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Kelloggs

Gesundheitsfood oder zuckriges Produkt für den Weltmarkt? Die Kelloggs-Brüder hatten unterschiedliche Pläne mit ihren Frühstücksflocken – und zerstritten sich darüber.





• Kimberly Snyder, die Ernährungsberaterin der Stars, empfiehlt „schwerkraftbasierte Darmspülungen“. Die Behandlung sei zu vergleichen mit einer „Fahrt durch die Powerwaschanlage“, die den Körper vom inneren Giftmüll befreie. Für noch mehr Wohlbefinden hat sie diverse „Beauty Detox Foods“ ermittelt. Die Dame ist nur eine von vielen selbst ernannten Ernährungsgurus, die Gesundheit und Schönheit versprechen, wenn man ihren Regeln folgt. Welche Weisheiten die Berater predigen, variiert – die Art, wie sie predigen, ist jedoch immer gleich: Den nichts ahnenden Allesessern werden die Augen geöffnet, führt man sie mit guten Ratschlägen auf den rechten Weg.

Einer der Ersten, die diese Überzeugungskraft besaßen, war John Harvey Kellogg. In seiner Heimatstadt Battle Creek im US-Bundesstaat Michigan leitete der Arzt ein Sanatorium. Als er im Jahr 1876 in der medizinischen Einrichtung anfing, war sie mit 20 Betten ausgestattet. Kellogg machte daraus einen riesigen Wellness-Komplex mit Parks und Badesälen. Wegen seiner wissenschaftlich nicht belegten Methoden bekam er zwar Ärger mit der American Medical Association, doch die Patienten zog er in Scharen an – oder eher: die Gäste, denn ernsthaft Kranke wurden in der Klinik nicht behandelt. In den Zwanzigerjahren hatte das Battle Creek Sanatorium schließlich 1200 Betten.

Als Autor von etwa 50 Büchern zu gesundem Lebensstil empfahl Kellogg, vegetarisch zu leben, auf Alkohol, Tabak, Tee, Kaffee und Sex zu verzichten und sich regelmäßig an der frischen Luft zu bewegen.

Kellogg entwickelte Therapiegeräte, etwa eine Infrarotkabine, und erfand Nahrungsmittel: Die Gäste bekamen Sojamilch, Fleischersatzprodukte und Erdnussbutter serviert. Was besonders gut ankam, waren gepresste Flocken, zunächst aus Weizenbrei, später aus Mais – als Cornflakes wurden sie weltbekannt.

Während John Harvey Kellogg von einem immer größeren Publikum als Heiler gefeiert wurde, stand der jüngere Bruder Will Keith in dessen Schatten. Für einen geringen Lohn ließ John Harvey ihn im Sanatorium als Mädchen für alles arbeiten. Später war es jedoch Will Keith, der sich als geschickter Geschäftsmann erwies und das Cornflakes-Imperium begründete. Die Rivalität zwischen den Brüdern hielt ein Leben lang an.

John Harvey Kellogg lebte selbst vor, was er seine Patienten lehrte. Er ernährte sich asketisch, hielt sich fit und unterzog sich jeden Morgen einer Darmspülung – die er auch den Patienten verschrieb und die heute bei Gesundheitsfreaks wieder in Mode ist. Angeblich hielt er sich auch an sein eigenes Gebot der Enthaltsamkeit: Seine Ehefrau und er sollen sich niemals körperlich nahe gekommen sein. Für die Gäste hielt er Vorträge, die ihm den Status eines Gurus einbrachten. Schauspieler, Politiker und auch Unternehmer wie Henry Ford, Thomas Edison und John D. Rockefeller kamen ins Sanatorium, um sich von Kellogg auf den rechten Weg führen zu lassen.

In seinem Roman „The Road to Wellville“ beschreibt T. C. Boyle den Arzt als exzentrischen Quacksalber. Viele Begebenheiten aus dem Roman sind allerdings wirklich überliefert. Der Vortrag etwa, mit dem der Roman beginnt, soll tatsächlich so stattgefunden haben: Um zu demonstrieren, wie Fleisch den Körper vergiftet, schickte Kellogg während seines Auftritts einen Assistenten los. Er solle ein Steak im besten Restaurant von Battle Creek und einen Haufen Dung von einem Bauernhof holen. Proben von beidem ließ er anschließend unter Mikroskope legen. Im Roman bittet der Doktor eine Dame auf die Bühne, die sogleich erschrocken feststellt, dass auf dem Fleisch mehr Keime wimmeln als auf dem Dung. Kellogg freut sich im Stillen über seine gelungene Inszenierung: Nach solchen Auftritten sollen die Gäste willig gewesen sein, Cornflakes zu essen.

Die Brüder begannen, die Getreideprodukte zu verkaufen – anfangs an ehemalige Patienten, im Jahr 1900 gründeten sie die Sanitas Food Company. Bald sprach sich herum, dass die Marge enorm war. Die Zutaten waren billig, und als Gesundheitsfood ließen sich die Flocken teuer verkaufen. Das fand Nachahmer: In Battle Creek gab es bald so viele Konkurrenten, dass die Kellogg-Brüder im Geschäftsjahr 1902 Verlust machten.

Will Keith Kellogg hatte den Ehrgeiz, sich gegen die Nachahmer durchzusetzen. Eine Strategie führte zum endgültigen Bruch mit dem Bruder: Er mischte Zucker in die Flocken – eine Zutat, die im Sanatorium streng verboten war. Der Streit zwischen John Harvey und Will Keith ließ sich nie beilegen. Angeblich sprachen sie kein einziges Wort mehr miteinander.

Will Keith spaltete 1906 sein eigenes Unternehmen ab, das zur heutigen Kellogg Company wurde. Er setzte auf massives Marketing, womit es ihm gelang, sich von der Konkurrenz abzusetzen: Anfangs versuchte er, sein Produkt mit dem Schriftzug „Nicht echt ohne diese Unterschrift. W. K. Kellogg“ auf der Packung als das Original zu kennzeichnen. Später erfanden Werbeleute Figuren wie „Tony the Tiger“, die auch Kinder ansprechen sollten.

John Harvey blieb seiner Ernährungslehre treu und vermarktete Sojaprodukte – und weiterhin sich selbst. ---

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Digitalisierung.

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