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Klimawandel in Österreich

Immer wärmere Winter bedrohen die Ski-Industrie. In Österreich ist sie zum Gegenangriff übergegangen. Ein Report aus den Alpen.




• Das Wort Kunstschnee mag Franz Schenner überhaupt nicht. „Das hört sich so künstlich an!“ Er spricht lieber von „technischem Schnee“. Der sei „Natur pur“, weil er nach dem österreichischen Reinheitsgebot hergestellt werde: „Wasser aus Auffangbecken, Ökostrom, hochmoderne Schneekanonen. Mehr braucht es nicht“, sagt er. Schenner ist Gründer der Allianz „Zukunft Winter“, eine Interessengemeinschaft aus Seilbahnbetreibern, Skilehrern, Vertretern der Tourismusbranche und Wirtschaftskammern in Österreich. Gemeinsam bekämpfen sie die Folgen wärmerer Winter.

Für seine Tätigkeit als Lobbyist hat Schenner beste Voraussetzungen. Als junger Mann gründete er eine Werbeagentur, die für viele Unternehmen aus der Wintersportindustrie arbeitete. Sein Schwiegervater, Toni Arnsteiner, war eine Ski-Unternehmerlegende. Er fertigte nach dem Zweiten Weltkrieg in einer kleinen Tischlerei Skier für Freunde und Bekannte, von 1953 an hießen sie Blizzard. In den folgenden Jahrzehnten fuhren österreichische Skiläufer mit ihnen viele Olympia- und Weltcupsiege ein. Franz Schenner übernahm die Firma in den Achtzigerjahren und führte sie mehr als zehn Jahre, bis Blizzard vom Sportartikelhersteller Scott aus der Schweiz übernommen wurde.

Ein Freund des Kunstschnees: Franz Schenner in der Bergstation am Kitzsteinhorn

Heute lautet seine wichtigste Botschaft: „Der österreichische Tourismus braucht den Winter, um sich den Sommer leisten zu können.“ Urlaub auf dem Bauernhof, Bergwandern, Mountainbiken und Baden in klaren Bergseen seien eine feine Sache. Aber, sagt Schenner: „Als Tourismusland wird Österreich nur mit Ski-Tourismus bestehen können.“

Die österreichische Tourismusbranche setzt pro Jahr rund 25 Milliarden Euro um, davon mehr als die Hälfte in der Wintersaison, die deutlich kürzer ist als die im Sommer. Rechnet man die Freizeitaktivitäten der Österreicher mit ein, macht der Tourismus 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Laut dem Bundesminis- terium für Nachhaltigkeit und Tourismus sichert die Branche 337.000 Arbeitsplätze. Allein die Seilbahnen beschäftigen an die 100.000 Mitarbeiter.

Sie alle haben mitbekommen: Die Winter der fünf vergangenen Jahre waren mild und brachten wenig Schnee. Die österreichische Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik beschreibt das in einer Studie zu den Schneehöhen seit 1950 als einen „signifikant negativen Langzeittrend“. Weniger Schnee gebe es in allen Höhenlagen und auch in den meisten tiefer gelegenen Regionen in Österreich.

Dass der vergangene Winter wieder sehr schneereich war, ist nur ein kleiner Trost. Die Folgen der Erderwärmung sind schon deutlich zu sehen und zu spüren, vor allem in den Gletscherskigebieten. Von einst acht, in denen auch im Sommer Ski gefahren wurde, ist mit dem Hintertuxer Gletscher nur noch ein einziges übrig geblieben. In den anderen gibt es in den warmen Monaten nur noch ein paar Lifte für Wanderer. Entsprechend groß ist die Nervosität in den anderen Skiorten – besonders in den niedrig gelegenen.

Für Franz Schenner spielt Kunstschnee eine entscheidende Rolle, um die Tourismusindustrie zu retten: Er soll die Geschäftsgrundlage von Skigebiete-Betreibern und Hoteliers sichern. Umweltschützer sind davon nicht begeistert.

Schenner begründet das volkswirtschaftlich: „Technischer Schnee ist viel billiger als leere Betten.“ Künstliche Beschneiung macht Schenner zufolge rund 20 Prozent der Betriebskosten der Skigebiete aus. 2016 waren das etwa 170 Millionen Euro. Hinzu kommen die Investitionen in die Beschneiungsanlagen – pro Jahr etwa 100 Millionen Euro. Das klinge nach viel Geld, sei aber „wirtschaftlich absolut machbar“, sagt er. Die österreichischen Seilbahnen erwirtschaften jährlich einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro.

Ein Skifahrer zahlt für den Skipass 40 bis 50 Euro pro Tag, die Betreiber zahlen pro Skifahrer etwa zehn Euro am Tag für die Beschneiung. Für viele Unternehmer geht die Rechnung also auf. Außerdem hat Kunstschnee noch andere betriebswirtschaftliche Vorteile: Er lässt sich wegen seiner kristallinen Eigenschaften leichter präparieren als natürlicher Schnee, was das Skifahren einfacher macht. Und Schnee, auf dem es sich gut fahren lässt, ist für viele ein wichtiges Kriterium für die Wahl des Skigebiets. Auch Pistenbully-Fahrer lassen sich gezielter einsetzen, wenn die Beschneiung besser geplant werden kann. Vor allem aber schmilzt Kunstschnee langsamer als Naturschnee, wenn die Temperaturen über null Grad Celsius steigen.

Das wiederum bedeutet: Künstlicher Schnee kann die Saison erheblich verlängern. Und die Länge der Saison ist in der Branche von immenser Bedeutung.

Es wird Verlierer geben. Aber auch Gewinner

Die Faustregel in der Wintersportindustrie lautet: Mit 90 bis 100 Tagen Betrieb kann ein durchschnittliches Skigebiet einen kleinen Gewinn einfahren. Jede zusätzliche Woche macht das Geschäft profitabler. Schenner ist der Ansicht: Wenn die Klimaerwärmung in den zu erwartenden Grenzen anhält, geht es mit dem Skitourismus nicht bergab, sondern dank Kunstschnee sogar bergauf. Bei Temperaturen um null Grad, blauem Himmel und gut präparierten Pisten fühlen sich viele Gäste wohler als bei minus zehn Grad und Schneesturm. Skifahren im Winter wird sich dann anfühlen wie heute im März.

Der Aufwand für technischen Schnee werde überschätzt, so Schenner. „Alles, was es braucht, sind drei bis vier kalte Tage im Vorwinter. Wenn wir an denen die Kanonen voll aufdrehen, kommen wir gut durch die ganze Saison. Und diese Tage haben wir auch in den mildesten Wintern immer gehabt.“

Auch Robert Steiger, Ökonom und Geograf an der Universität Innsbruck, ist überzeugt: „Der Klimawandel ist nicht das Ende des Skifahrens.“ Einschränkungen könne es aber geben. Trotzdem werde sich viel verändern. Er hat in den vergangenen 15 Jahren mit Kollegen viele Studien zu dem Thema erarbeitet. In einer berechnete er, welche Austragungsorte der Olympischen Winterspiele seit 1924 im Jahr 2050 und 2080 noch kalt genug wären, um mit Schneekanonen Spiele durchführen zu können. Das Ergebnis: 2050 wären es nur noch 13 von bislang 21 Orten, 2080 nur noch 10.

In den Alpen sei die Lage nicht ganz so dramatisch, sofern sich die Erde nicht um mehr als zwei Grad erwärme, sagt Steiger. In einem Szenario mit etwa 300 Skiorten in Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien kommt er zu dem Ergebnis, dass sich mit Kunstschnee noch rund 85 Prozent der Skigebiete betreiben ließen. „Aber die Frage ist natürlich, für welche sich das dann noch lohnt.“

Laut dem Österreichischen Seilbahnverband ist schon jetzt etwa ein Drittel der Skigebiete-Betreiber auf finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand oder der Tourismusverbände angewiesen. Ein weiteres Drittel schafft in der Regel aus eigener Kraft eine schwarze Null in der Jahresbilanz, nur ein Drittel der Gebiete ist dauerhaft profitabel. Steiger: „Die kleinen und niedrig gelegenen Skigebiete werden sich die besten Beschneiungstechniken nicht leisten können.“ Die großen und hoch gelegenen Gebiete nennt er „lucky losers“ – glückliche Verlierer.

Was er damit meint: Diese Skiorte müssen zwar ebenfalls mehr Geld ausgeben für Kunstschnee sowie Lawinen- und Steinschlagschutz. Aber sie werden Kunden hinzugewinnen. Der Skitourismus werde sich also langfristig auf die großen Skigebiete in hohen Lagen konzentrieren. Deren Rechnung könnte so aussehen: längere Saisons, mehr Kunden und höhere Preise wegen des knapperen Angebots. So könnten die Betreiber neue Lifte bauen, neue Pisten erschließen und noch mehr Skifahrer aus dem Ausland nach Österreich locken.

Auf die kleinen Skigebiete komme eine andere Frage zu, sagt Steiger: Gibt es Alternativen zum Wintersport? Und falls nicht, zum Tourismus generell?

Schneedepot

Österreich ohne Skisport? – Unvorstellbar

Eine Reise in die Pyrenäen könnte alpinen Tourismusverantwortlichen als warnende Fortbildung dienen. Bis in die Neunzigerjahre gab es dort beliebte Skiorte. Aber die Winter wurden milder, und die Spanier und Franzosen ließen ihre Skier im Keller oder fuhren nun in die französischen Alpen. Die örtlichen Fremdenverkehrsämter versuchten, Wanderer und Fahrradtouristen anzulocken – aber schafften es nicht, die wirtschaftliche Abwärtsspirale der Region aufzuhalten. In den pittoresken Pyrenäen-Örtchen an der spanisch-französischen Grenze machte ein Hotel nach dem anderen dicht. In Niederösterreich und in der Steiermark beobachtet Steiger die Vorboten einer ähnlichen Entwicklung. „Erste Täler entvölkern sich wie Teile von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern nach der deutschen Wiedervereinigung.“

Es gibt aber auch Gegenden, die Alternativen zum Abfahrtski-Tourismus gefunden haben. Das Sonnenplateau Mieming bei Innsbruck zum Beispiel: Dort wurden die Lifte abgebaut, und es wurde in Wellness-Angebote, Wander- und Radwege sowie in das entsprechende Marketing investiert. Der Region geht es blendend. Eine Nische besetzen, das macht Mieming vor, funktioniert auch im Tourismus. Aber nicht alle werden eine finden.

„Für Skiorte, die Skiorte bleiben wollen, steigt mit dem Klimawandel die Pfadabhängigkeit“, sagt Robert Steiger. Mithalten können nur diejenigen, die viel Geld in Schneekanonen und moderne Lifte investieren. Aber je länger sie darauf setzen, desto schwerer wird es ihnen fallen, Alternativen zu finden.

Darin sieht Adam Pawloff das Hauptproblem der österreichischen Skitourismus-Lobby. Seilbahn-Betreiber, Ski-Hotellerie und Wirtschaftskammern hätten eine „Augen-zu-und-durch-Haltung“, sagt der klima- und energiepolitische Sprecher von Greenpeace Österreich. „So lange wie möglich weitermachen ist aber das Gegenteil einer langfristig klugen Tourismusstrategie.“ Hinter das angebliche Reinheitsgebot des „technischen Schnees“ setzt Pawloff viele Fragezeichen. Wenn dieser mit Ökostrom erzeugt würde, fehle der grüne Strom an anderer Stelle. Dadurch werde die Energiewende verlangsamt.

Außerdem fördere Kunstschnee – der eine höhere Dichte hat als Naturschnee – die Entwurzelung auf den Hängen und begünstige Erdrutsche, sagt Pawloff. Von denen werde es künftig ohnehin mehr geben, genau wie Lawinen, wenn die Schneefallgrenze in den nächsten drei Jahrzehnten um 300 bis 600 Meter steigt. So prognostiziert es der österreichische Sachstandsbericht zum Klimawandel des Weltklimarats IPCC.

Der Greenpeace-Sprecher sagt: „Die Akteure der Branche verhalten sich wirtschaftlich betrachtet rational.“ Unter den gegenwärtigen Bedingungen werde sich die Augen-zu-und-durch-Haltung der Branche ja zumindest für die ,lucky losers‘ unter den Skigebieten mit hoher Wahrscheinlichkeit rechnen – aber eben nur, weil die ökologischen Folgekosten andere zu tragen hätten. „Die Ski-Industrie ist ein Musterbeispiel für externalisierte Kosten und Risiken“, sagt Pawloff. „Das sei politisch auch gestützt und gewollt.“ Daran wird sich nach seiner Einschätzung auch in Zukunft nichts ändern, egal wie der Strom- und Wasserverbrauch durch Schneekanonen steigt, wie viel Geröll gen Tal rutscht oder ob die Talzufahrten zu den großen Skigebieten durch An- und Abreiseverkehr immer stärker verstopft werden. „Skisport ist Teil unserer nationalen Identität. Da wagt sich kein Politiker mit harter Umweltregulierung ran.“ Selbst unter Greenpeace-Anhängern gebe es immer wieder Stimmen, man solle bei dem Thema bitte nicht ganz so aggressiv auftreten.

Der Präsident des Österreichischen Skiverbands wird das gern hören – er hält die Aufregung ohnehin für überflüssig, weil er nicht an die Erderwärmung glaubt. Der Salzburger Winter-Lobbyist Franz Schenner hat in diesem Punkt eine andere Haltung, betont aber die Chancen des Klimawandels. Jungen Leuten böten sich neue berufliche Perspektiven in einem Job mit blendenden Zukunftsaussichten: Schneimeister. Denn guten Schnee zu erzeugen sei eine Kunst. Und die besten Schneimeister der Welt kämen zurzeit aus Österreich. ---