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Mikroökonomie

Eine Verkäuferin in Polen

Zyta Borowska ist 62 Jahre alt und pensionierte Lehrerin für Geografie und Russisch. Um ihre Rente aufzubessern, arbeitet sie in Posen in einem kleinen Lebensmittelladen. Viele Kunden kaufen lieber dort ein als in den Supermärkten, die meist von Konzernen aus dem Ausland betrieben werden. Mit ihrem Mann und dem erwachsenen Sohn wohnt Zyta Borowska in einem Häuschen außerhalb der Stadt.

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Verdienst, Grundkosten, Altersvorsorge

Zyta Borowska bekommt als Verkäuferin den polnischen Mindestlohn von 2100 Złoty brutto (umgerechnet 480 Euro). Das ist mehr als die Rente nach 20 Jahren Arbeit im staatlichen Schulwesen, die monatlich rund 400 Euro beträgt. Wenn sie und ihre jüngere Kollegin mehr als 23.000 Euro Umsatz im Monat machen, zahlt der Besitzer des Ladens eine Prämie von 230 Euro, die sich die beiden teilen. Vom Lohn gehen 18 Prozent Einkommensteuer ab, abzüglich eines jährlichen Steuerminderungsbetrags von 128 Euro.

Das Wohnhaus ist abbezahlt, doch Strom, Heizung, Müllentsorgungsgebühren und die Kosten für öffentliche Verkehrsmittel auf dem Weg zur Arbeit verschlingen zusammen schon mehr als die Hälfte des Verdienstes. Eine private Kranken-Zusatzversicherung kann sich Borowska nicht leisten – so muss sie oft ein Jahr oder noch länger auf eine Behandlung warten, denn das öffentliche Gesundheitswesen funktioniert nicht gut.

Was bedeutet Ihnen Arbeit?

Es macht mich glücklich, wenn ich meinen Kunden das Gefühl geben kann, dass sie mir wichtig sind. Natürlich gibt es bei uns in Polen nun auch fast überall große Supermärkte. Doch nach der ersten Euphorie über das riesige Angebot nach dem Ende des Kommunismus hatten die Leute die Anonymität dort bald satt. Sie wollen nicht nur den Einkauf erledigen, zu mir kommen sie auch mit ihren kleinen Sorgen oder Freuden. Meine Kollegin und ich bedienen jeden Tag zwischen 200 und 300 Kunden. Die meisten kennen wir mit Namen. Der persönliche Austausch ist uns sehr wichtig.

Was möchten Sie an Ihrem Leben ändern?

Ich bin schon alt, in meinem Leben wird sich nicht mehr viel ändern. Ich würde gerne mehr verdienen mit der Arbeit, die ich jetzt mache. Für meinen Sohn und all die anderen jungen Leute wünsche ich mir, dass sie als Rentner keinen Zusatzverdienst brauchen, um über die Runden zu kommen.

Welche sind Ihre größten Probleme, und wie gehen Sie damit um?

Wenn man weniger als 700 Euro monatlich zur Verfügung hat, ist das Leben in Polen schwierig. Die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch. Schauen Sie sich nur an, was ich verdiene und was gute Produkte kosten.

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Besonderes gönnen wollen?

Dann gehe ich mit meinem Mann zum Tanzen oder in einem Restaurant essen. Das kommt allerdings nicht so häufig vor. So, jetzt verkaufe ich Ihnen aber mal ein Stück unseres Käses aus Korycin in Ostpolen. Den müssen Sie probieren! ---

Polen

Einwohner: 38 Millionen
Währung: Zloty (PLN; 1 Zloty = 0,23 Euro)
BIP pro Kopf: 13 395 Euro
Human Development Index (2016): Platz 36 (Deutschland Platz 4 von 188)

Aktuelle Durchschnittskosten

1 Liter Benzin: 1,10 Euro
1 Straßenbahn-Ticket: 0,70 bis 1,05 Euro
9 Bio-Eier im Supermarkt: 2,30 Euro
200 Gramm Käse: 1,80 Euro
1 Liter Milch: 0,60 Euro
1 Tube Marken-Zahnpasta: 1,70 Euro