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Roland Dieterle

Vom ruandischen Präsidenten persönlich auserwählt – und schließlich gefeuert: Was der deutsche Architekt Roland Dieterle beim Bau eines Prestigebaus in Kigali erlebte.




• Leicht ist Roland Dieterle die Rückkehr nicht gefallen. Gerade drei Jahre ist es her, dass der Münchener Architekt hier in Kigali die schlimmste Zeit seines Lebens verbrachte, wie er sagt. Dass er sich in der Hauptstadt Ruandas auch heute nicht wohl fühlt, ist an seinem unruhigen Blick abzulesen. „Es ist schon ein komisches Gefühl“, sagt er. „Einerseits tut es weh. Aber stolz bin ich auch.“

Stolz ist der Mann mit dem schwarzen Polo-Shirt, den weißen Hosen und der schwarzen Hornbrille in jenem Moment, als in dem beim Spaziergang über den Regierungshügel eine im Sonnenlicht metallisch gleißende Kuppel auftaucht: das Kigali Convention Center (KCC), Roland Dieterles Werk.

Die hochmoderne Kuppelkonstruktion aus Stahlträgern und belastbarer PVC-Haut würde man eher in Barcelona erwarten als hier. Ein Überraschungseffekt, den Dieterle genau so auch beabsichtigt hatte. Längst ist das eigenwillige Gebäude zum Wahrzeichen des ostafrikanischen Landes geworden. Das Magazin der staatlichen Fluggesellschaft hat dem ikonischen Bauwerk eine Titelgeschichte gewidmet, für Werbeplakate des Tourismusbüros wurde eine Gorillafamilie im Foto vor die Silhouette des Kuppelbaus montiert. Und wenn sich Afrikas Staatschefs in Ruanda treffen, tun sie das unter dem von Dieterle gestalteten Dom. Auf die Frage, wie ihm das neue Wahrzeichen gefalle, ruft ein Staatsbeamter, der gerade vorbeiläuft: „I am in love with it.“


Das Kigali Convention Center beim „Transform Africa Summit“

Doch als am Abend die Sonne der plötzlich einsetzenden Dunkelheit weicht, verflüchtigt sich auch Dieterles Stolz. Jetzt feuern spiralförmig um die Kuppel angebrachte Leuchtstoffröhren hektische Sequenzen in die Nacht, wie die Neonreklame einer Disko. „Das ist ja grauenhaft!“, sagt Dieterle, und man sieht ihm an, wie sehr er leidet, ein wenig krümmt sich seine Haltung. „So hatten wir das nicht geplant.“

Aus dem, was er entworfen hatte, ging vieles, aus seiner Sicht: viel zu vieles, nicht. Beim Rundgang durch sein Werk zuckt der gebürtige Schwarzwälder jedes Mal zusammen, wenn er Details entdeckt, die den Bau verschandeln: hier der durch einen Zwischenboden „verpfuschte“ Dom, dort dessen „schrecklich fader“ Anbau und da hinten das Hotel, dem man sich heute statt von vorn von hinten nähern muss. „Es hätte so viel schöner werden können“, seufzt Dieterle.

Vor 14 Jahren wurde Roland Dieterle, heute 65, völlig überraschend dazu ausersehen, Ruanda mit einem architektonischen Wahrzeichen ein neues Image zu verschaffen. Ein Traum schien in Erfüllung zu gehen: „Einen derartigen Auftrag kriegt man nur einmal im Leben, wenn überhaupt.“ Dieterle investierte elf anstrengende Jahre, bis er schließlich, zwischen dem ruandischen Bauherrn, einer chinesischen Baufirma und deutschen Bauvorschriften eingezwängt, aufgeben musste. Als sich abzeichnete, dass das KCC selbst zum allerletzten Stichtag – dem Gipfeltreffen der Afrikanischen Union im Juni 2016 – nicht fertig werden würde, kündigte der ruandische Bauherr fristlos die Verträge mit der chinesischen Baufirma und dem deutschen Architekten.

Hätte eine türkische Firma das Kongresszentrum nicht gerade noch rechtzeitig fertiggestellt, wäre das Wahrzeichen zu einer peinlichen Bauruine verkommen. Bei der Einweihung wenige Tage vor dem Gipfel lobte Präsident Paul Kagame die Beharrlichkeit seiner Landsleute. Und etwas leiser die multinationale, deutsch-chinesisch-türkisch-afrikanische Kooperation, die trotz aller Widrigkeiten noch etwas Brauchbares hervorgebracht habe. Von dem lauen Lob erfuhr Dieterle nur übers Internet. Er war zur feierlichen Eröffnung des Baus nicht eingeladen worden.

Und dabei hatte alles so vielversprechend begonnen: Roland Dieterle hatte damals als leitender Architekt des Siemens-Konzerns gekündigt und sich selbstständig gemacht (siehe brand eins 04 /2010: „Ausbruch aus der Matrix“) . Sein letztes Projekt mit Siemens sollte die Umsetzung der Wahnsinnsidee eines Investors werden, der in den Vereinten Arabischen Emiraten ein Unterwasserhotel bauen wollte. Vom Bett aus sollte man Haie über sich schwimmen und von der Toilette aus Hummer neben sich kriechen sehen – ein Vorhaben ganz nach dem Geschmack des wagemutigen Architekten.

An der Pressekonferenz in Dubai, auf der das Projekt vorgestellt wurde, nahm auch ein Verwandter des ruandischen Präsidenten teil, wie Dieterle später erfuhr. Er sollte offenbar Informationen über den Architekten sammeln und seine Eindrücke nach Kigali und Berlin, zum dortigen ruandischen Gesandten, weiterleiten. Kurze Zeit später lud der Botschafter Dieterle zu einem Besuch nach Ruanda ein. „Warum genau, hat er mir nicht gesagt“, erinnert sich der Münchener. „Ich lasse mich aber gern auf Überraschungen ein.“

Eine rätselhafte Audienz beim Präsidenten

Mehrere Tage lang wurde der deutsche Gast durch das Land der tausend Hügel chauffiert, an den malerischen Kivu-See und durch den tierreichen Akagera-Nationalpark. Mit dem Hubschrauber des Präsidenten wurde er zu den Gorillas in die Berge geflogen. Eines Abends erfuhr Dieterle, dass ihn der Staatschef Kagame anderntags persönlich kennenlernen wollte. Er solle zu diesem Zweck eine kleine Präsentation vorbereiten, wurde ihm zu verstehen gegeben. Worüber, blieb unklar. Es muss wohl etwas mit Tourismus zu tun haben, vermutete Dieterle. Also stellte er dem Staatschef am nächsten Tag ein Marketing-Konzept für das Reiseziel Ruanda vor, das sich dieser, immer wieder Fragen stellend, auch geduldig anhörte. Schließlich holte der Staatschef, der als wohlwollender Diktator gilt, zu einem anderthalbstündigen Vortrag über die Lage der ruandischen Nation aus. Dieterle erinnert sich gut daran: „Ich muss schon sagen, dass ich beeindruckt war.“

Anschließend flog der Architekt wieder nach Hause, der eigentliche Zweck seiner Reise blieb ihm ein Rätsel. Bis wenige Wochen später erneut der Gesandte aus Berlin anrief. Dieterle möge doch bitte noch einmal nach Kigali kommen, jetzt würden die Karten offengelegt. Und tatsächlich: Der Präsident hatte ihn zum Baumeister seines nationalen Prestige-Projektes auserwählt. Kagame sei wohl von seinem Ruf beeindruckt gewesen, so erklärt sich Dieterle heute seine überraschende Berufung: Einerseits sei er als langjähriger Repräsentant eines Weltkonzerns im Umgang mit Institutionen erfahren, gleichzeitig aber auch unorthodox und wagemutig.

„Wir Ruander brauchen Herausforderungen, die größer sind als unsere Alltagsprobleme“, erklärte Paul Kagame während der zweiten Audienz. „Wenn sich unser Land nicht mit voller Kraft vorwärtsbewegt, werden wir in die Vergangenheit zurückfallen – mit katastrophalen Folgen.“ Die dunkle Vision des Präsidenten war keinesfalls übertrieben. Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Völkermord hat der ostafrikanische Kleinstaat höchstens oberflächlich zu sich selbst gefunden (siehe Randspalte, S. 125). Im ersten Jahrzehnt seiner inzwischen 24-jährigen Amtszeit hatte Kagame als Wahrzeichen der traumatisierten Nation vor allem Gedenkstätten des Völkermords errichten lassen. Den Ruandern sollten die Folgen ihres verhängnisvollen Verhaltens ins Gedächtnis gebrannt werden. Nun aber suchte der Präsident nach einem Symbol, das sein Land nicht trennen, sondern vereinen sollte – nach einem architektonischen Sinnbild für eine moderne, in die Zukunft gerichtete Nation. Für diese Aufgabe war in den Augen Kagames offenbar ein deutscher Architekt besonders gut geeignet. Bei ihm konnte man davon ausgehen, dass er sich bereits eingehend mit Themen wie Völkermord und Wiedervereinigung beschäftigt hat.

Es fing so gut an

Dieterle war Feuer und Flamme. Sein Wagnis, sich selbstständig zu machen, hatte sich schon gelohnt: Sein Büro war sofort ausgelastet. Von dem Vertrauen der Ruander war der Architekt beeindruckt: „Eine derartige Chance hätte ich nirgendwo anders bekommen.“ Zusätzlich zu dem Konferenzzentrum in Kigali sollte Dieterle gleich noch ein Luxushotel am Kivu-See und eine Gästeresidenz für den Präsidenten errichten.

Zugleich hatte Roland Dieterle Zweifel. War ein teures Prestigeprojekt tatsächlich das, was der Staat, der zu den 20 ärmsten der Welt gehört, am dringendsten brauchte? Sollten von dem Geld nicht lieber Kindergärten, Krankenhäuser und Schulen gebaut werden? Vehement gegen das Vorhaben sprach man sich in der deutschen Botschaft in Kigali aus: Ein derartiges Prestigeprojekt sei das Letzte, was Ruanda brauche, hieß es dort. Von Anfang an hielten die Berliner Gesandten größtmögliche Distanz zu Dieterle. Noch heute ist keiner der Diplomaten auch nur zu einem Hintergrundgespräch über den Bau des Kongresszentrums bereit.

Dieterle wusste allerdings auch um die Bedeutung der Bilder. Schließlich zahlt sich ein gutes Image für einen Staat auch wirtschaftlich aus, macht ihn für Investoren und Touristen interessant. Also machte er sich an die Arbeit und reiste noch einmal durchs Land, diesmal auf der Suche nach der Essenz des Ruandischen, nach Farben und Formen, die allen Teilen der Bevölkerung vertraut sind und zur Grundlage eines identitätsstiftenden nationalen Wahrzeichens werden könnten. Dabei fielen Dieterle ausgerechnet die runden Lehmhütten besonders auf, die Kagame wegen ihres hinterwäldlerischen Images eigentlich aus der Welt schaffen wollte. Dabei hatten selbst Ruandas Könige in strohbedeckten runden Hütten gelebt – wenn auch in riesigen. Dieterle setzte sich durch: Das Wahrzeichen musste rund sein, eine große, durchsichtige Kuppel, mit der die Tradition erhalten bleibt und zugleich eine leichte, transparente Zukunft verkörpert wird.

Unter heimischen Bedingungen hätte sich die Rolle des deutschen Baumeisters im weiteren Verlauf auf die eines Aufsehers beschränkt. Doch Dieterle stellte fest, dass der afrikanische Bauherr, die ruandische Regierung, weder über ein Finanzierungskonzept noch über eine erfahrene Projektleitung verfügte. Selbst an der Suche nach einem Bauunternehmen und einem Hotelbetreiber sollte sich Dieterle beteiligen. „Ich sagte ihnen, dass ich in München keine große Firma, sondern nur ein kleines Büro betreibe.“ Doch davon ließen sich die Ruander nicht beirren.

Auf ausdrücklichen Wunsch des von deutscher Wertarbeit schwärmenden Präsidenten schaute sich Dieterle zunächst zu Hause nach einem Bauunternehmen um – mit niederschmetterndem Ergebnis. Sobald ein deutscher Firmenchef beim Googeln herausfand, dass Ruanda als Krisenland eingestuft und zudem dort vor Malaria gewarnt wurde, war das Gespräch beendet. Ohnehin wäre die Realisierung des Projektes mit deutschen Arbeitern wohl viel zu teuer geworden. „Die Deutschen wollten nicht einmal an einer Ausschreibung teilnehmen“, erinnert sich Dieterle. Da half auch seine Mitgliedschaft im Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft nichts.

Also ging die Suche dort weiter, wo sie seit einigen Jahren meist hinführt, wenn Afrikaner sich etwas Großes vornehmen: in Peking. Zur Vorstellung ihres Projektes in der chinesischen Hauptstadt nahmen Dieterle und der ruandische Bauherr leere Kartons mit – sie wollten den Eindruck erwecken, sie hätten noch etliche andere Bewerber. „Aber ich glaube, die Chinesen durchschauten uns schnell.“ Dennoch zeigte sich die Beijing Construction Engineering Group zur Realisierung des Projekts bereit, und zwar für 210 statt der befürchteten 300 Millionen US-Dollar. Ursprünglich hatte Kagame 40 Millionen veranschlagt. Selbstverständlich müsse dann jedoch nach chinesischen Maßstäben und Vorschriften gebaut werden, forderten die Pekinger Ingenieure. Architekt und Bauherr blieb nichts anderes übrig als einzuschlagen.


Leidet immer noch darunter, wie seine Pläne verhunzt wurden: der Architekt Roland Dieterle. Kennt man die ganze Geschichte, wundert man sich, dass es heute überhaupt existiert: das Kigali Convention Center, Wahrzeichen Ruandas

Damit begann Dieterles Albtraum. „Schauen Sie sich das an“, sagt er, der Perfektionist, und zeigt auf ein Regenrinnengitter aus billigem Blech, das sich bereits aus seiner Umfassung wölbt. Immer wieder bleibt er während der Begehung seines Bauwerks stehen, um sich kopfschüttelnd einem Detail zu widmen: der falsch paneelierten Decke, dem unpassenden Design an der Front des Kongressgebäudes, den aus minderwertigem Glas geschnittenen Scheiben des Hotels. Die Feilscherei um Qualitätsstandards habe praktisch am ersten Tag begonnen, erinnert sich Dieterle. Fast alle Baumaterialien wurden aus China geliefert. Wenn sie ausgetauscht werden mussten – auch auf Geheiß des Bauherrn hin, der auf deutsche Standards nicht verzichten wollte –, gingen jedes Mal drei Monate verloren. „Es war die Hölle“, sagt Dieterle.

Weil es in Ruanda damals keine Baugesetze gab, griff der Architekt in Absprache mit dem Bauherrn auf die deutschen zurück, was die Spannungen mit den Chinesen noch verschärfte. Nicht immer sei die deutsche Seite am Clash der Kulturen ganz unschuldig gewesen, räumt Dieterle ein: Es kam vor, dass seine Ingenieure ausgiebig über der Frage brüteten, wie mit Bauvorschriften zu Frost oder starkem Schneefall umzugehen sei – lediglich zwei Grad südlich des Äquators mit Tiefsttemperaturen von 14 Grad Celsius. Ihre hohen Anforderungen zogen die Bauzeit in die Länge und trieben die Preise in die Höhe.

Die Deutschen neigten zum bürokratischen Overkill, klagten die Chinesen. Monat für Monat reichte die Pekinger Firma neue Nachtragsforderungen ein. In ihrer Zentrale seien mehr Juristen als Ingenieure beschäftigt gewesen, schimpft Dieterle. Vollends verhängnisvoll wirkte sich ein Passus im Vertragswerk zwischen den Chinesen und Ruanda aus, der der Beijing Construction Engineering Group auch für solche Tage Bezahlung zuerkannte, an denen sie vor Ort gar nicht arbeiten konnte. Ihre Untätigkeit ließ sich das Unternehmen mit einer fünfstelligen Dollarsumme pro Tag vergolden.

Geschäftspartner hinter Gittern

Unterdessen trübte sich auch Dieterles Verhältnis zum ruandischen Bauherrn, denn der wechselte seine Projektleiter ständig aus. Die meisten waren mit Bauten dieser Größe völlig unerfahren. Die Folge sei eine chronische Entscheidungsschwäche des Bauherrn gewesen, erzählt Dieterle. Die Projektleiter hätten sich auch vor den scharfen ruandischen Anti-Bestechungsgesetzen gefürchtet. Vielleicht hatten sie auch Angst vor dem nicht immer nur wohlwollenden Diktator. Denn Kagame gilt als ausgesprochener Kontrollfreak – er habe sich auch schon stundenlang mit dem Etikett der Wasserflasche einer Staatsfirma beschäftigt, wird in Kigali erzählt.

Wenn ein solcher Autokrat etwas zur Chefsache erklärt, kann Unvermögen oder gar Widerspruch gefährlich werden. Einige der ehemaligen Ansprechpartner Dieterles sitzen heute im Gefängnis. Hinter den Kulissen seien wohl auch politische Intrigen ausgetragen worden, die man als Fremder höchstens ahnen konnte, sagt Dieterle. Einmal habe sogar ein Politiker den Briefkopf seiner Firma benutzt, um einen Kontrahenten ins Messer laufen zu lassen. Selbst drei Jahre später erklärt sich auch auf ruandischer Seite niemand bereit, über das missglückte Vorhaben auch nur unter vorgehaltener Hand zu reden. „Sie müssen verstehen …“, bittet Didier Sagashya, der als letzter Projektleiter die Chefsache schließlich zu einem noch brauchbaren Ende brachte. Über Chefsachen spricht in Kigali keiner gern.

Der ruandische Bauherr und die chinesische Firma standen sich zumindest anfangs noch als Freunde gegenüber. Er selbst habe oft als Sündenbock herhalten müssen, sagt Dieterle. Um vor dem Bauherrn das Gesicht zu wahren, hätten die Chinesen stets alle Schuld dem Architekten zugeschoben. Das passte auch gut zur globalen Stimmungslage. Sind Europäer beteiligt, pflegen sich Afrikaner und Asiaten in antikolonialer Solidarität zu verbrüdern. Als schließlich drei hohe ruandische Offiziere zu Projektleitern bestellt wurden, sei diesen schnell klar geworden, dass sie von der Pekinger Firma verschaukelt wurden, so Dieterle. Da war es um die Freundschaft geschehen.

Den chinesischen Ingenieuren wurden die Pässe entzogen. Sie durften das Land erst verlassen, als sie zumindest auf einen Teil der geforderten Summe verzichtet hatten. Zeitweise hatte die ruandische Regierung derart hohe Dollar-Beträge nach Peking überwiesen, dass die Devisen in Kigali knapp wurden, erzählt man sich noch heute in der Hauptstadt. Zur Popularität des Wahrzeichens in der Bevölkerung hat das nicht beigetragen. Nach Dieterles Schätzungen kostete das gesamte Bauvorhaben rund eine halbe Milliarde US-Dollar – mehr als ein Fünftel des gesamten Jahresetats des ostafrikanischen Staates.

Vor dem endgültigen Aus hatte Dieterle noch eine weitere Höllenkammer zu passieren. Die ruandische Regierung zog südafrikanische Berater hinzu, die den Bauverlauf beschleunigen sollten. Das taten sie, indem sie alles ihnen unwesentlich Erscheinende dem Rotstift opferten – unter anderem den Bürokomplex, der den Bau in der Mitte und das Hotel zu einem architektonischen Triptychon vervollständigen sollte.

Schließlich meldeten sich auch noch die Sicherheitsexperten des Landes zu Wort. Die nach der Millenniumswende auch in Afrika erhöhte Terrorgefahr ließ es plötzlich als ausgeschlossen erscheinen, dass ein Saal, in dem seine Exzellenz, der Präsident, und andere Staatsoberhäupter auftreten würden, durch eine nur drei Millimeter dicke Membrane aus Hightech-Plastik von der Außenwelt geschützt wird. Die Sicherheitsberater ordneten an, die Kuppel mit einem Betonboden vom Auditorium zu trennen. Der einzigartige Innenraum des Saals – fast 40 Meter hoch und transparent – war ruiniert. An den akustischen, beleuchtungs- und belüftungstechnischen Details seiner „Kathedrale“ hatte der Architekt jahrelang getüftelt: „Jetzt ist es, als ob der Gottesdient in der Krypta stattfinden würde“, klagt Dieterle.

Den rund tausend Teilnehmern, die sich anderntags im KCC zum „Transform Africa Summit“ eingefunden haben, scheinen die Unzulänglichkeiten nicht aufzufallen. „Das ist schon ein beeindruckendes Bauwerk“, schwärmt ein Jungunternehmer aus dem Silicon Valley. Er weiß ja nicht, wie beeindruckend die Kathedrale ohne Deckel gewesen wäre. Auch das eigenwillige Hotelgebäude, das mit seinen poppigen Lamellen wie in Geschenkbänder eingewickelt wirkt, hat es den Digitalisierungsexperten angetan. „Ich wünschte, es gäbe bei uns zu Hause auch solche Orte“, sagt ein kenianischer Webdesigner beim Sundowner auf einer der zahlreichen Terrassen des Centers. Auch er weiß nicht, wie viel lebhafter das Bauwerk geplant war. Als zeitgenössische Agora sollte alles der Bevölkerung Kigalis zum Flanieren, Shoppen und Kaffeetrinken zur Verfügung stehen. Auch diesen Plan durchkreuzten die Sicherheitsexperten.

Inzwischen ist der gesamte Komplex zu seiner Frontseite hin abgeriegelt – wenn wie an diesem Tag der Präsident im Kongresssaal auftritt, dürfen sich auf der Allee nicht einmal Fußgänger bewegen. Aus dem Symbol für ein transparentes Gemeinwesen ist so ein Sinnbild für abgeschottete Herrschaft geworden. Die Diktatur, wie wohlmeinend auch immer, hat das passende Wahrzeichen bekommen.

Und Dieterle? „Es gab in dieser Geschichte keine Helden, nur Opfer“, sagt er. Dass „die Baubranche eine Schlangengrube ist“, habe er schon in Deutschland gewusst. Doch was sein Beruf so alles mit sich bringen könne, habe er erst in Kigali erfahren. „Ich bin da schon etwas blauäugig rangegangen“, räumt Dieterle ein. Heute würde er einiges anders machen. Womöglich aber nur, um sogleich wieder aufs Neue überrascht zu werden. Denn dass multinationale Prestigeprojekte viel vertrackter werden als geplant, ist in Afrika üblich.

Dass der KCC-Bau schließlich nicht im Desaster endete, ist auch der türkischen Baufirma Summa zuzuschreiben. Sie wurde nach dem Rausschmiss Dieterles und der Chinesen von der ruandischen Regierung damit beauftragt, das zu etwa zwei Dritteln fertiggestellte Bauwerk zu vollenden. Das gelang ihr – zum Teil nach den Plänen des deutschen Architekten – in weniger als einem Jahr.

Am Ende sei aus seinem Kigali Convention Center ja nun doch noch ein so nützliches wie außergewöhnliches Gebäude geworden, tröstet sich Dieterle, als er zusieht, wie die Teilnehmer des Transform Africa Summit das Zentrum bevölkern: „Es hätte noch viel schlimmer kommen können.“ Beim Abschiedsdrink auf der Terrasse seines multinationalen Bauwerks kommt ihm ein Sprichwort in den Sinn: „Gott würgt dich, aber er bringt dich nicht um.“ ---


Es sei ja doch noch ein nützliches Gebäude geworden, tröstet sich Dieterle

Nachdem Ruanda 1962 unabhängig geworden war, gab es dort zahlreiche Pogrome und Massaker, die schließlich in einem Völkermord gipfelten. Weit mehr als 800.000 Ruander wurden im Frühsommer 1994 innerhalb von drei Monaten umgebracht, die meisten von ihnen mit Macheten getötet, enthauptet oder zerstückelt.

Die Gewaltexzesse führen Kenner des Landes nicht zuletzt auf die deutsche und belgische Kolonialzeit zurück. Nach dem Divide-et-Impera-Prinzip hatten die europäischen Herrscher die ruandische Bevölkerung in eine privilegierte Tutsi-Minderheit und eine benachteiligte Hutu-Mehrheit aufgeteilt. Während die Tutsi aus der Nilregion ins Zentrum Afrikas gekommen waren, stammen die Hutu aus dem Westen des Erdteils. Bei der Ankunft der Europäer lebten Hutu und Tutsi jedoch längst problemlos zusammen.

Mit der Unabhängigkeit sah die von den Kolonialherren an den Rand gedrängte Hutu-Mehrheit die Chance zur Revanche gekommen. Militante Hutu töteten Tausende von Tutsi oder jagten sie aus dem Land – darunter die Eltern des heutigen Präsidenten Paul Kagame, die im Nachbarland Uganda Unterschlupf fanden. Kagame schloss sich später der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) an, die gegen das Hutu-Regime kämpfte und schließlich das Morden beendete: Die militanten Hutu flohen, und die RPF, die als Tutsi-Organisation gilt, übernahm die Macht.

Gleich zu Beginn seiner Regentschaft ließ Kagame die Trennung der Bevölkerung in Hutu und Tutsi, ja überhaupt die Verwendung der Begriffe verbieten. Um der gefährlichen Spaltung der Gesellschaft zu begegnen, sagt er selbst. Um die Herrschaft einer ethnischen Minderheit zu verschleiern, sagen seine Gegner. Innerhalb zweier Jahrzehnte hat der Autokrat aus der vom Genozid verheerten Nation ein funktionierendes Gemeinwesen gemacht, das weltweit als afrikanischer Musterstaat gilt. Kagame will den dicht besiedelten Kleinbauernstaat in eine digitale Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft verwandeln. Nur so habe das rohstofflose Land ohne Zugang zum Meer überhaupt eine Chance.