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Das geht

Erhebt euch!

Ein Unternehmen aus Rüsselsheim will Angestellte zum Aufstehen animieren.




• Sie wollten weniger sitzen, Leonard Beck und seine beiden Kollegen, und es trotzdem so bequem wie möglich haben. Der eine bekam mit Anfang 30 Probleme mit dem Rücken, Beck mit Mitte 20 Hüftbeschwerden, an langen Tagen am Schreibtisch wurden sie schlimmer. Heute, drei Jahre später, ist er 27-Jährige Geschäftsführer und Mitgründer einer Möbelfirma.

Mit seinen Kollegen hatte Beck für ein Rechercheportal für Studenten gearbeitet. 2016 beschlossen sie, im Stehen zu arbeiten. Sie versuchten es mit Umzugskartons auf dem Schreibtisch, aber das war auf Dauer nicht gerade komfortabel. Schreibtische, deren Höhe sich elektrisch verstellen lässt, kosten bis zu 1000 Euro, das war ihnen zu teuer. Auch das Angebot an Steh-Aufsätzen überzeugte sie nicht: zu schwer oder zu instabil, nicht höhenverstellbar oder zu teuer.

Sie hatten eine Marktlücke gefunden. Nach Feierabend überlegten sie, wie der ideale Stehschreibtisch-Aufsatz aussehen könnte und fertigten Skizzen an. Ihr Problem: Beck war Politikstudent, der eine Kollege Marketing-Experte, der andere Rechtsanwalt – sie hatten keine Ahnung von Konstruktion. Bei den darauf folgenden Entwürfen half ihnen eine Flugzeugingenieurin, mit der sie befreundet waren.

Beck sagt, dass sie ihr Projekt nicht nur aus gesundheitlichen Gründe sinvoll fanden: „Wir haben schnell gemerkt, dass wir im Stehen kreativer und produktiver wurden. Man verfällt weniger ins Faulenzen und lenkt sich seltener ab.“


Im Stuhl rumhängen? Nicht mit ihm.

Ein paar Monate später hatten sie den „Standsome“ entwickelt: drei oder vier Holzbretter, die ineinandergesteckt werden, keine Schrauben, kein Leim, dafür eine Arbeitsfläche, deren Höhe man innerhalb von Sekunden verstellen kann. Ein Produkt, das so simpel wirkt, dass die Möbelfirma manchmal erklären muss, warum sie dafür rund 200 Euro haben will.

„Wir antworten dann meist, dass der Standsome in Deutschland hochwertig gefertigt wird: aus dem Holz gelasert und in mehreren Schritten geschliffen und lackiert“, sagt Beck.

Im November wurde die Firma, die ihren Sitz in Rüsselsheim hat – von dort kommen die Gründer – mit dem „Hessischen Gründerpreis“ ausgezeichnet. Seit ihrem Start im Sommer 2017 haben sie 2000 Aufsätze verkauft, und das ausschließlich online. Das Produkt profitiert vor allem von seinem guten Ranking bei Google – obwohl die Firma nicht für Werbung zahlt. Es gebe, so Beck, schlicht wenig Konkurrenz. Der einzige andere höhenverstellbare Aufsatz aus Holz komme aus Südafrika.

Zwar wollen immer mehr Menschen im Stehen arbeiten, doch es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, wie sinnvoll das ist. Arbeitsmediziner und Krankenkassen warnen schon länger vor den Folgen langen Sitzens, erwiesen ist auch, dass die Zahl der Beschäftigten mit Rückenschmerzen steigt. Der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse bezweifelt jedoch, dass Stehen die Lösung des Problems ist: „Es ist letztlich auch eine einseitige Belastung, der die Dynamik fehlt.“ Sein Tipp: sich zwischendurch bewegen, etwa Treppen steigen oder Kniebeugen machen. In Phasen intensiver Konzentration sei Sitzen außerdem sinnvoller. Mit dem Standsome ist der Wechsel einfach.

Die erste Holz-Großbestellung finanzierten die Gründer mit einem privaten Darlehen, seitdem ist die Firma profitabel. Im ersten Jahr setzte sie 30.000 Euro um, 2018 das Zehnfache, in diesem Jahr soll es eine Million werden. Leonard Beck hat die einzige volle Stelle in der Firma, die beiden anderen Gründer haben sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Sie sind aber in die Weiterentwicklung involviert. Geplant, sagt er, seien noch weitere Möbelstücke, die gesundes Arbeiten erleichtern sollen. Beck selbst verbringt nun zwar deutlich mehr Zeit am Schreibtisch als vor drei Jahren – aber er sitzt weniger. ---

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Digitalisierung.

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