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Jörg Kachelmann im Interview

Ein Gespräch mit Jörg Kachelmann über seine Mission, Meteorologie und die Medien.




• Meteorologen sind beliebte Fernsehfiguren, aber ein Star war hierzulande nur einer: Jörg Kachelmann. Seine hemdsärmelige Art und sein lockerer Ton machten ihn bei „Das Wetter im Ersten“ in den Neunzigern zum Publikumsliebling. Er wurde sogar Talkmaster. Und nachdem der Deutsche Wetterdienst (DWD) nicht hinreichend vor dem Orkan „Anna“ gewarnt hatte, Kachelmann aber schon, übernahm seine Firma von 2002 bis 2010 auch das Wetter nach den „Tagesthemen“.

Heute ist er vor allem im Internet aktiv. Er baut Kachelmannwetter.com auf. An der Decke seines Büros hängt eine Wolke aus Kunststoff. In ihr sind Lautsprecher und Leuchtdioden versteckt. Kachelmann drückt die Fernbedienung – es brummelt, blitzt und kracht los. Dazu ein schelmisches Grinsen. So ähnlich muss man sich Kachelmann im Gespräch vorstellen: Ab und zu donnert er los wie auf Knopfdruck. Um gleich danach wieder amüsiert in die Runde zu schauen.

brand eins: Als Sie 2017 kurz im Spartenkanal Sonnenklar.TV auftauchten, war von einem Comeback die Rede. Aber daraus wurde nichts, oder?

Jörg Kachelmann: Ich war früher nicht so oft im Fernsehen, wie immer gesagt wird. Beim Wetter nur fünf Tage im Monat. Und selbst zu diesen fünf Auftritten musste mich die ARD eher zwingen, weil es Monate gab, in denen ich nicht konnte – mein Unternehmen hatte zum Schluss weit mehr als 100 Leute. Klar, ich habe den Job im Fernsehen immer anständig gemacht, er war damals für die Firma wichtig, und ich erzähl’ ja auch gern vom Wetter. Aber ich war in erster Linie Unternehmer, das bin ich von der Gründung meiner ersten Firma Meteomedia Ende 1990 bis heute.

Das Fernsehen machte Ihnen doch großen Spaß!

Was ich mache, mache ich professionell. Deshalb wird man mir vor der Glotze nie angemerkt haben, dass ich manchmal lieber etwas anderes gearbeitet hätte. Aber Wetter im Fernsehen bedeutet: Sie müssen sich umziehen. Sie müssen furchtbarerweise in eine Maske. Das ist ein sehr großer Aufwand für zwei Minuten Fuchteln. Außerdem war ich mit dem Fernsehen auf eine ganz bestimmte Zeit festgelegt. Beim „Wetter vor acht“ war das eben der Wissensstand von kurz vor 20 Uhr. Wenn eine halbe Stunde später plötzlich die Mutter aller Unwetter irgendwo hochschießt, haben Sie keine Möglichkeit, das den Leuten noch mitzuteilen. Umso wichtiger war es mir, dass wir zumindest in diesen zwei Minuten live senden konnten.


Ich mache keinen Klickschlampen- Journalismus, der mit der Russenpeitsche winkt.

Weil Sie so vielleicht doch auf ein Unwetter hinweisen konnten?

Genau. Selbst im Live-Format ging das aber nur bedingt. Ich habe immer wieder Kämpfe ausgefochten, wenn ich wegen eines aufziehenden Unwetters mal länger redete als geplant – dann gab es tierisch eins auf den Deckel, weil gegen 23 Uhr, nach den „Tagesthemen“ also, irgendeine Sendung mit winzigen Quoten eine Minute später anfangen musste.

Sind Sie deshalb heute ein so eifriger Nutzer von Twitter?

Im Vergleich sind das paradiesische Zustände. Man kann die Leute unmittelbar begleiten und sagen: Ihr da, in diesem Ort, passt auf, geht jetzt lieber nicht in eine Tiefgarage!

Wer Ihnen auf Twitter folgt, bekommt den Eindruck, dass der Kachelmann ständig auf Sendung ist. Wie schaffen Sie das?

Das sieht wilder aus, als es ist, weil auch viele Meldungen des Firmen-Accounts retweetet werden. Aber es stimmt: Je nach Wetterlage twittere ich auch zu später Stunde noch gern. Wetter ist halt meine Leidenschaft: Wenn ein Gewitter kam, blieb ich schon als Kind die ganze Nacht wach. Ich habe mit zehn Jahren beschlossen, Meteorologe zu werden. Das bin ich dann auch geworden – nicht Wettermoderator, wie manch einer sagt. Ich habe in Zürich Geografie, Mathematik, Physik und Meteorologie studiert, die beiden Vordiplomprüfungen bestanden und alle Scheine inklusive Diplomarbeit gemacht mit dem kombinierten Angebot in Atmosphärenphysik von Universität und Eidgenössischer Technischer Hochschule Zürich. Ich hatte die beste Ausbildung, die man sich vorstellen kann – nur die Schlussprüfung in Geografie dann nicht mehr. Man kann in der Schweiz grundsätzlich nicht Diplom-Meteorologe werden.

Sie begannen bei einer Boulevardzeitung. Und im Radio, wo Sie als „Wetterman“ auf SWF 3 zu hören waren, dem Vorgänger des SWR 3.

Radio fand ich toll. Radio hat ja auch diese Unmittelbarkeit. Christian Häckl und ich waren damals jung, und wir machten gute Vorhersagen, das war neu. Soweit ich mich erinnere, haben wir nicht über Eisheilige gegackert, nur weil sie im Kalender standen.

Sie wollen doch auch unterhalten.

Ich mache keinen Klickschlampen-Journalismus, der mit der Russenpeitsche winkt. Ich versuche, das Wetter zu erklären, das ist etwas anderes. Das ist heute sogar noch wichtiger als früher, weil wir im Zeitalter des naturwissenschaftlichen Bildungsprekariats leben. In den Medien wird durch die Abwesenheit echter Information zugelassen, dass ein Mahlstrom von Aberglauben, esoterischem Geblubber und Schwachsinn dieses Vakuum füllt. Weil man in der Schule alles abwählen kann, was mehr belastet als eine Milchschnitte, wissen viele Menschen nicht mehr, warum der Himmel blau ist oder dass Flüsse keine Wetterscheiden sind. Sie haben Angst vor Dingen, die nicht existieren wie Wetterfühligkeit, und geben Geld aus für völlig sinnlose Dinge wie Hagelabwehr durch Flugzeuge. In einer globulisierten Gesellschaft ist es möglich, dass weite Teile der Bevölkerung im Ernst glauben, der eher durchschnittliche Sommer 2017 sei eine Katastrophe gewesen und der extrem trockene Frühling und Frühsommer 2018 seien irgendwie normal. Hemmungslose und verkommene Medien leisten der allgemeinen Verblödung Vorschub. Indem sie in Sachen Wetter meist nur Dinge schreiben, die völligen Blödsinn beinhalten. Dumm klickt gut. Leider gibt es Scharlatane in unserer Branche, die dem zuarbeiten.

Das klingt, als dürfe man keinen Ihrer Kollegen ernst nehmen. Das nehmen wir Ihnen nicht ab.

Es gibt nur wenige ganz furchtbare. Der Schlimmste würde sich freuen, hier seinen Namen zu lesen.

Was halten Sie denn von Ihren Ex-Angestellten, die weiterhin im Fernsehen zu sehen sind?

Ich schaue kein Wetter im Fernsehen, hab ich noch nie, ich weiß ja, wie es wird. Ich denke an gute Leute wie meinen alten Kollegen Christian Häckl, der 1994 zu RTL ging. Alle anderen strengen mehr oder weniger an, da sie sich nicht mehr wehren können oder wollen gegen die völlig abseitigen Übergaben der lustigen Moderatoren, die sich immer so unbändig freuen und so gut drauf sind, wenn die Sonne scheint. Die weinend zusammenbrechen müssen, wenn es mal regnet.

Es ist aber manchmal auch kühl! Heute zum Beispiel.

Woher kommt dieses Gejammer? Eine Theorie: Es könnte daran liegen, dass die Leute heute so häufig Urlaub in südlichen Gefilden machen können, dass sie gar nicht mehr wissen, auf welchem Breitengrad sie sich befinden. Als Kind war ich mit meinen Eltern in jeder freien Minute im Schlauchboot und später im Segelboot auf dem Bodensee unterwegs. Mein Interesse am Wetter war schon damals sehr groß. Und ich weiß, dass das Wetter ein untergeordnetes bis gar kein Thema war. Man hatte Urlaub, das war toll. Wetter war wurscht. Das waren die Sechziger und Siebziger. Es gab wichtigere Themen.

Weshalb regt Sie das derart auf?

Ich rege mich nie auf. Ich versuche nur, deutlich zu formulieren, weil ich mit Franz Josef Strauß und Herbert Wehner im Bundestag aufgewachsen bin. Die generelle Verdeppung macht mir Sorgen, weil sie mit einer Zuwendung zu Hokuspokus und Esoterik einhergeht. Wenn die Naturwissenschaften sterben und nur noch Menschen da sind, die ihre Kinder nicht impfen lassen und die Blödsinn glauben, wie dass der Mond das Wetter beeinflusst oder dass Gewitter bei Mainz nicht den Rhein überqueren möchten, haben wir ein gesellschaftliches Problem. Sie können heute zum Abitur kommen, ohne was vom Wetter gehört zu haben. Lassen Sie doch mal junge Leute auf Papier malen, wo sie in Deutschland wohnen, und fragen Sie, wie hoch über dem Meer.

Immerhin gibt es heute Wetter-Apps, die uns helfen.

Fast alle Wetter-Apps sind Blödsinn, der gelöscht gehört. Man kann in der Meteorologie nicht arbeiten, wie es getan wird, mit einer Lösung, einem Wettersymbol, einer Temperatur. Wir versuchen, mit unseren Apps einen anderen Weg zu beschreiten, der aber etwas anstrengender ist, weil man Modelle vergleichen muss – und viel genauer ist, weil man Modelle vergleichen darf.

Aber die Technik schreitet doch immer weiter voran.

Gute Vorhersage-Apps gibt es schon allein deshalb nicht, weil das Hauptgeschäft der Wetterdienste das Business-to-Business-Geschäft ist – das macht man sich nicht durch gute Apps kaputt. Viele Apps arbeiten mit dem schlechtesten, aus Amerika stammenden Wettermodell. Dieses Wettermodell weiß mit seinem 28 x 28-Kilometer-Raster nicht einmal, wo Berg ist und wo Tal; andere Modelle sind etwas feinmaschiger, nur unser eigenes Modell hat eine Auflösung von 1 x 1 Kilometer. Die Leute halten Apps für das Beste, was die Meteorologie kann. In Wahrheit sind sie das Schlechteste. Vorhersage-Apps töten Menschen. Genau deshalb twittere ich immer wieder: Ihr müsst euch selbst ein Bild machen! Ihr müsst selbst aufs Radar schauen und die unterschiedlichen Wettermodelle miteinander vergleichen. Das ist ein bisschen anstrengend, ich weiß. Das widerspricht dem „Du musst mir schon sagen, dass vielleicht gleich ein Ast auf meinen Kopf fällt“. Wir empören uns immer über Amerika mit seinen angeblich so schlechten Häusern. Aber die wissen, wie man ein Radarbild anschaut, weil es wegen der Tornados überlebenswichtig sein kann.

Und hierzulande?

In Deutschland müsste niemand durch ein Unwetter sterben. Trotzdem gab es selbst bei einem Sturm wie „Xavier“ sieben Tote: Die Leute liefen oder fuhren unter Bäumen her. In Deutschland macht man Videos bei einem Gewitter, wie man über zwei Frauen in Bochum lesen konnte, in deren Nähe ein Blitz einschlug. Damit sind wir wieder bei der naturwissenschaftlichen Bildung. Meteorologie ist so weit heruntergekommen, dass sie nur noch triviale Fragen beantworten soll wie „Kann ich morgen grillen?“ und „Kann ich morgen offen fahren?“.

Im Juni wurden fünf Kinder in Köthen bei einem Blitzeinschlag verletzt. Anschließend prangerten Sie die Kita an: „Fahrlässigkeit, Dummheit, Ignoranz. Sind ja nur Kinder, wird schon.“

Ja, und was sagen die Verantwortlichen in Köthen? Die sagen allen Ernstes: Das hat nur genieselt, das Gewitter war doch noch drei Kilometer entfernt. Drei Kilometer sind extrem nah, und auch ohne Regen kann der Blitz einschlagen. Es gibt Bergsteiger, über die in der Zeitung zu lesen ist, sie seien „vom Gewitter überrascht“ worden. Niemand wird von einem Gewitter überrascht, es sei denn, er ist blind und klettert im Getöse eines Steinschlags in der Eiger-Nordwand.

Kann die Meteorologie morgens wirklich sagen, wo es nachmittags blitzt und donnert?

Niemand weiß morgens, ob es um 16 Uhr in Köthen ein Gewitter gibt oder nicht. Aber man kann am Vormittag sagen: Heute könnte eines kommen. Vielleicht bleibt es aus, weil es nur zehn Kilometer weiter alles zerlegt. An solchen Tagen des Heute-passiert-vielleicht-Was mache ich keine Kita-Veranstaltung. An denen steige ich auch nicht auf einen Berg. Sie können sich auf unserer Internetseite durch sämtliche Modelle klicken und sehen, ob irgendeines dieser Modelle ein Gewitter für möglich hält. Wenn das zum Beispiel in meinem Bezirk der Fall ist – dann sage ich Veranstaltungen im Freien an diesem Tag ab. Und ich gehe auch nicht zu einem Picknick im Park, wenn ein Wettermodell eine Windstärke von 90 Kilometern pro Stunde für möglich hält.

Was taugen die Gewitterwarnungen vom DWD, den Sie früher so stark kritisiert haben?

Ich mag den DWD sehr. Die Veränderungen dort zählen zu den schönsten Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre. Er ist auch kein altstalinistischer Verhinderer von Unternehmertum mehr. Was die Warnungen betrifft: Der DWD macht alles richtig, die Medien machen mit diesen alles falsch, weil sie nicht zwischen „Vorabinformation“ und „Warnung“ unterscheiden können oder wollen. Die Medien machen Vorabinformationen zu Unwetterwarnungen, statt zu sagen: Heute könnte vielleicht ein Gewitter kommen. Das Ergebnis kann natürlich sein, dass die Leute bei sich oft stundenlang einen blauen Himmel sehen und den Vorhersagen nicht mehr trauen. Aber da sind wir wieder beim naturwissenschaftlichen Bildungsprekariat. In Amerika unterbrechen die lokalen TV-Stationen übrigens das Programm, wenn die konkrete Warnstufe erreicht ist: Dann ist der Meteorologe zu sehen, der die Leute live durch das Unwetter begleitet und ihnen sagt, wo sie gerade besser nicht in die Keller gehen – mit enormen Quoten. Er ist zu Recht ein Lebensretter und Held.

Das fehlt Ihnen also in Deutschland.

In Deutschland kommen Reporter mit schnieken Gummistiefeln NACH dem Unwetter, um die traurigen Bürgermeister zu interviewen. Das liegt teils an Faulheit und teils an dem Widerwillen, das Fernsehprogramm für eine solche Live-Sendung zu unterbrechen. Meteorologen hätten gerade in den öffentlich-rechtlichen Programmen eine große Verantwortung zu übernehmen.


Immer Sonne wäre langweilig: Jörg Kachelmann auf der Zugspitze

Wo sie allerdings kaum junge Menschen erreichen.

Das Fernsehpublikum mag älter sein. Aber die Leute haben ja Kinder, die sie in solchen Situationen anrufen würden. 1968 hat es in Pforzheim einen Tornado der Stärke F4 mit zwei Toten und 200 Verletzten gegeben. Würde so ein Ding heute an einem Samstagnachmittag in eine Großstadt ziehen, hätten wir Hunderte Tote. Wir könnten auch Hunderte Tote haben, wenn ein starker Blitz in die Zeltstadt eines Rockfestivals einschlägt, das nicht rechtzeitig abgebrochen wird.

Sie warnen im Internet unentwegt vor solchen Gefahren.

Nicht ich allein, die ganze Firma. Ich habe das ernsthafte Ziel, dass niemand mehr in Deutschland wegen eines Unwetters stirbt. Jeder Unwettertote ist ein unnötiger Toter. In Garmisch-Partenkirchen ertrank Mitte Juni ein Mann bei einem Unwetter in einem Fluss. Wir hatten 45 Minuten vorher eine Sturzflut-Warnung online. Ich möchte, dass alle alles nutzen, was sie schützt. Ich nehme jeden Unwettertoten persönlich.

Twitter ist für Sie aber auch ein Marketing-Tool.

Ich bin mir nicht sicher, ob mein Stil marketingtechnisch wirklich nur Vorteile hat. Ich polarisiere, das war auch früher schon so.

Wie wichtig ist dieses Medium für Sie?

Es ist für mich perfekt. Aber ich gebe zu, dass ich es schwer aushalten kann, dass eine Falschbeschuldigerin meine Karriere beim Fernseh-Wetter 2010 beendet hat. Das ist das Perfide: Selbst eine Falschbeschuldigerin, die mittlerweile von einem Gericht wegen dieser Falschbeschuldigung verurteilt worden ist, hat vernichtende Wirkung. Trotz meines Freispruchs und selbst nach der Verurteilung der Verbrecherin war es lange Zeit schwierig.

In dieser Situation konnten Sie dank des sozialen Mediums Ihre eigene Öffentlichkeit herstellen.

Ja, ich war mit Twitter im Rahmen der Olympischen Winterspiele in Kanada im Jahr 2010 in Berührung gekommen. Mittlerweile habe ich 109 000 Follower, und ich konnte mich so von den Medientätern emanzipieren, die mir bis heute nicht verzeihen wollen, dass ich ein Opfer war. Es ist mir egal, ob ich in einem »Kölner Stadt-Anzeiger« oder dergleichen erwähnt werde oder nicht. Ich habe gewissermaßen mein eigenes Jodel-Diplom.

Sie teilen gern hart aus, auch gegen Wettbewerber.

Da gibt es doch tatsächlich viel Elend und Fake.

Die Konkurrenten dürften das anders sehen.

Nein. Nehmen Sie das Wetterradar von Wetteronline. Von dem ist der allergrößte Teil der sogenannten „Wetterradar“-Angaben Fake, also eben kein echtes Wetterradar, sondern irgendetwas aus Satellitenbildern Zusammenfantasiertes – da hilft es auch nicht, dass diese Feststellung für Deutschland nicht gilt, wo man auf das mittlerweile kostenlose Radar des DWD zurückgreifen kann. Das angebliche Radar von Wetteronline über fast allen Ländern und fast allen Meeren ist eine plumpe Fälschung. Man kann nicht auf Butter Wurst schreiben. Auch die meisten Wetterbeobachtungen sind Fake. Es wird so getan, als ob es in jedem Ort eine Wetterstation gäbe. Bei Wetter.com schreiben sie zumindest dazu, dass es sich um etwas Berechnetes handelt, ohne reale Beobachtung dahinter, wie auch bei fast allen Wetter-Apps. Was Wetteronline oder auch andere machen, halte ich für justiziabel – die kriminelle Energie wird deutlich, wenn wie bei der österreichischen Firma Ubimet hinter die Pseudobeobachtungen, die aus dem Computer stammen, geschrieben wird, sie seien von „11.21 Uhr“, damit die User auch ja darauf reinfallen. Unsere Branche ist in weiten Teilen unseriös und betrügerisch, das ärgert mich.

Wie reagieren die Kritisierten, wenn Sie solche Dinge verbreiten?

Die wissen, dass es stimmt, was ich schreibe. Ich habe noch nie etwas löschen müssen. Ich kenne mich mit Äußerungsrecht aus. Es muss halt immer wahr sein. Was ich schreibe, ist leider wahr.

Sie haben es selbst erwähnt: Sie wurden 2010 Opfer einer Falschbeschuldigung, die für Sie auch wirtschaftlich verheerende Folgen hatte. Noch während des Prozesses soll es einen Machtkampf in Ihrer Firma Meteomedia gegeben haben. War das der Grund, weshalb Sie 2013 aus dem Unternehmen ausstiegen?

Die Atmosphäre war nicht mehr geeignet, in der Firma bleiben zu wollen. Es gab Leute, die mich loswerden wollten. Und die ARD-Anstalten wollten mich trotz Freispruch auch nicht mehr; das war unser Brot-und-Butter-Geschäft. Ich sah in der alten Firma mit ihrem antiquierten Hang zum Analogen für mich keine Zukunft mehr. Immerhin ist das Ganze für mich heute ein großer Antrieb, eine riesige Motivation, noch einmal etwas Neues auf die Beine zu stellen – und es den Leuten zu zeigen, die mich versenken wollten. Wobei ich nicht verbittert und voller Rachegelüste bin, wie manch einer behauptet. Ich bin froh und motiviert, das wirkt auf manche irritierend.

Wie läuft es geschäftlich?

Aktuell haben wir zwölf Mitarbeiter, die von Homeoffices aus arbeiten, aber festangestellt sind. Bei der deutschsprachigen Seite erreichten wir im Mai, nach rund drei Jahren also, fünf Millionen Visits. Das ist mehr, als manche Zeitschriften haben – Wetter.com und Wetteronline liegen deutlich darüber, Seiten wie Wetter24.de oder Wetter.net darunter. Aber es dauert natürlich, bis man die Gewohnheit der Leute ändert, sodass sie zu uns herüberkommen. Wir setzen auf die Qualitätsnische, das ist auch unsere einzige Option. Wir geben 500 000 Euro im Jahr allein für Daten aus. Wir haben eigene Satelliten-Empfangsstationen in den Vereinigten Staaten und in Australien.

Und die Website Weather.us für den amerikanischen Markt.

Die Adresse hatte ich mir 2005 gesichert, das war eine gute Idee. Aber sie wurde bislang noch nicht groß. Wir haben außerdem für Märkte wie den arabischen die Meteologix.com. In die amerikanische Seite knien sich ein bekannter Meteorologe und ein junger Wetter-Blogger rein, „Forecasterjack“. Für das Arabische haben wir einen Mitarbeiter in Ramallah.

Für den Anfang hatten Sie vermutlich noch Geld aus dem Verkauf Ihrer Firmenanteile. Das dürfte schon bei der genannten Summe für die Daten nicht ewig reichen. Wie finanzieren Sie sich?

Wir finanzieren uns zum Teil über Werbung, zum Teil über Wetterdienstleistungen und neuerdings auch über kostenpflichtige Elemente. Und wir forschen für die EU.

Trägt sich das Unternehmen schon?

Wir können den Break-even-Point sehen. Und unsere Wetterstationen kommen ja erst noch. Seit dem Verkauf der alten Firma leide ich unter einem gewissen Phantomschmerz. Ich habe mich seit der Kindheit für den Bau von Wetterstationen begeistert, das ist meine Kernkompetenz. Bei der Meteomedia waren wir ja unter anderem deshalb so gut, weil wir ein Netz aus rund 700 Wetterstationen aufbauten. Von denen sind viele mittlerweile in die Jahre gekommen. Ich habe welche sehen müssen, wo der Regenmesser vollständig in eine Hecke eingewachsen war.

Ihre alte Firma, die heute zur Meteogroup gehört, müsste jetzt also investieren, wollen Sie damit sagen.

Das wäre sinnvoll, aber wird das der amerikanische Investor wollen? Stattdessen kommen wir – frei nach dem DDR-Motto „Überholen, ohne einzuholen“. Wir werden gemeinsam mit einer Versicherung rund 2000 Bauern in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit neuen, extra für uns entwickelten Wetterstationen versorgen. Die alten Stationen bei der Meteomedia haben etwa 15 000 Euro pro Stück gekostet. Unsere Stationen – die nicht mit den meist unbrauchbaren Amateurstationen zu vergleichen sind, die es zu Tausenden gibt – kosten einige Hundert Euro. Das kann sich eine Gemeinde leisten, und ich würde damit gern jede Gemeinde versorgen. Wir werden allein der Dichte der Wetterstationen wegen Versicherungsgutachten erstellen können, wo andere nur raten. Und es wird noch viel mehr kommen. Das Schöne ist: Wir werden immer unterschätzt.

In Sachen Bewegtbild müssen Sie sich vorerst noch mit Wettervideos für »Spiegel Daily« und dergleichen begnügen.

Das Video für heute muss ich jetzt im Übrigen noch aufnehmen.

Wissen Sie schon, was Sie sagen wollen?

Ach, da bin ich ziemlich spontan. Wahrscheinlich was zum Thema „Schafskälte“, die es heute auch nicht mehr gibt.

Könnten Sie nicht auch Ihre Website zu einem Wettersender umbauen? Das haben Sie doch schon mal versucht, als Sie 1996 für einige Monate Programmdirektor des deutschsprachigen Weather-Channel-Ablegers „Der Wetterkanal“ waren. Heute ginge so etwas womöglich leichter.

Nicht ich habe das versucht, sondern der Weather Channel, ich war damals gut bezahlter Grüßaugust. Irgendwann werde ich so einen verf… oh nein, da müssen Sie ein schönes Wort einsetzen, das kann man in einem Interview so nicht sagen … na, einen Wetterkanal noch umsetzen. Die Fernsehsoftware haben wir uns schon mal besorgt. Und wenn großes Fernsehen, hoffe ich auf eine Talkshow, nicht Wetter. Da lohnen sich Anzug, Krawatte und Maske, und es ist nicht nach zwei Minuten vorbei. ---

Nachtrag:

Matthias Habel, Sprecher von Wetteronline, sagte auf Nachfrage zu den Vorwürfen von Jörg Kachelmann: „Wir entwickeln meteorologische Verfahren, in die unzählige Messwerte einfließen. Als Ergebnis können wir Aussagen zum aktuellen und kommenden Wetter weltweit treffen.“

Und Dr. Michael Fassnauer, CEO von Ubimet, antwortete: „Ubimet arbeitet nach modernstem Stand der Technik, was selbstverständlich Wetterstations-, Satelliten-, Blitz- und Radardaten und viele andere Messquellen inkludiert, zu hochpräzisen Wetterinformationen.“

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