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Sicherheit in Südafrika

Zweimal wurde in das Haus unseres Südafrika-Korrespondenten eingebrochen. Dann rüstete er auf.




• Bis gestern wusste ich nicht einmal, welcher Name zu welchem Gesicht gehört – obwohl Dennis Mthembu, Prince Lepoo und Thabani Sibisi seit Monaten auf unserer Straße patrouillieren. Ihr Stützpunkt, ein knapp zwei mal zwei Meter großer Holzverschlag, steht direkt vor unserem Anwesen – wie die Hundehütte vor einem Bauernhaus. Innen wird der Schuppen mit einer notdürftigen Trennwand in ein Plumpsklo und einen Sitzplatz aufgeteilt: Hier ruhen sich die drei aus, wenn sie ge-rade nicht zu ihren im Stundentakt vorgeschriebenen Straßen-Patrouillen unterwegs sind.

Zwölf Stunden Tagschicht, zwölf Stunden Nachtschicht; der dritte Mann kommt zum Einsatz, wenn einer der beiden anderen seinen einzigen freien Tag in der Woche hat oder einen seiner 15 Urlaubstage pro Jahr nimmt. Ob die Sonne sticht, eines der weithin gefürchteten Johannesburger Gewitter niedergeht oder sich – wie in Winternächten durchaus üblich – Eiskristalle bilden: Einer der drei ist immer da, sonst hätten wir schlaflose Nächte.

Johannesburg ist einer der gefährlichsten Orte der Welt. Laut der offiziellen Kriminalstatistik von 2016 / 17 wurden mehr als 16 000 Menschen umgebracht und mehr als 730 000 Häuser ausgeraubt: jede halbe Stunde ein Mord, alle 40 Sekunden ein Einbruch. Auch wir wurden kurz nach dem Kauf unseres Hauses zweimal des Nachts von Dieben heimgesucht. Ein Wunder, dass dabei weder unsere Kinder noch wir zu Schaden kamen. Da war klar: Wir müssen sicherheitstechnisch aufrüsten.

Das bedeutet: Neben dem obligatorischen Elektrozaun auf der Mauer wird eine mit einer Sicherheitsfirma verbundene Alarmanlage installiert, die in der Standardausrüstung mit Türmagneten und Panikknopf kommt. Für Fortgeschrittene gibt es außerdem Bewegungsmelder im Haus sowie Lichtschranken im Garten. Aber selbst das erweiterte Tech-Paket sollte sich als unzureichend erweisen. Denn auch danach kam es in unserer Straße zu Car-Hijacking, bewaffneten Raubüberfällen oder Handy-Diebstählen. Keine Frage, ein menschliches Wesen musste her, mit scharfen Augen und offenen Ohren, mit Walkie-Talkie und dem Back-up eines Patrouillenwagens.

Fast eine halbe Million Angestellte machen die Sicherheitsindustrie zu einem der größten Arbeitgeber Südafrikas. Mehr als 800 private Wachleute pro 100 000 Einwohner haben das Land an die Weltspitze katapultiert. Jährlich werden in der Branche umgerechnet fast drei Milliarden Euro umgesetzt. Es gibt kaum ein Vorhaben, das ohne Schutzmaßnahmen auskäme. Wer seinen Geburtstag feiert, braucht zur Bewachung der Fahrzeuge seiner Gäste einen Car-Guard, wer ein Geschäft eröffnet, einen Schutz rund um die Uhr. Züge und Bahnhöfe werden von ganzen Kompanien an Wachleuten gesichert, selbst die Johannesburger Nelson-Mandela-Brücke kommt nicht ohne ein Kontingent privater Sicherheitsdienstleister aus, das die Fußgänger schützt.

Die Industrie wird von einigen großen Playern wie G4S oder ADT dominiert. Doch auch Kleinunternehmer, vor allem weiße Ex-Polizisten kommen zum Zug, die mit ihrer kleinen Sicherheitsklitsche mehr Geld als im Polizeidienst machen. Unser Dienstleister ist indischstämmig. Das Verhältnis zwischen der Unternehmensführung und den rund 50 schwarzen Angestellten ist nicht besonders. Dennis Mthembu, Prince Lepoo und Thabani Sibisi verdienen jeweils knapp 200 Euro im Monat, bei einem Arbeitsaufwand von 72 Stunden pro Woche.

Seit vor unserem Haus die Hütte steht, sind wir tatsächlich fein raus – kein einziger unerwünschter Besuch seit mehr als zehn Jahren. Das hat uns selbst überrascht, denn natürlich wissen auch wir von dem Verdacht, dass Wächter aus Fleisch und Blut das Risiko eher noch erhöhen. Schließlich haben Sicherheitsfirmen ein Interesse daran, zumindest einen Restbestand an Kriminalität zu wahren, damit die Kunden bei der Stange bleiben: Wer meint, keine Angst mehr haben zu müssen, zahlt auch nicht mehr. Außerdem liegt nahe, dass die schlecht bezahlten Wachmänner bei Gelegenheit auch mit Kriminellen kooperieren. Ihre intime Kenntnis der Gepflogenheiten der Anwohner kann bei der Planung von Einbrüchen beste Dienste leisten. So betrachtet, erscheint unser Vertrauen in die drei Wachleute naiv oder verwegen – noch dazu, wenn wir nicht einmal wissen, welches Gesicht zu welchem Namen gehört.

Merle, meine südafrikanische Frau, ist überzeugt davon, dass es Vertrauen nicht zum Billigtarif gibt, weder im Kleinen noch im Großen. Jeder weiß, dass die hohe Kriminalitätsrate Südafrikas auf das enorme Wohlstandsgefälle im Land zurückzuführen ist. Auch in dieser Hinsicht liegt das Kap mit an der Weltspitze. Weil daran selbst meine Berge versetzende Frau wenig ändern kann, ist sie in unserem Vorgärtchen tätig geworden. Sie versorgt die Wachleute seit Monaten mit Kaffee und Toilettenpapier und organisierte für jeden ein Smartphone, mit dem unsere Sicherheitsgaranten nun über eine Whatsapp-Gruppe in ständigem Kontakt mit den Anwohnern stehen.

Unser Straßenkomitee dagegen diskutiert seit Wochen, wie man die Kosten reduzieren könnte. Immerhin kostet das Rundum-Paket monatlich 100 Euro pro Haushalt – nicht wenig für unsere kleinbürgerliche Gegend. Die Alternative wäre Hightech: CCTV-Kameras mit elektronischer Gesichter- oder Nummernschilder-Erkennung, deren Anschaffungskosten sich in wenigen Jahren amortisiert haben sollen. Dann könnte in einem entfernten Kontrollraum ein einziger Wachmann gleichzeitig mehrere Straßen überwachen. Das wäre auf jeden Fall billiger, außerdem müsste man ihm weder Kaffee noch Toilettenpapier bringen und sähe auch seine verschlissene Hose nicht. Warum man ihm allerdings mehr als Dennis Mthembu, Prince Lepoo oder Thabani Sibisi vertrauen kann, wissen auch unsere Nachbarn nicht so genau zu sagen. Doch wenigstens wäre das Problem dann außer Sichtweite. ---