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„Die Einsparungen laufen den Erwartungen hinterher“

Wieso der IT-Fortschritt nicht hält, was er verspricht, verrät der Fachmann Lars Schwabe.






Lars Schwabe, 44, ist seit Anfang dieses Jahres Leiter des Data Insight Labs sowie der Smart Data Analytics beim IT-Beratungsunternehmen Lufthansa Industry Solutions in Norderstedt. Zuvor lehrte und forschte der promovierte Informatiker an der Universität Rostock als Juniorprofessor für Adaptive und Regenerative Softwaresysteme.

brand eins: Herr Schwabe, in der Energieökonomie spricht man vom Rebound-Effekt. Maßnahmen zur Effizienzsteigerung verpuffen, weil etwa Energiesparlampen länger eingeschaltet werden, da die Leuten denken, jetzt kostet Beleuchtung weniger. Gibt es den Effekt auch in der Informationstechnik?

Lars Schwabe: Sicherlich werden auch in der IT Anwendungen anders genutzt, als man zuvor dachte. E-Mails haben beispielsweise Briefe abgelöst und sollten Zeit sparen. Auf den einzelnen Brief bezogen tun sie das auch. Aber heute schreiben wir eben Dutzende Mails pro Tag. Und da unsere Postfächer überquellen, setzen wir zunehmend auf Programme wie Slack, die mit ihrer Messenger-Funktion E-Mails ersetzen und Nachrichten zu Oberthemen bündeln. Das soll die Kommunikation effizienter machen. Auch hier stimmt das in der Tendenz. In der Praxis ist es dann aber so, dass in den Kanälen oft mehr und auch stärker am Thema vorbeigeschrieben wird, als wir es vermutlich in einer E-Mail tun würden. Die Konsequenz: Wir brauchen einen mehr oder weniger großen Teil der eingesparten Zeit zum Suchen der relevanten Informationen.

Sie beschreiben Beispiele aus dem Büroalltag. Gibt es solche unerwarteten Produktivitätseinbußen auch in der Industrie?

Grundsätzlich laufen fast alle durch IT-Einsatz ermöglichten Einsparungen den Erwartungen hinterher. Zum einen, da immer wieder der technische Aufwand unterschätzt wird. Zum anderen, weil sich die positiven Effekte oft erst über längere Zeiträume hinweg zeigen. Ein gutes Beispiel dafür sind Big-Data-Projekte.

Wenn man nur genug Daten sammelt, so die Verheißung, kann man aus ihnen viele neue Erkenntnisse ziehen, neue Geschäftsmodelle entwickeln, Prozesse automatisieren oder vorausschauende Wartung betreiben. Also werden teure Riesenprojekte gestartet, um an gewaltige Datenmengen zu kommen, und Infrastrukturen dafür aufgebaut. Bis sich diese Investitionen auszahlen – was sie in vielen Fällen sehr wahrscheinlich auch tun werden –, vergehen allerdings mitunter Jahre. Trotzdem müssen sich die Projektverantwortlichen schon nach Monaten rechtfertigen, dass sie nicht sofort zur Kostensenkung beitragen.

Ist das nicht eher ein Kommunikationsproblem?

Wenn die Geschäftsführung annimmt, dass sich solche Projekte schon nach wenigen Monaten auszahlen, ist etwas falsch gelaufen. Oft ist es aber so, dass sich Big-Data-Projekte verzögern, weil manche Daten doch nicht in der benötigten Qualität zu bekommen sind oder nur mit sehr viel größerem technischem Aufwand. Dann müssen unter Umständen wieder andere Sensoren und zusätzliche IT-Systeme gekauft werden, um das Problem zu beheben. Am Ende betreibt man vielleicht fünf oder zehn Anwendungen mehr, als man geplant hatte. Und das führt zu Verzögerungen und Mehrkosten.

Sehen Sie das auch als Rebound-Effekt?

Im weitesten Sinne ja, aber für mich ist der tägliche Kampf aller Entwickler und IT-ler mit der immer weiter wachsenden Komplexität entscheidender. Die steigt nicht nur mit den Möglichkeiten der einzelnen Programme, sondern vor allem durch die Kombination verschiedener Systeme. Hier eine Datenbank, da eine andere, dazu noch ein CRM-System, eine ERP-Anwendung, diverse Analytics-Tools – da kommt schnell viel zusammen. Und dann treten die klassischen Probleme auf: Manche Programme arbeiten nur noch unter Leistungseinbußen zusammen oder schlicht gar nicht mehr. Letztendlich ist die gesamte IT-Landschaft so kompliziert geworden, dass man etwas überspitzt sagen kann: Kein IT-Vorstand eines größeren Unternehmens hat heute noch ein genaues Verständnis davon, wie die IT-Komponenten in seiner Firma funktionieren.

Beim Thema Energie gilt als Mittel gegen den Rebound-Effekt das Bemühen, insgesamt weniger zu verbrauchen und nicht mehr auf Wachstum zu setzen. Im Prinzip also Verzicht. Wäre das nicht auch in der IT ein gangbarer Weg?

Wenn eine IT-Funktion nicht geschäftskritisch ist und das Gesamtsystem ohne sie reibungsloser läuft, kann der Verzicht darauf helfen. Die pragmatische Lösung der Unternehmen ist aber eine andere: Sie geben das Thema komplett an einen Partner oder Hersteller ab, zum Beispiel an SAP. Wenn man dann alles genau macht, wie SAP es vorgibt, funktioniert auch alles mehr oder weniger. Dafür ist man eben abhängig.

Ist das nicht gefährlich?

Ich würde nicht von Gefahr sprechen, sondern von einem Dilemma. Manche Unternehmen sind auf Spezialanwendungen angewiesen oder wollen bestimmte Daten, die kein anderer sehen soll, in eine separate Cloud auslagern. Solche individuellen Lösungen zu finden ist unter anderem mein Job bei Lufthansa Industry Solutions. Immer häufiger ist es aber so, dass die Unternehmen gar keine Wahl mehr haben und einen IT-Rundum-Service eines Herstellers mit allen Vor- und Nachteilen buchen müssen.

Warum?

In den vergangenen Jahren wurde in vielen Unternehmen so viel IT-Personal outgesourct, dass keine Experten mehr da sind, die individuellere Lösungen umsetzen könnten. Daher beginnen die Unternehmen jetzt wieder, mehr IT-Expertise ins Haus zu holen. Man braucht sie besonders bei der künstlichen Intelligenz, um zu erfahren, was bereits geht und was nicht. Nur dann kann man sich maßgeschneiderte KI-Lösungen kaufen.

Ist auch bei der viel beschworenen künstlichen Intelligenz mit überraschenden Rückschlägen zu rechnen?

Wir unternehmen gerade die ersten Schritte und müssen die Erfahrungen erst noch machen. Daher ist es schwierig zu sagen, ob und wo die Dinge durch KI-Einsatz doch schwieriger werden, als man dachte. Aber sie werden sicher nicht so schwierig, dass sich die KI-Anwendungen unter dem Strich nicht lohnen. Da, wo maschinelles Lernen schon etwas länger präsent ist, etwa beim Sammeln und Auswerten von Konsumentendaten im Internet – wozu man in vielen Fällen auch Ausspähen sagen könnte –, erreicht man jedenfalls erhebliche Effizienzsteigerungen. Werbung kann gezielter geschaltet werden, die Verkäufe nehmen zu.

Verraten Sie uns noch etwas Alltagspraktisches? Wie werden Sie der E-Mail-Flut Herr?

Bis vor Kurzem habe ich meine E-Mails mithilfe von Plug-ins über Weiterleitungsregeln noch automatisch fein säuberlich in viele verschiedene Ordner einsortiert. Inzwischen habe ich nur noch zwei Ordner: Archive und Reply. Und jeden Abend ist meine Inbox auf null.

Beantworten Sie etwa alle Mails?

Die allermeisten. Der Geheimtipp, wenn Sie so wollen, ist: Ich schreibe meine Mails immer offline. Dann schicke ich gleich 30 raus – und auch wenn direkt Antworten kommen, schaue ich die mir erst im nächsten Zeitfenster für Mails an. Das funktioniert für mich ganz gut. ---

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Digitalisierung.

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