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Arabia Weather

Der Jordanier Mohammed Al-Shaker führte schon als Kind ein Wettertagebuch. Der Erfolg seiner Firma Arabia Weather soll nun junge Gründer im kriselnden Land beflügeln.

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• Für die meisten Menschen ist Wetter einfach da: ein Alltagsphänomen, mal lästig, mal erfreulich. Für den Jordanier Mohammed Al-Shaker, 28, ist es Leidenschaft, sein Lebensthema – und seit einigen Jahren ein höchst erfolgreiches Geschäftsmodell. „Weatherman“, Wettermann, nannte ihn das Magazin »Forbes«, als es ihn vor zwei Jahren zum Titelhelden seiner Nahost-Ausgabe machte. Denn Al- Shaker hat mit Arabia Weather das größte Wetterunternehmen der arabischen Welt gegründet.

Rund 70 Millionen Menschen von Marokko bis Oman nutzen nach eigenen Angaben die Dienste des Unternehmens, Firmen zahlen für dessen Vorhersagen. Al-Shaker und sein Wetterdienst – das ist eine Erfolgsgeschichte in einem Land, das selten für gute Nachrichten sorgt. Sie zeigt, was möglich ist in einer Region, die so oft mit Elend und Stillstand verbunden wird – und in der ein Erfolg wie der von Al-Shaker Rückenwind bedeuten könnte für viele andere.

Der Hauptsitz seiner Firma befindet sich im King Hussein Business Park in Amman, einer umzäunten Oase, die mit dem Rest der Stadt wenig gemein hat: Draußen drängen sich hupende Autos auf verstopften Straßen, drinnen schlendern vereinzelte Fußgänger über das gepflegte campusähnliche Gelände. Arabia Weather residiert in Gebäude Nummer 4, in direkter Nachbarschaft von Microsoft, Oracle und Samsung. Dort sitzen junge Männer und Frauen vor Laptops oder entspannen auf grauen Sitzecken. Der Gründer und Vorstandsvorsitzende empfängt im Konferenzraum.

Seine erste Kindheitserinnerung, sagt Al-Shaker, sei der Anblick von Schnee, der auf Amman fiel, er war damals zwei Jahre alt. Als kleines Kind malte er die Wetterverhältnisse auf eine Tafel in seinem Zimmer, später führte er ein Wettertagebuch. „Andere Kinder in meiner Klasse hatten Hobbys wie Fußball, auch Computer oder Astronomie“, erzählt er. „Aber niemand interessierte sich für das Wetter.“ Doch seine Mutter hatte Verständnis für das Hobby des Sohnes und förderte ihn nach Kräften, kaufte ihm Bücher und organisierte ihm Besuche beim nationalen Wetterdienst.

© ArabiaWeather Inc.
© ArabiaWeather Inc.

Wichtiger Dienst für die arabische Welt: der Hauptsitz von Arabia Weather im King Hussein Business Park in Amman

Mit 13 Jahren begann Al-Shaker mit einem Blog, in dem er über das Wetter schrieb und erklärte, wie es zustande kommt. So wurde Omar Dajani auf ihn aufmerksam, der heute als Chefmeteorologe bei Arabia Weather arbeitet. „Ich war sicher, da schreibt ein Professor“, sagt Dajani und lacht. „Ich konnte nicht glauben, dass das ein Teenager war.“

2005 zog Al-Shaker mit seinem Blog auf eine Website um, die er „Jordan Weather“ nannte. Er belegte ein paar Onlinekurse in Meteorologie und entwickelte eigene Methoden, das Wetter vorherzusagen, mit wachsendem Erfolg: Örtliche Medien begannen, seine Vorhersagen zu übernehmen. „Da begriff ich, dass Wetter auch ein Geschäft ist“, sagt Mohammed Al-Shaker.

2006 ließ er Jordan Weather als Firma eintragen, gemeinsam mit einem Freund, Osama Tarifi, der heute als Landesdirektor für Jordanien fungiert. Werbeanzeigen sorgten für ein erstes bescheidenes Einkommen, doch noch war die Website für die beiden mehr Hobby als Beruf.

Da jordanische Universitäten kein Meteorologie-Studium anbieten, schrieb Al-Shaker sich für Pharmazie ein, nach dem Vorbild seines Vaters; später reiste er nach Großbritannien, um einige Kurse am Met Office College zu belegen, der Ausbildungsstätte des britischen Wetterdienstes. 2010 änderte er den Namen seiner Firma in Arabia Weather, um ein breiteres Publikum zu erreichen. Im Jahr darauf gewann er die Jabbar Internet Group als ersten Investor. Weitere folgten, darunter große regionale Namen wie Wamda Capital.

Die Kundenzahlen stiegen stetig, die Firma weitete ihre Dienste aus, verbesserte ihre Vorhersagen und machte zunehmend dem nationalen Wetterdienst Konkurrenz. Anfang 2016 legte die Regierung einen Gesetzesentwurf vor, der private Wetterfirmen dazu verpflichten sollte, eine staatliche Lizenz zu beantragen. Andernfalls würden saftige Geldstrafen fällig. Mohammed Al-Shaker begriff das als Warnschuss: Er schwenkte um und ging eine Partnerschaft mit der Behörde ein.

Heute tauschen Arabia Weather und der nationale Wetterdienst Daten aus, kooperieren technisch und einigen sich bei extremen Wetterereignissen auf gemeinsame Sprachregelungen. „Der Gesetzesentwurf war ein Wendepunkt für uns“, sagt Al-Shaker. „Am Ende hat er der Firma genützt, denn nun können wir auch den großen öffentlichen Sektor bedienen, zu dem wir sonst keinen Zugang bekommen hätten.“ Arabia Weather ist groß und erfolgreich genug, um auf Augenhöhe mit staatlichen Stellen zu verhandeln. „Unsere technische Stärke mindert das regulatorische Risiko“, sagt Al-Shaker. Er weiß, dass für kleinere Start-ups staatliche Willkür und überstrenge Regulierung das Aus bedeuten können.

© ArabiaWeather Inc.

Leidenschaftlicher Wettermann: der Gründer und Chef Mohammed Al-Shaker

Tipps fürs Kleiden und Fischen

Inzwischen unterhält Arabia Weather Büros in Dubai und Saudi-Arabien mit 55 Mitarbeitern, betreibt 200 Wetterstationen und liefert stündliche Vorhersagen für 5000 Standorte in 22 arabischen Staaten. Das Unternehmen nutzt eigene Algorithmen, um seine Vorhersagen stetig zu verbessern. Es verkauft Dienste an Flughäfen, Airlines, Unternehmen in Sektoren wie Landwirtschaft, Verkehr, Strom, Öl, Gas und Medien wie den arabischen Nach- richtensender Al-Jazeera. Die Nutzer-App sorgt durch Anzeigen für Einnahmen. Neben den Wettervorhersagen bieten App und Website weitere Dienste an, etwa Kleidungstipps, Hintergrundartikel und Meldungen, wenn Schulen wetterbedingt schließen. „Jordanier interessieren sich für das Wetter, weil sie wissen wollen, was sie anziehen sollen“, sagt Omar Dajani, der Chefmeteorologe. „In Saudi-Arabien dagegen ist Kleidung kein Thema, weil die meisten dort sowieso ihre traditionellen Gewänder tragen. Und in den Emiraten wollen die Leute alles über den Wind wissen, weil viele dort hobbymäßig mit Booten Fischen gehen.“

Arabia Weather ist ein Lichtblick für das Land. Die Wirtschaft im ressourcenarmen Jordanien stagniert seit Jahren, während die Bevölkerung wächst – durch eine hohe Geburtenrate und den Zustrom syrischer Flüchtlinge. Im Juni demonstrierten Tausende Menschen in der Hauptstadt Amman und anderen Städten des Landes gegen geplante Steuererhöhungen. Als Jordaniens König Abdullah einen neuen Premierminister einsetzte, der prompt die Rücknahme der Reform beschloss, flauten die Proteste ab.

Doch die strukturellen Probleme der jordanischen Wirtschaft lassen sich so nicht lösen. Obwohl das Ausland, vor allem Europa und die USA, das Land mit Hilfsgeldern stützt, ist Jordaniens staatliches Defizit auf 95 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gewachsen. Trotz der Schulden leistet sich das Land einen aufgeblähten öffentlichen Sektor, der jeden dritten Arbeitnehmer beschäftigt, während der unterentwickelte Privatsektor nicht genügend Jobs schafft. Fast 40 Prozent der jungen Jordanier finden keine Arbeit. Für manche von ihnen könnten Start-ups eine – vielleicht die einzige – Möglichkeit sein, sich eine Zukunft aufzubauen.

Diese Hoffnung teilt das jordanische Königshaus. Seit einigen Jahren versucht König Abdullah, sein Land als Hightech-Standort zu etablieren, fördert Gründer- und Fortbildungsprogramme im IT-Sektor und wirbt um internationale Investoren. Im vergangenen Jahr etwa schloss eine königliche Stiftung eine Partnerschaft mit dem amerikanischen MIT zur Gründung eines „digitalen Herstellungslabors“ in Amman. Eine neue Stadt, die östlich von Amman entstehen soll, wird bereits als zukünftige Hightech-Metropole beworben.

Dennoch sind in Jordanien manche Hürden höher als anderswo. Junge Gründer haben es beispielsweise schwer, an Startkapital zu kommen. „Viele Geschäftsideen sterben, weil die Finanzierung fehlt“, sagt Mohammed Al-Shaker. Laut einem Bericht der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung ist der mangelnde Zugang zu Finanzierung das größte Problem für jordanische Firmen. Von ausländischen Investoren ist wenig Hilfe zu erwarten: „Viele Venture-Capital-Fonds schauen nicht auf diese Region“, sagt Al-Shaker. „Ich spreche oft mit Investoren in Europa. Sie sagen, der Nahe Osten ist nicht stabil.“

Zudem bereitet das jordanische Bildungssystem junge Menschen nicht auf die moderne Wirtschaft vor. „Inadäquat ausgebildete Arbeitskräfte“ sind laut dem Global Competitive Report des World Economic Forum der zweitwichtigste Faktor, der Jordaniens Ökonomie hemmt. Lehrpläne gelten als hoffnungslos veraltet, Universitäten setzen auf Masse statt auf Klasse. „Wir brauchen mehr Leute, aber wir können sie nicht finden – nicht wegen eines Mangels an Bewerbern mit Universitätsabschluss, sondern wegen mangelnder Qualität“, sagt Al-Shaker. „Die Reform des Bildungssystems hat oberste Priorität.“

Wer Biss und Talent hat, kann sich jedoch auch in Jordanien hoch qualifizieren, zumal in Zeiten des grenzenlosen Lernens: Al-Shaker und die meisten seiner Mitarbeiter haben lokale Universitäten besucht, manche zusätzlich Onlinekurse belegt. Seine Firma hat an keinem der zahlreichen, oft westlich finanzierten Förderprogramme für Start-ups teilgenommen, sie ist ein ganz und gar jordanisches Produkt – „organisch gewachsen“, wie Al-Shaker es nennt.

Das Beispiel soll Schule machen

Viele Start-ups in Jordanien und dem Nahen Osten streben auf den internationalen Markt. Arabia Weather hat sein Angebot von Beginn an auf die Region zugeschnitten. Die Firma produziert arabische Inhalte, ihre Website und App sind auf Arabisch und Englisch verfügbar. „In der arabischen Welt leben 400 Millionen Menschen, und die Internetverbreitung ist sehr hoch“, sagt Al-Shaker. „Trotzdem ist der Anteil arabischsprachiger Inhalte sehr niedrig. Für uns ist das ein Wettbewerbsvorteil.“

Auf seinem Twitter-Profil hat er geschrieben: „Ich glaube an die Kraft der arabischen Jugend.“ Ein Satz, der klingt, als stamme er aus dem Jahr 2011. Damals, als eine Protestwelle den Nahen Osten erschütterte, von euphorischen Beobachtern vorschnell zum Arabischen Frühling gekürt, glaubte die halbe Welt daran. Doch die Hoffnungen von Millionen junger Demonstranten sind längst begraben unter Kriegstrümmern oder erstickt von staatlicher Repression. Können Menschen wie Mohammed Al-Shaker ihnen neue Hoffnung geben? Zeigen, dass man auch unter widrigen Umständen mit guten Ideen, harter Arbeit und ein wenig Glück etwas erreichen kann, zumindest für sich selbst?

Al-Shaker sieht seit einigen Jahren neuen Optimismus bei den jungen Männern und Frauen der Region, Selbstbewusstsein, Tatendrang. „Dank der sozialen Medien haben sich Erfolgsgeschichten von Start-ups aus der arabischen Welt verbreitet“, sagt er. „Das ermutigt junge Menschen, ihre eigenen Ideen umzusetzen. Die arabische Jugend hat viel Energie und Leidenschaft. Man muss sie nur auf die richtige Weise unterstützen.“

Arabia Weather tut das, indem es regelmäßig Schulklassen einlädt: Mitarbeiter führen die Schüler durch die Räume, erklären ihnen die Technik und die Wissenschaft hinter den Vorhersagen. Mohammed Al-Shaker träumt außerdem davon, eine Hochschule für Meteorologie zu gründen. Derzeit berate er sich mit einer Bildungsgesellschaft, die bei der Entwicklung der Lehrstätte kooperieren will. Er hofft, das Projekt bis zum Jahr 2020 umzusetzen.

„Investierten wir mehr Geld in die Bildung unserer jungen Leute, würde das nicht nur ihnen helfen“, sagt er. „Es würde auch die Wirtschaft stärken, Arbeitsplätze schaffen, mehr internationale Firmen nach Jordanien bringen und neue Start-ups entstehen lassen. Und das hilft am Ende dem ganzen Land.“ ---