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Digitalisierung in Afrika

Die Digitalisierung ist eine Riesenchance für Afrika. Und verbessert schon jetzt das Leben von Millionen Menschen auf dem Kontinent.




• Der kenianische Kleinbauer Joseph Kamau verriegelte noch bis vor Kurzem jeden Abend, wenn es dunkel wurde, das Gatter vor seiner Zweizimmerhütte und einem Vorgarten von der Größe einer Garage. Dort drängelten sich dann neun Schafe, ein Hund, die Katze und vierzig Hühner. Der 68-Jährige zog sich mit seiner Frau und Tochter in die Hütte zurück, von der die Dunkelheit bereits Besitz ergriffen hatte. Ihnen blieb nicht viel mehr übrig, als sich – nach einem kurzen Abendessen im Schein des Petroleumkochers – ins Bett zu begeben.

Wenn der Bauer heute nach Hause kommt, schaltet er erst einmal das Licht und dann den Fernseher ein: „Das entspannt mich“, sagt er. Seine Tochter Janet nutzt die Elektrizität, die das aktentaschengroße Solarpanel auf dem Hüttendach erzeugt, um im Schein einer LED-Lampe ihre Schulbücher zu lesen. Die 18-Jährige macht bald Abitur und erinnert sich noch gut an die Zeit, als es nur Petroleumlampen gab: „Meine Augen tränten, und ich hustete andauernd. Das ist schon ein ziemlicher Unterschied“, sagt sie und lacht.

Ohne Digitalisierung säße die Familie noch heute im Dunkeln. Denn die Voraussetzung für die Erleuchtung von Joseph Kamaus Hütte war, dass der die rund 190 Euro teure Solaranlage in täglichen Minimalraten von etwa 40 Cent abzahlen kann – und dass M-Kopa, der Lieferant, den Strom bei anhaltendem Zahlungsverzug abschalten könnte.

Doch das war bei den Kamaus und vielen anderen Menschen im ländlichen Afrika ohne formalen Job noch gar nicht nötig. M-Kopa verkaufte allein in Kenia und Uganda bereits mehr als 650 000 Solarsets – nur rund acht Prozent der Käufer wurden säumig. Insgesamt leben in Afrika noch immer weit mehr als 600 Millionen Menschen ohne Strom: Ihr Leben könnte sich dank digitaler Technik einschneidend verändern.

Für die kenianische Firma M-Kopa ist das Solarset der Anfang der Geschäftsbeziehung. Hat ein Kunde nach zwei Jahren sein Einstiegs-Set abgestottert, kann er es erweitern, um beispielsweise einen Kühlschrank mit Strom zu versorgen. Oder er zahlt ein Fahrrad ab. Das eigentliche Produkt der Firma sind Kleinkredite, die Millionen Afrikanern aus der Armut helfen könnten.

Das Geschäftsmodell wäre ohne das Internet der Dinge und den Geldtransfer übers Mobilfunknetz – Mobile Money genannt – nicht möglich. Im schuhschachtelgroßen Kasten in Kamaus Hütte befindet sich unter anderem ein Telefonchip, der den Stromfluss steuert. Über ihn kann die Elektrizität abgeschaltet werden, falls Kamau einmal säumig werden sollte. Über den Chip wird auch die Ratenzahlung abgewickelt: Die rund 40 Cent gehen täglich von Kamaus Telefonguthaben ab.

Die Basis dafür legten vor zwölf Jahren ein paar kluge Köpfe beim kenianischen Telekomriesen Safaricom. Sie hatten mitbekommen, dass Kunden mit ihrem Handy zahlten, indem sie mit ihrem Telefonguthaben Rechnungen beglichen. Dann können wir doch gleich Geldüberweisungen übers Mobilfunknetz ermöglichen, sagten sich die Nerds von Safaricom – und brachten mit Mobile Money die erste bahnbrechende Hightech-Erfindung auf afrikanischem Boden zur Welt. Das handygestützte Geldtransfersystem erobert derzeit den Globus und verbessert das Leben von Millionen Afrikanern. Sie müssen keine riskanten Vereinbarungen mehr mit Busfahrern treffen, um ihren Verwandten auf dem Land Geld zukommen zu lassen, sie können per Handy einkaufen oder sich versichern lassen. Es kommen laufend neue Anwendungen hinzu

Das Mekka der afrikanischen IT-Szene ist Nairobi, auch „Silikon-Savanne“ genannt (siehe auch brand eins 04 /2018 „Wir sind drin“). Dort sind sowohl M-Kopa als auch die Mobile-Money-Mutter M-Pesa zu Hause – sowie zahlreiche Technologie-Hubs und Start-up-Inkubatoren. Im iLab Africa der privaten Strathmore-Universität wird das Konzept für eine Smart City entwickelt, und außerdem werden Hackathons veranstaltet. Ein Student tüftelt dort an einer Internetplattform, mit der die Wilderei von Elefanten besser bekämpft werden kann.

Im Bishop Magua Centre in Nairobi hat Eric Hersmans Firma Brck ihren Sitz, die robuste Internetempfänger für Minibusse herstellt. Nebenan betreibt Derrick Muturi seinen webgestützten Frischfleisch- und Gemüse-Service Herdy.co, der einmal zum Nahrungsmittel-Amazon Ostafrikas werden soll. Ebenfalls in der Stadt entwickelte Roy Allela einen smarten Handschuh namens Sign-IO, der die Zeichensprache für Gehörlose in akustische Sprache verwandelt: Für seine Erfindung wird der Software-Ingenieur derzeit mit Preisen aus aller Welt überschüttet.

Die Liste der in der kenianischen Hauptstadt entwickelten Anwendungen der Mobilfunktechnik ist schon heute lang wie ein Giraffenhals. Nutznießer sind neben Kleinbauern, die über ihr Handy Sturmwarnungen oder die aktuellen Preise für ihre Produkte abfragen, Pendler, die ihr Busticket online buchen können, oder Kranke, die ihre Arztbesuche über ein handygestütztes Konto abrechnen. Es gibt kaum einen Lebensbereich, der nicht digitalisiert wird. Selbst die in Afrika allgegenwärtigen Beerdigungsvereine, in denen die erheblichen Kosten eines würdigen Begräbnisses umgelegt werden, werden inzwischen von Softwareprogrammen verwaltet.

In Nairobis Gearbox, einer zweistöckigen Werkstatt im alten Industrieviertel der Stadt, wird das Vorurteil widerlegt, dass Afrikaner vielleicht Softwareprogramme entwickeln könnten, mit der Hardware aber überfordert seien. In der Gearbox werden derzeit 3D-Scanner aus recyceltem Material gefertigt und Fahr- radrahmen mit integriertem Solarpanel zusammengeschweißt, die die Kühltruhen mobiler Eisverkäufer speisen können. In einem Labor arbeitet ein Ingenieur an einer elektronisch gesteuerten Chili-Kanone, die Elefanten von menschlichen Siedlungen fernhalten soll: Eine Anwendung, die aus naheliegenden Gründen nur in Afrika entwickelt werden konnte.

Die Afrikanische Entwicklungsbank rechnet vor, dass in den kommenden drei Jahren im IT-Sektor des Kontinents mindestens zwei Millionen Jobs geschaffen werden könnten. Hätten die 70 Prozent Afrikaner, die bereits über ein Handy verfügen, auch Zugang zum Internet (zurzeit sind es lediglich 20 Prozent), würde das Bruttoinlandsprodukt um 300 Milliarden Dollar (etwa ein Fünftel des derzeitigen Volumens) zunehmen, hat McKinsey ermittelt. Allein in Südafrika, prophezeit die Beratungsfirma Accenture, könnte die weitere Digitalisierung für eine Wertschöpfung von fünf Billionen Rand (mehr als 300 Milliarden Euro) sorgen.

Oder, einfacher gesagt: Wer, wenn nicht Afrika, sollte von der digitalen Revolution profitieren? ---

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Digitalisierung.

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