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33 Grad Celsius. Fast immer. Wie lebt und arbeitet man an einem Ort, der dreimal so warm ist wie Berlin?




Der Autor Michael Kneissler lebt mit seiner Familie seit vergangenem Jahr in Guayaquil. Seine Frau ist „Profesora“ an der deutschen Schule Colegio Alemán Humboldt.

• Guayaquil ist die größte und heißeste Stadt Ecuadors. Als wir im September 2017 dort ankamen, war es 33 Grad Celsius warm. Seitdem hat sich nicht viel geändert. Einmal (zwischen Februar und April) hatten wir Regenzeit, da war es noch ein wenig heißer, und es schüttete wie aus Kübeln. Außerdem gab es eine Moskitoplage. Im Juni und Juli hatten wir eine Kältewelle, und die Temperatur fiel an manchen Tagen auf 29 Grad Celsius. Mehr Veränderungen gab es bislang nicht, sie sind auch nicht zu erwarten.

Die Hitze hat ein paar Vorteile. Man muss morgens nicht wie in Deutschland den Wetterbericht im Radio anhören, um zu wissen, was man anziehen soll. Auf Radio Tropicana, unserem Lokalsender, habe ich noch nie einen Wetterbericht im klassischen Sinn gehört. Es gibt nur Warnungen vor extremer UV-Strahlung, extremer Moskito-Aktivität und Erdbeben. In allen drei Disziplinen zählt Guayaquil weltweit zu den Besten, weil es nicht nur direkt neben dem Äquator in den Tropen liegt, sondern auch noch am Pazifischen Feuerring und im sumpfigen Delta des Guayas-Flusses.

Die UV-Strahlung ist oft so hoch, dass die Schule unserer Kinder per E-Mail dazu auffordert, langärmelige Hemden, lange Hosen, Mützen und Sonnenblocker mit Schutzfaktor 50+ zu tragen. Gegen die Moskitos kommt während der Regenzeit in regelmäßigen Abständen ein Mann vom Gesundheitsamt in unseren Garten und wirft mit einem Löffelchen ein Pulver in jede Pfütze. Er behauptet, das sei ganz harmlos. Bei Erdbeben wird die Schule blitzschnell evakuiert, pure Routine, und wir wissen, dass man dann besser weg von Fenstern, Bäumen und Stromleitungen bleibt und mit dem Reisepass das Haus verlässt. Vorsichtshalber sind wir natürlich im Elefand-System des Auswärtigen Amtes registriert, der elektronischen Erfassung von Deutschen im Ausland, damit uns irgendwer (die GSG 9?) im Krisenfall rausholt. Gegen die Hitze helfen aber weder lange Ärmel noch der Mann vom Gesundheitsamt oder die GSG 9.

Foto: © imago/imagebroker

Ein leerer Sportplatz auf dem Hügel Cerro del Carmen in Guayaquil. Ins Schwitzen kommen die Einwohner auch so.

Für die Natur ist die Hitze gut, vor allem weil es gleichzeitig auch noch feucht ist: Alles wächst wie irre. Ecuador ist der größte Bananenexporteur der Welt, der zweitgrößte Shrimps-Exporteur und der drittgrößte Schnittblumen-Exporteur. Wenn bei uns nicht spätestens alle drei Wochen der Gärtner mit der Machete kommt, wird unser Garten zum Urwald.

Bloß nicht bewegen

Die Menschen in Guayaquil haben sich gut auf die Hitze eingestellt. Sie verzichten auf Geschirrspülmaschinen (das macht die Hausangestellte oder die Oma) und Wäschetrockner (das macht die Sonne) und investieren stattdessen in Klimaanlagen. Wer es sich irgendwie leisten kann, bricht ein Loch in die Wand und baut sich eine ein. Wir haben in unserem gemieteten Haus insgesamt acht. In den feuchtheißen Regenzeit-Monaten treiben sie unsere Stromrechnung von 60 auf mehr als 200 US-Dollar hoch (seit dem Jahr 2000 hat Ecuador keine eigene Währung mehr).

Ein weiterer Schachzug der Ecuadorianer: Sie schämen sich nicht für ihre Körper. Jeder und jede zeigt so viel Haut wie möglich, in der kleinstmöglichen Konfektionsgröße ohne Rücksicht auf Fettpolster und Rettungsringe. Alles wird zur Schau gestellt und im Dienste der Transpirationsminimierung der frischen Luft ausgesetzt. Gut verständlich bei 33 Grad Celsius.

Natürlich hat die Hitze auch ein paar Nachteile. Butter wird außerhalb des Kühlschrankes unverzüglich flüssig. Die Fahrradgriffe unserer deutschen Mountainbikes verwandelten sich innerhalb weniger Tage in eine klebrige, kaugummiähnliche Masse. Plastik wird farblos und spröde. Armaturenbretter bekommen Hitzepickel, manche Menschen auch. Hautkrebs ist wegen der hohen UV-Belastung weitverbreitet. Manche Ecuadorianer gehen fast jedes Jahr zum Dermatologen und lassen sich schwarz wuchernde Stellen entfernen.

Außerdem schwitzt man, ohne sich zu bewegen – und zwar nicht ein paar Tropfen auf der Stirn, sondern großflächig überall. Manchmal spürt man den Schweiß in kleinen Rinnsalen auf dem Rücken, wenn man Pech hat, muss man dreimal täglich das Hemd wechseln und mehr als drei Liter Wasser trinken, um nicht zu dehydrieren. „Unser Besprechungsraum hat keine Klimaanlage, aber verdunkelte Fensterscheiben“, klagte kürzlich eine Mitarbeiterin der Deutsch-Ecuadorianischen Industrie- und Handelskammer. „Keine Ahnung, wer auf diese Schnapsidee kam. Das Motto bei unseren Meetings lautet: Jede Bewegung vermeiden und auf keinen Fall den Arm heben. Da hilft selbst das teuerste, importierte 24-Stunden-extradry-Antitranspirant nichts.“

Die Leute in Guayaquil haben das Transpirationsproblem erkannt und bekämpfen es auf ihre Weise. Mit Langsamkeit. Die Kassierer an der Kasse im Supermarkt arbeiten in Zeitlupe. Manchmal so langsam, dass man ihre Bewegungen kaum bemerkt und dann sehr erstaunt ist, wenn plötzlich wieder etwas in die Tüten gepackt werden kann. Einmal, ganz am Anfang unseres Aufenthalts, wollte ich schnell ein Dutzend Hemden bei der Reinigung abgeben. Es dauerte eine Stunde, bis die Dame jedes einzelne Hemd wie eine forensische Sachverständige im Gegenlicht auf eventuell vorhandene Unregelmäßigkeiten in der Struktur der Stoffe, unvollständige Nähte und mögliche Schäden überprüft und alles in ihr Computersystem eingegeben hatte. Dann tippte sie noch sämtliche Daten auf den Etiketten ab. Hemdenmarke, Größenangabe, Waschanleitung.

Der größte Vorteil des heißen und feuchten Klimas: Alles wächst wie irre. Auch Kakaobohnen und Bananen

Foto: © Ivan Kashinsky / Bloomberg via Getty Images 

Auf den Autobahnen beträgt die Höchstgeschwindigkeit 100 Kilometer pro Stunde. Die meisten Ecuadorianer fahren jedoch nicht schneller als 80 – und das gern auf der linken Fahrbahn. Riskante Spurwechselmanöver könnten ja zu Stress und unerwünschten Schweißausbrüchen führen.

Zu viel Hitze mache die Menschen träge, sagte schon der französische Philosoph Charles Montesquieu (1689–1755), obwohl er von Guayaquil vermutlich noch nie etwas gehört hatte. Damit hatte er recht. Wissenschaftliche Studien haben das bestätigt: je höher die Temperatur, desto geringer die Leistungsbereitschaft. Bei Hitze sind Arbeiter langsamer und vermeiden anstrengende Tätigkeiten, die Fähigkeit zum Lösen mathematischer Aufgaben sinkt, die zum Lesen nicht.

Physiologen glauben, dass das Gehirn bei hohen Temperaturen einen Gang zurückschaltet, um nicht zu überhitzen. Schließlich erzeugt es 20 Prozent der Körperwärme und will keinen Hitzschlag verursachen. Ich kenne das von mir selbst. Mittags, wenn das Thermometer gern mal 41 Grad Celsius im Schatten anzeigt, überkommt mein Gehirn ein großes Verlangen nach Siesta unter der Klimaanlage, dem mein Körper gern nachgibt.

Guayaquil: die größte und heißeste Stadt in Ecuador

Foto: © imago / robertharding

Selbstverständlich haben Ökonomen das Thema schon erforscht und festgestellt, dass die optimale Durchschnittstemperatur für die Wirtschaft 13 Grad Celsius beträgt. Deutschland ist mit rund zehn Grad Celsius nahe dran, Guayaquil mit rund 26 Grad Celsius weit davon entfernt. Jedes Grad Abweichung von der Optimaltemperatur reduziert das Pro-Kopf-Einkommen um rund acht Prozent. Das ist einer der Gründe, wieso viele Menschen in den Tropen so arm sind. Der Mindestlohn in Ecuador beträgt 386 Dollar, viele verdienen nicht einmal das.

Forscher des Massachusetts Institute of Technology haben die Temperaturen und Niederschläge aller Länder der Erde von 1950 bis 2003 ermittelt und mit den Daten zur Produktivität verglichen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass jedes Grad mehr das betroffene Land um 1,3 bis 1,6 Prozentpunkte ärmer macht und das Pro-Kopf-Einkommen senkt. Allerdings mit einer Einschränkung: Nur die ohnehin schon armen Länder sind davon betroffen. Ihr Wirtschaftswachstum verringert sich, die Menschen sterben früher, und die politische Stabilität nimmt ab.

Keine guten Nachrichten für Guayaquil. Das politische System Ecuadors leidet ohnehin, seit zwischen dem alten und dem neuen Präsidenten Streit um den richtigen Weg in die Zukunft ausgebrochen ist. Der alte hat sich ins gemäßigte Klima von Belgien abgesetzt und fordert Sozialismus, der neue im heißen Ecuador ist eher marktliberal. Die Regierungspartei ist gespalten.

Und nicht nur das: Die Bananenexporte des Landes sind durch einen Pilz bedroht, der die Plantagen befällt; der US-Dollar, die offizielle Währung Ecuadors, hat an Wert verloren. Die Erdölpreise sind gesunken (Ecuadors Export besteht zu 30 Prozent aus Erdöl). Hunderttausende Flüchtlinge aus Venezuela strömen in das kleine Land, und die Kriminalität steigt.

Nur eines bleibt stabil: die Temperatur. ---

Jahresdurchschnittstemperatur Berlin /Deutschland: 9,1 °C
Jahresdurchschnittstemperatur Guayaquil /Ecuador: 25,7 °C
Optimale Temperatur für eine Volkswirtschaft: 13 °C

Guayaquil ist mit 3,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt Ecuadors und das wichtigste Handelszentrum des Landes. Sie liegt am Guayas-Fluss an der südamerikanischen Pazifikküste. Der Hafen ist der weltweit wichtigste Umschlagort für Bananen und Kokain.

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