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Wir vermissen euch nicht

Elf digitale Errungenschaften, die aus gutem Grund in Vergessenheit geraten sind. 




Der <blink>-Tag

Zu Beginn des World Wide Web, als die Bilder noch über Kupferkabel ruckelten, wollten die Hobbydesigner trotzdem, dass ihre Homesites was hermachten. Also ließen sie Texte blinken. Die Entwickler des Netscape Navigators begannen irgendwann, den HTML-Code für diese Raffinesse zu akzeptieren. Blinkender Text war zwar fast unlesbar. Und der Befehl schaffte es auch nie zum offiziellen Standard. Aber er hielt sich hartnäckig. Ideengeber Lou Montulli räumte später ein: „Der blink-Tag war das Schlechteste, was ich je für das Internet getan habe.“

Das Tamagotchi

Der quietschbunte Plastikanhänger kam 1996 auf die Welt. Er war wie ein digitales Haustier, wollte ständig Aufmerksamkeit. Vergaß man, das Wesen am Schlüsselbund durch Tastendrücken zu verwöhnen, verstarb es nach einem halben Tag. Das führte vor allem im Schulunterricht zu Dramen. Die Erfinder Aki Maita und Akihiro Yokoi erhielten im Jahr 1997 den Ig-Nobelpreis für Wirtschaft für die nutzloseste Erfindung. Seit Langem hat man vom Tamagotchi nichts gehört – den Nachfolgemodellen blieb der große Erfolg zum Glück verwehrt.

Die Juicero

Saft pressen konnten schon die Beerensammler der Frühzeit. Das hinderte das Start-up Juicero nicht daran, eine digitale Saftpresse auf den Markt zu bringen, die mit dem WLan verbunden ist. Der Nutzen: rätselhaft. Für die Presse mit einer Art Kapselsystem für geschnittenes Obst in speziellen Quetschbeuteln erhielt der Saftladen seit 2013 etwa 120 Millionen US-Dollar Risikokapital. Nachdem fast niemand die Quetsche für rund 700 US-Dollar haben wollte, wurde sie verbilligt. Findige Youtuber zeigten dann, dass man die wertvollen Obstbeutel ebenso gut per Hand ausquetschen konnte. Das Aus für Juicero kam 2017.

Der Handscanner

Die Mona Lisa war pixelig und verwackelt, aber Vater war Ende der Achtzigerjahre stolz, eine schlechte Kopie des berühmtesten aller Gemälde mit dem Handscanner als noch schlechtere Kopie in den Computer gebracht zu haben. Sie war schwarz-weiß, aber lächelte dank GeniScan GS4500 für nur 539 D-Mark. Handscanner waren nervenaufreibend. Beim Akt des Scannens musste ein Knopf gedrückt werden. Jede Unregelmäßigkeit in der Handbewegung führte zu verzerrten Bildern. Ein aufgeregt blinkendes LED zeigte das an. Es ist, wenig bedauerlich, für immer erloschen.

Clippy in MS-Office

Die Büroklammer hatte eigentlich einen ganz guten Ruf. Dann kam Clippy, die auf Deutsch Karl Klammer hieß. Eine animierte Büroklammer, die bei der Nutzung von Microsoft Office 97 Ratschläge erteilte, wenn man eigentlich nur einen Text schreiben wollte. Sie zerstörte das solide Image der Büroklammer im Handumdrehen. Sobald man zum Beispiel mit einer Grußformel ansetzte, einen Brief zu schreiben, schaltete sich Clippy mit der Frage ein, ob man Hilfe brauche. Was als intelligenter Assistent gedacht war, wurde zum größten Ärgernis jedes Word-Nutzers. Vier Jahre nach ihrer Geburt entließ Microsoft die Büroklammer in den Ruhestand. Der Schock war groß, als Clippy am 1. 4. 2014 plötzlich wieder da war – glücklicherweise nur für einen Tag: als Aprilscherz von Microsoft.

Der Segway PT

Der Segway PT war 2001 eines der ersten digital gesteuerten, elektrischen Gefährte. Der Fahrer steht zwischen den beiden Rädern und klammert sich an die Lenkstange. Der Segway sollte die Art revolutionieren, wie wir uns durch Städte bewegen. Doch er veränderte vor allem Stadtführungen für abenteuerlustige Rentnergruppen. Nüchtern betrachtet kein Wunder, war er doch die Weiterentwicklung eines Elektrorollstuhls. Für andere Zwecke konnte sich das Gefährt mit einer Maximalgeschwindigkeit von 20 km/h, auf dem Fahrer stets eine Haltung einnehmen, als hätten sie es schlimm im Rücken, nie durchsetzen (die Nische der Sicherheitsleute an Flughäfen einmal ausgenommen). Das lag auch am Preis von 8000 US-Dollar. Als Jim Heselden, der Boss des Herstellers, 2010 auf seinem Produkt in den Tod stürzte, schien dessen Schicksal besiegelt. Inzwischen aber baut ein chinesisches Unternehmen wieder Segways – mit unbekanntem Erfolg.

Die Diskette

Die wabbelige Scheibe, wie die Diskette im Englischen (Floppy Disk) treffend heißt, war der erste weitverbreitete digitale Datenträger. Im Innern rotierte eine magnetische Scheibe, die von einem Laufwerkskopf ausgelesen und beschrieben werden konnte. Im Jahr 1971, als IBM sie auf den Markt brachte, war sie im Durchmesser noch 8 Zoll groß, sie schrumpfte dann auf 5,25 Zoll und später auf 3,5 Zoll. Doch die dünne Magnetfolie war vor allem: billig. Knickstellen, Wärme, Sonne und Magnetismus machten den Daten zu schaffen. Der stabile USB-Stick hat die Diskette längst verdrängt, was erfreulich ist, aber nicht verhindern kann, dass auch er bald dem Fortschritt in Form von Cloud-Speichern zum Opfer fallen wird.

Google Glass

2012 kam der Suchmaschinenkonzern Google auf die Idee, eine Datenbrille auf den Markt zu bringen. Der Minicomputer für den rechten Brillenbügel half beim Navigieren, Suchen und war sogar unter der Dusche funktionsfähig, wie ein Blogger euphorisch demonstrierte. Als Killerfeature waren Fotos gedacht, die mit der Brille per Augenzwinkern geschossen werden konnten. Die ersten Träger wurden umgehend mit dem Schimpfwort Glasshole belegt, weil sie in jeder Situation unbemerkt Fotos teilen konnten und so die Privatsphäre bedrohten. Nachdem kaum vernünftige Anwender die Brille haben wollten, stellte Google den Verkauf 2015 ein. Jetzt konzentriert sich das Unternehmen angeblich auf eine Enterprise-Version für Firmen, die Mitarbeiter mithilfe von Brillen zu smarten Wesen machen wollen.

Die Telefonkarte

Die Telefonkarte war die erste Idee zum bargeldlosen Bezahlen, die breite Akzeptanz fand. Sie schien für eine kurze Phase bequemes Telefonieren überall zu ermöglichen, verhieß fast unbegrenzte Gespräche ohne Kleingeldvorrat. Eingeführt wurde sie 1986. Die Bundespost gab Karten zu zwölf D-Mark und 50 D-Mark heraus. Im Herbst 1998 wurde vermeldet, dass die 500-millionste Telefonkarte verkauft worden sei. Recht kurz danach endete die nur zwölfjährige Blüte; das Mobiltelefon verbreitete sich und machte die Karten überflüssig. Es passierte, was Technik sonst nie passiert: Der Vorläufer wurde reaktiviert, die letzten Telefonzellen wieder mit Münzfernsprechern ausgestattet.

Der Microsoft Flight Simulator

Mit dem Personal Computer konnte man sich den Traum erfüllen, einmal selbst eine Boeing zu fliegen. Der Microsoft Flight Simulator fand sich lange quasi auf jedem Heimcomputer, denn er wurde frei Haus mitgeliefert. Im Jahr 1981 zeigte Microsoft mit dem Flugsimulator die entscheidende Überlegenheit seiner 16-bit-Computer gegenüber dem 8-bit-Modell von Apple. In seiner Hochzeit konnte man um den ganzen Erdball fliegen und auf mehr als 20 000 Flughäfen landen. Die Lust von Hobbypiloten, mit Flugzeugen unbedarft waghalsige Manöver über großen Städten zu fliegen und irgendwann abzustürzen, nahm mit den Anschlägen vom 11. September 2001 rapide ab. 2009 wurde die Entwicklung des Flugsimulators ganz eingestellt und das Entwicklungsstudio geschlossen.

Der Nadeldrucker

Der erste kommerzielle Nadeldrucker hieß OKI Wiredot und kam 1968 auf den Markt. Nadeldrucker waren billig und zuverlässig. Beim Druckvorgang schlugen einzelne Nadeln aufs Papier und erzeugten ein Rattern. Anfangs war der Druck von Buchstaben mit Unterlängen schwierig, weil der Druckkopf mit damals acht Nadeln zu klein war. Auch die Null ließ sich nur durch einen Querstrich vom „O“ unterscheiden. Die Druckqualität hing wie bei der Schreibmaschine vom Farbband ab und war oft miserabel. Damit passten die blassen Ausdrucke zum fleckigen, dünnen Endlospapier mit den eingerissenen Ecken. Tintenstrahl- und Laserdrucker sorgten dafür, dass die Nadeldrucker Ende der Neunzigerjahre weitgehend verschwanden und seitdem nicht vermisst werden. ---

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Digitalisierung.

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