Ein Schirm für alle Fälle

Versicherungen machen aus Risiken Geschäfte. Das funktioniert auch mit Regen, Sturm und Schnee.




Das Problem

Stellen Sie sich vor, Sie sind Konzertveranstalter und richten im August ein fünftägiges Open-Air-Festival in Norddeutschland aus. Es beginnt bei strahlendem Sonnenschein, doch dann regnet es vier Tage durch. Die Folge: Der Tageskartenabsatz geht dramatisch zurück, und Getränke und Merchandise-Artikel kauft bei dem Wetter auch kaum noch jemand. Ihre Bilanz geht den Bach runter.

Ob Regen, Sturm oder Hitze – kaum ein Faktor beeinflusst die Ökonomie so sehr wie das Wetter. 80 Prozent der Weltwirtschaft hängen nach Schätzungen der Weltorganisation für Meteorologie von der Witterung ab. Wenn Flüge nicht starten können, weil es stürmt, Ernten wegen Dürre ausfallen und Bauarbeiten bei Minusgraden wochenlang zum Erliegen kommen, kostet das Unternehmen viel Geld. Nach Berechnungen des Ökonomen Jeff Lazo von der American Meteorological Society und seiner Kollegen verursacht das Wetter in den USA Schwankungen des Bruttoinlandsprodukts von 3,4 Prozent. Das entsprach im Jahr 2016 einer Summe von rund 630 Milliarden Dollar. Ins Kontor schlagen oft gar nicht Extremereignisse wie Hochwasser und Stürme. Es genügt schon ein verregneter Sommer, um Saisonbetrieben wie Biergärten und Freibädern das Geschäft zu verderben.

Ob Regen, Sturm oder Hitze – kaum ein Faktor beeinflusst die Ökonomie so sehr wie das Wetter. 80 Prozent der Weltwirtschaft hängen nach Schätzungen der Weltorganisation für Meteorologie von der Witterung ab. Wenn Flüge nicht starten können, weil es stürmt, Ernten wegen Dürre ausfallen und Bauarbeiten bei Minusgraden wochenlang zum Erliegen kommen, kostet das Unternehmen viel Geld. Nach Berechnungen des Ökonomen Jeff Lazo von der American Meteorological Society und seiner Kollegen verursacht das Wetter in den USA Schwankungen des Bruttoinlandsprodukts von 3,4 Prozent. Das entsprach im Jahr 2016 einer Summe von rund 630 Milliarden Dollar. Ins Kontor schlagen oft gar nicht Extremereignisse wie Hochwasser und Stürme. Es genügt schon ein verregneter Sommer, um Saisonbetrieben wie Biergärten und Freibädern das Geschäft zu verderben.

Die Lösung

Mittlerweile können sich Firmen, Kommunen und sogar ganze Länder gegen solche Ausfälle schützen, indem sie eine Wetterversicherung oder ein sogenanntes Wetterderivat abschließen. Die Angebote unterscheiden sich in Details voneinander, funktionieren aber nach demselben Prinzip: Sobald sich ein vorher festgelegtes Wetterszenario einstellt, erhält der Kunde eine Entschädigung. Dabei muss er, anders als bei klassischen Policen gegen Sturm, Hagel oder Hochwasser, keinen konkreten Schaden nachweisen. Es genügt bereits, wenn ein kritischer Punkt erreicht ist, der von einem zuvor vereinbarten Basiswert nach oben oder unten abweicht.

Beispiel Open-Air-Festival: Der Veranstalter vereinbart mit der Versicherung, dass er einen Regentag in Kauf nimmt und ab dem zweiten jeweils 10 000 Euro Entschädigung erhält, wenn während der Öffnungszeiten des Festivals zwischen 10 und 22 Uhr mindestens drei Millimeter Regen fallen.

Dem Kunden stehen für einen solchen Vertrag alle Parameter als Versicherungskriterien zur Verfügung, die von Wetterstationen erfasst werden, neben dem Niederschlag also Temperatur, Sonnenstunden und Wind. Die Wetterstation muss sich allerdings nah an dem Ort befinden, der versichert werden soll (siehe auch S. 50, „Ich nehme jeden Unwettertoten persönlich“). Außerdem müssen von dort Daten aus mehreren Jahrzehnten vorliegen, um einen Durchschnitt für einen bestimmten Zeitpunkt oder eine Periode errechnen zu können. Anhand dieses Index werden dann die Wetterabweichungen festgestellt. Deshalb werden solche Versicherungen indexbasierte oder auch parametrische Versicherungen genannt.

Der Markt

Entwickelt wurden diese Wetterversicherungen Ende der Neunzigerjahre in den USA. Während dort Wetterderivate inzwischen sogar börslich, also auch ohne Versicherungsfunktion, gehandelt werden, gelten die Angebote in Deutschland noch als exotisch. „Anfang der 2000er gab es hier einen regelrechten Hype, vor allem unter den Rückversicherern und den sehr großen Energieunternehmen, die damit ein neues Geschäftsfeld aufbauen wollten“, sagt Malte Neuendorff, Experte für Risikomanagement für Energieversorger und Stadtwerke bei der Unternehmensberatungsgesellschaft KPMG. „Doch die Idee hat am Markt nicht so recht funktioniert.“ Um 2007 habe es die nächste Welle gegeben – wieder mit überschaubarem Erfolg. „Jetzt versuchen die Gesellschaften, diese Form der Risikoabsicherung unaufgeregt zu etablieren.“

Zahlen über Umsätze und Höhe der Policen behalten die Versicherer für sich. Allerdings gelten parametrische Wetterversicherungen immer noch als Nischenprodukt. „Der Markt ist langsam, da braucht es mitunter einige Jahre, bis sich etwas Neues durchsetzt“, sagt David Semder, Produktentwickler beim hannoverschen Haftpflichtverband der Deutschen Industrie (HDI). Nach Einschätzung von Karsten Berlage, Chef der Wetterversicherungsabteilung bei Allianz Risk Transfer in New York, hat die Branche jedoch Fortschritte gemacht: „Aus der Innovationsphase sind wir raus und befinden uns jetzt im Wachstumsbereich.“

Die Kosten

Pauschale Angaben sind unmöglich, denn Standardprämien für die Verträge gibt es nicht. Zu viele Variablen spielen eine Rolle, etwa die Versicherungsdauer und die mögliche Schadenhöhe. Die Veranstalter des Open-Air-Festivals müssten bei einem kleineren Vertrag mit einer Prämie von knapp 6000 Euro inklusive Steuern rechnen. Für große Policen wird dagegen schnell eine sechsstellige Summe fällig. Die Prämie richtet sich vor allem danach, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Schadensszenario eintritt. Wer als Konzertveranstalter schon bei zwei statt drei Millimetern Regen entschädigt werden will, muss mehr zahlen, bei vier Millimetern weniger.

Viel Spielraum gibt es für Kunden beim Aushandeln der Prämie dem KPMG-Berater Neuendorff zufolge nicht: „Dafür ist die Zahl der Anbieter auf dem Markt zu gering.“ Durch eine höhere Selbstbeteiligung könne man jedoch den Beitrag senken und so gezielt für den Totalausfall vorsorgen. Neuendorff sagt: „Bei einer solchen Versicherung geht es ja nicht darum, jede Einbuße auszugleichen, sondern darum, ein gewisses Mindestergebnis zu sichern.“

Die Zielgruppe

Betreiber von Bierständen auf Stadtfesten versichern sich mit parametrischen Wetterversicherungen gegen Regen; Winterdienste, die nicht pro Einsatz, sondern pauschal pro Saison bezahlt werden, gegen zu viel Schnee; Gaswerke wiederum gegen einen zu lauen Winter, in dem sie ihre Ware nicht verkauft bekommen. „Es gibt da viele Möglichkeiten“, sagt David Semder vom HDI. „So kann ein Händler zum Beispiel Badekleidung mit einer Sonnengarantie verkaufen, seinen Kunden den Kaufpreis bei Regen erstatten und die Aktion mit einer Wetterversicherung absichern.“

Wie sinnvoll ein solcher Schutz für ein Unternehmen ist, hängt davon ab, wie stark es vom Wetter beeinflusst wird – aber nicht allein davon. „Man muss auch das Basisrisiko berücksichtigen“, sagt Karsten Berlage von der Allianz. „Zweifellos laufen Bikinis bei Regen schlechter. Aber wenn der Händler Modelle eingekauft hat, die nicht dem Geschmack der Saison entsprechen, nützt ihm selbst ein Jahrhundertsommer wenig.“

Der Unternehmensberater Neuendorff hat unter seinen Mandanten eine weitverbreitete Skepsis gegenüber Wetterversicherungen ausgemacht: „Viele sind unsicher, was sie für ihr Geld bekommen. Und angesichts von Prämien zwischen 250.000 und 500.000 Euro für große Verträge fällt die Entscheidung oft nicht leicht.“

Da spiele auch die Psyche eine Rolle: „Man geht ja mit der Prämie finanziell in Vorleistung – und wenn es gut läuft, also kein Schaden eintritt, sieht man das Geld nicht wieder.“ Dann erscheine die Ausgabe in der Rückschau oft überflüssig. Neuendorff selbst ist dagegen vom Nutzen des Instruments als Teil einer größeren Risikoabsicherung überzeugt. „Wenn man sein Ergebnis über mehrere Jahre schützen will, ist die Ausgabe meist sinnvoll.“ ---

Elementarschadenversicherung

Auch wenig wetterabhängige Branchen können von extremer Witterung getroffen werden, zum Beispiel wenn Starkregen oder Hochwasser Läden und Büros fluten. Bislang sprang der Staat unversicherten Unternehmen und Privatleuten nach solchen Katastrophen oft mit Soforthilfen zur Seite. Doch darauf sollte man nicht mehr zählen: 2017 verständigten sich die Ministerpräsidenten der Länder darauf, nur noch jene Menschen zu unterstützen, die sich zuvor erfolglos um eine Versicherung bemüht hatten oder denen eine Police zu wirtschaftlich unzumutbaren Bedingungen angeboten wurde.

„Wir raten deshalb grundsätzlich allen Hausbesitzern zu einer Elementarschadenversicherung“, sagt Julia Gerhards von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Die Empfehlung gilt nicht nur für typische Risikogebiete wie Überflutungsbereiche von Flüssen. „Die Starkregen der vergangenen Jahre zeigen, dass es jeden treffen kann“, sagt Gerhards.

Entwicklungshilfe

Mittlerweile spielen parametrische Wetterversicherungen auch in der Entwicklungshilfe eine wichtige Rolle. Mit den Policen können sich, je nach Projekt, einzelne bäuerliche Kleinbetriebe oder sogar ganze Staaten vor den Folgen eines harten Winters, einer Dürre oder von Überschwemmungen schützen. „Die indexbasierten Instrumente haben gerade in Entwicklungsländern gegenüber herkömmlichen Versicherungen viele Vorteile“, sagt Kati Krähnert, Leiterin der Forschungsgruppe Nachhaltige Entwicklung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. So fielen beispielsweise die Verwaltungs- und Transaktionskosten deutlich geringer aus, weil Schäden nicht einzeln nachgewiesen und begutachtet werden müssen, sondern automatisch festgestellt werden.

Krähnert hat mit ihrer Forschungsgruppe untersucht, wie gut eine parametrische Wetter- versicherung mongolischen Viehbauern im Schadensfall hilft. Dort raffen lange und kalte Winter immer wieder viele Tiere dahin und zerstören die Lebensgrundlage der betroffenen Familien. 2005 hat die Regierung deshalb eine von der Weltbank entwickelte Versicherung eingeführt – und die bewährt sich offensichtlich. „Wir haben festgestellt, dass sich die versicher- ten Haushalte deutlich schneller erholt haben als jene ohne Schutz“, sagt Krähnert. Das Geld hätten die Bauern in weitere Tiere, aber auch in Nahrung für sich selbst investiert, damit sie ihr Vieh nicht notschlachten müssen.

Die deutsche KfW-Bankengruppe unterstützt unter anderem das Projekt African Risk Capacity (ARC). Das unabhängige afrikanische Unternehmen bietet seit 2013 den Staaten der Afrikanischen Union an, sich gegen Dürrekatastrophen zu versichern. Bevor ein Staat eine Versicherung abschließen kann, muss er eine Risikoanalyse und detaillierte Nothilfepläne für den Schadensfall vorlegen. Sechs afrikanische Staaten haben bis 2017 eine Versicherung abgeschlossen.

Die ARC ermittelt Schadensfälle auf der Grundlage von Niederschlagsdaten, die nicht von lokalen Wetterstationen, sondern von Satelliten erhoben werden. „Das ist nicht so genau wie eine örtliche Messung, doch auf diese Weise kann eine drohende Dürre bereits sehr früh vorhergesagt werden, wenn noch niemand infolge der Missernte hungert“, sagt Annette Detken, die bei der KfW als Abteilungsdirek- torin für Finanzentwicklung für die afrikanische Versicherungsgesellschaft zuständig ist.

Innerhalb von 120 Tagen müsse dann die Entschädigung ausgezahlt werden – im Maximalfall 30 Millionen Dollar pro Jahr. Damit lassen sich die Ausfälle zwar nicht vollständig kompensieren, die Staaten können aber die erste Zeit der Not überbrücken, bis die Hilfe der internationalen Organisationen angelaufen ist.

Bislang hat die ARC nach Dürren in Malawi, Niger, Mauretanien, und im Senegal 36,8 Millionen US-Dollar ausgezahlt, die unter anderem für Viehfutter und Getreidekäufe verwendet wurden. 2,1 Millionen Menschen und mehr als 900 000 Tiere haben davon laut ARC profitiert.