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Leider ausgedient

Sechs Dinge, die so gut wie ausgestorben sind, obwohl sie das nicht verdient haben.




Das Click Wheel

Es war weiß, grau oder schwarz und funktionierte prächtig: Dank der Drehscheibe auf dem iPod konnte man schnell und ohne Hingucken durch seine digitale Musiksammlung zappen. Als Apple im Jahr 2001 den ersten iPod vorstellte („1000 Songs in deiner Tasche“), war das Click Wheel eine wahre Hardware-Innovation, die in ihrer Einfachheit kaum zu überbieten war. Vier unter einer berührungsempfindlichen Drehscheibe verborgene Knöpfe waren das ganze Geheimnis.

Die Bedienung erklärte sich von selbst und war viel einfacher als bei heutigen Touchscreen-Menüs. Vier Symbole an den Rändern der Drehscheibe luden dazu ein, ein Lied vor- oder zurückzuspringen, zum Menü zu gelangen oder den Song zu starten. Obwohl sie so praktisch war, ersetzte Apple die Scheibe im Jahr 2007, als das erste iPhone auf den Markt kam, durch einen Touchscreen.

Der Pager

Dem Smartphone zum Opfer fielen auch die formschönen Kästchen, die man in der Tasche trug und die mit dezentem Vibrieren den Träger darauf aufmerksam machten, dass er gebraucht wurde. Auf dem Bildschirm erschien ein kurzer Text oder eine Telefonnummer, unter der man sich zurückmelden sollte.

Zu den ersten Nutzern gehörten in den Fünfzigerjahren Ärzte in New York. In den Neunzigern wurden die Geräte zum Statussymbol in der HipHop-Szene. Die Gruppe A Tribe Called Quest feierte die Technik 1991 sogar in einem eigenen Song namens „Skypager“.

Motorola, einst der größte Hersteller der Kästchen, stellte deren Produktion 2001 ein. Komplett ausgestorben ist der Pager nicht, denn im Gegensatz zum Handy ist er nicht auf guten Empfang angewiesen. Für Ärzte und Rettungspersonal ein schlagendes Argument.

Die Schreibmaschine

Mit ihr konnte man einen ganzen Roman schreiben, ohne dasss man sie zwischendurch aufladen musste. Eigentlich unverständlich, dass die gute alte Schreibmaschine nur noch in armen Ländern und Museen für Technikgeschichte existiert.

Die erste erfolgreiche Schreibmaschine wurde im Jahr 1867 von Christopher Latham Sholes im amerikanischen Milwaukee erfunden. Basierend auf seinem Patent brachte Remington 1874 die erste Maschine auf den Markt. Heerscharen von Büroangestellten verhalfen der Erfindung zum Durchbruch. Marken wie Smith Corona, Olympia, Underwood und Olivetti waren so bekannt wie heute Microsoft Office und Google Docs.

Geblieben von Sholes’ Erfindung ist bis heute die QWERTY-Tastatur (im Deutschen QWERTZ). Glücklicherweise hilft Software dabei, die minimalistische Arbeitsumgebung der Schreibmaschine wiederherzustellen: ein weißer oder schwarzer Schirm, auf dem nur Text prangt. Keinerlei optische oder akustische Ablenkungen durch Messenger-Apps, Slack und E-Mail – herrlich!

Der Anrufbeantworter

Man kam nach Hause und freute sich darauf, die Anrufe abzuhören, die in Abwesenheit eingegangen waren. In der Ära des Anrufbeantworters war permanente Erreichbarkeit noch angenehm. Weil man nicht selbst dafür Sorge trug, sondern das Gerät, in dem eine Kassette und später ein Chip eingehende Anrufe aufzeichneten. Und dann signalisierte ein mysteriöses Blinklicht, dass es etwas abzuhören gab.

Der dänische Erfinder Valdemar Poulsen entwickelte bereits 1898 die erforderliche Technik zur magnetischen Aufzeichnung. Die Erfindung des ersten „AB“ im frühen 20. Jahrhundert reklamieren jedoch mehrere Personen für sich.

Telefongesellschaften zögerten mit der Markteinführung der Geräte, weil sie – irrtümlicherweise – befürchteten, dass sie ihre Kunden dazu verleiten könnten, weniger zu telefonieren. Weite Verbreitung fand der Anrufbeantworter erst in den Achtzigerjahren – bis er zunehmend durch zentralisierte AB-Systeme abgelöst wurde, die in den Rechenzentren von Unternehmen oder bei den jeweiligen Netzwerkbetreibern laufen.

Landkarten

Zum Auto gehörte ein Handschuhfach, und zum Handschuhfach gehörte ein Stadtplan oder, noch besser, ein Atlas von ganz Deutschland oder Europa. Zugegeben, das Orientieren via Straßenkarte löste nicht selten Streit zwischen Fahrer und Beifahrer aus. Dass Navigationssysteme auf CD, DVD, dann als klobiges Gerät mit Saugnapf und neuerdings als besserwisserische Smartphone-App die gedruckte Karte fast vollkommen verdrängt haben, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Karten meistens verlässlicher waren als die Technik von heute.

Und noch etwas: Egal ob es sich um einen ADAC-Autoatlas oder den von Gerhard Falk in der Nachkriegszeit erfundenen und patentierten Faltplan handelte, das System erweiterte die geistige Landkarte der Fahrer: Adresse suchen und im Abgleich mit der Umwelt den Weg dorthin finden. Das schafft, was Kognitionswissenschaftler als „tiefes Wissen“ über die Umwelt bezeichnen, also ein umfassendes Verständnis von der Welt, in der man sich bewegt.

Eine App hingegen mag praktisch sein, weil sie für eine ins Mikrofon gebellte Adresse brav die Route berechnet und auch noch vor der neuen Baustelle warnt. Aber das Kommando, links oder rechts abzubiegen, bewirkt nur „oberflächliches Wissen“, das beim Menschen keinen Kontext schafft und deshalb keinen bleibenden Lerneffekt hinterlässt.

Die CD

Musiker überlegen sich in der Regel sehr sorgfältig, welche Lieder sie in welcher Reihenfolge anordnen. Ein Album auf einer CD war eine Komposition – bis MP3-Dateien und insbesondere iTunes Musik in digitale Häppchen zerstückelten. Leider ist der Absatz von CDs allein in Deutschland von 2001 bis 2017 von rund 185 auf knapp 63 Millionen Stück gesunken.

Ob auf Vinyl oder einer CD, ein Album spricht mehrere Sinne gleichzeitig an. Das Cover ist dazu da, die Wiedererkennung im Regal zu erleichtern und beim Anhören studiert zu werden. So wie sich einem ein Song durch mehrmaliges Anhören Stück für Stück erschließt, gibt es auch bei den dazugehörigen Fotos und Texten und selbst in den Danksagungen immer etwas zu entdecken. Ganz zu schweigen von den Sondereditionen und länderspezifischen Pressungen. All das zusammen ermöglicht etwas, das Streaming fast vollkommen zerstört hat: den langsamen, bedachten Genuss. Eine CD war obendrein etwas, das man als Geschenk überreichen und womit man ein Gespräch auslösen konnte. Über eine „geteilte Playlist“ diskutiert man hingegen eher selten. ---

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Digitalisierung.

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