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Emojis

Wie Emotionen ins Alphabet kamen, was sie dort zu suchen haben und wer daran verdient. Eine Reise ins Reich der Emojis.





 

Ein Teil der neuen Emojis, die in diesem Jahr in den Unicode aufgenommen werden

Kapitel 1: Sieh dich vor, Physiker mit Humor! Wie alles begann

Die Geschichte beginnt im September 1982, als man sich dort, wo heute das Internet ist, noch fast persönlich kannte. Damals diskutierten Physiker im Onlineforum der Carnegie Mellon Universität von Pittsburgh, wie sich die an einer Fahrstuhlseitenwand befestigte Kerze und ein am Boden liegender Quecksilbertropfen im Falle eines Fahrstuhlabsturzes verhalten würden. Was diese Leute eben so machen. Man fachsimpelte hin, man fachsimpelte her, und zwischendrin versuchte es einer mit Humor, indem er schrieb, aufgrund eines Experiments sei nun der Institutsaufzug verseucht worden.

Doch der tastende Schritt ins Komische traf aufs harte Holz der Humorlosigkeit seiner Kollegen. Vier Stunden später (für damalige Verhältnisse unmittelbar) antwortete einer, dass das ein Scherz gewesen sei, versehen mit einem langweiligen Kurzbericht über die Folgen tatsächlicher Quecksilberunfälle.

So folgenlos die Fahrstuhldiskussion blieb, so folgenreich war die anschließende Erörterung, wie man Ironie in der elektronischen Kommunikation kennzeichnen könnte. Drei Tage später, am 19. September 1982, schlug Scott Fahlman die Zeichenkombination Doppelpunkt-Bindestrich-Klammer vor, versehen mit dem Lesehinweis: Kopf schräg legen.

Das :-) verbreitete sich binnen weniger Wochen über das Netz (für damalige Verhältnisse viral). Später bekamen das lächelnde Strichgesicht und sein missmutiger Zwilling :-( den Namen Emoticon, ein Amalgam aus Emotion und Icon. Sein Erfinder ist heute emeritierter Professor derselben Universität. Geld hat er mit seiner weitreichendsten Erfindung nicht verdient, und nach eigener Aussage wäre er auch lieber seiner Forschung wegen bekannt. Tja. ¯\_(ツ)_/¯

Der Schritt vom Strichgesicht zum Bild vollzog sich in Japan. Die ersten Emojis entwarf Shigetaka Kurita, als er im Jahr 1998 als Angestellter des Mobilfunkanbieters NTT Docomo darüber sinnierte, wie seine Kunden das meiste aus dem damaligen Limit von 250 Zeichen pro Nachricht herausholen konnten. Seine Idee, ganze Sachverhalte als Piktogramm auf nur ein Zeichen zu bannen, war eine rationelle Lösung des Problems. Da die Bildchen nur zwölf mal zwölf Pixel maßen, blieb dem Wirtschaftswissenschaftler ohne Vorkenntnisse in Malerei und Design wenig Gestaltungsspielraum. Als sein Entwurf 1999 veröffentlicht wurde, hielten viele den von ihm entworfenen Camcorder für einen Fisch. Zwar erhielt auch Kurita neben seinem Monatslohn keine Tantiemen für seine Erfindung, dafür wurde sein Entwurf der 176 Ur-Emojis schon im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. Sein fischiger Camcorder hing irgendwo zwischen Matisse und Monet.

Der analoge Ahne des Emojis ist der Smiley, dessen Erfinder Harvey Ross Ball im Dezember 1963 für eine Versicherung ein lachendes Gesicht aus einem gelben Kreis, zwei Punkten und einer gebogenen Linie schuf. Das Bild wurde zur Ikone – an der sein Schöpfer nur 45 Dollar verdiente, weil er sich die Rechte daran nicht gesichert hatte.

Kapitel 2: Wie die Waffel ins Alphabet kommt. Die Technik dahinter

Technisch betrachtet ist jedes Zeichen auf dem Bildschirm nur die Repräsentation eines universellen Zeichencodes in der jeweiligen Schriftart. Damit der Buchstabe „a“ auf dem öffentlichen Windows-Rechner einer Bibliothek in Hanoi ebenso lesbar dargestellt wird wie auf dem Android-Telefon einer Stuttgarter Erdkundelehrerin, bedarf es einer einheitlichen Definition dieses Buchstabens. Das ist die Aufgabe des Unicodes. Der internationale Standard weist jedem Zeichen einen festen Code zu. Die Schnecke 🐌, die wir auf den unterschiedlichsten Geräten auf ähnliche Weise sehen, ist nichts anderes als die Darstellung des Unicode-Codes U+1F40C.

Die aktuelle Version 11.0 des Standards kennt 137 374 Zeichen in 146 Schriftsystemen. Neben Alltäglichem wie dem lateinischen Alphabet oder Währungssymbolen sind auch recht verwegene Zeichen dabei, wie die der ausschließlich von Frauen in der südchinesischen Provinz Hunan im 15. Jahrhundert benutzten Schrift Nüshu oder die des 12-adischen Stellenwertsystems, das die Zahlen zehn und elf als einstellig darstellt.

Jedes Jahr im Juni erscheint eine neue Version des Unicodes, in dem seit 2010 auch Emojis ihren Platz haben. In der kommenden Version werden neben dem Elymischen, einer ausgestorbenen Sprache des antiken Westsiziliens, auch 61 neue Emojis aufgenommen. Größtenteils Variationen bestehender Piktogramme mit verschiedenen Hautfarben und Behinderungen, aber auch Knoblauch, Zwiebel, Stinktier und Otter sind mit dabei. Unicode kennt damit 3019 Emojis, die vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten in Farbe und Geschlecht nicht mitgezählt.

Welches Bild und welcher Buchstabe ins Zentralarchiv der Zeichen aufgenommen wird, entscheidet das Unicode-Konsortium, eine 1991 gegründete gemeinnützige Organisation mit Sitz im Silicon Valley. Stimmberechtigt ist jeder, der die Jahresgebühr zwischen 5000 und 21 000 Dollar zahlt. Derzeit sind das 17 Mitglieder, darunter erwartbare Kandidaten wie Apple, Google und Facebook, aber auch die Regierungen von Indien und Bangladesch sowie das Ministerium für religiöse Angelegenheiten des Sultanats von Oman, dessen Augenmerk der größtmöglichen Kompatibilität arabischer Schriftarten gilt.

Vorschläge nimmt das Konsortium von jedem an. Ausschlaggebend ist weniger die Relevanz der dargestellten Sache als die erwartete Häufigkeit seiner Anwendung. So hat die Nato-Flagge jüngst gegen eine Waffel verloren, die im Gegensatz zum Militärbündnis-Symbol bald verschickt werden kann. Das Gremium schätzte die Momente, in denen Nutzer in ihrer Alltagskommunikation auf das Hoheitszeichen der Nato zurückgreifen wollen, als zu selten ein.

Kapitel 3: Im falschen Film. Wer daran verdient

Aufgrund seiner Gemeinnützigkeit schlägt auch das Unicode-Konsortium keinen Profit aus seiner Arbeit. Auch die Rechte-Inhaber der einzelnen Symbole, also die Firmen, die für ihre Schriftarten die Bildchen selbst entworfen haben, verzichten auf Lizenzgebühren. Das Gesicht mit den Herzaugen, das vom Android-Telefon lacht, ist Teil der Schriftart Noto Color Emoji und darf frei verwendet werden. Sogar für kommerzielle Zwecke.

Wer sein Wunsch-Icon beim Unicode-Konsortium nicht genehmigt bekommt, muss sich an die einzelnen Plattformen wenden – und das kann teuer werden. So haben etwa Budweiser und Pepsi während des Super-Bowl 2018 mit eigenen Piktogrammen auf Twitter um die kurzlebige Aufmerksamkeit der Gemeinde gebuhlt. Diesen kleinen Spaß gab es für Kunden, die Werbung für mehr als eine Million Dollar geschaltet haben.

Noch mehr Geld brachte der Animationsfilm „The Emoji Movie“. Ein Film, der so schlecht ist, dass er gleich vier Goldene Himbeeren gewann: schlechtester Film, schlechtestes Leinwandpaar, schlechteste Regie und schlechtestes Drehbuch. Trotzdem spielte dieser ausgezeichnet misslungene Film weltweit fast 200 Millionen Euro ein.

Es lässt sich also doch Geld mit Emojis verdienen. Die Smiley-Enzyklopädie Emojipedia verzeichnet zurzeit 26 Millionen Besucher im Monat und entsprechende Werbeeinnahmen. Wem das nicht genügt, dem hilft Keith Broni aus Irland, der als erster Emoji-Übersetzer der Welt seinen Kunden erklärt, dass etwa der Daumen nach oben hierzulande als Zustimmung gelesen wird, im Mittleren Osten aber eine schwere Beleidigung ist.

Kapitel 4: Eine Aubergine ist eine Aubergine. Die Folgen für die Sprache

Wie schon der Camcorder von Shigetaka Kurita werden auch die Unicode-Emojis nicht immer so verwendet wie erhofft. So wird der Pfirsich 🍑 von nur sieben Prozent der Nutzer in seiner Funktion als Steinobst verwendet, der überwiegende Gebrauch findet off-label statt. Auch die Aubergine 🍆 ist in den Augen vieler Nutzer aufgrund ihrer Form eher ein menschliches Nachtschattengewächs als ein botanisches.

Doch diese Zweckentfremdungen gehen den Emojis am Pfirsich vorbei. Ihre Verwendung hat sich seit der Einführung in den Unicode vervielfacht. Allein auf Facebook werden täglich mehr als 700 Millionen Emojis eingesetzt. Notorische Kritiker sind hier schnell mit dem Vorwurf des Verfalls sprachlicher Sitten und der generellen Schlampigkeit der Jugend zur Stelle. Professor Michael Beißwenger vom Germanistischen Institut der Universität Duisburg-Essen sieht das anders: „Wenn diese neuen Zeichen uns nichts brächten, würden wir sie nicht anwenden.“

Für Beißwenger, der seit den späten Neunzigerjahren die Internetkommunikation erforscht, liegt die Stärke der Emojis im Zwischenmenschlichen: als Mittel zur Beziehungspflege. Wer einen anderen um einen Gefallen bittet oder kritisiert, tritt ihnen nahe. Üblicherweise wird dieser Effekt durch ein Lächeln oder ein Bitten im Konjunktiv abgemildert. In der schriftlichen Onlinekommunikation treten Emojis als zusätzliche Weichzeichner hinzu: „Sie erfüllen wichtige Aufgaben, um unser Handeln in der Interaktion sozialverträglich zu gestalten“, sagt Beißwenger.

Eine weitere Form der Beziehungspflege ist die Ausschmückung. Wer nur ein kahles „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“ verschickt, von dem erwartet man auch im Analogen kaum mehr als ein Paar Socken oder einen Mediamarkt-Gutschein. Wer seinen Gruß hingegen barock mit Girlanden und Sektflaschen garniert, der hat dem Jubilar garantiert nicht weniger als einen Romanzyklus gewidmet oder den Papst für ein Ständchen organisiert. Kurz: Wer seine Nachricht individuell schmückt, wird als aufmerksamerer Gesprächspartner wahrgenommen.

Auch kann das Emoji illustrierenden Charakter haben: „Liebe Grüße, hier scheint die Sonne 🌞“. Was auf den ersten Blick wie eine unnötige Dopplung wirkt, hat laut Beißwenger eine tiefere Bedeutung. Zum einen erregt das Bild die Aufmerksamkeit des Betrachters, da es vor dem Text erkannt wird. Zum anderen zeigt es an, dass es sich um eine Nähe-Kommunikation handelt, ein informelles Gespräch auf Augenhöhe. Klassische Beziehungspflege.

Von einem Verfall der Sprache kann keine Rede sein, beachtet man, wie viel Mühe das Auswählen entsprechender Emojis kostet. Das Emoticon konnte noch mit wenig Aufwand aus der Tastatur gewrungen werden, einen kotzenden Smiley muss man hingegen mühsam aus den Tiefen des Menüs klauben.

Auch ist die Sorge, dass sich die Emojis wie Pacman durch unseren Wortschatz fressen und unsere Kommunikation allmählich auf Bildzeichen reduzieren könnten, unbegründet. Gerade das Mammutprojekt „Emoji Dick“ zeigt das anschaulich. Mithilfe einiger Tausend Helfer hat der Programmierer Fred Benenson den kompletten „Moby Dick“ von Herman Melville in Emojis übersetzt. Wer die farbige Hardcover-Ausgabe des Werks für knapp 168 Euro kauft, hat großen Spaß mit der Übersetzung. Allerdings nur, weil das Original zum Vergleich daruntersteht. Ohne „Call me Ishmael“ wäre „📞👨🚣🐳👌“ wohl kaum zu verstehen. „Es gibt keine Grammatik, und auch eine Syntax haben wir noch nicht feststellen können“, sagt Beißwenger. „Emojis sind kein Ersatz, sondern eine willkommene Ergänzung.“

Oder um es mit dem „Wort des Jahres 2015“ der Oxford Dictionaries, dem Unicode U+1F602, zu sagen: 😂 ---