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„Vielleicht ist es totaler Wahnsinn“

Der Harvard-Professor David Keith erforscht, ob man den Planeten mithilfe von Schwefelteilchen in der Stratosphäre abkühlen kann. Ein Gespräch über eine sehr billige und sehr radikale Idee, um die Erderwärmung abzumildern.





• Man sollte vielleicht vorweg sagen: Der Mann ist nicht einfach nur verrückt. David Keith ist Physiker, setzt sich seit Langem dafür ein, den Ausstoß von Treibhausgasen zu begrenzen und ist einer der führenden Umweltwissenschaftler der Welt. Er unterrichtet in Harvard, ist schon vor dem US-Kongress und vor dem britischen Parlament als Experte aufgetreten, und er hat in den vergangenen 20 Jahren mehr als 150 Studien zu einem sehr sensiblen Thema verfasst: Geo-Engineering, also das bewusste Eingreifen in die geo- und biogeochemischen Kreisläufe der Erde. Keith kämpft dafür, dass in großem Stil erforscht wird, ob man das Klima durch Geo-Engineering abkühlen kann.

Seine Idee: Ein Teil des Sonnenlichtes soll in großer Höhe – in etwa 20 Kilometern – reflektiert werden. Das könnte zum Beispiel mithilfe von Schwefel passieren. Kleine Schwefelpartikel würden eine feine Pulverschicht in der Luft bilden, die das Sonnenlicht reflektiert, so wie aufgewirbelter Hausstaub. Etwa ein Prozent des Sonnenlichtes will David Keith zurück ins All reflektieren. Die Welt würde sich dadurch etwas abkühlen und der Klimawandel weniger drastisch ausfallen. Das zumindest ist die Hoffnung.

Ganz neu ist die Idee nicht. Sie tauchte schon in den Sechzigerjahren in amerikanischen Regierungsanalysen auf. Und sie imitiert im Grunde etwas, das in der Natur immer mal wieder vorkommt: starke Vulkanausbrüche, die große Mengen Schwefel in die Atmosphäre schleudern. Mit manchmal drastischen Folgen. Als im Jahr 1815 der Vulkan Tambora in Indonesien in einer gewaltigen Eruption ausbrach, folgte darauf in Europa und den USA „das Jahr ohne Sommer“, an manchen Orten mit Schnee und Frost im Juni und Juli.

Will die Sonne dimmen: David Keith

David Keith setzt sich dafür ein, zunächst vor allem die Risiken des Geo-Engineering zu erforschen. Seine Kritiker fürchten, dass keine Forschung jemals vorhersehen kann, was die Konsequenzen eines großflächigen Einsatzes wären. Und sie befürchten, dass mit dem Einsatz von Geo-Engineering endgültig jede Anstrengung, weniger fossile Brennstoffe zu benutzen, erlahmen würde und die notwendige Energiewende ausbliebe.

brand eins: Herr Keith, Sie haben mal gesagt, dass es eine „brutal hässliche Lösung“ wäre, den Klimawandel dadurch abzuschwächen, indem man Schwefelteilchen in der Stratosphäre ausbringt, um damit die Erde abzukühlen. Warum beschäftigen Sie sich dennoch damit?

David Keith: Weil wir die Risiken besser verstehen müssen. In unseren Modellen deutet sich an, dass dieser Ansatz die Erwärmung des Klimas sehr effektiv aufhalten könnte. Die wichtigsten negativen Effekte des Klimawandels könnten wohl eingedämmt werden: extreme tropische Stürme, extreme Hitze und extreme Niederschläge.

Weshalb müssen die Teilchen in derart großer Höhe ausgebracht werden?

Weil dort die Stratosphäre beginnt. Und dort braucht man deutlich weniger Material, um die Sonneneinstrahlung zurückzuspiegeln. Ein Gramm Schwefel kann dort oben den Effekt von einer Tonne Kohlendioxid am Boden ausgleichen. Man hat da ein Wirkverhältnis von eins zu einer Million. Es müsste also gar nicht besonders viel Material ausgebracht werden, um das Klima auf der Erde zu verändern.

Welche sind die größten Risiken?

Luftverschmutzung ist das offensichtlichste Risiko. Wenn man so viele Schadstoffe verteilt, dann sollte man sich sehr sicher sein, was damit passiert, wenn diese wieder zu Boden sinken. Aber das größte Gesundheitsrisiko – zumindest in unseren Klimamodellen – ist nicht die Luftverschmutzung durch herabgesunkenen Schwefel, sondern die Luftverschmutzung, die durch die Abkühlung des Klimas entsteht.

Warum?

Das liegt daran, dass all die Schadstoffe, die wir sowieso schon in die Luft bringen, auf die Abkühlung reagieren. Jedes Jahr sind das weltweit mehrere 100 Millionen Tonnen Material, mit dem wir die Luft verschmutzen. Das tötet jährlich zwischen drei und sechs Millionen Menschen. Einige dieser Stoffe, wie zum Beispiel Schwefel, richten weniger Schaden an, wenn es wärmer ist. Wenn man also die Atmosphäre abkühlt, werden sie etwas gefährlicher für den Menschen. Alles in allem sollte die Abkühlung des Klimas dennoch mehr Nutzen als Schaden bringen. Deshalb wollen wir die Erderwärmung so weit wie möglich verlangsamen.

Die Methode beruht auf der Zuverlässigkeit der Klima-Modelle. Etwas Derartiges wurde aber noch nie gemacht. Könnte es nicht sein, dass die Modelle total danebenliegen?

Es sind die gleichen Modelle, die benutzt werden, um die Auswirkungen von Kohlendioxid auf das Klima vorherzusagen. Es kann sein, dass wir falschliegen. Aber es gibt keinen Grund, wieso die besten Klima-Modelle gut darin sein sollten, die Auswirkungen von Treibhausgasen vorherzusagen, aber schlecht darin, die Auswirkungen von Schwefelpartikeln in der Stratosphäre zu berechnen.

Wie viel Sonnenlicht würde überhaupt zurück ins Weltall reflektiert werden?

Wenn wir die Erderwärmung halbieren wollten, müssten wir wohl weniger als ein Prozent des Sonnenlichtes reflektieren.

Um die Erderwärmung zumindest teilweise zu stoppen, müsste man jedes Jahr Geld etwa in der Größenordnung der Kosten für einen teuren Hollywood-Blockbuster ausgeben, haben Sie einmal geschrieben. Wie kommen Sie auf diese Summe?

Man bräuchte am Anfang nur etwa eine Million Tonnen Schwefel pro Jahr, um das Klima abzukühlen. Nach einem Jahr müsste die Schicht erneuert werden, weil die Teilchen dann zu Boden gesunken sind. Eine Million Tonnen Schwefel klingt nach viel, ist es aber nicht. Das ließe sich mithilfe von leicht modifizierten Flugzeugen und einer Flotte in der Größe einer kleinen Airline bewerkstelligen. Etwa 20 Flugzeuge würden ausreichen. Sie müssten zwar extra für Flüge bis in die Stratosphäre ausgerüstet werden, aber das würde jeder größere Flugzeughersteller problemlos hinbekommen. Für ungefähr 1,5 Milliarden US-Dollar ließe sich das realisieren.

Die Menschheit ist jetzt schon nicht besonders gut darin, sich beim Klimawandel auf globale Lösungen zu verständigen. Warum sind Sie so optimistisch, dass die Staaten den nötigen Willen aufbringen, um jahrzehntelang Geo-Engineering zu betreiben?

Da die Technik weder kompliziert noch teuer ist, könnten fast alle größeren Länder der Welt sie einsetzen. Man müsste nur sicherstellen, dass sie nicht plötzlich wieder damit aufhören.

Was würde dann passieren?

Das hängt davon ab, wie viel Kohlendioxid in der Zwischenzeit ausgestoßen wurde. Je mehr Kohlendioxid in der Luft ist, desto schneller und drastischer wäre der Temperaturanstieg. Wenn man plötzlich aufhören würde zu streuen, hätte man wohl innerhalb kurzer Zeit – in etwa fünf Jahren – einen sehr heftigen Temperaturanstieg. Ich halte es aber nicht für realistisch, dass die Menschheit das Geo-Engineering auf einmal einstellen würde, wenn sie erst einmal damit angefangen hat.

Was wäre der größte vorstellbare Missbrauch?

Eine Gruppe Länder könnte sich zusammenschließen und die Technik nur auf der Nord- oder nur auf der Südhalbkugel einsetzen. Das brächte die Regenfallrhythmen in den Tropen durcheinander und hätte wahrscheinlich katastrophale Konsequenzen.

Umweltorganisationen befürchten, dass Pflanzen und Algen massiv leiden könnten, wenn ein Teil des Sonnenlichtes reflektiert würde.

Der Effekt von Schwefel in großer Höhe wäre letztlich klein im Vergleich zu den Lichtveränderungen, die der Mensch sowieso verursacht. Unsere Luftverschmutzung in Erdnähe verändert das Licht bereits wesentlich mehr, als es durch Geo-Engineering in der Stratosphäre je passieren würde. Aber letztlich wissen wir darüber noch zu wenig.

Einige Wissenschaftler befürchten, dass schon der verantwortungs- volle Einsatz von Partikeln in der Stratosphäre dazu führen könnte, dass die asiatische und afrikanische Monsunzeit ausbleiben könnte und es zu massiver Trockenheit und zu Ernteausfällen kommt. Sind Sie sicher, dass das nicht passieren würde?

Diese Bedenken sind gerechtfertigt, aber es gibt bis jetzt keine einzige Studie, die sich mit Dürre und Geo-Engineering des Sonnenlichtes auseinandersetzt. Und in unseren Klima-Modellen sieht es so aus, als würde der Einsatz der Technik dazu führen, dass es weniger Schwankungen beim Niederschlag gibt – solange man die Teilchen gleichmäßig über der Nord- und Südhalbkugel verteilt.

Der stärkste Einwand ist, dass sich die Folgen derart weitgehender Eingriffe überhaupt nicht absehen lassen.

Aber wir greifen doch sowieso schon massiv ins Klima ein, indem wir Treibhausgase in die Atmosphäre bringen. Auch hier wissen wir bis heute nicht endgültig, welche die Risiken sind. Die fundamentale Frage ist am Ende, was riskanter ist: eine Welt, in der Kohlendioxid das Klima erwärmt, oder eine Welt, in der ein Teil dieser Erwärmung durch das Reflektieren des Sonnenlichtes abgeschwächt wird. Beide Szenarien haben ihre Risiken. Die Frage ist nur, welches weniger riskant ist. Wenn mich jemand fragen würde, ob wir sofort damit anfangen sollten, Schwefel in der Stratosphäre zu verteilen, wäre meine Antwort: nein. Zunächst müssen wir mehr über mögliche Risiken dieser Art des Geo-Engineering herausfinden. Vielleicht ist es totaler Wahnsinn. Aber das erfahren wir nur, wenn mehr dazu geforscht wird.

Sie haben einmal gesagt, interessierte Kreise würden Ihre Forschung zum Geo-Engineering vermutlich für ihre Zwecke nutzen. Wie kommen Sie darauf?

Menschen handeln aus Eigeninteresse; und es ist klar, dass die Öl-und Erdgasindustrie alles tun wird, um den Ausstoß von Treibhausgasen nicht verringern zu müssen. Ein Teil der Industrie hat schlicht ein Interesse daran zu argumentieren, dass diese Technik das Problem lösen und dass sie perfekt funktionieren werde, obwohl das nicht so sein wird.

Es gibt seit 20 Jahren eine Auseinandersetzung zwischen Umweltaktivisten wie mir, die sich dafür einsetzen, dass Emissionen verringert werden, und der Industrie, die sich dagegen wehrt. Geo-Engineering wird diese Spannung nicht auflösen. Wir müssen unseren Ausstoß an Kohlendioxid in jedem Fall drastisch verringern. Sonst müssten wir jedes Jahr größere Mengen reflektierenden Materials ausstreuen, mit immer größeren negativen Nebenwirkungen. An einer Reduzierung der Treibhausgase führt also kein Weg vorbei, selbst wenn wir uns dafür entscheiden, das Klima systematisch abzukühlen.

Wer würde am meisten davon profitieren, wenn wir das Sonnenlicht herunterdimmten?

Diejenigen, die unter dem Klimawandel am meisten leiden werden: die Armen in den Entwicklungsländern des globalen Südens.

Da die Technik relativ billig ist: Besteht nicht das Risiko, dass sich Inselstaaten zusammenschließen und einfach loslegen, bevor sie im Meer versinken?

Es wird sicher Druck geben, genau das zu tun: einfach im Alleingang anzufangen. Aber es ist derzeit nur schwer vorstellbar, dass so etwas an den größeren Nationen wie den USA vorbei entschieden werden kann.

Gegen ein englisches Geo-Engineering-Forschungsprojekt demon- strierten Umweltverbände – obwohl die Wissenschaftler aus Cambridge letztlich nur Wasser mit einem Schlauch versprühen wollten. Das Experiment wurde schließlich eingestellt. Wieso sind die Reaktionen so harsch?

Es fällt mir schwer, zu verstehen, wieso man gegen Forschung sein sollte. Die grundlegende Frage ist wohl: Wann ist Wissen falsch? Wenn ich eine Methode entwickle, um billig Pockenviren herzustellen, sehe ich das ein. In diesem Fall muss man sich aber schon sehr sicher sein, dass diese Art von Geo-Engineering nicht funktionieren kann. Aber wir wissen das schlicht nicht. Was wir dagegen sehr wohl wissen, ist, dass es sehr viele Menschen geben wird, die durch den Klimawandel in den nächsten 50 Jahren massives Leid erfahren werden. Warum sollte eine Technik, die dieses Leid vermeiden könnte, keine Forschung verdienen? ---