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Guck mal, wer da wie spricht!

Bilder dominieren die digitale Kommunikation – und schaffen neue Sprachen. Ein Überblick.






Bildquelle: mickykusano

• Dass die Digitalisierung zu einer Bilderflut geführt hat, ist ein Gemeinplatz. Doch haben Bilder dank Smartphones und sozialer Medien im vergangenen Jahrzehnt auch einen enormen Bedeutungszuwachs erfahren. Seit sie sich einfacher denn je herstellen, verbreiten und teilen lassen, können Menschen mit ihnen vielfältig kommunizieren. Damit bekommt die Sprache ernsthafte Konkurrenz. Und erstmals ist es nicht nur eine kleine, privilegierte und begabte Minderheit, die sich als Produzent betätigt. Der aktive und alltägliche Umgang mit Bildern wird zu einer grundlegenden Kulturtechnik – die sogenannten Digital Natives lernen sie wie eine zweite Muttersprache.

Welche Folgen das für die Gesellschaft hat, wird erst allmählich absehbar. Aber schon jetzt ist eine erste Bilanz möglich, welche neuen Bildformen sich durchgesetzt haben und was sie bedeuten.

Selfies

Einfach ein Bild von sich zu machen genügt heute nicht mehr. Bevor man es postet, wird es bearbeitet: manchmal mit einem Filter geglättet und atmosphärisch aufgeladen, häufiger um digitale Effekte angereichert. So wie hier: Um den Kopf des Mädchens schwirren Noten herum, zwei Hand-Symbole grüßen den Betrachter, eine überdimensionierte Brille legt sich als aufdringliche Grafik über das Gesicht. Andere versehen sich sogar freiwillig mit Hasenohren oder bizarren Schnurrbärten.

Warum nur? Man sollte die Maskerade nicht als Zeichen von schlechtem Geschmack deuten. Nein, es geht hier eher um Kostümierung – und um Immunisierung: Wer ein Selfie so verändert, geht zu sich selbst auf Distanz und will nicht allzu sehr mit dem Bild identifiziert werden. Je grotesker eine Veränderung wirkt, desto dicker ist die Schutzschicht auf dem Selfie.

Aber vermutlich will das Mädchen auch ihre Follower und Freunde zum Lachen bringen oder sie dazu animieren, ihrerseits dieselbe App auszuprobieren und ein Bild von sich zu machen. Selfies entstehen nämlich immer mit Blick auf ein Gegenüber. So gilt auch in den sozialen Medien wie im echten Leben, dass man sich gern verstellt und die wahren Gefühle lieber zurückhält.

Meme

Boromir, Heerführer aus Gondor und geliebter Sohn von Denethor II., ist im Erklärmodus: „Man erschafft nicht mal eben so ein Meme.“ Diese selbstreferenzielle Bild-Text-Botschaft spielt auf eine Szene aus Peter Jacksons Film „Herr der Ringe“ an, in der Boromir die Gefährten belehrt: Man kann nicht einfach so nach Mordor spazieren. Im Netz wird mit diesem Meme auf humorvolle Weise vieles kommentiert, was nur vermeintlich leicht zu erreichen ist, eigentlich aber der Überwindung einiger Hürden bedarf. Eine Alternative zu Hassbotschaften und Shitstorms in der Netzkommunikation. Wenn es hitzig wird, bieten Memes die Möglichkeit, Wut einzudämmen und alles etwas weniger ernst zu nehmen. Memes stiften auch Gemeinsamkeit, weil sie wie ein Insider-Witz funktionieren. Aber: Nicht selten partizipiert man mit Memen auch an politischen und gesellschaftlichen Prozessen. Weil sie sich im Idealfall wie ein Virus verbreiten, können sie Meinungen bilden und popularisieren.

Zum Glück, um mit Boromir zu sprechen, kann man aber nicht „mal eben so“ ein Meme kreieren. Wie es seine Schlagkraft erhält, bleibt wohl das große Rätsel der Netzkultur.

Bildproteste

„Lebe so, dass die AfD was dagegen hätte!“ ist großflächig auf den nackten Rücken einer Frau geschrieben, die sich vom Betrachter ab- und dem nächtlichen Schwarz zuwendet. Auf Instagram soll mit diesem Bild gegen Nazis protestiert werden, wie man den dazugehörigen Hashtags entnimmt. Statt mit Protestschildern auf die Straße zu gehen, demonstriert man im Internet mit Bildern. Spätestens seit dem Arabischen Frühling 2010/2011 ist offensichtlich, wie wichtig die sozialen Medien als Orte des politischen Protestes sein können. Dabei bestehen erfolgreiche Kampagnen aus einer intelligenten Verknüpfung zwischen dem realen öffentlichen Raum und dem im Netz. Bildsujets, die im Netz rasch Verbreitung finden, können einer politischen Bewegung ungeahnte Dynamik verleihen, Menschen emotionalisieren und mobilisieren. Oftmals werden einfach Schilder in die Kamera gehalten. Wenn aber der eigene Körper mit Protest-Slogans beschrieben wird, zeugt das von großem Einsatz für die Sache: Man zeigt sich opferbereit und macht sich metaphorisch zum Märtyrer.

Netzfeminismus

Eine aufgeschnittene Papaya vor knallig-orangefarbigem Hintergrund – dieses Bild illustriert keinesfalls die Zutat für ein tropisches Dessert auf einem Foodblog. Neben zahlreichen anderen halbierten Früchten ist die Papaya vielmehr als feministisches Statement zu verstehen. Zwar denkt man bei „Netzfeminismus“ zuerst an Hashtag-Kampagnen wie #aufschrei oder #metoo, doch artikuliert er sich ebenso oft mittels Fotos und Videos. So sehr eine feministische Bildpolitik erst im Netz möglich geworden ist, wo Bilder Teil der Alltagskommunikation sind, so schnell sind auch Kämpfe um die „richtige“ Darstellung der Frau entbrannt: Wie sollen sich Frauen zeigen, ohne in überkommene Rollenmuster zu verfallen? Häufiger geht es um Repräsentation: Abweichende Körperformen oder Hautfarben sollen endlich zur Geltung kommen, Geschlechterklischees mit neuen Bildern überwunden werden. So wird mit dem Motiv der Vulva gegen das alte Sprachbild des „Lochs“ gekämpft: Die Vulva ist kein Loch, sondern besitzt eine eigene Form und Gestalt! Aber Instagram ist eben auch ein öffentlicher Raum, in dem nicht alles erlaubt ist: Echte Vulven gibt es deshalb nicht zu sehen, dafür Symbolmotive.


Bildquelle: the_sunkissed_kitchen

Food-Porn

Ob wirklich alles gut schmeckt, was da auf dem Teller so verführerisch präsentiert wird? All die Blüten, Beeren und Pasten? Zweifellos sind die Speisen hier stärker nach optischen denn nach geschmacklichen Kriterien kombiniert. Das Auge isst nicht nur mit – für das Auge ist das Ganze gemacht. Das erinnert stark an Werbung, und tatsächlich geht es hier darum, andere von veganer Ernährung zu überzeugen. Schnell haben sich für unterschiedliche Ernährungsstile eigene ikonografische Konventionen herausgebildet: bei Veganern große Schüsseln, die von oben, aus sogenannter Flatlay-Perspektive fotografiert werden. Damit zitiert man farbenfrohe Mandalas und ihre Muster – je frischer, gesünder, und, ja, auch spiritueller das aussieht, desto besser. Bevor es soziale Medien gab, war noch kaum daran zu denken, mit Bildern von Speisen Bekenntnisse zu verknüpfen. Lange galt: Mit Essen spielt man nicht – und man fotografiert es auch nicht. Dass nun Millionen tagtäglich Fotos von dem posten, was sie essen, oder von dem sie wollen, dass andere es essen, hat den Begriff Food-Porn in die Welt gebracht. Darin steckt Kritik daran, dass Nahrung allein fürs Auge hergerichtet wird, aber es klingt auch an, wie sehr es immer noch als unfein, gar als obszön empfunden werden kann, sie zu einer so öffentlichen Sache zu machen.

Emojis

Als Edward Munch im Jahr 1893 die erste Version seines Gemäldes „Der Schrei“ entwarf, war nicht zu erahnen, dass seine Figur, die Augen und Mund weit aufgerissen hat und ihre Hände vor die Ohren hält, einmal zu einem weltweit millionenfach verwendeten Bildsymbol werden sollte. Tatsächlich fungierte Munchs Figur als Vorbild für das 2010 kodifizierte Emoji mit dem offiziellen Namen Face Screaming in Fear. In E-Mails, Messaging-Apps und sozialen Medien signalisieren Menschen damit, dass ihnen etwas ernsthaft Angst bereitet. Noch häufiger tun sie augenzwinkernd so, als seien sie geschockt. Generell werden Emojis oft so verwendet, dass sie eine verbale Botschaft ergänzen. Sie können sie verstärken oder ihr eine gegenläufige Bedeutung verleihen. Dabei waren Emojis, die von den späten Neunzigerjahren an in Japan entstanden, genauso wie die elektronischen Smileys, die schon in den Achtzigerjahren im Westen auftauchten, ursprünglich dazu gedacht, Informationen eindeutig zu kommunizieren und vor Missverständnissen zu bewahren. Doch wurden sie so schnell so beliebt, dass es sich bei ihnen mittlerweile um nicht weniger als die erste globale Bildsprache handelt. Sie muss genauso gelernt und verstanden werden wie jede andere Sprache auch. ---

Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout und der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich geben im Verlag Klaus Wagenbach die neue Reihe „Digitale Bildkulturen“ heraus. Im März erscheinen die ersten Bände: Annekathrin Kohout untersucht den Netzfeminismus, Wolfgang Ullrich die Kultur der Selfies (jeweils 80 Seiten, 10 Euro).

b1.de/ullrich_selfies
b1.de/kohout_netzfeminismus

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Digitalisierung.

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