WAGNER

Das ist die Botschaft der Familie Wagner – agile Stuhlfabrikanten aus der schwäbischen Provinz.





• Die Wagners sind häufiger geschäftlich in Hamburg und steigen dann gern im „East“ auf St. Pauli ab. Das Hotel fungiert als eine Art Showroom für ihr Unternehmen mit Sitz in Langenneufnach bei Augsburg, denn die Bestuhlung des Restaurants stammt von ihnen. Und alle Sitzgelegenheiten haben eine Besonderheit: Sie schwingen dank eines patentierten Gelenks sanft hin und her.Die Wagners haben diesen Dondola genannten Mechanismus Ende der Neunzigerjahre gemeinsam mit dem Erfinder Stephan Meyer zunächst für Bürostühle entwickelt und seit einigen Jahren auch Produkte für die Gastronomie im Angebot – auf dass auch Barhocker stets in Bewegung bleiben.

Damit schließt sich der Kreis, denn die Geschichte des Unternehmens fing mit der Produktion eines Wirtshausstuhls an, bevor man sich auf Bürostühle verlegte. Das wiederentdeckte Geschäftsfeld hat zwei Vorteile: Erstens sind Gastronomen und Hoteliers weniger preissensibel als Einkäufer von Büromobiliar. Zweitens hilft die Ausstattung von gut frequentierten Restaurants – zu denen das ebenfalls mit Wagner-Stühlen bestückte „Störtebeker“ in der Hamburger Elbphilharmonie zählt – die Marke bekannt zu machen und neue Kunden anzulocken. „Die Leute sind überzeugt, sobald sie unsere Stühle einmal ausprobiert haben“, sagt Peter Wagner, 49, der für Design und Marketing im Unternehmen zuständig ist.

Sein 53-jähriger Bruder Rainer ist geschäftsführender Gesellschafter und lehrt nebenbei als Honorarprofessor an der Hochschule Fresenius in München Produktions- und Qualitätsmanagement. Die eigene, hochautomatisierte Fertigung unterscheidet die Schwaben von vielen Konkurrenten und bildet die Basis für Innovationen. Die neueste Entwicklung ist eine gemeinsam mit dem Industriedesigner Stefan Diez entwickelte Stuhlserie namens D1. Je nach Körperhaltung können Sitz und Lehne unabhängig voneinander nach vorn und hinten bewegt werden und gleichzeitig in beide Richtungen schwenken. Die Neuheit kommt im Herbst auf den Markt und wurde bereits von der Pinakothek der Moderne in München geordert. Rainer Wagner betont, dass der D1 nicht nur schön, sondern auch effizient zu produzieren sei. Die Büroversion soll weniger als 30 Kilo wiegen und mindestens zehn Jahre halten.

Peter Wagner plaudert derweil schon von neuen, vielversprechenden Kunden: „Wir sind mit Bahn- und Automobilherstellern im Gespräch, die an unserer Technik interessiert sind, um ihre Sitze in Bewegung zu bringen.“ Damit könnten auch für Reisende die Zeiten vorbei sein, in denen sie einfach so auf ihrem Hosenboden ausharren konnten. ---

Moritz Wagner ist ein Tüftler mit Sinn für Marketing. Er entwickelt 1949 in Langenneufnach bei Augsburg einen ebenso leichten wie stabilen Wirtshausstuhl, den er mit einem aussagekräftigen Foto bewirbt: Zwei seiner Mitarbeiter stehen auf Lehne und Beinen des auf der Seite liegenden Stuhls, Wagner thront auf den Schultern der Männer – so lasten auf den Schwachpunkten des Möbels rund 250 Kilo, ohne dass es bricht. Auch die damals in Bayern beliebten Wirtshausschlägereien können dem Stuhl wenig anhaben. Wagner baut auf seiner Erfindung einen Industriebetrieb auf und lehrt traditionell arbeitende Schreiner das Fürchten. Sein Sohn Michael gründet 1976 eine eigene Firma, die er Topstar nennt – was damals modern klingt – und entwickelt unter diesem Markennamen das Geschäft mit Bürostühlen. Zu Hoch-Zeiten produzieren die Schwaben mehr als zwei Millionen Stühle jährlich, später macht ihnen Billigkonkurrenz aus Asien schwer zu schaffen. Ende der Neunziger entschließt sich die Familie daher zu einem radikalen Schnitt: Sie verzichtet weitgehend auf das Geschäft mit Discountern wie Staples oder Office Depot und damit auf viel Umsatz. Und lanciert mit Wagner neben Topstar eine Premiummarke, um Vitra, Wilkhahn & Co. Konkurrenz zu machen. Der Firmengründer Moritz Wagner erfährt im Jahr 2018 eine späte Ehrung: Sein Wirtshausstuhl wird fast 70 Jahre nach der Erfindung vom Rat für Formgebung mit dem German Brand Award ausgezeichnet.

Topstar GmbH

Mitarbeiter: 404
Umsatz 2017: rund 95 Mio. Euro
davon mit der Marke Wagner: 15 Mio. Euro
Gewinn: rund 5,1 Mio. Euro