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Terror in Frankreich

Die Bewohner von Paris versuchen die Terrorgefahr auszublenden. Dafür zahlen sie einen Preis, schreibt unsere Autorin: innere Kälte und Fatalismus.





• An den 15. November 2015 kann ich mich erinnern, als sei er erst gestern gewesen. Es war ein strahlend schöner Tag, viel zu warm für die Jahreszeit. Die Sonne schien aus einem blauen Himmel, und wir Pariser saßen alle wieder draußen vor den Cafés. Wie die Spatzen auf der Telefonleitung. Sie hätten uns nur abknallen müssen.

Sie? Terroristen wie jene, die keine 48 Stunden zuvor 130 Menschen getötet hatten. Die meisten in der Konzerthalle Bataclan am Boulevard Voltaire. Viele andere starben am Abend des 13. November vor den Kneipen der umliegenden beliebten Ausgehviertel des 10. und 11. Verwaltungsbezirks. Niedergemäht von Anhängern des sogenannten Islamischen Staats, der später erklärte, er habe ein Zeichen gegen die „Perversität“ von Paris gesetzt.

Weitere Attentate folgten: das von Nizza acht Monate später mit mehr als 80 Toten, Angriffe auf Polizisten, Gefängniswärter, Privatleute in ihren Häusern. Seitdem hat sich vieles in Paris, in ganz Frankreich verändert. Allerdings ist nur wenig davon im Alltag so sicht- und dokumentierbar wie die ständige Präsenz schwer bewaffneter Soldaten in den Straßen oder die gestiegene Nachfrage nach Alarmsystemen für das eigene Domizil.

Bedrückender, weil nachhaltiger, ist eine innere Kälte, die sich ausbreitet wie ein unsichtbares Gift. Das Bewusstsein, dass der Staat, diese seit der Französischen Revolution wie ein Vater für das Glück seiner Kinder sorgende Institution, schon aus personellen Gründen keinen umfassenden Schutz gewähren kann, führt zu einem stumpfen Fatalismus.

Er hilft, die stete Bedrohung auszublenden, die Tatsache, dass wir heute im Supermarkt, morgen im Restaurant oder nächstes Wochenende im Fußballstadion das Opfer von Fanatikern werden könnten. Kein Ort erscheint zu banal. Binnen der vergangenen zwei Jahre wurden nach offiziellen Angaben 32 Attentatspläne vereitelt. Die Kälte macht aber gleichzeitig gefühllos.

Während etwa zahlreiche Juden in Frankreich derzeit die Ungerührtheit beklagen, mit der Angriffe auf Leib und Leben sowie ihre Fluchtpläne nach Israel von Nichtjuden kommentiert werden, und die muslimische Gemeinde sich unter Generalverdacht wähnt, tun die übrigen Bewohner tatsächlich nach Möglichkeit so, als sei nichts geschehen. Wir gehen raus, unter Leute, in Kinos, Theater, Cafés, zu Veranstaltungen unter freiem Himmel. Wie bereits an jenem Sonntag nach den Anschlägen im November.

Der Versuch, Massenveranstaltungen zu meiden, wäre ohnehin zum Scheitern verurteilt. Ganz Paris ist eine Massenveranstaltung. Wer sich zum Beispiel morgens oder nach Feierabend in eine Metro quetschen muss, weiß, dass das aus vielen Gründen unangenehm ist. Aber machen wir uns jedes Mal einen Kopf, ob sie vielleicht zwischen zwei Haltestellen explodiert? Bestimmt nicht. C’est la vie. Bei mehr als zehn Millionen Menschen, die täglich im Stadtverkehr U- und S-Bahnen, Busse und Trambahnen nutzen, ist der gelegentlich aus den Stationslautsprechern tönende Hinweis auf jederzeit mögliche Kontrollen von Taschen und Gepäckstücken schlicht nicht umzusetzen. Vor den Eingängen von Theatern oder Museen öffnen wir sie artig – aber möglichst ohne Gedanken an das Warum.

Von Hysterie ist das Land deshalb weit entfernt. Dafür können wir vermutlich dankbar sein. Einige Sicherheitsexperten sahen Frankreich nämlich schon in bürgerkriegsähnlichen Zuständen versinken, wenn zornige potenzielle Opfer zum Gegenschlag auf muslimische Mitmenschen ausholten. Auch die rechtsnationale Partei Front National von Marine le Pen hat unter dem Eindruck der Attentate nicht nennenswert zugelegt. Leider hatte sie bereits vorher großen Zulauf.

Für das Ausland vielleicht am überraschendsten sind die Umfragen, denen zu Folge die große Mehrheit der Franzosen gern einen Teil der Bürgerrechte preisgibt, wenn dadurch die Sicherheitslage verbessert wird. Ausgerechnet sie, die den Freiheitsanspruch als höchstes Gut betrachten.

Wegen des wichtigen Symbolcharakters der „Liberté“ hat das Parlament dennoch kurz vor dem zweiten Jahrestag der Anschläge vom November 2015 den seitdem geltenden Ausnahmezustand beendet. Das bedauert die Polizei, die zuvor etwa ohne richterlichen Beschluss Wohnungen durchsuchen konnte. Zahlreiche Sonderrechte der Sicherheitskräfte sind allerdings im gleichzeitig verabschiedeten Anti-Terrorgesetz verblieben – etwa die Patrouillen der Soldaten nicht nur an Bahnhöfen und Flughäfen, sondern im gesamten Stadtgebiet der Metropolen.

Diese Streifgänge sind oft verstörend für Besucher, insbesondere aus Ländern wie Deutschland, wo Soldaten normalerweise nicht für die innere Sicherheit eingesetzt werden. Ich selbst nehme sie nur noch beiläufig – im Wortsinn – zur Kenntnis: auf dem Weg zur Arbeit oder auch beim Joggen im Park, wenn ich die schlendernde Viererkette im Flecktarn überhole.

In meinem Viertel im Nordosten der Stadt leben besonders viele orthodoxe Juden. Gleich um die Ecke meiner Wohnung befindet sich eine Synagoge. Während ich auf Nachfrage besorgter Freunde und Kollegen aus Deutschland gern witzele, dass ich keine Angst vor Terroristen habe, sondern vielmehr vor den Rechtsabbiegern unter den rabiaten Pariser Autofahrern, die mich eines Tages vom Fahrrad holen werden, sind meine jüdischen Nachbarn tatsächlich in Sorge.

Unweit von uns war im vergangenen April eine jüdische Rentnerin eine Stunde lang von einem aus Mali stammenden Mann in ihrer Wohnung gequält und dann aus dem Fenster gestoßen worden – während die Polizei vor der Tür stand. Es war nicht der erste tödliche Übergriff auf eine der ihren. Nun tragen sich sage und schreibe 60 Prozent der in Frankreich lebenden Juden mit Auswanderungsgedanken.

Und das im Jahr 2018, mitten in Europa. ---