Der Affären-Coach

Für fast jede Lebenslage gab es schon einen passenden Helfer – nur für eine nicht. Bis Roland Demian kam.





• „Hallo, meine Liebe“, sagt Roland Demian wie immer zur Begrüßung. Es ist die 20. Episode von „Hilfe, Affäre“, einem Podcast für Frauen, „die als Geliebte in einer unglücklichen Affäre feststecken“. Sie heißt: „Nie mehr Nummer 2 – dein Weg ins Liebesglück“. „Ich freue mich, dass du da bist“, sagt der Mann mit der tiefen Stimme, „lass uns gleich beginnen.“

Roland Demian hat sich beruflich auf Frauen spezialisiert.

Es gibt in Deutschland mehr als 35 000 Coaches: neben den bekannten Führungskräfte-Coaches auch Glücks-Coaches, Dankbarkeits-Coaches, Friedens-Coaches, Selbstliebe-Coaches oder Liebeskummer-Coaches. Hier noch eine Marktlücke zu finden ist eine Leistung. Demian hat es geschafft: Seit dem vergangenen Sommer berät er unglückliche Frauen. Entweder weil sie sich immer in Männer verlieben, die sich nicht in sie verlieben, oder weil sich herausstellt, dass die Männer eigentlich schon vergeben sind. Seine Dienstleistung sei hierzulande bislang einmalig, sagt er.

Demian ist als Affären-Coach zwar noch am Anfang, hat sich aber – wohl auch wegen des ungewöhnlichen Jobtitels – schon einen gewissen Namen gemacht. »Bild«, »Focus«, »Instyle« und »Freundin« haben online über ihn berichtet. In seinem früheren Leben war er Ingenieur bei Audi.

Warum beschäftigt er sich nun beruflich lieber mit Frauen?

Ein Treffen in Berlin. Im Dezember ist der 44-Jährige von München hergezogen, gerade lebt er zur Zwischenmiete in einer Wohnung in Charlottenburg, die auch sein Arbeitsplatz ist. Er berät seine Kundinnen telefonisch oder per Skype. „Das wäre ja etwas seltsam, wenn ich die Frauen zu mir nach Hause einladen würde“, sagt Demian und führt ins Wohnzimmer. Er hat dunkles, akkurat frisiertes Haar und ein charmantes Lächeln, er könnte auch in der Fernsehserie „Der Bachelor“ mitspielen. Auf dem Tisch flackert eine große Duftkerze, Aroma: Zedernholz-Zitrone.

Wenn man seinen Lebensweg wie Fotos in einem Album von vorn nach hinten durchblättert, sind die ersten Seiten unspektakulär. Mit sieben kommt er mit seiner Familie von Rumänien nach Deutschland, wächst in Ingolstadt auf, spielt gern Handball, studiert Wirtschaftsingenieurwesen und fängt bei Audi an. Demian sagt: „Von außen betrachtet, hatte ich ein Leben, das vielen Menschen erstrebenswert erscheint.“ Er habe immer getan, was alle von ihm erwarteten. Obwohl ihm schon früh klar war, dass das eigentlich nicht so sein Ding ist, das Studium, der Beruf, der Arbeitgeber. „Ich wusste aber nicht, was ich sonst hätte tun können, man ist ja immer gefangen in den Grenzen seines Denkens.“

Roland Demian war unzufrieden, und das, so seine Theorie, führte dazu, dass er zeitweise seine Freundinnen betrog. Darauf sei er nun wirklich nicht stolz, sagt er. Andererseits hilft ihm dieser Erfahrungsschatz im neuen Job.

Dann erzählt er die Anekdote von dem entscheidenden Tag in seinem Leben. Er veranstaltete eine Party in seiner Wohnung, ein paar gute Freundinnen kamen schon früher und tranken in der Küche Prosecco, während er noch mal kurz runter zum Auto musste. „Als ich wiederkam, standen sie da alle mit Tränen in den Augen.“ Sie hatten über Männer geredet. Über Ex-Freunde, warum die fremdgingen und warum Männer generell oft so scheiße seien. „Da hat es bei mir klick gemacht. Weil ich wusste, nicht nur die Männer sind das Problem, es hat auch was mit ihnen zu tun.“

Er war auch mal Nummer 2

Nach diesem Erlebnis beschloss Demian, sich umzuorientieren. Er machte ein Coaching, um herauszufinden, wie das genau aussehen könnte, mit dem Ergebnis, dass er ebenfalls Coach werden wollte.

Im Jahr 2015 begann er nebenberuflich mit „Beziehungsfitness“, so nannte er sein Angebot, das Frauen helfen sollte, ihren Wunschpartner zu finden. Auch dafür produzierte er Podcasts für seinen Youtube-Kanal mit Titeln wie „Wie du einen Player dazu bringst, dich zu wollen“. Vor einem Dreivierteljahr machte er sich dann selbstständig und spezialisierte sich auf Affären. Damit kannte er sich aus. Und seit er selbst der Geliebte einer vergebenen Frau gewesen war, wusste er: „Wenn man die Person, die man sich wünscht, nicht haben kann, ist es wirklich schmerzhaft. Es ist schön, sie zu sehen, aber du weißt, sie tut dir nicht gut. Du wirst verrückt dabei.“

Wegen dieser Erfahrung könne er sich gut in seine Klientinnen hineinversetzen, sagt Roland Demian, und Empathie brauche man nun mal als Affären-Coach.

Statistisch gesehen, gibt es für ihn viel zu tun. Laut verschiedenen Umfragen gehen ungefähr 40 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen in Deutschland fremd. Und das Problem dabei ist ja oft, vom schlechten Gewissen einmal abgesehen: Was als erotisches Abenteuer beginnt, endet oft in Verzweiflung. „Du bist für ihn der Lückenfüller, während es für dich der Kampf um die große Liebe war“, so fasst Demian das in Episode 19 von „Hilfe, Affäre“ zusammen.

In Folge 20 seines Podcasts („Nie mehr Nummer 2 – dein Weg ins Liebesglück“) erklärt Demian, dass es natürlich leichter gesagt als getan sei, einen Mann zu verlassen, in den man verliebt ist. Er empfiehlt, auf die Kraft der Vorstellung zu setzen, sich einfach eine schönere Zukunft auszumalen. „Ein Beispiel wäre, wie du mit einem Mann Händchen haltend am Strand entlangläufst oder wie er dir in die Augen sieht und dir sagt, dass er dich liebt.“ So soll man lernen, die eigenen Emotionen zu steuern.

Vielleicht würden aufmunternde Worte von Freunden genauso gut helfen, aber manchmal fehlen die eben.

Demian sagt, er habe bereits 20 Frauen als Affärenexperte beraten. Und hat sofort eine parat, die er als Gesprächspartnerin vermittelt. Die Frau, die verständlicherweise anonym bleiben möchte, ist 37 Jahre alt und leitet eine Firma in der Baubranche. Am Telefon erzählt sie, dass sie nach einer langen Beziehung von 18 bis 25 nur noch Pech mit den Männern hatte. Sie wurde betrogen, belogen, hatte drei Jahre eine Affäre, am Ende war sie einfach nur verzweifelt.

„Mir ist erst durch die Gespräche mit Roland klar geworden, dass ich die Schuld immer bei mir gesucht habe. Dass ich beruflich erfolgreich war, mich in einer Beziehung aber immer kleingemacht habe.“ Deshalb habe sie wohl immer jene Typen angezogen, die wussten, die lässt sich alles gefallen. Demian übte mit ihr, ihr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu steigern. „Ich konnte ihn auch anrufen, wenn ich unsicher war, wie ich mich in einer bestimmten Situation verhalten soll.“

Volle zwei Jahre ließ sie sich von ihm coachen, viele Affären sind kürzer. Wie viel sie gezahlt hat, will die Frau nicht sagen, aber ihr habe das sehr geholfen. Sie trennte sich von ihrem Freund und ist nun glücklich mit einem neuen. „Ohne das Coaching hätte ich das nicht geschafft.“

Roland Demian sagt, es sei von Vorteil, auch mal mit einem Mann über Männer zu reden, nicht immer nur mit der besten Freundin. Damit kann er punkten: Er ist ein Mann.

Noch kann er von seinen Einkünften als Affären-Coach nicht leben, aber das will er ändern. Das Erstgespräch mit ihm ist kostenlos, danach kann man Pakete buchen. Wie viel die Stunden jeweils genau kosten werden, überlegt er sich gerade noch. Über die sozialen Medien versucht er, noch stärker für seine Dienstleistung zu werben. Gar nicht so einfach, sagt er: „Meine Klientinnen können mich schlecht weiterempfehlen, weil niemand in der Öffentlichkeit über seine Affäre reden will. Außerdem wissen viele Leute gar nicht, dass es mich gibt.“

Möglicherweise erweitere er das Angebot bald auch auf Männer, sagt er. „Der Gedanke kommt mir immer häufiger, und ich hatte schon Anfragen von Männern.“

Auf die Frage, ob er selbst gerade in einer glücklichen Beziehung sei, sagt Roland Demian nur, auch bei ihm sei nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. ---