nur auf Ihre eigene Vorhersage setzen, dann müssen Sie das Vertrauen haben, dass Ihre Vorhersage richtig ist. Wenn man kein Selbstvertrauen hat, kann man nicht handeln.

Wieso nicht?

Man tut sich beispielsweise schwer, Wertpapiere zu halten. Wenn man nicht überzeugt ist, dann steigt man aus. Die Forschung zeigt zwei Dinge: Die besten Händler können das Verhalten der anderen voraussagen. Und diejenigen, die ihre Gefühle artikulieren können, gehen mit dem Risiko und der Volatilität des Marktes besser um als Kollegen, die das nicht tun.

Es gibt Untersuchungen, die Ihnen widersprechen. Wie beispielsweise eine der Universität St. Gallen aus dem Jahr 2011. Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich erfolgreiche Wertpapierhändler schlimmer verhielten als Psychopathen.

Zum einen bin ich skeptisch, was den Zeitaspekt anbelangt. Schlagen die sich für längere Zeit gut im Markt? Zum anderen kann man sich nicht einfach in einen gefühlslosen Psychopathen verwandeln, auch wenn man das wollte. Hier versagen die Menschen: Sie versuchen, die Emotionen rauszunehmen, aber das ist schlicht nicht möglich. Also geht die Sache nach hinten los und kreiert weitere Probleme.

Welche Probleme?

Entweder treffen sie die schlechtesten Entscheidungen im schlechtesten Moment. Oder sie leben ihre Ängste im Privatleben aus, fangen etwa an zu trinken. Das unterdrückte Gefühl wird sich irgendwo zeigen. Man wirkt wie ein Roboter, aber hat Bauchschmerzen.

Wieso kommen die Leute zu Ihnen?

Entweder sie wollen generell mehr Geld machen, oder sie wollen ein Problem lösen. Sie wissen zum Beispiel, dass sie risikoscheu sind oder tendenziell stur. Für den Scheuen ist es schwierig zu kaufen. Der Sture kauft zu viel oder kann nicht aussteigen.

Welche Techniken sind hilfreich?

Zum Beispiel versuche ich, meine Klienten auf Wörter aufmerksam zu machen, die mit ihren Gefühlen assoziiert sein könnten. Da ist jemand, der Mühe hat zu beschreiben, wie er sich in einer gewissen Situation fühlt. Vergangenes Jahr hatte ich einen professionellen Athleten, dem es so ging. Und ich sagte: Das wirkt auf mich wie Beklommenheit. Schlagen wir das doch mal im Wörterbuch nach. Wenn das Wort zum Empfinden passt, ist das wie ein Knopf, der etwas öffnet. Diese Technik hilft meinen Klienten, ihre Gefühlslage zu verbalisieren.

Das klingt ziemlich banal.

Die Forschung zeigt: Je besser man darin ist, seine Gefühle in Worte zu fassen und dabei zu differenzieren – zum Beispiel zwischen Zweifel, Angst, Enttäuschung –, desto weniger wird das Gefühl stören. Dann kann man entscheiden, wie man sich verhalten will. Gefühle haben einen so schlechten Ruf, weil die Menschen sie ausleben, statt sie zu untersuchen und zu verstehen.

Sie haben jetzt viel über den Einfluss der Selbstwahrnehmung auf die Leistung gesprochen. Welche Rolle spielt das Arbeitsklima oder wie es gerade in der Familie läuft?

Die Umgebung beeinflusst, was wir fühlen. Alles, dank dessen wir uns fit fühlen, ist gut. Und alles, was nicht hilft, folglich schlecht. Wenn wir uns optimistischer fühlen, sind wir belastbarer. Wenn wir gut geschlafen haben, können wir besser mit Frustration umgehen. Wenn wir müde sind, sehen wir Risiken nicht. Ich habe Klienten, die wach sein müssen, wenn die Börse in Tokio um 19 Uhr New Yorker Zeit öffnet und auch wenn sie in London um 3 Uhr früh öffnet. Ich denke mir da: Meine Güte, damit helfen sie sich nicht. Sie wollen möglichst viel Information. Was sie aber eigentlich brauchen, ist Schlaf, um die Information auch richtig interpretieren zu können.

Jeder Hedgefonds, der zum Beispiel Ruheräume einrichtet und die Leute dazu ermutigt, diese zu nutzen, wird mehr Geld machen. Nur haben alle Angst davor, wegen dieser Alpha-Männchen-Kultur, die dort herrscht.

Ein Ruheraum ist das ultimative Geheimnis?

Ich weiß von einigen Hedgefonds, die Ruheräume haben, aber niemand nutzt sie. Ich kenne einen mit sehr schönem Ruheraum. Er dient jetzt als Abstellkammer. ---