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Thomas Lovejoy

Thomas Lovejoy erforscht seit Jahrzehnten das Abholzen des Regenwaldes am Amazonas. Der Ökologe hat dabei gelernt, dass Fakten nicht reichen, um die Mächtigen zu überzeugen.




• Es ist Nacht im Regenwald, es ist heiß und laut. Blätter rascheln, Unterholz knarzt, Insekten zirpen, aus der Ferne ertönen die Schreie der Brüllaffen. Die vollkommene Dunkelheit sensibilisiert die Sinne. Die dichten Baumkronen lassen kein Stück Himmel durchschimmern.

Thomas Lovejoy tastet mit den Füßen die Wurzeln auf dem Boden ab. Der 77-Jährige mit dem ungewöhnlichen Nachnamen ist einer der renommiertesten Ökologen weltweit, die Yale-Schule für Forstwirtschaft und Umweltwissenschaften nannte ihn einst den „Godfather of Biodiversity“. Es heißt, er habe sogar diesen für die Vielfalt von Arten und Ökosystemen stehenden Begriff geprägt. Er erforscht im Regenwald des Amazonasbeckens im Norden Brasiliens, was in welchem Maße diese für das menschliche Wohlergehen so wichtige Vielfalt bedroht. Es ist sein Lebenswerk.

Lovejoy ist ein einflussreicher Mann. Die US-Präsidenten Reagan, Clinton, Bush und Obama haben sich von ihm beraten lassen. Schauspieler, Sänger, Politiker und Konzernmanager sind seiner Einladung gefolgt und haben mit ihm ein paar Tage im Regenwald verbracht. Diesmal hat er eine neunköpfige Gruppe zu Gast, darunter zwei Professoren, der ehemalige Coca-Cola-Landeschef für Brasilien, ein New Yorker Verleger, eine befreundete Familie und sein Neffe.

„Wir sehen nichts“, sagt Lovejoy, „aber alle sehen uns.“ Mit alle meint er die unzähligen Tiere, die diesen Wald bevölkern. Ganz allmählich beginnen die Augen sich an die Umgebung zu gewöhnen. Erst nehmen sie Schemen wahr, graue Flächen im unendlichen Schwarz, dann plötzlich leuchtet am Boden etwas auf, weiß-gelblich, es sind Fäden, die sich verästeln, wie ein Netz breiten sie sich aus. Farne und Sträucher beginnen zu glimmen, ebenso die mächtigen Mahagonibäume. Lichterketten mitten im Nichts. „Biolumineszente Pilze“, sagt Lovejoy, „das natürliche Licht des Regenwaldes.“

„Unglaublich“, murmelt einer der Professoren. „Es ist, als würden wir vom Wald willkommen geheißen.“ Lovejoy lächelt. Die Regenwald-Expedition hat ihren Zweck erfüllt.

In seinem Safari-Anzug, mit dem um den Hals hängenden Fernglas und der roten Hüfttasche wirkt er wie das Klischee eines nerdigen Vogelkundlers. Seit 40 Jahren kommt er hierher. Damals sicherte er sich gut ein Dutzend Waldstücke zu Forschungszwecken. Er wollte wissen, wie sich die Fragmentierung des natürlichen Lebensraumes auswirkt. Wie groß, so seine Leitfrage, muss ein Waldrefugium mindestens sein, damit die Artenvielfalt erhalten bleibt?

Die experimentelle Ökologie krankt oft daran, dass ihre vergleichsweise simplen Modelle das reale Ökosystem kaum abbilden können. Lovejoy suchte nach einer Möglichkeit, der Komplexität des Regenwaldes gerecht zu werden. Also machte er den Urwald selbst zu seinem Laboratorium, er ließ seine Waldstücke in Quadrate verschiedener Größen schneiden: Das kleinste misst einen Hektar, das größte eintausend. Er untersuchte, wie sich Flora und Fauna darin über die Jahrzehnte entwickelten. Dafür zählte er Tiere und Pflanzen, die sich auf den Waldinseln befanden. Gemeinsam mit diversen Helfern spannte er feine Netze in den Baumkronen, um Vögel und Fledermäuse mit Keschern einzufangen, sie zu beringen und mit einem Zahlencode auszustatten, bevor er sie wieder freiließ. Er nummerierte Bäume, notierte deren Umfang und Zustand. Jedes Jahr wiederholte er diesen Prozess und dokumentierte die Veränderung.

In den Siebzigerjahren debattierten Forscher darüber, ob man besser einen großen Lebensraum oder viele kleine erhalten sollte, um die biologische Vielfalt nicht zu gefährden. Thomas Lovejoy wollte den definitiven Beweis erbringen, die Frage endgültig beantworten. Das 1979 gestartete Experiment mit den Quadraten, die zusammen mehr als 1000 Quadratkilometer amazonischen Regenwald umfassen, ist inzwischen die am längsten laufende Untersuchung zur Fragmentierung von Lebensräumen überhaupt.

24 Jahre nach Projektbeginn veröffentlichte Lovejoy eine Studie, die darlegte, wie durch Abholzung oder Durchschneiden der Lebensräume mit Straßen und Siedlungen nicht nur einzelne Arten aussterben, sondern ein Domino-Effekt eintritt. Stirbt eine einzige Ameisenart, sterben mit ihr Vogelarten, die von den Ameisen aufgescheuchte Würmer fressen. Die Population dieser Würmer steigt. Die Pilze, von denen sie sich ernähren, werden knapp. Insekten, die in den Pilzen nisten, finden keinen Platz mehr, Kröten, die diese Insekten fressen, keine Nahrung. Und so weiter. Lovejoy bewies nicht nur, dass die Artenvielfalt mit der Fläche der Quadrate abnahm, sondern dass dies exponentiell geschah.

Das Projekt läuft bis heute, brachte über die Jahre immer neue Erkenntnisse hervor. Hunderte Forscher waren daran beteiligt. Sie entdeckten neue Spezies, die sie teilweise nach dem Vater des Projekts benannten: Polycyrtus lovejoyi, Euryhaliotrema lovejoyi, Picumnus squamulatus lovejoyi.

Thomas Lovejoy aber verlegte nach zehn Jahren im Regenwald den Schwerpunkt seiner Arbeit. Um den Wald zu retten, so seine Erkenntnis, braucht es mehr als Forschung. Es braucht prominente Botschafter. Er begann, einflussreiche Leute herzubringen, Tom Cruise etwa oder Olivia Newton-John. Er wollte, dass sie den Regenwald hautnah erleben, wohl wissend, dass das magische Aufleuchten der biolumineszenten Pilze und viele andere Naturphänomene bei den Besuchern einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Jeder, der hier war, sagt später, es habe sein Leben verändert“, flüstert Lovejoy bei der Nachtwanderung im Juli 2018 seinen neun Gästen zu.


Thomas Lovejoy und seine Gäste beim Abendessen im Lager des Forschungs-Camps, das sich im Regenwald des Amazonasbeckens befindet

Die weltweit größte Artenvielfalt

Eine Woche zuvor saß Lovejoy auf dem Rücksitz eines Toyota Hilux. Auf fünf Pick-ups verteilt: seine neun Gäste. Der Weg in den Regenwald ist beschwerlich. Das Camp 41, wie das Basislager des Projekts heißt, befindet sich 80 Kilometer nördlich von Manaus, der größten Stadt im Amazonasbecken. Bei dem miserablen Zustand der Straßen bedeutet das: eine Tagesreise. Die Straße schlängelt sich entlang des Rio Negro, dem größten Zufluss des Amazonas, der im Juli, kurz nach Ende der Regenzeit, rund 15 Meter über Durchschnittsniveau liegt. Von der Straße aus sieht man Boote durch Baumkronen navigieren, geflutete Wälder und Inseln. Immer wieder tauchen rosafarbene Flussdelfine auf.

Das Amazonasbecken beherbergt die größte Artenvielfalt der Welt, rund ein Viertel aller Flora- und Fauna-Spezies. Ein Fünftel allen Süßwassers der Erde fließt hier. Entlang des Amazonas, dem größten, breitesten und längsten Fluss der Welt, zieht sich dichter Wald. 50 Prozent des gesamten Regenwaldes der Erde.

Wald und Fluss gemeinsam produzieren ihr eigenes Klima, das wiederum das Weltklima beeinflusst. Im Regenwald entstehen rund 20 Prozent des weltweiten Sauerstoffs. Der Wald nimmt 80 Milliarden Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid auf und spreichert den darin enthaltenen Kohlenstoff in seinen Pflanzen und im Boden – so viel, wie binnen zehn Jahren auf der ganzen Erde freigesetzt wird.

Der Regenwald senkt also den Ausstoß von Treibhausgasen. Zudem produziert er Dunstwolken, die als „fliegender Fluss“ bezeichnet werden und die Erdoberfläche vor weiterer Erwärmung schützen. „Jedes Problem des Regenwaldes“, sagt Lovejoy, „ist gleichzeitig ein globales.“

Auf der Fahrt müssen die Pick-ups immer mal wieder an-halten, weil umgefallene Bäume die Straße versperren. Während die Fahrer mit Macheten den Weg wieder freimachen, winkt Lovejoy die Gruppe zu sich. In der direkten Sonne ist es unerträglich, 40 Grad Celsius bei 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Dazu blendet das gleißende Sonnenlicht, das vom Lehmboden reflektiert wird. Lovejoy zieht ein mannshohes Farnblatt aus dem Unterholz, hält es wie einen gigantischen Fächer vor sich. „Der Regenwald ist für Menschen ein sicherer Ort“, sagt er, „meistens.“ Er wendet das Farnblatt, auf der anderen Seite klebt ein brauner Klumpen. „Ein Wespennest“, sagt Lovejoy, hält kurz inne und ergänzt: „Wischt niemals Blätter zur Seite, bei denen ihr nicht wisst, was auf der anderen Seite hängt.“

Eigentlich redet der Wissenschaftler nicht gern. Im Zwiegespräch antwortet er auf Fragen so knapp, als betrachte er jedes überflüssige Wort als Verschwendung von Ressourcen. Vor einer Gruppe hingegen wird er zum Erzähler. Er nutzt die Unterbrechungen der Fahrt für Vorträge über Schmarotzer oder Nutzpflanzen, die zu rund 80 Prozent ihren Ursprung in den Tropen haben: Zitrusfrüchte, Ananas, Feigen, Bananen, Mais, Kartoffeln, Reis, Pfeffer, Kakao, Zuckerrohr, Cashewnüsse, Kaffee, Zimt. Als die Fahrer wieder anhalten, weil einer der Pick-ups so tief in einer Lehmkuhle versunken ist, dass die Räder komplett bedeckt sind, springt Lovejoy aus dem Wagen, klopft an die Scheiben der anderen Autos und beginnt sogleich zu dozieren. „Es gibt eine Sache, auf die man vielleicht besonders achten sollte“, sagt er und malt mit seinem Fuß einen Kreis auf den Boden, in dem zwei große Ameisen, mit fetten Hinterkörpern und langen Zangen, herumlaufen. „Das sind Bullet Ants. Wenn sie beißen, fühlt es sich an, als wäre man angeschossen worden.“ Die Gäste blicken nach unten, zucken zurück. Auf dem Lehmboden wuseln rund 50 Ameisen zwischen ihren Füßen. Als sie wieder hochblicken, sehen sie, wie Lovejoy kichernd ins Auto steigt.

Der Urwald lässt ihn nicht mehr los

Thomas Lovejoy ist in Manhattan aufgewachsen. Weil seine alkoholkranke Mutter sich nicht um ihn kümmern konnte, verbrachte er den Großteil seiner Kindheit bei seiner Tante. Die schickte ihn als Jugendlichen auf die Millbrock School, ein Elite-Internat im Bundesstaat New York, das großen Wert auf Biologie legte und einen eigenen Lehrzoo besaß. Früh war Lovejoy von der Vielfalt der Tierwelt und der ebenso mächtigen wie verwundbaren Natur fasziniert. Nach der Schule studierte er an der Yale-Universität, wo er 1962 das Buch „Silent Spring“ der Biologin Rachel Carson las. Es gilt als Grundstein der Umweltbewegung der USA in den Sechzigerjahren. Carson beschreibt darin die Auswirkungen von Pestiziden und Herbiziden auf die Fauna Nordamerikas, das Aussterben verschiedener Vogelarten und Insekten.

Lovejoy war tief beeindruckt. Er studierte bei George Evelyn Hutchinson, der heute als „Vater der modernen Ökologie“ gilt. Der Professor bot ihm ein Sommerstipendium der Rockefeller-Stiftung für eine Forschungsreise nach Brasilien an. So kam Lovejoy 1965 das erste Mal nach Belém am Rande des Amazonasbeckens. Eigentlich waren Säugetiere und Afrika sein Thema. Doch nach dieser Reise ließ ihn der brasilianische Regenwald nicht mehr los.

Ende der Sechzigerjahre begann dort die massive Abholzung. Der brasilianische Staat durchzog den Dschungel mit Straßen. Siedler kamen aus anderen Regionen, betrieben Rinderzucht oder bewirtschafteten Plantagen. Entlang der Straßen begann der Regenwald rasant zu verkümmern. 1969 gab es im ganzen Amazonasbecken nur eine einzige Schutzfläche, den Nationalpark Canaima in Venezuela mit 10 000 Quadratkilometern. Alles andere war zur Abholzung freigegeben. Lovejoy spürte, die Erschließung des Beckens würde den Regenwald als Ganzes in Gefahr bringen. Er wollte wissen, wann der Punkt erreicht ist, an dem sich der Wald nicht mehr erholen kann, fand aber keine Forschung dazu. So kam er auf die Idee mit den Quadraten: Waldinseln, die ein in sich geschlossenes Biotop darstellen und an denen sich zeigen lässt, was passiert, wenn der Raubbau weitergeht.

Lovejoy fand zunächst niemanden, der sein Projekt finanzieren wollte. Er begann 1973 beim WWF zu arbeiten, als Leiter des damaligen Naturschutzprogramms. 1976 traf er auf einer Konferenz einen brasilianischen Forscher, der ihm erzählte, dass jeder Farmer laut Gesetz dazu verpflichtet sei, einen gewissen Prozentsatz seines Landes unberührt zu lassen. Das gelte auch für das Amazonasbecken. Lovejoy flog nach Manaus, klopfte beim Chef des staatlichen Forschungsinstitutes INPA an, bat um einen Fahrer und fuhr wochenlang von Farm zu Farm, um die Bauern davon zu überzeugen, ihm den unberührten Teil ihres Landes zur Verfügung zu stellen. Es funktionierte.

Zurück in Washington, brachte er seinen Vorgesetzten beim WWF dazu, eine Stelle für einen Master-Studenten zu finanzieren, der ihm bei der Projektentwicklung helfen sollte. Lovejoy warb bei weiteren Forschungsinstituten um Unterstützung. Die Smithsonian Institution und die National Geographic Society in Washington, die Weltbank und vor allem die brasilianische Entwicklungsbank leisteten schließlich Finanzhilfe, sodass 1979 die Zuschnittarbeiten im Regenwald beginnen konnten. Lovejoy beauftragte Forscherteams, die das ganze Jahr über im Urwald blieben, während er selbst zwischen Brasilien und Washington pendelte. Bis 1987 arbeitete er noch für den WWF. Dann übernahm er den Posten des Stellvertretenden Sekretärs der Smithsonian Institution und von 1999 bis 2002 den des Chefberaters für Biodiversität bei der Weltbank. Zudem war er über zwei Jahrzehnte Berater für Umweltschutz der US-Regierung, später auch noch Leitender Berater des Präsidenten der UN-Stiftung.

Unternehmen, die gesellschaftliche Verantwortung für sich entdeckten, legte er dar, wie sie sich für Umwelt und Artenvielfalt engagieren können, darunter der US-amerikanische Lebensmittelkonzern Mars und der Baumaschinenhersteller Caterpillar. Lovejoy wurde eine Art Umweltbotschafter mit Zugang zur Welt der Reichen und Mächtigen. Fotos der vergangenen 20 Jahre zeigen ihn mit Anzug und Fliege bei Grillpartys von Senatoren und Empfängen im Weißen Haus. Zwischendurch verschwand er immer wieder für Monate im Regenwald. Er lebte im Basislager, schlief in der Hängematte, zählte Tiere und Pflanzen. Über die Jahre wurden seine Quadrate zu den bestuntersuchten Flecken des brasilianischen Regenwaldes.


Gefährliche Ameisen passen in Lovejoys Erlebnis-Konzept

Hörbar: die Verkümmerung des Ökosystems

Lange stellte Lovejoy seine Förderer auf eine Geduldsprobe. Die drängten ihn, endlich mal Ergebnisse zu veröffentlichen, damit sie erklären konnten, wofür sie ihr Geld ausgaben. Doch viele, viele Jahre veröffentlichte er nichts. Der WWF stieg 1993 aus der Förderung aus – zehn Jahre bevor Lovejoy seine erste große Forschungsarbeit vorlegte. Sie wurde eine der wichtigsten der modernen Ökologie.

Vieles von dem, was er herausgefunden hat, kann er seinen Gästen vor Ort demonstrieren. Einmal, als die Fahrt zum Basislager erneut unterbrochen ist, geht er auf die Sträucher am Straßenrand zu, drückt dünne Äste zur Seite, duckt sich unter einem gefallenen Baumstamm durch. Dort erstreckt sich Wald, grün und braun, mit Farnen und Moosen, dicken und dünnen Stämmen und sehr vielen Lianen. „Viel zu viele Lianen“, sagt Lovejoy. Warum sich die Schlingpflanzen auf Kosten der Bäume so stark ausbreiten, ist unklar, die Schnellwüchser scheinen von den veränderten Verhältnissen zu profitieren. Das Waldstück hier sei Teil eines der quadratischen Fragmente, erklärt er, seit 1979 sei fast die Hälfte der Vögel abgewandert oder ausgestorben. „Der Unterschied zu intaktem Regenwald ist kaum zu sehen, aber man kann ihn hören.“

Tatsächlich wirkt dieser Bereich weniger wild, weniger lebendig. Es surrt und sirrt zwar, Bremsen, Moskitos, Fliegen und Schmetterlinge sind überall, aber man hört kein Röhren, kein Grunzen, kein Quaken. An den Rändern des Fragments, sagt Lovejoy, spüre man leicht, aber konstant den Wind. Eigentlich unmöglich im Regenwald, der von allen Seiten geschützt ist. Entlang der geschlagenen Brache aber wehe es, und die Bäume, die das nicht gewohnt seien, wüchsen nach innen, als würden sie dem Wind den Rücken zuwenden. „Das Fragment versucht, sich abzuschotten.“

Seine bei der National Academy of Science erschienene Veröffentlichung mit dem Titel „Rates of Species Loss From Amazonian Forest Fragments“ zeigte: Je kleiner das Fragment, desto mehr große Tiere sterben aus. Und: Je größer der Bewegungsradius einer Spezies, je komplexer ihre Nahrungskette, desto eher stirbt sie aus. Auch große, jahrhundertealte Bäume sind in den Fragmenten deutlich anfälliger als im intakten, großflächigen Regenwald. „Das Isolieren eines Ökosystems ist das Äquivalent zu Radioaktivität“, sagt Lovejoy: Es führt zu Zersetzung.

Jede Straße und jede Farm lasse die Bereiche ein wenig mehr verkümmern. Und: Es gebe einen Punkt, an dem das Ökosystem kippt. Unwiderruflich. „Im Fragment können wir herausfinden, wann dieser Punkt erreicht ist. Indem wir es immer stärker degradieren lassen“, sagt Lovejoy. Am Anfang sei er von einem Kipppunkt bei rund 40 Prozent Abholzung ausgegangen. Mittlerweile rechnen Tropenökologen damit, dass er schon bei 20 bis 25 Prozent erreicht wird. „Die Abholzungsquote im Regenwald liegt aktuell bei 18 Prozent“, sagt Lovejoy.


Einflussreiche Gäste bei einer Ruhepause im Camp 41, dem Basislager

Lovejoy bringt Forscher und Touristen zusammen

Als er seine Arbeit im Jahr 2003 veröffentlichte, wusste er, was kommen würde. 600 000 Dollar verschlang sein Projekt pro Jahr. Wozu sollte es jetzt noch dienen, wo er seine Forschungsfrage doch beantwortet hatte? Dennoch wollte er die Forschung auf unbestimmte Zeit fortsetzen – um zu sehen, wie sich der Regenwald weiter entwickelt. Das, fürchtete Lovejoy, würde als Argument nicht reichen. Für Geldgeber sind neue Projekte im Zweifel spannender als die Aufrechterhaltung eines alten. So kam er auf die Idee, wichtige Leute herzubringen.

Die Fahrt zum Camp 41 endet vor einer erdigen Platte. „Willkommen“, sagt Lovejoy. Er schultert einen kleinen Rucksack, die Fahrer packen Holzkisten aus den Autos, schleppen sie in den Wald. Nach zehn Minuten Wandern, über Wurzeln und Farne und Ameisenstraßen, erscheint eine Lichtung. In der Mitte ein Häuschen mit Grill, Kochplatten und einigen Bierbänken, daneben ein kleiner Wasserturm, an den Rändern der Lichtung stehen Baracken aus Wellblech und Holz, in denen Hängematten gespannt sind.

Zwei Studenten sitzen vor einer Baracke und starren in Mikroskope, vor ihnen befinden sich ein Laptop und eine Lupe. Ein paar Leute sitzen in einem Stuhlkreis, „Biologen aus Brasilien“, sagt Lovejoy, eine andere Gruppe, Ornithologen aus den USA, besprechen gerade ihre Expedition. Die Fahrer und Küchenarbeiter des Camps tragen T-Shirt und Bermudas, die Gäste das, was sie für angemessene Urwald-Outfits halten, Cargo-Hosen mit Dutzenden Taschen, Panamahüte, Feldflaschen am Gürtel. Das Camp wirkt wie ein Ferienlager für Erwachsene. In der Lichtung brennt die Sonne. Die Kleidung klebt am Körper. Die Luft steht. Lovejoy scheint die Hitze nichts auszumachen. Kein Seufzen, nur ein kurzes Ausschütteln, als er den Rucksack von den Schultern gleiten lässt. „In zehn Minuten“, ruft er in die Runde, „geht es los in den Wald!“

Das Camp 41 ist umgeben von intaktem Regenwald. Überwucherte Pfade führen in sieben weitere Camps, die teilweise einen Tagesmarsch entfernt sind. Im Wald überkommt einen Erleichterung, es ist viel kühler, die dichten Baumkronen schützen vor der Sonne. Wer sich den Regenwald exotisch vorgestellt hat, ist am Anfang enttäuscht. Überall Grün, dunkles Grün, helles Grün, ab und zu ein paar Ameisen. Man begegnet weder Affen noch Tigern noch Elefanten. Nirgends ein Jaguar oder ein Ozelot. Nicht einmal ein Frosch. An einer Biegung scheint die Sonne durch die Baumkronen wie durch ein natürliches Fenster. Auf einem Ast bewegt sich etwas Großes, Dunkles. Lovejoy packt schnell das Fernglas aus, befestigt es auf einem Stativ, justiert es, schaut hindurch. „Ein Prachthaubenadler“, sagt er sichtlich beeindruckt, „der schönste aller amazonischen Adler.“ Er beginnt sogleich mit einer Unterrichtseinheit. „Adlernester sind hier im Regenwald aus …“, sagt er, als ihn ein lautes Geräusch stocken lässt. „Woof“ macht es. Kurz darauf wieder: „Woof“. Lovejoy winkt einen Kollegen herbei, den Ornithologen Mario Cohn-Haft aus Massachusetts, der hektisch auf seinem Smartphone herumwischt. „Woof“ macht es aus dem Handy, „Woof“ schallt es aus den Baumkronen. „Das kann doch nicht wahr sein“, murmelt der Ornithologe und spielt noch einmal das „Woof“ auf seinem Handy ab. Dann raschelt es, und ein faustgroßer, leuchtend roter Vogel fliegt zwischen zwei Ästen hin und her. Bei der Landung macht es jedes Mal „Woof“. „Ein Crimson Fruitcrow – Haematoderus militaris!“, ruft Cohn-Haft begeistert, in seinen 20 Jahren im Regenwald habe er so einen erst einmal gesehen.

Er selbst, sagt Lovejoy, sei kein Vogelbeobachter. Nach ein paar Tagen im Dschungel weiß man, dass das nicht stimmen kann. Oft unterbricht der Wissenschaftler seine Vorträge wegen eines Singsangs, den außer ihm niemand in der Gruppe wahrgenommen hat. Manchmal, wenn sich die Gäste mitein-ander unterhalten, ruft er plötzlich „Ruhe!“ in die Runde und macht auf die irgendwo in der Ferne hörbaren Töne eines Schreipihas, eines Stummelschwanz-Zwergtyranns oder eines Kapuzinerkotingas aufmerksam.

Grafik: Tim Giesen

Die grüne Lunge für die ganze Welt: das Amazonasbecken

Der Dschungel soll für sich sprechen

Das Naturerlebnis im Urwald ist subtil. Es gibt ein Grundrauschen und ein Dauergrün, und es gibt kleine, besondere Abweichungen davon. Der Wald fordert Fantasie und Geduld. „Der Regenwald ist keine einfache Schönheit“, sagt Lovejoy auf dem Weg zurück ins Camp, man müsse sie erst erkennen lernen. Zumindest am Tag. „Die Nacht im Dschungel ist hingegen wie der Walkürenritt.“

Schon in der ersten Nacht wird klar, was er meint. Immer wieder ertönen die rasselnden Schreie der Brüllaffen, wie ein endloses Rülpsen. Unter den Hängematten mischt sich ein Zirpen dazu, im Unterholz raschelt es, dann tappt etwas über die Lichtung, scharrt eine Weile und verschwindet wieder. Einige Male kreischt ein Greifvogel, es folgen Hunderte helle Schreie. Alle paar Minuten ist ein metallenes Quaken zu hören, von Kröten, die die Regenrinne als Verstärker nutzen. Bei Sonnenaufgang, wenn die ersten Strahlen auf die Lichtung fallen, erheben sich die Campbewohner aus ihren Hängematten und versichern sich beim Nachbarn, dass das nächtliche Konzert wirklich real war.

Im Camp steht man gemeinsam auf und macht Exkursionen in den Wald, beobachtet Vögel, badet in einem Zufluss des Amazonas. An den Abenden sitzt man noch lange zusammen und erzählt Geschichten, über sich, die Heimat und den Alltag. Immer wieder unterhält man sich über Lovejoys Forschungsprojekt. Es scheint: Der einzige Weg, ein so größenwahnsinniges Projekt am Leben zu erhalten, war es, Menschen zu finden, die Größenwahn erst einmal nicht abschreckt. Und sie dann zu überzeugen. „Ich musste die Biologie aufgeben“, sagt der Wissenschaftler, „und mich auf das Netzwerken konzentrieren.“

Sein Hintergrund half ihm dabei: In Washington kannte Lovejoy so gut wie jeden, der mit der Umweltbewegung sympathisierte. Schon Ende der Achtzigerjahre schickte er Timothy Wirth, einem US-Senator aus Colorado, der für sein Interesse an der Natur bekannt war, Satellitenaufnahmen, die die fortschreitende Abholzung im Amazonasbecken dokumentierten. Wirth schrieb zurück, er wolle das mit eigenen Augen sehen. Wenige Wochen später besuchten er und die US-Senatoren Al Gore und John Heinz das Camp 41, begleitet von einer Handvoll Abgeordneter und Ben Bradlee, dem damaligen Chefredakteur der »Washington Post«. Zurück in seinem Büro in Washington fand Lovejoy auf seinem Schreibtisch eine Notiz vor: John Chafee, US-Senator aus Rhode Island, bittet um Rückruf. Er möchte ebenfalls in den Regenwald.

Bis heute waren 21 US-Senatoren im Camp 41. Nachdem die Interessengruppe „Earth Communications Office“ aus Kalifornien auf Lovejoy aufmerksam geworden war und ihn nach Los Angeles eingeladen hatte, zeigten auch Hollywood-Schauspieler Interesse am Regenwald-Trip. Als Lovejoy erfuhr, dass Wendy Paulson, die Frau des ehemaligen Finanzministers Henry Paulson, seit Jahrzehnten Vogelbeobachtungstouren in den USA unternimmt, lud er sie und ihren Ehemann ins Camp ein. Im vergangenen Jahr sagten beide zu.

Wirtschaftsbosse waren hier, Analysten der Welthandelsorganisation und auch die Autorin Elisabeth Kolbert, die im Regenwald für ihr Buch „Das sechste Sterben“ recherchierte, für das sie 2015 den Pulitzerpreis bekam. Lovejoy stellt sich immer auf die Interessen seiner Gäste ein, legt bei seinen Vorträgen mal den Schwerpunkt auf exotische Vogelarten, mal auf seine Arbeit. Am wichtigsten aber sei das Zwischenmenschliche. „Die Leute treffen sich hier auf einer anderen Ebene.“

Das Schnarchen eines US-Senators nahmen die anderen Gäste in der Nacht auf, spielten es ihm am nächsten Tag vor und machten ihm weis, dass dies wahrscheinlich eine neue Vogelart sei. Die Mitreisenden von Tom Cruise legten dem Schauspieler eine Plastikspinne auf den Bauch. Er soll vor Schreck fast aus der Hängematte gefallen sein.

Am Abend, wenn die Sonne untergeht, sitzen Menschen, die es gewohnt sind, mit spitzen Fingern oder mit Demut behandelt zu werden, zusammen vor dem Grill, essen von Plastiktellern, plaudern und lauschen gespannt dem Wissenschaftler mit dem unerschöpflichen Repertoire an interessanten Geschichten und dem ungeheuren Wissen über die Tier- und Pflanzenwelt.


Am Zufluss des Amazonas entdecken die Gäste nicht selten exotische Vögel

Was wird aus den Fragmenten?

Mittlerweile kommt Lovejoy dreimal im Jahr mit ausgewählten Gruppen ins Camp. Sein Neffe ist dabei, weil er für ein US-amerikanisches Magazin arbeitet, die Professoren haben Lehrstühle für Umwelt beziehungsweise Religion in Yale, einer der einflussreichsten Universitäten der Welt. Journalisten und Lehrkräfte sind als Multiplikatoren immer willkommen. Der ehemalige Coca-Cola-Chef, der ebenfalls mit von der Partie ist, setzt sich seit Jahren für Umweltschutzprojekte im Amazonas ein, Lovejoy hatte ihn schon lange im Visier. Dieses Jahr konnte er endlich kommen. Er hat seinen Freund mitgebracht, einen New Yorker Verleger. Beide unterstützen das Projekt finanziell. „Im Grunde nehme ich alle mit, von denen ich glaube, dass sie etwas bewegen können und wollen“, sagt Lovejoy. „Die Warteliste ist aber sehr lang.“

Im Sommer 2018 bekam er eine Einladung aus Peking. Das zuständige Komitee der kommunistischen Partei Chinas wollte mit ihm über ihren nächsten Fünf-Jahres-Plan sprechen. China hat sich ambitionierte Ziele für den Umweltschutz gesetzt, Lovejoy soll das Land dabei beraten.

Er lehrt an der George Mason University in der Nähe von Washington. Er ist in diesem Jahr zudem Speaker der ehrwürdigen „Terry Lectures“ in Yale zum Thema Armut und Umwelt. Anfang 2019 erschien sein neues Buch zum Klimawandel, er schreibt Beiträge für die Journale »Science« und »Nature«, für die »New York Times« und die »Folha de São Paulo«.

Die Feldforschung hat er aufgegeben. Rund um sein Projekt sind 700 Forschungsarbeiten entstanden, darunter 200 Dissertationen. Rund 1000 Wissenschaftler, Studenten und Praktikanten waren daran beteiligt. Die Hälfte aller Tropenforscher, schätzt Lovejoy, hat irgendwann einmal Untersuchungen in seinen Fragmenten durchgeführt.

Einen Teil der Kosten stemmen bis heute wenige große Geldgeber wie die brasilianische Entwicklungsbank und die Smithsonian Institution, der Rest kommt aus Hunderten kleinen Quellen. Er habe selbst keinen Überblick mehr darüber, sagt Lovejoy. Seit Anfang 2019 gibt es eine Initiative, die die Fragmente-Forschung und Netzwerkarbeit institutionell vereint. Sie heißt Amazon Biodiversity Center. Ihr Ziel: den Regenwald zu retten.

„Ich bin da nicht so hoffnungslos wie viele andere“, sagt Lovejoy. „Ich habe ja den Anfang gesehen: Damals gab es eine einzige Schutzfläche. Heute ist fast die Hälfte des Amazonasbeckens geschützt. Eine Fläche, rund halb so groß wie die der 48 Bundesstaaten auf dem nordamerikanischen Kontinent.“

Aber die Fragmente sollen bleiben, sie sollen daran erinnern, dass das Ziel noch nicht annähernd erreicht ist. „Die Bewahrung und Wiederherstellung der Natur ist die beste Lösung für den Klimawandel“, sagt Lovejoy. „Ökosysteme restaurieren. Radikal Wälder aufforsten, Ufer und Küsten renaturieren.“ Edward Wilson sieht das genauso. Der heute 89-Jährige gehört zu den renommiertesten Biologen weltweit. Vor vielen Jahren forschte auch er in Lovejoys Fragmenten und entdeckte eine Knotenameise, die er Pheidole lovejoyi taufte. 2016 hat er ein Buch mit dem Titel „Half-Earth“ veröffentlicht. Um die Erde zu retten, lautet Wilsons These, müssen wir die Hälfte aller Landflächen der Natur überlassen.

Vor allem den Regenwald. Der, so Lovejoy, sei besonders wichtig. „Was dem Regenwald schadet, schadet der Menschheit – was ihn rettet, rettet die Erde.“

Thomas Lovejoy hat über die Jahrzehnte immer gute Beziehungen zur brasilianischen Regierung gepflegt, er wurde von ihr mit dem Verdienstorden Rio Branco und dem Großen Kreuz des Nationalen Ordens für wissenschaftliche Verdienste ausgezeichnet. Zur neuen Regierung des ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro will er sich lieber nicht äußern – außer dass er hoffe, dass auch die sich den wissenschaftlichen Fakten zur Funktion und zum Zustand des Regenwaldes nicht verschließe.

Nach einer Nachtwanderung am Ende des dreitägigen Aufenthalts lässt sich Lovejoy auf eine der Bierbänke im Camp fallen, die Gruppe versammelt sich um ihn. In der Küche hört man das Zischen von Fett, „in fünf Minuten gibt es Essen!“, ruft die Köchin. Es gibt gegrillten Fisch, dazu Farofa, geröstetes Maniokmehl, Bohnen und Reis. Einer der Professoren räuspert sich und beginnt, eine Geschichte zu erzählen, eine Fabel eines indigenen Stamms in Nordamerika. Nach und nach ist jeder einmal an der Reihe und erzählt, was ihm in den Sinn kommt. Dann erscheint einer der Fahrer mit einem Tablett aus der Küchennische, darauf Plastikbecher und eine Karaffe. „Aah“, sagt Lovejoy, „endlich. Caipirinhas!“ Der Fahrer schenkt ein, lässt Eiswürfel hineingleiten und verteilt die Becher. „Was hier erforscht wird, ist zwar wichtig“, sagt Lovejoy. „Es ist aber für mich nicht mehr zentral. Was zählt, ist unsere Anwesenheit, das Interesse, der Blick von außen.“ Die wichtigste Arbeit übernehme der Regenwald selbst. Er lasse den, der ihn betreten hat, nie wieder los.

Das gebe ihm Hoffnung. ---

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