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Wolf Lotter über „Sicherheit“

Gegen die neue Ungewissheit hilft vor allem: Vertrauen und Selbstsicherheit lernen.






We are living in a material world and I am a material girl
Madonna, 1984

1. Märchenstunde

Höchste Zeit, dass hier mal handfeste Fragen gestellt werden. Was hilft eigentlich wirklich gegen Verunsicherung? Nicht alles glauben, was man sich erzählt und stattdessen lieber etwas Ordentliches lesen, Jacob und Wilhelm Grimms Kinder- und Hausmärchen zum Beispiel. Da wird schnell klar, wie es um uns steht. Man nehme also erstens „Tischlein deck dich“. Darin verstoffwechselt ein Esel sein Futter in Golddukaten, und ein kleines Tischchen zaubert die besten Speisen und Getränke herbei, so viel man mag. Damit ließe es sich schon gut und sorgenfrei leben, aber Eigentum verpflichtet, und deshalb gibt es obendrauf einen praktischen, vollautomatischen Holzknüppel mit Sprachsteuerung, der auf Zuruf jeden verprügelt, den sein Besitzer benennt.

„Tischlein deck dich“ ist ein Schlüsselwerk des Materialismus, des fröhlichen Konsums, ein Evangelium der Moderne. Die Botschaft ist einfach: Sicherheit ist, wenn man genug von allem hat. Das fanden und finden immer noch die allermeisten Menschen gut und richtig. Aber darf man das eigentlich noch? Wir leben schließlich in der Postmoderne! Da ist Kritik des Überflusses angesagt – und damit „Tischlein deck dich“ die Grundlage allen Übels.

Der Postmaterialist wählt lieber „Hans im Glück“. Der Held wird nach sieben Jahren Dienst von seinem Herrn mit einem großen Klumpen Gold belohnt. Er will nichts wie heim zu seiner Mutti. Doch das Gold ist schwer und Hans fußfaul. So tauscht er das Gold gegen einen Gaul, doch der wirft ihn ab. Wie gut, dass ein Bauer ihm seine Kuh für das Pferd bietet. Die wird ihm Milch geben, so glaubt er, Käse und Butter. Ein Selbstversorger, biologisch einwandfrei, autark. Was will man mehr? Doch das Tier ist nicht kooperativ, weil zu alt, und gern tauscht Hans die Kuh gegen ein Schwein. Das allerdings stellt sich als Hehlerware heraus, und Hans ist froh, dass er dafür eine Gans kriegt. Die wiederum schwatzt ihm ein Scherenschleifer ab, der Hans dafür einen kaputten Wetzstein andreht. Der Stein fällt ihm beim Wasserholen in einen Brunnen. Doch statt zu klagen, fühlt Hans sich befreit: „Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war“, heißt es dazu bei den Grimms. Totalverlust mit Happy End. Denn Mutti wird’s schon richten.

Als die Grimms „Hans im Glück“ 1819 in ihrer Sammlung veröffentlichten, war klar, dass Hans ein Hänschen war, von bescheidenem Verstand, ein leichtes Opfer von Bauernfängern, Neppern und Betrügern. Wie dumm musste man auch sein, um nicht zu begreifen, dass zu einem guten Leben auch Wohlstand gehört, Güter, Bares? Sicherheit ist etwas Handfestes, Praktisches. Es schützt vor dem Absturz, wenn das Glück endet. Sicherheit bedeutet, dass man über den Tag hinausdenkt. Im Grunde hieß das Märchen: Hans ist doof.

Doch das hat sich geändert. Vielleicht war Hans gar kein Trottel, sondern ziemlich gerissen. Denn er handelte stets mit Netz und doppeltem Boden. Die Mutter, das Symbol der lebenslangen Fürsorge, stand im Hintergrund parat. In einem reichen Land mit hohen Ansprüchen an Komfort und Moral, vielen Erben und einem ausgeprägten Fürsorgedenken wird aus dem Deppen der Nation ihr Schutzpatron. Die Parole des Hans im Glück lautet: Postmaterialismus muss man sich erst mal leisten können.

Früher war alles Tischlein deck dich, heute redet jeder vom Hans im Glück. Doch der neue Held braucht immer eine Mutti, die sich um ihn kümmert, Fürsorge und geliehene Sicherheit. Von Selbstständigkeit keine Spur. Zum guten Leben gehören nicht nur Werte, sondern auch handfeste Güter.

2. Sicherheitsabfrage

Gut, dass wir über die soziale, materielle, physische Sicherheit reden. Und gut, dass sie nicht mehr länger im Schatten postmaterialistischer Top-Themen wie etwa Ökologie, Emanzipation, Respekt, Anerkennung, Selbstverwirklichung, Mitbestimmung und offener Gesellschaft steht. Denn nichts von alldem gibt es ohne ein materielles Fundament. Hans im Glück braucht sein Tischlein deck dich. Selbstverständlich genügt es nicht, den Wert eines Menschen am Wert der Sachen, die er besitzt, zu bemessen. Bloß wäre es schön, wenn – 50 Jahre nach 1968 – die Leute, die sich ständig auf die damit verbundenen Paradigmenwechsel berufen, klarmachen würden, was eigentlich gemeint war. In den postmodernen Milieus, die seitdem entstanden, spricht man über Geld nicht – oder jedenfalls nicht gut –, was auch damit zu tun hat, dass ausreichend davon da ist. Hier klingt es merkwürdig, wenn Politiker wie Sigmar Gabriel feststellen, dass die Politik zu sehr auf die postmodernen Milieus gesetzt habe – und das mit ein Grund des Vertrauensverlustes der durchaus materialistisch orientierten Mitte in den Volksparteien sei. So geht es nicht nur der SPD. Wer glaubt, Konsum und Materialismus spielten keine Rolle, hat nur vergessen, Tischlein, deck dich! wovon er lebt. Es bringt aber nichts, die Welt der materiellen Sicherheit gegen die der Werte und persönlichen Einstellungen, die jene des Postmaterialismus prägen, ausspielen zu wollen. Die Wissensgesellschaft braucht beides.


Postmaterialismus muss man sich erst mal leisten können.

Sicherheit ist ein Grundbedürfnis mit eindeutig materiellem Fundament. Dagegen wirkt der Postmaterialismus wie ein Luxusproblem – die Moral eben, die nach dem Fressen kommt. Doch diese innere Sicherheit beinhaltet eben auch die Fähigkeit zur persönlichen Orientierung in einer komplexen Welt. Und die ist heute Mangelware.

Es geht um die Frage: Was wird aus mir? Handfester geht’s nicht. Aber weil da nicht mal der Versuch einer Antwort kommt, wird schnell klar, dass der Postmaterialismus von heute eine hohle Phrase ist. Die neuen Eliten haben wenig anzubieten. Sie haben die S-Klasse ihrer Eltern nur gegen den erhobenen Zeigefinger getauscht. Die neue Oberschicht digitalisiert, moralisiert, erzieht und predigt in ihren Milieu-Codes, die außerhalb ihrer Blase nicht verstanden werden. Widerspruch macht verdächtig. Doch mit Ermahnen und Erziehen sind die Unsicherheiten des Wandels nicht zu bewältigen. Herablassendes Besserwissen löst keine Transformationsprobleme. Dabei wird heute nichts mehr gebraucht als Leute, die in der Lage sind, die Transformation materiell und menschlich zu begleiten. Doch die postmateriellen Eliten machen einen miesen Job.

3. Mangelerscheinungen

Vielleicht liegt das daran, dass sie gar nicht so postmodern sind, wie sie behaupten, oder vielleicht bloß postmaterielle Hochstapler, die den guten Namen der Sache diskreditieren. Schauen wir nach.

Vor gut 40 Jahren erschien Ronald Ingleharts einflussreiches Buch „Die stille Revolution“. Der amerikanische Politikwissenschaftler beschreibt darin die Evolution des westlichen Sicherheitsbegriffs vom Materiellen zum Postmateriellen. Die Verwandlung lässt sich nach Inglehart grob in drei Abschnitte einteilen:

In den vormodernen Gesellschaften geht es für die meisten um die nackte Existenz. Sicherheit bedeutet Überleben. Für die allermeisten Menschen auf der Welt war das eine normale Situation, die erst im vergangenen Jahrhundert im Westen, in anderen Weltteilen erst gegenwärtig zu Ende geht. Erst auf gesicherten, materiellen Bedingungen entwickelt sich mehr – Wohlstand, Demokratie und Zukunftsfähigkeit. Bis dahin bedeutet Selbstverwirklichung, hier und heute nicht zugrunde zu gehen.

Der zweite Abschnitt beginnt mit der Industriegesellschaft, in der die kapitalistische Wirtschaftsordnung die Mangelerscheinungen schrittweise beseitigt. Das Tischlein deck dich ist die Massenversorgung mit Gütern, die in der Konsumgesellschaft mündet. Der Goldesel macht ein immer größeres Häufchen, und auf diesem Kompost erst wächst mehr, nämlich – drittens – die postmaterielle Gesellschaft, wie sie Inglehart nennt. Diese Welt basiert auf Individualismus und persönliche Unterschiede, auf Differenz. Damit fängt der Ärger auch schon an.


Die postmateriellen Eliten machen einen miesen Job.

Differenz, das bedeutet für Materialisten entweder Schwund in der Kasse oder Ärger mit jemandem, im Plural Differenzen. Differenz, das ist Gegensatz. Ein Risikofaktor. Dieses Denken passt nicht mehr in Gesellschaften, die heute schon so differenziert sind, dass niemand sie einheitlich fassen kann. Seit Jahrzehnten läuft dieser Prozess schon ab – und wird ebenso lange verdrängt. Nun geht es endlich darum, die äußere und die innere Sicherheit zusammenzuführen. Klar und entschieden zu sein in einer Welt der Unterschiede. Das ist dem Wesen nach nicht einfach.

Echte Postmaterialisten stecken praktisch immer in dieser Eindeutigkeitsklemme. Sie haben, im Gegensatz zur alten Welt des Materialismus, der auf alles eine Antwort hatte, auch wenn sie falsch war, nichts Verbindliches anzubieten. Parteien und Eliten leben von Eindeutigkeit. Sonst brauchte man sie gar nicht. Macht erklärt dir die Welt und wo es langgeht. Individualisierung hingegen ist anstrengend. Vielfalt macht aus dieser Sicht Ärger. In der Gesellschaft, der Partei, der Firma, jeder Organisation. Das Grundvertrauen, dass alles gut wird und Menschen entwicklungsfähig sind, fehlt. Das Wort Sicherheit ist in unserer Kultur mit dem Begriff Misstrauen verheiratet. Sagt man Sicherheit, geht gleich die Alarmanlage im Kopf los.

Die meisten Leute, die sich irrtümlicherweise für Postmaterialisten halten, haben nur die S-Klasse ihrer Eltern gegen den permanent erhobenen Zeigefinger getauscht. Moralisieren ist aber keine postmaterielle Tugend, sondern ihr Gegenteil: der Versuch, dogmatisch zu denken, weil man mit Differenz nicht klarkommt.

4. Allgemeine Verunsicherungen

Eindeutigkeit ist eine Grundregel des alten Materialismus. Für deren Popstars, die Philosophen G. W. Hegel und Karl Marx, war die Moderne nichts weiter als das Schicksal einer Gesellschaft. Ein großer Plan geht auf, den niemand ändern kann, und er führt zum Happy End für alle – Klassenfeinde ausgenommen, versteht sich. Unsere Welt ist durchdrungen von dieser Vorstellung, dass alles seine Ordnung hat. Daran glauben die meisten. Mehrdeutigkeit hingegen hat niemand gelernt. Sie verunsichert. Ungewissheit ist furchtbar. Die Sicherheitsformel lautet: lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Damit ist auch gesagt, was die meisten in der alten Kultur von einer offenen Zukunft halten. Nichts.

Ungewissheit und Unsicherheit gehören aber zur Veränderung wie Schnupfen und Husten zur Erkältung. Gewissheiten sind Placebos. Sie haben mit der Wirklichkeit oder gar der Wahrheit nichts zu tun. Gewissheit ist meistens nur eine Annahme, dass etwas sich so und nicht anders verhält. Früher war man da auch rein sprachlich vorsichtiger. Man sagte: Er wähnt sich in Sicherheit. Nicht dass er das auch wäre, er täuscht sich, denn das Gegenteil ist der Fall.

Gewissheit führt zu zweierlei: Sie verhindert, Risiken realistisch einzuschätzen, und sie verstellt den Blick auf Chancen. Wer sich völlig sicher ist, guckt, fragt und zweifelt nicht mehr. Der Preis der Sicherheit jenseits der materiellen, physischen Notwendigkeiten ist der schleichende Verlust des Vorstellungsvermögens. Jeder Versicherungsexperte weiß das. Nur in unserer Kultur will es niemand hören.

 

Die Wissensgesellschaft ist eine postmoderne Einrichtung. Sie hantiert nicht mit Gewissheiten, sondern entwickelt Instrumente zur Hinterfragung von Scheinsicherheiten. Wissen ist nicht Gewissheit, kein Zustand, den man nur aufrechterhalten kann, wenn man Augen und Ohren verschließt. Und deshalb gibt es in der Wissensgesellschaft nicht die eine große Wahrheit, die uns das Zeitalter des Materialismus verkauft hat. Das ist im Grunde der harte Kern der Studie „Das postmoderne Wissen“ des 1998 verstorbenen französischen Philosophen Jean-François Lyotard. In der Welt des Postmateriellen gibt es die große Erzählung, die Eindeutigkeit der Materialisten, nicht mehr. Den Hans im Glück muss man sich nicht mehr als Deppen vorstellen, auch nicht als kalt berechnenden Heuchler. Vielleicht prüft er nur seine Optionen, sucht nach einer Lösung. Das ist Arbeit, die des Entscheidens. Dafür braucht man Selbstsicherheit. Das ist etwas grundlegend anderes als das, was wir bisher als Sicherheit kennengelernt haben, die stets nur von Dritten geliehen, definiert, vorgegeben wurde. Selbstsicherheit ist Stabilität, die den Namen auch verdient.

Lyotard benutzt in seiner Arbeit die Phrase vom Individuum, das auf sich selbst zurückgeworfen wird. Daraus ist längst eine Angstparole geworden, die bei jeder politischen Gelegenheit hervorgekramt wird, um den neuen Zeiten Kälte und Brutalität zu unterstellen. Der Postmaterialismus wird dabei zur relativistischen Sektiererei, der man nur geschlossen, einheitlich, hart gegenübertreten kann. Das ist seit einiger Zeit und zunehmend der linke und rechte Tenor – ein Zustand, den man getrost die neue konservative Revolution nennen kann. Denn alles, was sie will, ist, die Zeit anzuhalten. Es sind die Verlustgesänge der alten Gewissheiten, der Partei, der Nation, der überschaubaren, steuerbaren Gemeinschaft. Sicherheit wird das, was vor mehr als hundert Jahren vom deutschen Soziologen Alfred Weber als „rationale Organisiertheit“ bezeichnet wurde, das Unterschlupfen und Mitlaufen als Grundmerkmal der industriellen Moderne. Man reiht sich ein. Macht mit. Sicher ist sicher.


Die Welt ist voller „Anerkennungskriege“, sagt Zygmunt Bauman. Jede Sekte wähnt sich im Recht. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit führt in ihr genaues Gegenteil, in die Rückkehr der physischen Unsicherheit, Krieg, Auseinandersetzung, Terror.

5. Knüppel aus dem Sack

Lyotards Satz hat damit nichts zu schaffen. Er meint, dass man sich seine eigene Orientierung, seine Sicherheiten nicht länger von anderen diktieren lassen sollte, sondern sich auf die Suche nach einem selbstbestimmten und selbstbewussten Leben machen soll. Das schließt niemals Solidarität oder Mitgefühl, das Bilden von Gemeinschaften oder Kooperationen aus. Aber die Vorzeichen sind andere: Die Sicherheit bist du selbst. Wenn du eine andere Welt willst, musst du selbst zupacken. Das heißt auch: versuchen, ausprobieren. Sicherheit gibt es nicht gratis. Du musst sie dir erarbeiten. Das ist die Nachricht.

Aber das bringen Materialisten und Leute, die sich heute für Postmaterialisten halten, meist gleichermaßen nicht auf die Reihe. Lyotard hoffte auf die Lernfähigkeit seiner Mitmenschen. Irgendwie, meinte er, würden sie den Umgang mit der Vielfalt schon lernen, und die Lebenspraxis „unsere Sensibilität für die Unterschiede“ stärken. Aber er war nicht naiv. Er ahnte auch, dass der Verlust des „gemeinsamen Maßes“ vorerst eine ganze Menge Ärger mit sich bringen würde. Niemand lässt sich seine Scheinsicherheiten widerstandslos abnehmen.

Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman hat das mit bemerkenswerter Genauigkeit schon vor Jahrzehnten vorhergesagt. Sein großes Thema war das Leben im Zeitalter der Ungewissheit. Im Jahr 2001, dem Jahr der Anschläge auf das World Trade Center, erschien sein Buch „Gemeinschaften – Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt“. Darin zeichnet er eine nahe Zukunft, in der sich die alten Machthaber und Eliten des Materialismus immer mehr aus der Welt zurückziehen und die mit ihnen verbundenen Werte sich bis zur Unverbindlichkeit auflösen. Ungewissheit und Angst breiten sich aus. Die Reaktion darauf ist die extreme Abgrenzung zu den anderen. Es entstehen Gruppen mit einem totalen Anspruch auf Gewissheit, Wahrheit, die gegen das Chaos, also die Mehrdeutigkeit, das Böse an sich, kämpfen.

Identitätssuchende, Identitäre überall. Das ist keine Frage des politischen Standortes mehr. Die Welt ist voller „Anerkennungskriege“, meinte Bauman. Jede Sekte wähnt sich im Recht. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit führt in ihr genaues Gegenteil, in die Rückkehr der physischen Unsicherheit, Krieg, Auseinandersetzung, Terror. Statt des postmateriellen Nebeneinanders, das nach Toleranz und Konsens ruft, gibt es ein Gegeneinander. Es tarnt sich nur notdürftig mit Moral und Werten. Tatsächlich geht es um die Sicherung von Macht, Einfluss, Pfründen, Privilegien. Sag ein falsches Wort, nur eines! Knüppel aus dem Sack! Ein falsches Wort, und das Ding prügelt los. Willkommen in der Gegenwart.

6. Symbole statt Kohle

Der Wiener Konsumforscher Karl Kollmann hat das als „einfache Welt der zwei Lager“ beschrieben. Kollmann, emeritierter Professor der Wirtschaftsuniversität Wien, stammt aus kleinen Verhältnissen und bezeichnet sich selbst als „sozialdemokratisiert bis in die Wolle“. Vielleicht ist das der Grund, weshalb seine Kritik an dem, was man heute Postmaterialismus nennt, so eindeutig ausfällt. „Wer glaubt, dass Materielles keine Rolle mehr spielt, dass alles nur eine Wertfrage ist, eine Frage der Moral und der politisch korrekten Adressierung, der ist bei dem gelandet, was man den anderen immer vorgeworfen hat: in der geistigen Eindimensionalität“, sagt Kollmann. Es zeige sich längst, dass es eine Form der „Konsumfaszination“ gebe, die Menschen, die ihr anhingen, keineswegs zu willenlosen Idioten mache. Postmaterialistische Propheten wie Ronald Inglehart seien bei ihrer Definition der postmodernen Welt den eigenen Wünschen auf den Leim gegangen. Kollmann schreibt dazu: „Man kann bei steigendem Einkommen zwar nicht doppelt so viel essen, aber doppelt so groß wohnen, sich mehrere Fernseher in die Wohnung stellen, zwei Autos besitzen und jährlich rund um die Welt fliegen; das zu verkennen war ein struktureller Fehler der These (des Postmateriellen).“

Aber Schulen, Medien, Universitäten, die bevorzugten Arbeitsstätten der postmateriell Interessierten, hätten ihre Wunschbilder als neue gesellschaftliche Normalität ausgegeben, geradezu als neue Gewissheit. Wer sich bloß nach Ruhe, Ordnung, sicheren Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln, nach Wirtschaftswachstum und dem Recht auf Konsum definierte, gilt als beinahe schon gemeingefährlich: „Die Verachtung der ganz normalen Leute kann man nicht übersehen. Wir sind die Guten. Ihr seid die Dummen“, sagt Karl Kollmann. Mit diesen „konsumierenden, materialistischen Unterschichten“ wollten die moralisch Bessergestellten nichts zu tun haben: „Sie verachten sie. Die Politik ist symbolisch orientiert, soziale Fragen tauchen da kaum auf“, so Kollmann. Dieselben Leute, die unentwegt von Werten, Vielfalt und Integration reden würden, fügten sich problemlos in Hierarchien ein und zeigten sich Schwächeren gegenüber wenig solidarisch.

Kollmann ärgert, was aus den 68ern und ihren Erben geworden ist. Eine einst offene, individualistische Gegenkultur, deren zentrale Forderung Selbstbestimmung war und die sich gegen steife Moral und Bevormundung wandte, hat sich ins Gegenteil verkehrt: „Die Erbengemeinschaft dieser Zeit glaubt, einen Erziehungsauftrag in der Tasche zu haben, einen Alleinvertretungsanspruch. Wenn man widerspricht, sind die schnell beleidigt. Deshalb bleiben sie am liebsten in ihrem eigenen Milieu, der Blase, die Sicherheit vermittelt und sich gegenseitig bestätigt.“

Karl Kollmann will nicht missverstanden werden: Materialisten sind nicht die Lösung. Viele von ihnen wären behäbig und autoritär und an keinerlei Veränderung interessiert, es gibt keinen Grund, sie als Vorbild zu begreifen. Aber darin gleichen sie ihren vermeintlichen Gegnern bis zur Verwechselbarkeit. Die Alternative ist keine, jedenfalls noch nicht. Die Postmaterialisten reden, aber handeln nicht. Sie halten sich nicht an die eigenen Regeln, die sie anderen ständig vorschreiben. Das ist kein Fortschritt, sondern Heuchelei. Und es fällt immer öfter auf.

Der in Frankfurt an der Oder lehrende Soziologe Andreas Reckwitz, auf dessen Arbeiten sich Kollmann beruft, nennt deshalb die Zeiten, in denen wir leben, eben nicht postmodern, sondern „Spätmoderne“, eine Zeit zwischen den Stühlen also. In der Tradition Zygmunt Baumans sieht Reckwitz die größte Gefahr in einer Eskalation des Konfliktes, die durch das beständige Abschotten und Rechthaben befördert wird. Die Subkulturen, die heute die Diskussionen bestimmen, fragen nicht, sie schießen erst mal. Der Anerkennungskrieg läuft bereits.

Postmaterialisten verachten die einfachen Leute, sagt Karl Kollmann, sie halten die „konsumierenden Unterschichtler“ für das Letzte. Soziale Fragen sind beim postmateriellen Milieu nicht angesagt. Konsum ist bätschi, Geld ist schmutzig.

7. Das Regenbogenproblem

Der Mainzer Historiker Andreas Rödder ist davon nicht überrascht. Er versteht sich selbst als „postmodernen Konservativen“ und lobte den Vorstoß Sigmar Gabriels, weil der „auf grundlegende Orientierungsprobleme aufmerksam gemacht“ habe, so Rödder im »Tagesspiegel« im Dezember 2017. Der Postmaterialismus ist für ihn eine logische Entwicklung, bei der es kein Zurück gibt. Aber Entwicklung heißt eben: nicht abgeschlossen oder, wie Rödder sagt: „nach der Dekonstruktion ist vor der Konstruktion“.

Wenn man die alten Ordnungsverhältnisse auflöst, dann entstehen neue Ordnungsmuster, eine neue „Sehnsucht nach Ganzheit“, sagt er. Auch die sogenannte Kultur des Regenbogens ist für Rödder ein Ausdruck dieser Entwicklung. „Sie gibt, bei aller Betonung des Unterschieds und der Vielfalt, der ganzen Sache einen Rahmen.“ Eine Grundsicherheit. Das ist auch nicht das Problem, sondern die Art des Umgangs damit, also „die Ideologisierung der Kultur des Regenbogens“, wie Rödder sagt. Ideologisierung heißt: keine Widerworte, keine Kritik, keine Zweifel. Sicherheit entsteht durch totalen Ausschluss abweichender Meinungen und Kommentare. „Wer aber jede Kritik und jeden Zweifel an den an sich guten Dingen, wie der Willkommenskultur, als rechte Hetze versteht, der bedient damit das Geschäft derer, deren extreme Positionen er ablehnt. Damit entzieht man sich der Diskussion um die Grundlage. Aber Ordnungen, Sicherheiten brauchen immer eine Legitimation, eine Begründung. Wer glaubt, er kann sich davor drücken, erweist der Sache einen schlechten Dienst – es kommt genau das Gegenteil von dem heraus, was er erwartet.“

Das gilt in Gesellschaften ebenso wie in ihren Teilen, in Unternehmen, Familien und Zweierbeziehungen. Wenn nur einer recht hat und den anderen ignoriert, dann knallt’s. Sicherheiten sind Verhandlungssache. Man muss reden, sagt Rödder, alles andere „lässt den Druck im Kessel steigen, bis alles in die Luft fliegt“. Böse Menschen erkennt man daran, dass sie Gespräche verweigern. Sie wüssten, so sagen sie dann gern, dass Reden zu nichts führt. Das ist die Grundlage aller Gewalt. Manche Leute verwechseln diese Selbstgerechtigkeit mit Selbstsicherheit, aber das Gegenteil ist der Fall. Wer sich nämlich ganz sicher ist, ist ein Sicherheitsrisiko für den Rest.

Rödder rät zu „Maß und Mitte“, nicht nur bei sozialen und politischen Fragen. Auch Themen wie die Digitalisierung, die für Verunsicherung sorgen, weil sie als Heilsversprechen verkauft werden, verunsichern viele, die nicht mitkönnen. Das Ganze sei, sagt Rödder, wie in den ersten Jahren der Elektrizität. „Da war das Symbol für die neue Technik ein ständiges Blitzen und Zucken, wie in Fritz Langs ,Metropolis‘, ein Zeichen für die tiefe Verunsicherung, die man damit verband. Elektrizität war unberechenbar.“ Heute ist das die Digitalisierung. Überall sehen die Leute Roboter, Arbeitsplatzverlust und Existenzbedrohung. Demagogen instrumentalisieren das geschickt, um ihre Scheingewissheiten zu verkaufen. Bei der Elektrizität wurde aus dem unsicheren Zucken eine Alltagserfahrung. Man gewöhnte sich an den Nutzen und die Gefahren der neuen Kraft. „Sicherheiten im kulturellen Raum entstehen nicht durch Verordnung, sondern durch Erfahrung und Verhandlung“, sagt Rödder.

Daraus folgt: Wer Verunsicherung will, weil sie ihm nützt, wird sich der Verhandlung und dem Versuch verwehren. Repressives Verhalten verhindert den Konsens, den wir finden müssen.


Das Gerede vom Ende der Moderne war akademisches Plaudern, nicht die Realität.

8. Stabilisatoren

Ralf Fücks ist das klar. Er weiß auch: Die Fähigkeit zur Selbstsicherheit anstelle der alten Scheingewissheiten lässt sich, wenn schon nicht verordnen, so doch fördern und üben. Was kann man tun, um Menschen zu befähigen, mit Veränderung selbstsicherer umzugehen? Das ist die wichtigste Frage der Zeit. Fücks, grünes Urgestein und lange Jahre Chef der Heinrich-Böll-Stiftung, gründete im Vorjahr mit einer Handvoll Gleichgesinnter das „Zentrum Liberale Moderne“ in Berlin. Es ist ein Thinktank, der nicht nur der Verteidigung der Freiheit und Selbstbestimmung in stürmischen Zeiten gewidmet ist, sondern vor allen Dingen auch dem Finden von Wegen, die die allgemeine Verunsicherung lösen sollen. Die Grünen gelten als politischer Arm des Postmaterialismus. Fücks macht gerade deshalb deutlich: „Das Gerede vom Postmaterialismus und dem Ende der Moderne war mehr ein akademisches Plaudern als der Ausdruck der Realität.“ Man war abgehoben, redete von Global Governance jenseits des Nationalstaates, fährt er fort: Dabei komme jetzt „die soziale Frage durch die Hintertür der Illusion von einer einheitlich steuerbaren Welt wieder zurück“. Der Rückwärtsgang funktioniert aber auch nicht mehr. „Der alte Sozialstaat ist keine Antwort auf irgendeine Frage, die wir heute gestellt bekommen. Es gibt kein Zurück. Und umso ehrlicher muss man mit der Realität umgehen: Wissen wir, was das Neue ist und wie es zu organisieren wäre?“, fragt Fücks.

Darauf gibt es keine sichere Antwort. Sicherheit kann man nicht verkaufen. Was es aber geben kann, ist „Flankieren, Unterstützen, Ermöglichen, Zuversicht fördern. Das kann man, indem man die Institutionen des Gemeinwesens stärkt, etwa in der Infrastruktur. Indem man eine Grundsicherung einführt, die für alle da ist, und Institutionen stärkt, die Sicherheit vermitteln.“ Ralf Fücks nennt das den Wiederaufbau des „republikanischen Wir“. Das allerdings setzt das „republikanische Ich“ voraus, das man im Lande noch üben muss. Das Sicherheitspaket für eine bessere Zukunft ist nicht mehr allein Teilhabe, sondern auch Teilnahme, ein selbstsicheres Gestalten. Dann wird Hänschen erwachsen und zum Hans. ---

Zum Glück.