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Was wäre, wenn …

Ein Szenario.





• Als sich am 27. April Südkoreas Präsident Moon Jae In und Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un an der Grenze trafen, sich die Hände reichten und jeweils das Land des anderen betraten, war dies nur ein kleiner Schritt über eine gemauerte Schwelle – aber ein großer für den Annäherungsprozess beider Länder. Denn offiziell befinden sie sich nach wie vor im Krieg: Der 1950 begonnene Koreakrieg endete 1953 zwar mit einem Waffenstillstand, ein Friedensvertrag wurde jedoch nie geschlossen.

Im April beschlossen die beiden Staatsmänner nun, bis Jahresende einen aufzusetzen. Was wäre, wenn es zu einer Wiedervereinigung der Demokratischen Volksrepublik Korea mit der Republik Korea käme? Wenn Nord- und Südkorea – und die demilitarisierte Zone dazwischen – wieder ein Land wären?

In Südkorea leben an die 50 Millionen Menschen, fast doppelt so viele wie im etwas größeren Nordkorea. Gigantisch ist der ökonomische Unterschied zwischen den beiden Ländern: Der Norden kommt nicht mal auf ein Hundertstel des Bruttoinlandsproduktes des hoch entwickelten Südens, der zwölftgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Dort gibt es knapp 93.000 asphaltierte Straßenkilometer, im Norden lediglich 724. Das Bruttonationaleinkommen in Südkorea beträgt knapp 33 000 Euro pro Einwohner, in Nordkorea rund 1600 Euro. 73 Prozent der Südkoreaner besitzen ein Smartphone, von den Nordkoreanern haben nur 19 Prozent einen Computer, und selbst in der Hauptstadt Pjöngjang können gerade mal fünf Prozent der Bewohner im eingeschränkt nutzbaren Internet surfen. Fünfjährige Jungen sind in Südkorea mit 113 Zentimetern durchschnittlich 9 Zentimeter größer als die im Norden; mit einer Lebens- erwartung von 83 Jahren werden Südkoreaner 12 Jahre älter als ihre Nachbarn.

Eine Wiedervereinigung zweier Länder auf einem derart unterschiedlichen Entwicklungsstand müsste nach Auskunft des Korea-Experten Bernt Berger mit einer wirtschaftlichen Kooperation beginnen. „Ich gehe davon aus, dass man zuerst Investitionskorridore entlang der Küsten schaffen würde“, sagt er, „bis hinauf zu den Sonderwirtschaftszonen, die Nordkorea bereits mit China aufgebaut hat.“ Berger ist bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik Spezialist für die koreanische Halbinsel.

Eine politische Vereinigung sei aber deutlich schwieriger: „Das sozialistische System im Norden hat sich seit mehr als 60 Jahren abgeschottet und ist beinahe eine Klan-Gesellschaft mit verschiedenen Familien, die das System beherrschen“, so Berger. „Eine politische Einheit müsste mit diesen Familieninteressen abgeglichen werden – keine einfache Aufgabe.“

Die Kosten für eine Wiedervereinigung werden sehr unterschiedlich geschätzt: von mehreren Milliarden bis zu einer Billion Dollar. Der australische Nordkorea-Experte Leonid Petrov geht sogar von drei Billionen aus. Finanzieren ließe sich dies theoretisch durch die immensen Vorkommen von Bodenschätzen in den Bergen Nordkoreas. Neben Gold und Silber sind dort große Mengen sogenannter Seltener Erden zu finden, die für die Herstellung von Smartphones und anderen technischen Geräten benötigt werden. Der Wert dieser Bodenschätze wird auf sechs bis zehn Billionen US-Dollar geschätzt.

Fachleute, beispielsweise von der Universität von Hawaii, sind der Ansicht, dass der Norden bei einer Wiedervereinigung zum günstigen Produktionsstandort für die südkoreanische Hightech-Industrie werden könnte. Die lässt ihre Samsung-Smartphones und LG-Fernseher derzeit vor allem in China fertigen. Ein weiterer Standortvorteil: Nordkoreas Bevölkerung ist mit 34 Jahren im Durchschnitt sieben Jahre jünger als die südkoreanische.

Diese Kombination aus jungen Arbeitskräften und Bodenschätzen im Norden und Kapital, Know-how und Infrastruktur im Süden könnte dank der strategisch günstigen Lage eine mächtige Nation entstehen lassen. Eine Studie von Goldman Sachs prophezeite 2009, dass ein vereintes Korea trotz aller Kosten und Widrigkeiten nach 30 bis 40 Jahren sämtliche G7-Staaten mit Ausnahme der USA wirtschaftlich übertreffen würde.

Auch ein vereintes Militär träfe – selbst im Falle einer nuklearen Abrüstung des Nordens – weltweit auf wenig gleich Starke: Gemeinsam kämen die Länder auf mehr als 1,8 Millionen Soldaten und ein Vielfaches an Reservisten, knapp 6000 Panzer, 32 000 Artillerieeinheiten, 95 U-Boote und mehr als 1100 Kampfflugzeuge.

Mindestens genauso schwierig zu überbrücken wie die wirtschaftlichen wären die kulturellen Unterschiede. „Die beiden Länder haben zwar dieselbe Sprache, ähnliches Essen und dieselbe Abneigung gegen Japaner – aber ihre Lebenswelten liegen meilenweit auseinander“, sagt Berger. „Das merkt man beispielsweise daran, dass viele Überläufer es nicht schaffen, in Südkorea Fuß zu fassen, und in den Norden zurückkehren wollen.“

In Südkorea lässt die Sehnsucht nach einem vereinten Korea nach. In den Neunzigerjahren waren mehr als 80 Prozent der Einwohner dafür, 2011 nur noch 56 Prozent. 72 Prozent der jungen Südkoreaner zwischen 20 und 29 Jahren finden sie laut einer Studie von Dezember 2017 sogar unnötig.

Falls die Einheit doch kommt, stellt sich auch die Frage, was aus der demilitarisierten Zone wird, die die Länder seit 1953 trennt. Das Betreten des 248 Kilometer langen und vier Kilometer breiten Gebiets ist (bis auf sehr wenige Ausnahmen) verboten, weshalb sich dort eine nahezu unberührte Waldlandschaft entwickeln konnte, in der bedrohte Tierarten leben. Es gibt viele Ideen, was im Falle einer Wiedervereinigung in der Zone enstehen könnte: von einem Nationalpark bis hin zu Attraktionen für Touristen. ---