Was Menschen bewegt

Hautsache

Grace Amey-Obeng will, dass schwarze Frauen schwarz bleiben. Klingt selbstverständlich, ist es in Westafrika aber nicht.





Eine Frau, die Bleichmittel anbietet (li.), und eine 21-Jährige (re.), die diese nie kaufen würde – sie liebt ihren Hautton

• In ihrem Büro hängt keine Kalaschnikow. Es gibt keine Pamphlete, kein Rednerpult, keine Fahne. Stattdessen: lila Wände, goldgerahmte Familienporträts und auf dem Schreibtisch eine Maybelline-New-York-Tüte. Das Büro einer Freiheitskämpferin stellt man sich anders vor. Und doch ist Grace Amey-Obeng genau das. Sie hat ein Leben lang gegen die Folgen des Kolonialismus gekämpft. Nur nicht mit der Waffe, sondern mit Hautcremes.

Amey-Obeng wurde 1957 geboren, in dem Jahr, in dem ihre Heimat Ghana unabhängig wurde. „Die Kolonialherren hatten wir vertrieben“, sagt sie. „Aber ihre Schönheitsideale nicht.“ Millionen schwarzer Frauen fingen an, ihre Haut mit Chemikalien zu bleichen, um möglichst hell auszusehen. Und sie tun es immer noch, trotz gesundheitlicher Risiken. Skinbleaching nennt man diese Praxis. Der Kampf dagegen hat Amey-Obeng berühmt gemacht und zu einer der erfolgreichsten Unternehmerinnen Westafrikas. Sie war eine der Ersten, die Pflegeprodukte speziell für schwarze Haut herstellten.

White, Coloured, Black – so lautet noch immer die hierarchische Abstufung vieler afrikanischer Gesellschaften. Weiß zu sein steht für Erfolg und Reichtum, je heller jemand ist, desto bessere Chancen hat er. Das hat Folgen. Manche Frauen benutzen Cremes, andere schlucken Pillen oder spritzen sich Chemikalien – in einigen Teilen Westafrikas bleichen bis zu 80 Prozent der weiblichen Bevölkerung ihre Haut. Das führt zu schweren Verätzungen, Pigmentstörungen, in extremen Fällen zu Nierenversagen, Unfruchtbarkeit und Krebs. „Egal in welcher Form, Skinbleaching ist immer gefährlich“, sagt Professor Edmund Nminyem Delle. Er ist seit 40 Jahren Dermatologe und einer der bekanntesten Ärzte Westafrikas. Inzwischen haben Ghana, die Elfenbeinküste und Ruanda die gefährlichsten Bleichmittel zwar verboten, aber das gesellschaftliche Problem bleibt. Überall in Afrika sieht man Werbung für angeblich harmlose Hautaufheller. Auch in Asien, in Amerika, im Nahen Osten und in Europa bleichen Frauen ihre Haut.

Es ist ein Milliardengeschäft auf der ganzen Welt, an dem auch die großen Kosmetikhersteller wie L’Oréal und Unilever verdienen. Dass das Schönheitsideal in überwiegend weißen Gesellschaften Weiß ist, überrascht nicht so sehr. Was Grace Amey-Obeng aber nicht versteht: „Wenn Menschen noch nicht einmal in Afrika schwarz sein dürfen, wo dann?“


Grace Amey-Obeng, die Chefin von Forever Clair.

Sie führt ihre Firma Forever Clair, in Accra nur FC genannt, seit 30 Jahren. Ghanas Hauptstadt ist eine chaotische Millionenstadt in den Tropen. Am Hauptsitz von FC kämpfen altersschwache Klimaanlagen gegen die Hitze. Von den Wänden blättert Farbe, die Böden sind aus Beton. Auf fünf Stockwerken schwirren Frauen umher, die meisten unter 20, fast alle in der gleichen gelb-grünen Uniform.

Der Ort wirkt nicht wie eine Firmenzentrale, eher wie eine Schule. Und das ist auch nicht falsch, Amey-Obeng stellt schon lange nicht mehr nur Cremes her. Inzwischen gehören zur FC Group eine Kosmetikschule für angehende Kosmetikerinnen und eine Klinik, in der die Opfer von Skinbleaching behandelt werden – alles unter einem Dach. Grace Amey-Obeng ist Vorstandsvorsitzende, Schuldirektorin und Krankenhausdirektorin zugleich. Ihr Büro liegt mitten drin, auf der dritten Etage, im Herzen des Bienenstocks.

Hier ist es nie still, medizinische Geräte piepen, Stimmen summen. Bis die Chefin kommt. Eine rundliche Frau Anfang 60 mit einer Vorliebe für glitzernden Goldschmuck – auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine freundliche Großmutter. Dann beginnt sie ihren Rundgang. „Tock, Tock, Tock“ machen ihre schwarzen Lackschuhe auf dem Betonboden, und die Gespräche verstummen. „Guten Morgen, Madam!“ Sie öffnet Türen wie die zu Kinderzimmern, ohne anzuklopfen. Auf einer Liege wird gerade eine Frau operiert, Amey-Obeng zeigt auf ein Schild und liest vor: „Hier nicht laut sprechen – Behandlung im Gange.“

Dann geht sie zurück in ihr Büro, zu den lilafarbenen Wänden und den Familienporträts. In dieser Woche hat sie viel zu tun. Nächsten Montag ist eine Aufsichtsratssitzung. FC will expandieren, in die afrikanischen Nachbarstaaten.

Ihr Vorbild: ihre Mutter

Sie kommt aus einer Unternehmerfamilie. Ihr Vater war in den Sechzigerjahren Financial Controller für Pfizer in Westafrika. Ein Mann mit Geld, mit Einfluss und trotzdem „ein sanfter Mann“, sagt sie. Ihr unternehmerisches Vorbild aber war ihre Mutter. „Sie war der aggressive Part.“ Noch bevor ihre Tochter Grace 16 war, hatte sie vier Unternehmen gegründet, eine Handwerksschule für Mädchen geleitet und einen Friseursalon betrieben.

Für die Mutter war das selbstverständlich. Schon ihre Tante hatte eine eigene Firma. „Meine Familie war außergewöhnlich“, sagt Grace Amey-Obeng und meint damit natürlich auch sich selbst. Als sie 16 wurde, ließ ihre Mutter sie ein paar Monate den Friseursalon leiten. Da wurde ihr bewusst, wie viele Frauen sich ihre Haare chemisch glätten und bleichen ließen. Sie war entsetzt, als sie vor ihr saßen in den Friseurstühlen, mit kaputtem Haar und verätzter Kopfhaut. Es war der Beginn ihres lebenslangen Kampfes gegen das weiße Schönheitsideal ihrer Heimat.

Die Mutter lebt und arbeitet noch – nun für ihre Tochter. Alle Uniformen von FC sind von ihr entworfen, die meisten hat sie auch genäht. Das ist das Erfolgsrezept von Grace Amey-Obeng: Ihre Familie ist die Firma, und die Firma ist wie eine Familie. „Ich wollte immer Menschen um mich herum haben, die mich lieben“, sagt sie. „Und die tun, was ich ihnen sage.“


Eine ungewöhnliche Firmenzentrale: Hier werden nicht nur Gesichtsbehandlungen durchgeführt (oben), sondern auch Kosmetikfachkräfte ausgebildet. Diesen Kurs gibt Lehrerin Dzifa Affaini

Die Aufsichtsratssitzung ist ein Familientreffen. Mit dabei: ihr Ehemann, ihre zwei Töchter und ihr Sohn. Ihr Mann ist Chemiker, er und der Sohn sind verantwortlich für die Produktentwicklung und den Vertrieb. Die älteste Tochter hat Mikrobiologie studiert und ist zuständig für alle Kosmetiklinien. Die Jüngste kümmert sich um die Finanzen. „Wir brauchten noch jemanden, der das Geld zählt“, sagt die Chefin und lacht, obwohl sie das vermutlich ernst meint. „Für uns war immer klar“, sagt ihre älteste Tochter Shika Obeng-Kamara, „eines Tages steigen wir in die Firma ein.“ Sie ist 34 und hat gerade ihr zweites Kind bekommen. Sie lacht viel und klingt so, als würde sie immer einen Witz erzählen. „Meine Mutter als Chefin und als Mutter, das sind zwei verschiedene Personen.“ Sie habe es sich nie nehmen lassen, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. „Sie war immer sehr mütterlich. Aber als Chefin regiert sie mit eiserner Faust.“

Grace Amey-Obengs Faust mag eisern sein, ihre Fingernägel sind rosa lackiert. „Ich gehe gern Risiken ein“, sagt sie und legt ihre Hände theatralisch auf die Brust. Ihr Mann hielte das manchmal für gefährlich, aber der Erfolg gebe ihr Recht.

Vor 30 Jahren gründete sie ihre Firma mit 100 Dollar. Das Geld lieh sie sich von ihren Eltern. Keine ghanaische Bank wollte einer Frau damals einen Kredit geben. Mit ihrem Mann ging sie im Einkaufsviertel von Accra von Tür zu Tür, wo Hunderte Verkäuferinnen in kleinen Ständen ihre Waren verkauften. „Fast alle“, sagt Amey-Obeng, hätten damals versucht, sich zu bleichen. „Fanta Face“ nannte man die Frauen mit den hell verfärbten Gesichtern, deren Körper noch immer „Coca-Cola“ waren. „Wenn ein Fanta Face die Tür aufmachte“, sagt sie, habe sie erklärt, welche Produkte ihr helfen würden. „Erst muss du daran arbeiten, wieder wie du selbst auszusehen, dann kannst du dafür sorgen, noch schöner zu werden – und schwarz zu bleiben.“

Heute ist Grace Amey-Obeng eine der fünf reichsten Frauen Ghanas. Ihr Gesamtvermögen liegt bei geschätzten 100 Millionen Dollar. Viel investieren, viel gewinnen, diese Strategie ging bislang auf. Aktuelle Umsatzzahlen will sie nicht nennen. Die seien schwierig zu beziffern, weil FC viele Subunternehmen habe. Nur so viel: Die Firma sei momentan acht Millionen Dollar wert. Die Diskrepanz zwischen Privat- und Firmenvermögen wirkt von außen, vorsichtig ausgedrückt, befremdlich – aber in ihrer Welt sind Privates und Berufliches sowieso untrennbar, Familie ist gleich Firma und das Privatvermögen eben Teil der unternehmerischen Kriegskasse.


Skinbleaching-Opfer: vor und nach der Behandlung in der Klinik


Auf dem Makola Market in der Hauptstadt Accra sind Bleichmittel nach wie vor zu bekommen

Die größte Konkurrenz: die Chinesen

Aus dieser Kasse wird sich Grace Amey-Obeng jetzt bedienen müssen, denn ihre Expansionsstrategie ist teuer. Bislang operiert FC hauptsächlich in Ghana. Aber dieses Jahr soll die Firma in Afrika wachsen. 2017 war der afrikanische Kosmetikmarkt etwa zehn Milliarden Dollar groß, und er wächst. Sogar deutlich schneller als der globale Markt – jährlich um acht bis zehn Prozent.

In 13 weiteren afrikanischen Ländern möchte Amey-Obeng nun dieselbe Nische besetzen wie in Ghana: Beauty-Produkte, die sich jeder leisten kann. Sie sagt, die internationalen Platzhirsche der Branche machten ihr keine Angst, dafür sei ihr Geschäft zu spezialisiert. Ihre wahren Konkurrenten seien die Chinesen. „Die können in Guangdong billiger produzieren als wir in Afrika.“ Die Unternehmerin will sich auf den Preiskampf einlassen. Weil ihr wichtig ist, dass sich arme Afrikanerinnen keine „minderwertigen chinesischen Produkte“ kaufen müssen – und weil sie einen Plan hat. Sie will die gesamte Kette von Herstellung bis Vertrieb kontrollieren. In den Nachbarländern sollen neue Produktionsstätten, Kliniken und Kosmetikschulen eröffnet werden. Amey-Obeng verkauft diesen Plan gern als Philanthropie: Die Kliniken sollen heilen, die Schulen jungen Frauen bei der Existenzgründung helfen. Nüchtern lässt sich die Geschäftsidee so beschreiben: Sind die Frauen, die sie ausbildet, erfolgreich, bleiben sie ihren Produkten ein Leben lang treu. Scheitern sie, hat sie auch an ihnen verdient, durch die Kursgebühren.

Amey-Obeng mag eine knallharte Geschäftsfrau sein, aber wenn sie anfängt, über Haut zu reden, wirkt sie geradezu weich. Sie sitzt in ihrem Stuhl, entspannt sich, ihre Arme ruhen auf dem Schreibtisch. Sie streckt ihren linken Arm aus und streichelt sich mit der rechten Hand zärtlich über ihre glänzende Haut. „Schaut mich an, ich bin nicht alt“, sagt sie. „Schwarze Haut wird weniger faltig.“ Und deswegen denke die ganze Welt, sie sei robust. „Aber meine Haut ist genauso empfindlich wie weiße.“ Dabei streicht ihre Hand weiter über den Arm, langsam und selbstvergessen, als würde sie etwas heraufbeschwören. Sie spricht von Kokosmilch und Sheabutter, von Feuchtigkeit; sie sagt, schwarze Haut werde leichter ölig als weiße; sie erklärt die Zutaten ihrer Hautcreme. Immer weiter kreisen ihre Finger über ihren Unterarm, als creme sie sich ein, Hautschicht für Hautschicht, immer tiefer. Dann schweigt sie für einen Moment.

Sie ist 62 Jahre alt und in eine Welt geboren worden, in der der größte Teil Afrikas noch Kolonie war. Deswegen wird ihre Firma nie nur eine Firma sein, genauso wenig, wie Schwarz nur eine Hautfarbe ist.

Schwarz zu sein bedeutet Sklaverei, es bedeutet, anders angeschaut, wahrgenommen, behandelt zu werden. Schwarz zu sein bedeutet Malcom X und Martin Luther King, HipHop und Jazz, Freiheitsbewegung und Unabhängigkeit, Obama und Trump, Straßenschlachten und Selbstbehauptung, der Kampf für mehr Respekt und Bürgerrechte. Und in Afrika bedeutet es eben auch, in einer Gesellschaft zu leben, in der Frauen sich verstümmeln, um weiß zu werden. „Pflege“, sagt Grace Amey-Obeng, „bedeutet eigentlich, gut zu sein zu sich selbst.“


Auch Männer nehmen Bleichcremes (oben). Die Opfer werden in der Klinik behandelt. Dort wird Hautpflege und Massage gelehrt

„Die jungen Leute heute“, fährt sie fort und hört sich zum ersten Mal großmütterlich an, „mögen ihre Afros und ihre Hautfarbe wieder.“ Sie lacht. Dann sagt sie: „Es gibt doch sogar diese ganzen Filme, Black Panther und so.“ Das gefällt ihr. Vor zehn Jahren habe sie im Büro noch ein Kostüm getragen, und jetzt – sie streicht über ihr bunt gemustertes Kleid – trage sie wieder ihre eigene afrikanische Mode. „Wir werden wieder stolz.“

Über Grace Amey-Obengs Schreibtisch hängen zwei große Fotos. Eines zeigt sie mit dem Präsidenten Ghanas, eines mit dem König der Ashanti, der größten Volksgruppe des Landes. Es gibt auch Aufnahmen davon, wie sie die Queen trifft und die Clintons. Die hängen aber nicht hier. ---

Ghana

gilt als das goldene Kind Westafrikas, seit der erste Präsident des Landes, Kwame Nkrumah, 1957 die Unabhängigkeit erklärte. In Ghana leben 28,3 Millionen Menschen, das Land ist politisch und wirtschaftlich stabiler als die Nachbarländer Togo, Burkina Faso und die Elfenbeinküste. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei rund 1800 Euro – und damit über dem Schnitt Subsahara-Afrikas.

Für Deutschland war das Land in den vergangenen Jahren einer der wichtigsten Handels-partner in Westafrika. 2017 betrug das bilate-rale Handelsvolumen 481 Millionen Euro. Aus der Bundesrepublik gelangen hauptsächlich Fahrzeuge, Maschinen und chemische Er- zeugnisse dorthin. Das wichtigste ghanaische Exportprodukt ist Kakao. Ghana ist nach der Elfenbeinküste der zweitgrößte Kakao- Exporteur der Welt.

2016 wuchs die ghanaische Wirtschaft nur um 3,5 Prozent, das war der schlechteste Wert der vergangenen 26 Jahre. Seitdem zieht sie wieder an: 2017 wuchs sie um acht, 2018 noch um mehr als sechs Prozent. Das liegt an neuen Erdöl- und Gasfunden, aber auch an der Wirtschaftspolitik des Präsidenten.

Seit zwei Jahren regiert Nana Akufo-Addo das Land. Seine Partei, die konservative New Patriotic Party, setzt auf Steuersenkungen und den Ausbau der Infrastruktur. Ihr zentrales Wahlkampfversprechen lautete, die Korruption zu bekämpfen. Ghana ist eine Präsidial- demokratie mit einem Zwei-Parteien-System. Die Opposition bildet der sozialdemokratische National Democratic Congress. Der international bekannteste Politiker aus Ghana ist bis heute Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär der Vereinen Nationen.