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Editorial

Nüchtern betrachtet

• Mit der Digitalisierung ist es wie mit jeder tief greifenden Veränderung: Es gibt Gläubige und Zweifler. Die einen sagen den radikalen Wandel jedes einzelnen Bestandteils von Wirtschaft und Gesellschaft voraus, die anderen verweisen auf Beharrungskräfte und Rückschläge.

Foto: André Hemstedt & Tine Reimer


Zweifellos bringt die Digitalisierung in Wissenschaft und Forschung viel voran, in nicht wenigen Unterneh-men bleibt kein Stein auf dem anderen. Aber was kommt davon – neben dem Smartphone – in unserem Alltag an? Wo wird für jeden spürbar, was sich verändert, und wo eben nicht?

Wer mit dieser für die Gläubigen nahezu ketzerischen Frage an das Thema herangeht, macht erstaunliche Entdeckungen. Geschäftsreisen zum Beispiel, die durch Videokonferenzen weitgehend überflüssig werden sollten, nehmen zu. Die ästhetische Qualität von Bildern, die dank Smartphones enorm an Bedeutung gewonnen haben, nimmt ab. Und die Frauen, denen eine digitale Arbeitswelt die Chance auf Gleichberechtigung versprach, weil nur noch das Ergebnis zählt? Müssen sich ebenso zu behaupten lernen wie in der analogen Welt (S. 102, 108, 88).

Die Digitalisierung ist eben keine Revolution, die alles bisher Dagewesene hinwegfegt – wohl aber bietet sie vielfältige Möglichkeiten für ein besseres Leben. Das digitale Bezahlsystem M-Kopa beispielsweise versetzt viele Afrikaner in die Lage, am Fortschritt teilzuhaben, der mit Licht in der Hütte beginnt. In der Landwirtschaft kann extensive Datensammlung helfen, besser und umweltschonender zu wirtschaften. Und für alte und kranke Menschen bietet die Digitalisierung nicht nur die für viele schreckliche Vision des pflegenden Roboters, sondern auch die Chance, auf virtuelle Weltreise zu gehen (S. 90, 50, 72).

Oft sind es kleine Verbesserungen, die große Wirkung erzielen. So macht die Digitaltechnik Filmproduktionen billiger und eröffnet gleichzeitig ganz neue Einblicke in die Welt. Sensoren sind seit Jahren allgegenwärtig, werden aber erst jetzt genutzt, um Schäden an Brücken frühzeitig zu erkennen. Und Videospiele sind immer wieder in der Diskussion, weil sie Zeit kosten, süchtig machen können, aber eben auch schlauer – Manager zum Beispiel können durchaus von einem Spiel wie Minecraft lernen (S. 112, 60, 92).

Und was ist mit all den negativen Folgen der Datensammelei? Sind wir nicht längst den großen Plattformen ausgeliefert, die jeden noch so privaten Winkel unseres Lebens ausleuchten? Der Wissenschaftler Justus Haucap rät auch hier zu einem etwas nüchterneren Blick: Wir geben Daten ab, weil wir etwas dafür bekommen. Dass wir heute Weltwissen, Navigationssysteme und unzählige Unterhaltungs- und Weiterbildungsangebote auf dem Smartphone haben, hat seinen Preis (S. 82, 78).

Die Digitalisierung schafft Möglichkeiten, der Mensch muss daraus etwas machen. Übertreibungen, warnt Orestis Terzidis, Leiter des Instituts für Entrepreneurship, Technologiemanagement und Innovation in Karlsruhe, mehren nur die Unwissenheit und schaffen Unsicherheit. Wir müssen verstehen wollen, was da passiert, und entscheiden, was uns nützt (S. 40).

Dabei hilft auch der Blick zurück. Was gab es nicht alles schon an vermeintlich genialen digitalen Errungenschaften, über die die Zeit hinweggegangen ist. Und wie oft haben wir das Gefühl, dass sich zwar alles ändert, aber nicht unbedingt besser wird (S. 58, 66).

Bleiben wir also gelassen, wachsam und bereit, nicht alles bierernst zu nehmen. Das war schon immer der beste Umgang mit einer sich verändernden Welt. ---

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Digitalisierung.

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