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Die Kamera einfach laufen lassen

Der Dokumentarfilm wird gerade neu erfunden – dank einer Technik, die ungeahnte Möglichkeiten bietet.



Henning Brümmer an der Kamera


Film-Fortschritt dank Digitaltechnik: Christian Beetz

• Seinen Dokumentarfilm „Blood in the Mobile“ über den Koltan-Abbau und Bürgerkrieg im Kongo konnte Frank Piasecki Poulsen nur heimlich drehen. Die Warlords, die Betreiber der Minen und das Militär durften nichts von der Arbeit des Filmteams erfahren.

Der iranische Regisseur Jafar Panahi drehte seinen Spielfilm „Taxi Teheran“ ohne Drehgenehmigung mitten in der Stadt. Das Regime hatte ihm Berufsverbot erteilt.

Der libanesische Regisseur Rabih Mroué montiert Filme aus im Internet kursierenden Smartphone-Aufnahmen der Demonstrationen und Massaker im arabischen Frühling.

Keiner dieser Filme wäre mit analoger Technik möglich gewesen.

Die Digitalisierung verändert die Filmbranche nicht nur durch Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime oder bei Blockbuster-Großproduktionen mit spektakulären Animationen aus dem Rechner. Die Technik revolutioniert auch den Dokumentarfilm. Bei Aufnahme, Schnitt und Bildbearbeitung gibt es heute Möglichkeiten, von denen Filmschaffende vor zehn Jahren nur träumen konnten.

Mit kleinem Equipment und winzigen Datenspeichern kann man unauffällig und ohne offizielle Erlaubnis drehen und kinotaugliches Material produzieren. Zudem ist eine gute Ausrüs-tung heute für wenig Geld zu haben, was Langzeitbeobachtungen mit überschaubarem Budget ermöglicht. Auch ist es einfacher und billiger, mit Archivmaterial zu arbeiten und international zu kooperieren. „Viele unserer Filme wären ohne digitale Technik entweder unbezahlbar oder überhaupt nicht zu realisieren“, sagt Christian Beetz. Der mehrfache Grimme-Preisträger ist einer der wichtigsten deutschen Produzenten für aufwendige Dokumentarfilme. Allerdings entstehen mit den neuen Chancen auch neue Zwänge in der größer werdenden Konkurrenz um die raren Sendeplätze und Fernsehgelder.

24 Stunden Berlin oder Bayern

Der Regisseur und Produzent Volker Heise hat einige der längsten Dokumentarfilme der Welt produziert. Vor einem Jahrzehnt inszenierte er mit „24 h Berlin“ das Porträt einer Stadt an einem Tag, von sechs Uhr morgens am 5. September 2008 bis zur gleichen Uhrzeit am nächsten Tag. 80 Kamerateams drehten einen kompletten Tagesablauf in Kran-kenhäusern, Unternehmen, Privatwohnungen, Polizeistationen und Schwulenclubs. Sie begleiteten gewöhnliche Leute verschiedenen Alters und Prominente wie den Regierenden Bürgermeister oder die Choreografin Sasha Waltz. Am Ende hatten sie an die 800 Stunden Material. Für den Schnitt brauchten Heise und seine zehn Cutter-Teams ein Jahr. Der fertige Film ist genauso lang wie der gedrehte Tag: Man schaut den Berlinern 24 Stunden lang in Realzeit beim Frühstücken, U-Bahn-Fahren, Arbeiten, Nichtstun, Feiern und Schlafen zu. Kinder kommen auf die Welt, Brötchen werden gebacken und Straßen gereinigt, Menschen heiraten, sind im Gefängnis oder warten im Krankenhaus auf ihre Operation, andere Menschen werden beerdigt.

Der 24-Stunden-Film ist in der Frühphase der digitalen Filmproduktion entstanden. In den Fernsehsendern wurde 2008 noch analog mit Film auf Magnetband gearbeitet. Für sein Mammut-Projekt hat Heise mit dem japanischen Elektronik-Konzern Sony zusammengearbeitet: „Die hatten die Technik.“ Ein großes Problem waren die Speicherkarten. Sie waren extrem teuer, konnten jeweils nur drei Stunden Film speichern – und es gab zu wenige davon. „Sony konnte uns nur 200 Speicherkarten verkaufen, mehr konnten sie in der verfügbaren Zeit nicht herstellen“, so erinnert sich Heise an die digitale Steinzeit. Seine Leute mussten einen Fahrdienst organisieren, der bei den zeitgleich drehenden Kamerateams die vollen Speicherkarten abholte, das Material zum Überspielen ins Produktionszentrum brachte und die Kameraleute dann wieder mit leeren Speicherkarten versorgte. Heute drückt man den Kamerateams einfach ein paar zusätzliche Speicherkarten in die Hand, falls der Dreh etwas länger dauert.

Der entscheidende Vorteil der damals neuen Technik zeigte sich im Schnitt. „Auf dem Rechner war das gesamte Material verfügbar“, sagt Volker Heise. Jedes der zehn Schnitt-Teams hatte Zugriff auf jede gedrehte Minute Film. „Auf Beta wäre das eine Regalwand voller Kassetten gewesen. Das zu sichten, zu verwalten und zu bearbeiten ist bei dieser Menge an Material fast unmöglich. Man hätte jedes Band einzeln einlegen, spulen und die Passagen, die man verwenden will, kopieren müssen; aber jede analoge Kopie-Generation bedeutet einen Qualitätsverlust. Wir hätten für den Schnitt sehr viel länger gebraucht, das wäre unbezahlbar gewesen“, sagt Heise. Heute vereinfachen Schnittprogramme solch aufwendige Produktionen. Bald, hofft der Regisseur, werden Bilderkennungsprogramme dabei helfen, sich in großen Materialmengen zu bewegen und zum Beispiel nach bestimmten Motiven oder Gesichtern zu suchen.

Später setzte Heise die Reihe mit „24 h Jerusalem“ (2014) und „24 h Bayern“ (2017) fort. Derzeit schneidet er „24 h Europa“. Die Auflösung der Kameras ist in dieser Zeit immer besser geworden, sodass heute zusätzliche Bildquellen zur Verfügung stehen. Für „24 h Bayern“ verwendete Heise Tier-Aufnahmen, die von Wild-Beobachtungskameras stammen. Der Regisseur Sönke Wortmann variiert Heises Muster mit seinem Werk „Deutschland – Dein Selbstporträt“. Es besteht ausschließlich aus Amateurfilmen, die Menschen im Juni 2015 von sich und ihrer Welt aufgenommen hatten. Was früher mit Super-8-Amateurfilmen bestenfalls für einen Underground-Spaß gereicht hätte, ist heute dank digitaler Technik kino- und fernsehtauglich.


Mag die Langstrecke: Volker Heise. Rechts im Bild: Filmmaterial

Einblicke in den Bienenstock

Der Variantenreichtum der zur Verfügung stehenden Kameratypen ist größer den je – von Smartphones bis zu riesigen und sehr teuren Apparaturen, die enorm hohe Auflösungen erreichen. „Früher war die Frage, nehmen wir die kleine oder die große Arriflex“, sagt Heise. „Heute kann die Diskussion, welche Kamera man für welchen Dreh verwendet, sehr lang und kompliziert werden.“ Der Dokumentarfilmproduzent Christian Beetz bereitet derzeit einen Film über den Renaissance-Maler Tintoretto vor, in extrem hoher Auflösung. Die Bilder sind brillant, aber „das ist in der Postproduktion und bei der Datenmenge, die man speichern und verwalten muss, der reine Wahnsinn“, seufzt Beetz.

Für den Film „More than Honey“ über Bienen haben der Regisseur Markus Imhoof und Volker Heises Produktionsfirma Zero One Film Technik verwendet, die normalerweise nicht bei Kinoproduktionen, sondern eher in der Medizin eingesetzt wird: winzige Kameras, montiert auf Mini-Drohnen und ein Endoskop. Im Film sieht man opulente Aufnahmen aus dem Inneren des Bienenstocks, „das hat vorher noch niemand in einem Film gezeigt“, schwärmt Heise. Weil Imhoof keine wissenschaftliche Dokumentation für den Biologie-Unterricht, sondern einen Kino-film für ein breites Publikum drehen wollte, musste er eine Erzähldramaturgie entwickeln. Das bedeutete: Er brauchte jede Menge Material und ein Jahr Zeit für den Schnitt.

„Je mehr Optionen man hat, desto größer wird die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen“, resümmiert Heise. Weil das Speichermedium anders als früher wenig kostet und sehr viel aufnimmt. Das sorgt für eine große Auswahl und entsprechend mehr Arbeit im Schnitt. „Früher lag das Schnittverhältnis, also die Relation zwischen gedrehtem und tatsächlich im fertigen Film verwendetem Material vielleicht bei 3 zu 1“, sagt der Produzent Christian Beetz. Auf 30 Minuten Drehmaterial kamen 10 Minuten im Film. „Heute kann das Schnittverhältnis bei 100 zu 1 liegen“, sagt Beetz.

Nur so werden Langzeitbeobachtungen wie der Film „Gaza“ möglich, eine Beetz-Produktion, die vor Kurzem beim Sundance Festival, einem der renommiertesten der Branche, ihre Weltpremiere hatte. Die Filmemacher beobachteten mehr als vier Jahre das Leben im Gaza-Streifen. Sie suchten lange nach Protagonisten, manch einer sprang ab, andere verschwanden. „Wir haben sehr viel gedreht, auch wenn gerade nichts passierte“, sagt Beetz. „Jemand geht die Straße entlang, plötzlich geht neben ihm eine Bombe hoch. Das hätten wir früher nicht gehabt, einfach weil die Kamera nicht immer an war.“

Minenarbeiter, die sich selbst filmen

Eine Spezialität der Berliner Filmproduktion Gebrüder Beetz sind aufwendige politische Dokumentarfilme. In seinem von Amnesty International ausgezeichneten Film „Blood in the mobile“ dokumentierte der dänische Regisseur Frank Piasecki Poulsen 2009 im Kongo den illegalen Abbau von Koltan, ein Rohstoff für die Handy-Produktion. Im Film sieht man, wie ihn einer der Arbeiter warnt: „Wenn sie erfahren, dass ihr hier einen Film macht, bringen sie euch um.“ Sie, das sind die Minenbetreiber und Warlords, die mit dem Koltanhandel ihre Milizen finanzieren. Weil Poulsen nicht selbst in die Minen steigen konnte, gab er den Arbeitern Kameras dorthin mit – sie filmten sich selbst. „Man brauchte kleine Kameras, man musste unauffällig und schnell sein“, sagt Christian Beetz.

Eine andere Produktion von ihm, der Film „Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“, tourt seit Monaten über die internationalen Filmfestivals und ist in 45 Ländern im Kino oder im Fernsehen zu sehen, ein Welterfolg, nominiert für den Grimme-Preis. Die Filmemacher zeigen die Arbeit von Content-Moderatoren in Manila, die für Facebook und andere Social-Media-Plattformen die Gewaltpornografie aussortieren – die Putztruppe des Internets, die die Schmutzarbeit macht.

Die Recherchen waren aufwendig und zäh, am Ende kostete die Produktion etwa eine Million Euro, viel für die Berliner Produktionsfirma. „Wenn er nicht weltweit gut verkauft worden wäre, wäre es schwierig für uns geworden“, sagt Beetz. Zu Beginn ihrer Recherche in Manila wussten die Filmemacher Hans Block und Moritz Riesewieck nicht, ob aus ihrem Projekt jemals ein Film würde. Ihre Haltung: „Wir fangen halt mal an.“ Beetz ergänzt: „Früher musste auch ein Produkt entstehen, weil schon der erste Drehtag teuer war. Heute kann man lange recherchieren, am Anfang auch ergebnisoffen.“


Mit der Kamera mittendrin: Standbild aus dem Trailer des Films „Gaza“

Bei einer anderen Großproduktion, Andrei Nekrasovs sechsteiliger Fernsehserie über den Kollaps der sozialistischen Ostblock-Diktaturen, „Lebt wohl, Genossen!“, konnten Beetz und der Regisseur auf Archivmaterial zugreifen, das in analogen Zeiten nur mit großem Aufwand und zu deutlich höheren Kosten verfügbar gewesen wäre. Sie recherchierten in elf Ländern und verwendeten historische Filme aus Dutzenden Archiven.

„Archivmaterial zu kopieren war früher relativ teuer. Man musste sich sehr früh entscheiden, welches Material man verwenden will. Man musste Leute zum Sichten und Auswählen in die Archive schicken. Die Filmrollen mussten aus dem Keller geholt werden, man musste Sichtplätze mieten. Ein irrer Aufwand“, sagt Beetz. Heute ist vieles digitalisiert, das Material wird einfach gemailt oder auf einen Speicher kopiert. Das erlaubt nicht nur eine sehr viel größere Ausbeute, das Material lässt sich auch vielfältiger aufbereiten. So wird Nekrasows Fernsehserie um eine Onlineplattform mit Dokumenten und Interviews ergänzt.

Einfacher sei der Job dadurch allerdings nicht, sagt Beetz. Denn das Publikum ist anspruchsvoller geworden. Der spröde Minimalismus eines Dokumentarfilmers wie Harun Farocki hätte es heute schwer. Außerdem wächst die Konkurrenz, weil die Basis-Produktionsinstrumente, Kamera und Schnittprogram- me, leicht und günstig verfügbar sind.

Der Konkurrenzdruck und die veränderten Sehgewohn-heiten legen einen Aufwand nahe, der früher weder nötig noch bezahlbar gewesen wäre. Große, internationale Dokumentarfilm-Produktionen werden heute mit dem Aufwand von Spielfilmen produziert. In der Postproduktion werden die Filme raffiniert bearbeitet, etwa bei der Farbkorrektur, indem man sie Bild für Bild retuschiert oder Beleuchtungsfehler und Wackler korrigiert werden. Beetz beobachtet eine „immense technische Aufrüstung“ auf allen Ebenen.

Anspruchsvolle Dokumentarfilme sind also nicht unbedingt billiger geworden, obwohl sie günstiger produziert werden können. Sie sind aber sehr viel komplexer, vielschichtiger, bildstärker, schlicht besser als je zuvor. Sie haben die Chance, vom Nischenprodukt zu einem einflussreichen Genre zu werden – und ein sehr viel größeres Publikum zu erreichen. Mit genauen Beobachtungen und gut erzählten Geschichten können sie dafür sorgen, dass wir uns ein besseres Bild von der Welt machen, in der wir leben. ---

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Digitalisierung.

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