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Wasserle

Markus Wasserle, Inhaber einer Reinigungsfirma, liegt das Wohl seiner Mitarbeiter am Herzen. Er vermietet ihnen zum Beispiel Wohnungen – so günstig, dass er dabei draufzahlt. Aber es lohnt sich.




• Eines Tages bat ihn einer seiner Mitarbeiter zu sich hinein. So stand Markus Wasserle im Keller eines Arbeiterwohnheims in München, in einem Zimmer, vielleicht zehn Quadratmeter groß, zwischen sechs Doppelstockbetten. Er sah die schweren Stiefel, die sie auf die Fensterbänke vor das gekippte Fenster gestellt hatten, es stank trotzdem. Er sah die Duschen auf dem Gang, die sich Männer und Frauen teilen sollten, er sah die Toiletten, die er nicht hätte benutzen wollen. 1200 Euro im Monat zum Leben und davon 350 Euro für so ein Bett.


Sie verdienen Geld mit Menschen, die nur sehr wenig haben. Aber es sind tolle Menschen.

Sieben Jahre ist das her. Wasserle sagt: „Ich bin in der Landwirtschaft groß geworden. Wenn ein Landwirt seine Tiere so halten würde, hätte er längst eine Anzeige an der Backe.“ An jenem Tag beschloss der damals 30-jährige Chef einer Gebäudereinigungsfirma, alles dafür zu tun, damit keiner seiner Leute je wieder so würde wohnen müssen.

Gebäudereiniger sind Menschen, die meist dann kommen, wenn alle anderen schon wieder zu Hause sind. Büros, Fabriken, Krankenhäuser, Busse, Züge, Flugzeuge, sie putzen den Dreck der anderen weg. 652 000 Menschen in Deutschland verdienen auf diese Weise sozialversicherungspflichtig ihr Geld. Mit Ausbildung heißen sie Gebäudereiniger, ohne Ausbildung Reinigungskraft. Die meisten sind Reinigungskräfte. 10,30 Euro die Stunde gibt es laut Tarif, am Ende eines Monats bleiben somit ungefähr 1200 Euro netto. In München kostet eine 50 Quadratmeter große Wohnung etwa 900 Euro kalt.

Das ist ein Problem für Markus Wasserle: Finde mal Leute, die diesen Job in einer boomenden Region machen wollen. Er sitzt mittlerweile in dem Restaurant, das zu seiner Kletterhalle gehört und die wiederum zu seiner Firma in Kaufering, 60 Kilometer westlich von München. Seine Mitarbeiter können sich hier kostenlos trimmen, außerdem hofft er, dass manche Gäste Lust haben, bei ihm anzufangen. Wasserle, der aus der Gegend kommt, erzählt, dass er drei Jahre eine Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker machte, um festzustellen, dass ihm dieser Beruf nicht lag. „Auf Deutsch gesagt: Ich war froh, wenn nur eine kleine Schachtel mit Schrauben übrig blieb, wenn ich einen Traktor wieder zusammengebaut hatte.“

Mit 19 fing Wasserle als Reinigungskraft an. Erst als Nebenjob, dann Vollzeit in einer Firma. „Ich mag Gebäude, ich mag Architektur. Wenn Sie aus einer verwitterten Fassade etwas Schönes machen, ist das ein tolles Gefühl.“ Genauso in Innenräumen. Man sehe gleich, was man geschafft habe. Nach einem Dreivierteljahr fragte ihn sein Abteilungsleiter, ob er sein Nachfolger werden wolle.

Dass der Beruf nicht zu den anerkanntesten gehört, habe ihn nie gestört, sagt Wasserle. Er hat noch die Ausbildung und den Meister gemacht, um dann als 23-Jähriger mit seiner Frau eine eigene Firma zu gründen – mit 3000 Euro Startkapital, einem Putzwagen und ein paar Wischmopps. „Ich wollte, dass der Mensch in meiner eigenen Firma im Mittelpunkt steht“, sagt er. Das klingt nach Phrase, aber Wasserle nimmt man es ab, weil er nicht nur redet, sondern etwas für seine Leute tut.

Boss und Genosse: Markus Wasserle

Werkswohnungen als lohnende Investition

Generell ist die Branche, in der 2016 mehr als 24 Milliarden Euro umgesetzt wurden, nicht für gute Arbeitsbedingungen bekannt. Inklusive aller Einmannbetriebe gibt es rund 47 500 Reinigungsfirmen, doch den Löwenanteil des Geschäftes machen wenige Großunternehmen. Nicht mal vier Prozent der Firmen erwirtschaften 64 Prozent des Gesamtumsatzes. Weil der Markt kaum noch wächst, findet ein Verdrängungswettbewerb statt, der vor allem über den Preis und oft zulasten der Mitarbeiter ausgetragen wird, die immer mehr in immer kürzerer Zeit putzen sollen.

„Das Ziel meiner Firma ist es auch, das Image der Branche zu ändern“, sagt Wasserle.

Aus seinem Familienbetrieb wurde schnell ein größeres Unternehmen, spezialisiert auf Treppenhäuser, Glasfassaden, Tiefgaragen und Büros. Eine Zweizimmerwohnung in Kaufering, ein neu gebautes Haus in Windach, alle Räumlichkeiten waren nach ein paar Jahren zu klein. Im vergangenen September ist Wasserle mit seiner Frau und den fünf Kindern in das neue Gebäude mit Kletterhalle gezogen, gegenüber vom Kauferinger Bahnhof. Es gibt zudem noch ein Büro in Martinsried. Mittlerweile hat seine Gebäudereinigungsfirma 240 Mitarbeiter.

Deutsch kann fast niemand am Anfang. 26 Nationen sind in der Belegschaft vertreten, viele aus Osteuropa, manche haben studiert und fangen an zu putzen, weil sie in ihrer Heimat keinen Job finden, es gibt aber auch welche, die nur ihre Schulpflicht erfüllt haben. „Mit einem müssen Sie halt klarkommen“, sagt Wasserle. „Sie verdienen Geld mit Menschen, die nur sehr wenig haben. Aber es sind tolle Menschen.“ Deswegen will er ihnen helfen, sich hier etwas aufzubauen.

Es begann mit Fahrtkostenzuschüssen, dass er sie zum Arzt begleitete und einen Deutschlehrer einstellte. Dann folgten: Fitness-Studio für alle, jeden Morgen ein gesundes Frühstück, kostenlose Bankkonten, ein Modell, das seine Angestellten am Erfolg der Firma beteiligt, Zuschüsse zum Kindergarten, Firmenfeste, Ausflüge und Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Leute sollen ja freiwillig bei ihm bleiben – und nicht, weil sie nichts anderes finden, sagt der Chef.

Die Liste war also schon lang, als Wasserle schließlich in dem Arbeiterwohnheim stand und beschloss, nach Wohnungen zu suchen, die er günstig an seine Mitarbeiter weitervermieten könnte. Auch um als Arbeitgeber attraktiver zu werden.

Wasserle fand: drei Einzimmer-Apartments, zwei Zweizimmerwohnungen, zwei Vierzimmerwohnungen und zwei Häuser. Eines in Landsberg und eines im Münche-ner Stadtteil Großhadern. Ein Zimmer kostet bei ihm 300 Euro pro Person, Strom, Heizung, Wasser und Internet inklusive. Mittlerweile hat er so 43 Menschen untergebracht, sechs von ihnen sind Kinder von Mitarbeitern und wohnen gratis.

Sabko Catic, 33, steht in seinem Wohnzimmer in Großhadern. Er trägt eine Jogginghose mit Camouflage-Muster, ein graues T-Shirt. Die Wohnung, die Wasserle in dem Haus für ihn, seine Frau und die beiden Kinder abgetrennt hat, ist klein, vielleicht 50 Quadratmeter groß. Die Familie schläft in einem Raum, zahlt aber auch nur 600 Euro im Monat. Catic sagt: „Ich will, dass meine Kinder es eines Tages besser haben.“ Bei der niedrigen Miete kann er etwas von seinem Lohn sparen.

Wasserle zahlt drauf. Im vergangenen Jahr gab er insgesamt 141 270 Euro für die Wohnungen aus, nahm aber nur 125 450 Euro ein. Ein Minus von 15 820 Euro. Mehr verlangen will er nicht. Es ist schließlich eine lohnende Investition.

Nicht nur weil der Unternehmer dank seines Engagements überhaupt Menschen findet, die bei ihm arbeiten wollen. Sondern auch, weil sie es zu schätzen wissen. Wasserle zahlt nicht mehr als die Konkurrenz, aber seine Leute arbeiten gut und sind seltener krank. Das merken die Kunden. Die Firma wächst jedes Jahr um durchschnittlich 15 Prozent, dieses Jahr will Wasserle 6,8 Millionen Euro umsetzen.

Auch in seinem alten Wohnhaus in Windach wohnen jetzt Angestellte von ihm. Eigentlich wollte er es verkaufen. Es ist ein blaues Holzhaus mit Garten, in einem Teil lebt Joßef Reti mit seiner Frau. 600 Euro für 80 Quadratmeter plus Garage. Reti, 25, graues Langarmshirt, dicke Silberkette, ist im Juli 2014 aus Rumänien gekommen. Er hat als Reinigungskraft angefangen, mittlerweile macht er Hausmeisterdienste, das gibt mehr Geld. Seine Kumpels in Rumänien fragen ihn manchmal, ob er Toiletten putzen mag. Reti sagt dann: „Guck mal dein Auto an und meines.“ Er lacht. In der Garage steht ein 5er BMW.

„Wir wollen menschenwürdige Arbeitsplätze schaffen, wo die Menschen gerne arbeiten“, sagt Markus Wasserle, als er anschließend in seinem Auto sitzt und nach München fährt. Solange das geht, so lange will er mit seiner Firma wachsen. Wasserle fährt eine Limousine der Oberklasse. Als er mal ein paar Monate einen Kleinwagen hatte, dachten seine Mitarbeiter, mit der Firma gehe es bergab, da habe er gegensteuern müssen.

Wasserle, der auch Kreis-Chef der SPD in Landsberg ist, sagt, dass Unternehmen sich überlegen müssten, wo ihre Mitarbeiter wohnen können, gerade in Ballungsräumen. Auch der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter hat Unternehmen, die in der Stadt Stellen schaffen wollen, schon öfter dazu aufgefordert, Wohnungen zu bauen. Womöglich gibt es ja eine Art Renaissance von Werkssiedlungen, die sozial gesinnte Unternehmer schon vor mehr als hundert Jahren auch deshalb errichteten, um Belegschaften an sich zu binden.

Markus Wasserle biegt in die Straße ein, die zum Arbeiterwohnheim in München führt. Mittlerweile arbeiten viele von Joßef Retis Freunden bei ihm, erzählt er. Das mit den Wohnungen und den guten Arbeitsbedingungen spricht sich herum in den Dörfern, wo seine Leute herkommen. Sie helfen ihm auch, Personal zu finden, fragen Freunde und Bekannte, wenn er mal wieder jemanden sucht. Manchmal muss das schnell gehen, damit er einen größeren Auftrag annehmen kann.

Das Prinzip ist ganz einfach: Er tut etwas für seine Leute, sie tun etwas für ihn. ---