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Was wäre, wenn …

… in Deutschland einen Monat lang der Strom ausfiele?

Ein Szenario.





• Ein Sonnensturm, dessen Eruptionen Transformatoren auf der Erde zerstören, wie 1989 im kanadischen Quebec geschehen. Ein Computerwurm wie Stuxnet, der in der Lage ist, die Steuerungstechnik von Kraftwerken lahmzulegen. Ein Hackerangriff auf vernetzte smarte Stromzähler. Szenarien, die zu einem großflächigen, länger andauernden Stromausfall führen könnten, sind zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber denkbar. Was würde passieren, wenn in Deutschland einen Monat lang der Strom ausfiele?

Die ersten drastischen Folgen träten sofort ein: Menschen blieben in Liften eingeschlossen, U-Bahnen, Trams und die zumeist elektrisch betriebenen Fernzüge blieben stehen. Ampelanlagen fielen aus – zahlreiche Verkehrsunfälle, Staus und Chaos wären die Folge. „Klassische Analogtelefone, die nur in der Telefonbuchse stecken, würden eine kurze Zeit weiterhin funktionieren, aber die gibt es kaum noch“, sagt Maik Poetzsch, der für das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) die bislang größte Studie zu einem großräumigen Ausfall der Stromversorgung mitverfasst hat.

„Moderne Telefone, auch Funktelefone mit Basisstation, wären nicht mehr funktionsfähig.“ Mobiltelefone würden dank Akku noch so lange funktionieren, wie die Notstromversorgung der Sendemasten reicht, also noch ein paar Stunden. Doch vermutlich bräche vorher das Mobilfunknetz aufgrund von Überlastung zusammen, so Maik Poetzsch.

Die TAB-Studie stammt zwar aus dem Jahr 2011, die allermeisten Ergebnisse haben jedoch nach wie vor Gültigkeit. „In manchen Bereichen hat sich die Situation sogar eher verschlechtert“, sagt Poetzsch. „Das alte analoge Funknetz, mit dem Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienste im Katastrophenfall kommunizieren, hatte eine Batteriepufferung von acht Stunden, das neue Digitalsystem nur noch von zwei Stunden.“ Das Problem wurde inzwischen erkannt, und Bund, Länder und die zuständige Bundesanstalt haben eine sogenannte Netzhärtung beschlossen, die eine Funkversorgung der Einsatzkräfte von mindestens 72 Stunden gewährleisten soll.

„Das Internet selbst würde aufgrund seiner dezentralen Struktur weiterhin funktionieren“, sagt Poetzsch, „aber da die Router und Modems der Benutzer Strom benötigen und Smartphones die Mobilfunkmasten brauchen, würde es als Kommunikationsmittel ausfallen.“ Manche Zeitungsverlage und -druckereien verfügen über meist dieselbetriebene Notstromaggregate und könnten so in der Lage sein, eingeschränkte Notausgaben zu drucken. Der wichtigste Informationskanal für die Bevölkerung dürfte jedoch der öffentlich-rechtliche Hörfunk werden, der in Notstudios produzieren und über batteriebetriebene Geräte empfangen werden kann.

Höchst problematisch wäre hingegen die Versorgung mit Lebensmitteln: „Die meisten Haushalte haben je nach Einkaufsverhalten Vorräte für zwei bis fünf Tage“, sagt Maik Poetzsch. „Die Waren in den Supermärkten reichen unseren Berechnungen nach für zwei bis fünf zusätzliche Tage – auch weil von Hamsterkäufen auszugehen ist.“ Nach rund einer Woche wäre also mit Lebensmittelmangel zu rechnen.

Die „Bundesreserve Getreide“ und die „zivile Notfallreserve“, die in Form von Tausenden Tonnen Weizen, Reis und Erbsen in geheim gehaltenen Hallen lagern, sind allenfalls dafür gedacht, einen kurzfristigen Versorgungsengpass zu überbrücken, nicht für eine längere Versorgung der gesamten Bevölkerung. Auf Nachschub im Handel wäre kaum zu hoffen: Ohne Kühlung und Durchlüftung verderben Waren in den Zentrallagern binnen Tagen. In der Fleisch-, Milch- und Eierproduktion sterben Millionen von Tieren, wenn die Stalltechnik ausfällt, da sie von Hand längst nicht mehr versorgt werden können. Vorgeschrieben sind Notstromaggregate nur für lebenswichtige Dinge wie Futter und Wasser und auch dort nur für 24 Stunden.

Selbst wenn die Supermärkte sich wieder füllen würden – die Menschen könnten für die Waren schon bald nicht mehr bezahlen, da bargeldlose Systeme ebenso ausfallen wie Geldautomaten. „Die Bundesbank wird voraussichtlich keine kontinuierliche Bargeldversorgung gewährleisten können“, so Poetzsch. Die grundsätzliche finanzielle Infrastruktur scheint hingegen relativ robust zu sein: So sind laut TAB-Bericht „der Daten- und Zahlungsverkehr zwischen den Banken, den Clearingorganisationen und den Börsen, die Datenhaltung sowie weitere kritische Geschäftsprozesse über eine lange Zeit durch Notstromversorgung gewährleistet beziehungsweise können in ein nicht betroffenes Gebiet ausgelagert werden“.

Auch Flughäfen sind eher unempfindlich: „Dort gibt es Notstromgeneratoren und Tausende Tonnen Flugbenzin, um sie zu betreiben“, sagt Poetzsch. „Trotzdem wird die Flugsicherung die meisten Flüge sperren und den öffentlichen Betrieb einstellen. Hilfslieferungen von außen einfliegen zu lassen dürfte Priorität haben. Das Problem wäre eher, diese Mengen abzutransportieren.“ Denn Tankstellen, genauer gesagt ihre Treibstoffpumpen, funktionieren ohne Strom auch nicht. Treibstoff, den man durch mobile Generatoren aus den Tanks fördern würde, flösse sicherlich zunächst vordringlich in die Tanks von Rettungsfahrzeugen.

Immerhin müsste niemand verdursten: Zwar gäbe es aufgrund des Ausfalls von Förderung, Aufbereitung und Verteilung kein fließendes Wasser mehr in den Haushalten, es stünden jedoch mehr als 5200 Trinkwassernotbrunnen zur Verfügung. 120 Liter, die ein Bundesbürger derzeit pro Tag verbraucht, bekäme jedoch niemand. Man kalkuliert mit deutlich bescheideneren 15 Litern.

Und was ist mit den psychischen Folgen? Hier ist der Forschungsbericht erstaunlich optimistisch: „Natürlich gäbe es eine große Verunsicherung, weil im Grunde alles ausfällt, was unseren Alltag heute prägt und strukturiert“, so Maik Poetzsch. „Sicherlich würden manche rücksichtsloser und aggressiver. Aber Erfahrungen mit anderen Katastrophen zeigen, dass auch schnell Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Empathie und Zusammenhalt zutage träten.“ ---

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Digitalisierung.

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