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Wirtschaftsgeschichte

Bewegt euch!

Arbeit macht krank. Zumindest dann, wenn man dabei sitzt. Das fand der britische Arzt Jerry Noah Morris heraus – und erntete zunächst Skepsis.





• Am Ende waren es die Londoner Busfahrer und Schaffner, die Jerry Noah Morris dabei halfen, ein Rätsel der Medizin zu lösen. Ende der Vierzigerjahre arbeitete Morris als junger Arzt beim staatlichen Medical Research Council in Großbritannien und hatte festgestellt, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Zahl der Menschen, die an einem Herzinfarkt starben, dramatisch gestiegen war. Aber Morris verstand nicht, warum.

Unzählige Stunden hatte er damit verbracht, die Todesakten von Menschen zu studieren, die zwischen 1907 und 1949 gestorben waren. Und das einzige Indiz, das er fand, war, dass es mit der beruflichen Tätigkeit der Verstorbenen zu tun haben musste. Weiter kam er nicht.

Also begann er mit einer umfangreichen Studie, um die Ursache für den Anstieg zu ergründen. Dafür schaute er sich die Herzinfarkt-Raten nach Berufsgruppen an. Er ließ Untersuchungen erstellen über Lehrer, Postangestellte und eben auch über die Busbesatzungen. Das führte ihn zur Lösung. Ende der Vierzigerjahre teilten sich in London der Fahrer und der Schaffner noch die Arbeit in den Doppeldeckern. Der Fahrer saß vorn und steuerte das Fahrzeug. Der Schaffner lief durch den Bus, stieg die Treppe hoch, runter, wieder hoch. Das war entscheidend.


Die Busfahrer saßen die ganze Zeit, die Schaffner bewegten sich unentwegt.“ Für Jerry Noah Morris war klar, dass das Folgen hat für die Gesundheit.

Als Morris die ersten Daten der Busbesatzungen auf dem Schreibtisch hatte, erkannte er: Die Fahrer erlitten deutlich öfter einen Herzinfarkt als die Schaffner. „Und zwar durch alle Altersgruppen hindurch“, wie er Jahre später in einem Interview sagte. Die Ergebnisse waren deshalb so aufschlussreich, weil Fahrer und Schaffner in der Regel der gleichen sozialen Klasse angehörten, in den gleichen Verhältnissen lebten, sich ähnlich ernährten. Es gab nur einen Unterschied: „Die Fahrer saßen die meiste Zeit. Und die Schaffner bewegten sich unentwegt.“

Morris und seine Mitarbeiter fuhren daraufhin tagelang in den roten Doppeldeckern durch London, zu Forschungszwecken. Dabei fanden sie heraus: Die Schaffner erklommen pro Arbeitstag zwischen 500 und 750 Treppenstufen. Und ihr Herzinfarkt-Risiko war etwa halb so hoch wie das der sitzenden Fahrer.

Danach studierte Morris die Ergebnisse der Postangestellten. Und da war es ähnlich: Die Briefträger waren von bemerkenswerter Gesundheit. Sie erlitten deutlich seltener einen Herzinfarkt als Kollegen, die hinter dem Schalter saßen. Danach war Morris klar, was er durch seine Studien entdeckt hatte: den ersten wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Bewegung gesund ist. Die Busfahrer waren eine interessante Untersuchungsgruppe, weil sie eine relativ neue Art der Tätigkeit ausübten: eine, bei der man sich wenig bewegen musste.

Im Jahr 1953 veröffentlichte Morris die Ergebnisse in dem anerkannten Medizin-Journal »The Lancet«. Die Reaktion darauf: Skepsis. Bislang hatte man angenommen, dass hoher Blutdruck zu Herzinfarkten führen würde. „Verwirrend“, schrieb der »Evening Express« aus dem schottischen Aberdeen über die Erkenntnisse. Die Zeitung warf Morris vor, anerkannte Risikofaktoren ignoriert zu haben.

Es dauerte eine Weile, bis Morris’ Ergebnisse in der Medizin anerkannt wurden. Doch das hielt ihn nicht davon ab, weiterzumachen. Er erforschte fortan, ob Angestellte und Arbeiter sich auch genug bewegten. Die befragten Personen verwiesen gern darauf, dass sie einen Garten hätten und sich dort körperlich betätigten. Morris hielt dagegen: Gartenarbeit mag zwar schön sein, man ist in der Sonne, an der frischen Luft, man bewegt sich – aber der Gesundheit hilft das wenig. Um spätere Krankheiten zu vermeiden, solle man sich mehr anstrengen.

Dabei müsse der Staat den Bürgern helfen, so Morris’ Überzeugung. Appelle allein nützen nichts, wenn die Leute nicht die Möglichkeit hätten, Sport zu treiben. So entdeckte er ein neues Forschungsfeld: die Verantwortung des Staates für die Gesundheit der Bevölkerung.

„Wenn wir wissen, dass das Schwimmen gesund ist, brauchen wir Schwimmbäder“, sagte Morris. Und nicht nur das: Spielplätze, Parks, Radwege, Fußgängerzonen. Diese einzurichten war in seinen Augen eine wichtige staatliche Aufgabe. 1994 schrieb er in einem Aufsatz, dass „Bewegung die beste Investition in öffentliche Gesundheit“ sei, die westliche Regierungen vornehmen könnten.

Privat hielt er sich an das Gebot, aktiv zu sein. Er war einer der Ersten, die im Londoner Park Hampstead Heath joggten. Jeden Sonntag 20 Minuten. „Die Leute hielten mich anfangs für verrückt“, sagte er einmal. Aber es hat sich gelohnt, zumindest für ihn selbst. Morris verstarb im Jahr 2009 im Alter von 99 Jahren. Bis kurz vor seinem Tod ging er noch regelmäßig in sein Büro in der London School of Hygiene & Tropical Medicine, wo er viele Jahre tätig war.

Nur eines ließen seine Angehörigen da nicht mehr zu: dass Jerry Noah Morris mit dem Bus zur Arbeit fuhr. Sie holten ihn mit dem Auto ab. ---