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Blockchain

Waren Kryptowährungen nichts weiter als ein Hype? Unser Autor ist überzeugt: Sie waren nur der Anfang – die dahinterstehende Blockchain-Revolution könnte weit größer werden, als viele ahnen.





• Für Innovationen gilt die Tsunami-Theorie: Die Welle ist anfangs von einer gewöhnlichen nicht zu unterscheiden. Nähert sie sich dem Strand, wird sie haushoch und in ihrer Wirkung gnadenlos. Wird der Tsunami durch ein Erdbeben ausgelöst, gibt es immerhin ein Frühwarnsystem. Bei Innovationen sind wir auf Futurologen und Ökonomen mit begrenzter Treffsicherheit angewiesen. Wie also erkennt man das nächste große Ding?

Bei Blockchain und Kryptowährungen hilft es nicht, auf den Kurs zu schauen – Softwareentwicklern sind die Kurse meistens egal. Auf Konferenzen zeigt sich: Egal wie die Kurse stehen, die Arbeit an wichtigen Projekten geht mit Volldampf weiter, das Jahr 2018 hat auf technischer Seite große Fortschritte gebracht. Der Krypto-Winter, wie manche die aktuelle Baisse nennen, trennt zudem die Spreu vom Weizen und hält die Buzzword-Jongleure auf Distanz. So manches Blockchain-Projekt in Unternehmen gleicht in der Rückschau eher einem Potemkinschen Dorf, das zeigen soll: Wir machen da jetzt auch was in diese Richtung, wir verpassen den Anschluss nicht.

Aus meiner Sicht wird wegen Blockchain und Co. in ein paar Jahren kein Stein auf dem anderen und kaum eine Industrie davon verschont bleiben, Arbeit und Leben werden sich völlig verändern. Das mag jetzt vielleicht etwas pathetisch oder zu sehr nach Dezember 2017 klingen, als der Bitcoin bei mehr als 20 000 Dollar stand. Doch schon Churchill sagte, man könne umso weiter in die Zukunft sehen, je weiter man zurückblickt. Genau das empfiehlt sich auch in diesem Fall.

Die Blockchain-Technik knüpft an den Innovationssprung der Renaissance in Italien an, als Luca Pacioli die doppelte Buchführung so weit entwickelte, dass venezianische Kaufleute ein globales Handelssystem etablieren und damit zu Weltruhm aufsteigen konnten. Die Medici schalteten eine Vertrauens-Institution dazwischen, die sich bis heute im Kern nicht verändert hat: die Bank. Gut 500 Jahre später, im Jahre 2005 erfand der Software-Ingenieur Ian Grigg die dreifache Buchführung: Beide Parteien haben weiterhin eine Kopie der Transaktion, aber zusätzlich ist eine Version in einem öffentlichen, dezentralen Kontobuch gespeichert, und zwar pseudonym über digitale Fingerabdrücke, sogenannte Hash-Funktionen, die eine zweifelsfreie Zuordnung ermöglichen und nachträglich nicht mehr verändert werden können.

Dieses dezentrale Netzwerk übernimmt die Vertrauensposition. Die Frage ist: Wozu braucht man dann noch Banken?Wer braucht ein Konto, wenn ein Wallet reicht? Wer braucht einen Kredit von einem Finanzinstitut, wenn es Kreditgeber auf Augenhöhe in einem sicheren Netzwerk gibt? Wer braucht eine aufwendige Prüfung der Kreditwürdigkeit, wenn sich ein Scoring direkt aus der Blockchain ableiten lässt? Für all diese Beispiele gibt es bereits funktionierende Anwendungen von Start-ups. Nur die massenhafte Verbreitung fehlt noch. Für uns in Mitteleuropa mag all das noch eine Spielerei sein, für zwei Milliarden Menschen ohne Zugang zu Bankdienstleistungen könnte es ihre Welt verändern.

Blockchain ist mehr als eine technische Revolution. Sie steht für eine tief greifende Veränderung sozialer Institutionen, vor allem, wenn es um Vertrauen geht. Für den deutschen Soziologen Niklas Luhmann dient Vertrauen der Reduktion sozialer Komplexität. Ohne Vertrauen käme das soziale Leben zum Erliegen: Wir müssten alles und jeden kontrollieren, rund um die Uhr, unseren Anwalt, Arzt und Ehepartner. Ein gewaltiger Kostenfaktor. Vertrauen ist nichts anderes als mentale Buchführung und hat einen Preis: das Risiko der Enttäuschung.

Blockchain minimiert dieses Risiko. Die Technik ist eine Quelle der Wahrheit und macht Vertrauen potenziell überflüssig. Wir können uns nur noch nicht vorstellen, was das alles bedeuten kann.

Institutionen, Autoritäten, Gatekeeper: Unsere alte Welt ist voll von Vertrauensgaranten, denn ohne sie wäre sozialer Austausch bisher kaum möglich. Die Blockchain könnte dagegen das Betriebssystem der neuen Welt werden.

Wie wäre es zum Beispiel mit sozialen Netzwerken auf Basis der Blockchain, bei denen die Nutzer die Hoheit über ihre Daten behalten? In China greift gerade ein soziales Punktesystem um sich, das als gut eingestuftes Verhalten belohnt und schlechtes bestraft; neuerdings lässt sich in der Provinz Hebei per App auch anzeigen, wer im Umkreis von 500 Metern Schulden hat. In solchen Szenarien geht es längst nicht mehr um Bitcoin als Spielgeld von ein paar Nerds – in einer von Algorithmen gesteuerten Überwachungswelt dürfte einigen bald dämmern, dass kryptografisch abgesicherte Privatheit ein Menschenrecht ist.

Vertrauen im System

Wer in den Krypto-Kaninchenbau hinabsteigt, dem begegnen mehr Fragen als Antworten. Verstehen wir die Welt um uns herum überhaupt? Oder sind wir doch nur Kinder in den Körpern von Erwachsenen? Der Technikphilosoph Günther Anders hat treffend von der „Weltfremdheit des Menschen“ und der verspäteten Auffassungsgabe unserer Spezies gesprochen. Es sind solche philosophischen Fragen, die durch Blockchain und Kryptowährungen wieder ins Zentrum rücken. Woher stammt das Vertrauen in bestehende Systeme, wenn nicht aus dem subjektiv beschränkten Erfahrungshorizont, dass es bisher schon irgendwie glimpflich ausgegangen ist? Wie stabil ist diese Welt, auf die wir uns so sorglos verlassen? Unwissenheit ist nur so lange eine Wohltat, bis das böse Erwachen kommt.

Undurchsichtige Bankbilanzen und Rekordverschuldung sind das eine; vielen Menschen ist schon nicht bewusst, dass ein Bankkonto nicht das Gleiche ist wie ein Schließfach. Selbst das Geld, das man glaubt, auf der Bank zu haben, ist nur ein Auszahlungsanspruch, der auf Umständen basiert, die wir nicht kontrollieren können. Die in physischen Kryptowallets gelagerten virtuellen Währungen sind aus diesem Blickwinkel tatsächlich schon längst realer als das, was viele noch für echtes Geld halten.

Kryptowährungen, dezentrale Applikationen, das Web 3.0: Wo hört diese Entwicklung auf, die für die meisten Menschen noch gar nicht richtig sichtbar geworden ist? Auch das Recht ist eine soziale Institution, quasi der Reparaturbetrieb für enttäuschtes Vertrauen. Eine Vertragsabwicklung über die Blockchain, in der die Transaktionen aller Parteien quasi eingraviert und automatisiert ausgeführt werden, ohne dass ein Vertragspartner den Prozess noch vereiteln kann, könnte zum neuen Abwicklungsstandard des internationalen Handels werden.

Das Londoner Start-up Mattereum arbeitet genau daran. Da grundsätzlich jeder physische Gegenstand auf der Blockchain abgebildet werden kann – egal ob Goldbarren, Oldtimer oder Kunstwerke (sogenannte Tokenisierung) –, werden illiquide Gegenstände plötzlich liquide. Wo bisher fehlendes Vertrauen den vertraglichen Austausch vereitelte, könnte es einen Wohlstandsschub bedeuten, wenn das Vertrauen im System steckt.

Denkt man den Prozess weiter, könnten wir vor einer Revolution des gesellschaftlichen Zusammenlebens stehen. Mehr als 150 000 Jahre lebten Menschen in Horden, kannten sich persönlich und vertrauten sich. Bei 150 Personen ist die kognitive Grenze an sozialen Beziehungen jedoch erreicht. Die Blockchain erlaubt Interaktionen in ungeahnter Höhe, ermöglicht Netzwerk-Ökosysteme auf globaler Ebene mit Strukturen, die an Genossenschaftsmodelle oder die Ubuntu-Philosophie Afrikas erinnern: eine Art Meritokratie der Nerds, in der belohnt wird, wer das Netzwerk fördert, und bestraft, wer es ausbeuten will.

Neuere Blockchain-Projekte arbeiten mit einem Konsens-Algorithmus, der das energieintensive Mining ersetzt und zu konstruktivem Miteinander animiert. Was Religionen und Ideologien nicht vermochten, nämlich destruktiv-egoistisches Verhalten einzudämmen, könnten Nullen und Einsen schaffen. Die Spezies Mensch beherrscht die Welt, weil sie zur Kooperation fähig ist, und zerstört die Welt, weil sie diese Chance nicht nutzt. Steht uns nach Renaissance und Aufklärung ein Krypto-Neolithikum bevor?

Die technische Innovation ist eine Revolution besonderer Art. Sie verändert nicht durch Protest oder Pamphlete. Sie zwingt nicht zum Umdenken durch die Lahmlegung der Maschinen, sondern dadurch, dass sie eine bessere Alternative anbietet und das Alte eben alt aussehen lässt. Autos ersetzten Pferdekutschen, Smartphones Telefonhäuschen, Netflix könnte das Kino ersetzen. Nun könnten wir erleben, dass allgegenwärtige Strukturen und Institutionen infrage gestellt werden: Geld und Banken, Lieferketten, Notariate. Durch Blockchain wird ein Hack bestehender Systeme und die Ersetzung ihres Betriebssystems möglich; es ist eine Revolution durch dezentrale Kybernetik unter potenzieller Mitwirkung aller.

Und wo alle mitmachen können, sorgt ein natürlicher Netzwerkeffekt schnell für exponentielles Wachstum, für welches das menschliche Gehirn wiederum nicht genug Rechenpower, pardon, Vorstellungskraft hat – wir denken lieber linear. Dabei hat es uns das Internet bereits vorgemacht, auch wenn es gut 50 Jahre gedauert hat. Bei Blockchain und Kryptowährungen könnte es weitaus schneller gehen, da die Infrastruktur bereits da ist. Die Tsunami-Theorie lässt grüßen. Nach der Blockchain wartet noch ein viel größeres Ding: Wir selbst sind es, wenn wir es schaffen, diese Technik zum größten Nutzen aller einzusetzen. ---

Milosz Matuschek, Jahrgang 1980, ist Gründer & CEO des Start-ups Eternitas sowie Jurist und Publizist. Zum Thema Blockchain veröffentlichte er mit Philipp Mattheis zuletzt „Kryptopia“ im Nicolai Verlag. Sein neuestes Buch heißt „Generation Chillstand“.

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Digitalisierung.

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