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Hans-Joachim Koppert im Interview

Sagt Hans-Joachim Koppert, Vorstandsmitglied des Deutschen Wetterdienstes. Ein Gespräch über den Wert meteorologischer Prognosen, ihre Zuverlässigkeit und das ideale Ikea-Wetter.




brand eins: Herr Koppert, inwiefern ist die Wirtschaft von Wettervorhersagen abhängig?

Hans-Joachim Koppert: Ohne genaue Wetterprognosen gäbe es viele Produkte und Dienstleistungen gar nicht – oder sie wären deutlich teurer. Ein gutes Beispiel sind erneuerbare Energien. Wissen die Betreiber genauer, wann der Wind optimal weht und die Sonne scheint, können sie die Leistungserzeugung besser abschätzen und das Stromnetz besser steuern. Darüber hinaus helfen langfristige Standortanalysen, die für das Jahr durchschnittlichen Sonnenstunden und Windgeschwindigkeiten zu bestimmen. So weiß man, wo es sich lohnt, eine Anlage aufzustellen und auch, wie hoch sie gebaut werden muss. Das Wissen über das Wetter macht die Versorgung zuverlässiger und somit letztlich den Strom günstiger.

Ähnlich verhält es sich in der Luftfahrt. Die Betriebskosten einer Airline hängen entscheidend vom Wetter ab. Wer mit Rückenwind fliegt, spart große Mengen Treibstoff. Ein zuverlässiger Wetterbericht macht es möglich, die Kerosin-Sicherheitsreserve um etliche Tonnen zu verringern. Bei einer großen Flugzeugflotte kommen so schnell mehrere Millionen Euro zusammen.

Noch mehr als diese beiden Branchen nutzt vermutlich die Landwirtschaft Ihre Prognosen?

Das liegt auf der Hand, denn Pflanzen brauchen nun einmal Wasser und Sonne zum Wachsen. Allerdings spielt in der Landwirtschaft nicht nur die Wettervorhersage, sondern auch die zurückliegende Witterung eine entscheidende Rolle, da diese den momentanen Zustand der Pflanzen maßgeblich beeinflusst. Hier stellt sich aber auch die Frage, was unsere Vorhersage bewirken kann. Auf längere Perioden von Spätfrost, wie im vergangenen Jahr zwischen Mitte April und Anfang Mai, können sich Landwirte auch mit dem Wissen aus der Vorhersage nur schlecht vorbereiten. Der Schaden, insbesondere im Obst- und Weinbau, war gewaltig. Die geschätzten Verluste betrugen europaweit rund drei Milliarden Euro.

Das lässt sich nicht verhindern?

Gegen eine lange Kälteperiode mitten in der Vegetationszeit kann man leider nichts machen. Glücklicherweise sind solche Wetterphänomene selten. In aller Regel helfen unsere Prognosen, die Effizienz deutlich zu erhöhen. Aufgrund der Wettervorhersage kann der Landwirt seine Arbeitsschritte besser planen. Wenn es lange nicht geregnet hat und ein Landwirt weiß, dass in drei Tagen ein großes Regengebiet über den Acker zieht, braucht er heute nicht mehr oder deutlich weniger zu bewässern.

Sind die Zusammenhänge immer so klar?

Nein, da spielen auch Verdunstungs- und Feuchtewerte, Bodentemperaturen und Wasserspeicherfähigkeiten der Böden eine Rolle. Wir beraten daher Landwirte auch in Bewässerungsfragen. Der Einsatz von Dünge- oder Schädlingsbekämpfungsmitteln wird übrigens auch von Niederschlags- und Windprognosen bestimmt. Da bietet der DWD eine Reihe von Spezialdiensten an, die unter anderem zeigen, welche Pflanzenschutzmittel bis zu welcher Höchsttemperatur eingesetzt werden dürfen. Auch in anderen Branchen ist die Wettervorhersage essenziell: in der Seeschifffahrt, im Bausektor, Katastrophenschutz und nicht zuletzt im Einzelhandel.

Und wo spielt sie keine Rolle?

Da müssen Sie lange suchen: Schätzungen gehen davon aus, dass rund 80 Prozent aller Wirtschaftstätigkeiten maßgeblich vom Wetter beeinflusst werden. Der Wetterdienst aus Großbritannien, das Met Office, hat 2015 berechnet, dass der volkswirtschaftliche Nutzen seiner Vorhersagen bei bis zu anderthalb Milliarden Pfund pro Jahr liegt. Bei einem Budget von knapp 120 Millionen Pfund bekommen Sie also für ein investiertes Pfund mindestens zehn Pfund heraus.

Ist das hierzulande ebenso?

Das Verhältnis zwischen investiertem Euro und dem damit erzielbaren Benefit dürfte mindestens in der gleichen Größenordnung liegen. Das Bundesverkehrsministerium hat den volkswirtschaftlichen Nutzen von energiewirtschaftlichen meteorologischen Dienstleistungen abschätzen lassen. Die Untersuchung ist intern noch nicht ganz abgeschlossen, daher kann ich nicht ins Detail gehen. Was ich aber sagen kann, ist, dass der Wert für verschiedene Spezialvorhersagen in Deutschland bei mehreren Hundert Millionen Euro liegt. Und da die zugrunde liegenden energiewirtschaftlichen Daten schon etwas älter sind und wir mehr erneuerbare Energien und bessere Wettermodelle haben, dürfte die Summe heute sogar noch etwas höher liegen.

Das heißt, Firmen sparen dank Ihrer Daten viel Geld. Was kosten Ihre Dienste?

Das Gros der Wetterdaten, die wir standardmäßig erzeugen, geben wir kostenfrei als Open Data ab. Für spezielle Dienstleistungen, zugeschnitten etwa auf die Land-, Bau- und Energiewirtschaft, den Flugverkehr oder die Schifffahrt, nehmen wir ein Entgelt. 2017 hatten wir Einnahmen von gut 33 Millionen bei einem Gesamtetat von rund 350 Millionen Euro. Da wir aus Steuern finanziert werden, fließt allerdings jeder Euro direkt zurück in den Bundeshaushalt.

Wer sind da die Nutzer der Gratis-Daten?

Das wissen wir im Einzelfall nicht, denn es gibt keine Registrierungspflicht. Wir beobachten aber, dass unsere meteorologischen Daten immer stärker in Planungssysteme miteinbezogen werden, die diese mit anderen Informationen verknüpfen. Nehmen Sie zum Beispiel unsere allgemeine Straßenwettervorhersage, die im Winter für die nächsten vier Tage unter anderem Schneefälle und Glättegefahr vorhersagt. Diese Daten nutzen private Dienstleister ebenso wie Straßenbetriebsdienste, die so unter anderem den Bedarf an Streusalz und Räumfahrzeugen kalkulieren können. Ikea plant mit solchen Wetterdaten die Besetzung der Kassen: Aus dem Vergleich von Wetterdaten und Verkäufen hat das Unternehmen herausgefunden, wann mit besonders vielen Kunden zu rechnen ist.

Wann ist das der Fall?

Wenn es nicht zu kalt, aber auch nicht zu warm ist und nicht regnet – sonst wird das Regal auf dem Weg zum Parkplatz nass. So um die 18 bis 20 Grad Celsius, bewölkt, das scheint optimal zu sein. Wenn es deutlich wärmer ist, bleiben die Kunden offenbar lieber im Garten oder auf dem Balkon. Ganz ähnlich plant der Einzelhandel, welche Produkte ins Sortiment aufgenommen werden, denken Sie an Sonnencreme, T-Shirts und Luftmatratzen. Feuerwehren besetzen bei trockenem, warmem Wettern ihre Leitstellen mit mehr Personen, Altenheime weisen ihr Personal an, verstärkt auf das Raumklima zu achten und die Bewohner zu animieren, mehr Wasser zu trinken.

Welche Daten nutzen die Wetter-Apps?

Für den deutschsprachigen Bereich sind das häufig unsere DWD-Daten. Apps wie Wetter-Online, Wetter.com, aber auch die private Wetterfirma Meteo-Group greifen besonders auf unsere Beobachtungsdaten zu, nutzen zum Teil auch unsere Vorhersagemodelle. Diese Unternehmen haben einen privilegierten kostenpflichtigen Zugang, bei dem die Datenserver besser abgesichert sind und es Beratungsleistungen gibt.

Wann sehen wir auf solchen Apps die verlässliche 14-Tage-Vorhersage?

Momentan liegen wir so bei sieben, acht, neun Tagen. Wobei die Verlässlichkeit der Prognose gegenüber den ersten Tagen deutlich abnimmt. Die Vorhersagbarkeit des Wetters ist grundsätzlich beschränkt. Das liegt daran, dass die Zustände in der Atmosphäre physikalisch gesehen chaotisch sind. Der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings kann ausreichen, um die Verhältnisse zu verändern. Konkrete Wettervorhersagen über 14 Tage hinaus werden wir auch mit besseren Supercomputern kaum erstellen können, sagen Mathematiker. Allerdings gibt es bestimmte Prozesse in der Atmosphäre, die trotzdem für spezielle, längerfristige Fragestellungen Vorhersagen erlauben, die einen nutzbaren Wert haben. Denken Sie nur an die Vorhersage von El Niño.

Wie gut sind die heutigen Prognosen?

Als ich hier um das Jahr 1980 angefangen habe, hatten wir im Prinzip keine echte Wettervorhersage. Da wussten wir für ein Quadrat mit 250 Kilometern Kantenlänge gerade einmal alle sechs Stunden die Werte für Temperatur, Wind, Druck in verschiedenen Höhen – und mit Glück auch die Feuchte. Vor allem Niederschläge waren damit nur rudimentär zu bestimmen. Heute ist das vollkommen anders. Das Raster für Mitteleuropa beträgt rund zwei Kilometer. Damit können wir die meisten meteorologischen Daten tatsächlich vorhersagen und müssen nicht mehr interpretieren. Ein Riesenfortschritt im Vergleich zu damals.

Sonne und Wolken stets im Blick: der Arbeitsplatz von Hans-Joachim Koppert

Warum liegt der Wetterbericht bei einer Tagesvorhersage trotzdem manchmal spek- takulär daneben?

Das hängt davon ab, wie die Wetterlage ist und welches Phänomen vorhergesagt werden soll. Winterstürme sind zum Beispiel sehr gut zu prognostizieren. Den Orkan Kyrill haben wir 2007 sechs Tage, bevor er auf den Kontinent traf, erkannt. So konnte viel Schaden vermieden werden. Bei Gewittern ist das leider oft anders. Langfristig, das heißt wenige Tage im Voraus, ist es heute nur möglich zu sagen, dass es in einer bestimmten Region wahrscheinlich zu schweren Gewittern kommt – aber nicht präzise wann und wo. Erst wenn wir in den Bereich von vier bis sechs Stunden kommen, wird es deutlich besser. Das liegt daran, dass Gewitter schnell entstehen können und daran, dass wir selbst mit unserem Zwei-Kilometer-Raster nicht alle komplexen Prozesse, die in einer Gewitterwolke ablaufen, genau beschreiben können.

Gibt es eine Aussicht darauf, Gewitter künftig besser zu erkennen?

Grundsätzlich wurden die Vorhersagen bislang alle zehn Jahre einen Tag genauer. Die Drei-Tage-Prognose von heute entspricht in der Vorhersagegüte der Zwei-Tage-Prognose von 2008. Speziell für kurzfristige Vorhersagen von Gewittern und Starkregen versprechen wir uns von einem neuen Vorhersagesystem deutliche Fortschritte. Das wird jede Stunde eine neue Vorhersage liefern und ein Raster von einem Kilometer haben. Zudem erwarten wir uns von der dritten Generation der Meteosat-Satelliten einen sehr großen Fortschritt. Der erste der sechs geplanten Satelliten wird voraussichtlich Mitte 2021 starten, bis 2030 sollen dann alle in der Umlaufbahn sein.

In welchen Bereichen hätten solche noch genaueren Prognosen den größten wirtschaftlichen Nutzen?

Dort, wo die Wettervorhersage schon heute eine tragende Rolle spielt, zum Beispiel bei der Deutschen Flugsicherung. Mit genaueren Vorhersagen können die Lotsen mehr Flugzeuge abfertigen. Da kommt es auf Minuten an: Verzieht sich eine Gewitterfront? Flaut der Sturm ab? Davon hängt ab, ob Maschinen starten und landen können oder ob sie in Warteschleife weiterkreisen müssen und damit höhere Betriebskosten erzeugen.

Vor ein paar Wochen haben wir dem Flughafen München geholfen, die Flugunterbrechung wegen schwerer Gewitter über der Landebahn möglichst kurz zu halten. Unsere Experten vor Ort konnten präzise voraussagen, wann sich die Gewitter vom Flughafen wegbewegen und abschwächen. Eine Unterbrechung des Flugbetriebs kostet an einem großen Flughafen mehrere Hunderttausend Euro pro Stunde.

Große Auswirkungen von noch besseren Vorhersagen erwarte ich auch in der Energiebranche. Bei den Erneuerbaren werden die Strompreise für den nächsten Tag oder auch die nächste Stunde an den Wetterprognosen festgemacht.

Was passiert, wenn Sie geringe Windgeschwindigkeiten voraussagen, es aber doch stark stürmt – und beispielsweise Passagiermaschinen nicht landen können? Kann ein Flughafen Sie auf Schadenersatz verklagen?

Er kann schon. Aber der Erfolg einer Klage ist nahezu ausgeschlossen. Wir sind in keiner Weise haftbar für Unsicherheiten in der Prognose, das steht auch in unseren allgemeinen Geschäftsbedingungen – sofern wir nach bestem Wissen und Gewissen und nach dem Stand der Wissenschaften arbeiten. Das heißt: Alle Systeme, die wir haben, in der zur Verfügung stehenden Zeit heranziehen. Und die Vorhersage so machen, dass Kollegen sagen: Ja, so muss man es machen. Wenn der Input trotzdem falsch war, kann keiner etwas dafür. Anders sähe es bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz aus. Wenn ein Kollege am Bildschirm sieht, dass sich ein schweres Gewitter zusammenbraut und keine Warnung herausgibt, wäre das so ein Fall. Das ist aber noch nie vorgekommen.

Der DWD wurde also noch nie verklagt?

Doch, aber nicht wegen falscher Vorhersagen. Unsere Wetterballons landen leider immer mal wieder in einer Stromleitung. Die kommen mit einem kleinen Fallschirm runter und sind nicht präzise steuerbar. Da sind wir natürlich haftbar. Das passiert aber extrem selten. Einmal hat uns auch ein Bauer verklagt, der meinte, dass sein Stier durch den Ballon erschreckt wurde und dadurch nicht mehr leistungsfähig genug für die Zucht war. Ich weiß allerdings nicht mehr, ob die Klage Erfolg hatte. ---

Hans-Joachim Koppert, 62, studierte Meteorologie in Darmstadt. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Universität Karlsruhe kam er 1980 zum Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Seit 2010 ist er dort Mitglied des Vorstands und Leiter des Geschäftsbereichs Wettervorhersage.