Partner von
Partner von

Sicherheit in Russland

Russen leben nicht gern mit einem Plan B, ihnen sind kaum Sprichwörter geläufig, die dem deutschen „Sicher ist sicher“ entsprechen.




• Momente des Kennenlernens haben in Russland oft etwas von der Überquerung einer Gletscherspalte. Wer auf einen Fremden zugeht, der bekommt nicht selten kalte, abweisende, gar feindliche Blicke. Die sich aber meist nach sehr kurzer Zeit aufhellen, in Lächeln und Offenherzigkeit kippen. Erst recht, sobald man seine friedlichen Absichten, seine europäische, also zutiefst ungefährliche Herkunft offenbart.

Russen fühlen sich nicht sicher, gerade in der Heimat. Dabei leben sie in einem der weltweit führenden Hochsicherheitsstaaten, behütet von knapp einer Million Polizisten, 340 000 Justizbeamten und mehreren Hunderttausend Staatssicherheitsbeamten – allein 50 000 von ihnen sind für den Schutz des Kreml und des Präsidenten persönlich verantwortlich, der selbst auch gelernter Spion ist. Aber das ändert nichts daran: Russland ist ein gefährliches Land, vor allem für Russen. Da helfen auch die 650 000 privaten Wachleute nicht, die Supermärkte, Kindergärten oder Apotheken beschützen, oder die 145 000 Überwachungskameras, die allein in Moskau flimmern. Russland wird sich immer wieder selbst gefährlich.

45 000 Verkehrspolizisten belagern die vaterländischen Autostraßen, trotzdem sterben auf ihnen jährlich mehr als 20 000 Menschen bei Unfällen. Autofahren ist hier dreimal so gefährlich wie im EU-Durchschnitt. Russen leben nicht gern defensiv, nicht gern mit einem Plan B, auch bei Überholmanövern nicht. Wenn russische Zivilflugzeuge abstürzen, dann oft deshalb, weil die Piloten Gewitterfronten oder technische Defekte ignorieren, um sich und ihren Arbeitgebern Zeitverlust, Wiederauftanken und allerlei andere Scherereien zu ersparen.

In Russland sind kaum Sprichwörter geläufig, die dem deutschen „Sicher ist sicher“ entsprechen. Umso häufiger wird die Wendung „Na awos“, „auf gut Glück“, benutzt. Oder „po figu“, „scheißegal“. Russen begeben sich in Gefahr, auch wenn sie darin umkommen können. Und ein Rat aus bitterer Erfahrung: Wenn Ihnen jemand in Russland Ihr mulmiges Gefühl mit Schulterklopfen und überlegen gegrinstem „Keine Angst, alles wird völlig glattgehen!“, austreiben will, hören Sie nicht auf ihn, hören Sie auf Ihr mulmiges Gefühl!

TÜV-Bescheinigungen sind im Internet käuflich zu erstehen. Kondom gilt im Russischen als Schimpfwort. Auch im Bett will niemand auf Nummer sicher gehen, nach offiziellen Angaben sind inzwischen mehr als eine Million, nach Schätzungen westlicher Ärzte zwei Millionen Russen HIV-infiziert, ihr Anteil steigt mit epidemischer Geschwindigkeit.

Und die Mordrate ist mit elf Todesopfern auf 100 000 Einwohner pro Jahr mehr als elfmal so hoch wie in Deutschland. Vor allem Russlands Männer sind überzeugt, ein wirklicher Mann sorge selbst für Ordnung, allein, im Zweifelsfall gegen die anderen. Manche Moskauer Autofahrer haben Baseballschläger oder Gaspistolen an Bord, um ihre Vorfahrtsrechte durchzusetzen. Die Bereitschaft, eine Frau, einen Freund oder die eigene Ehre zumindest mit den Fäusten zu verteidigen, gilt nach wie vor als männliche Tugend.

Sicherheit ist kein Wert, dem man besondere Bedeutung beimisst. Das Wort heißt auf Russisch besopasnost, übersetzt „Ungefahr“. Und die Russen stellen die Maslowsche Bedürfnispyramide immer wieder auf den Kopf, streben oft viel grundsätzlicher nach gesellschaftlichem Ansehen oder lustvoller Selbstverwirklichung als nach schnöden Grundbedürfnissen.

Das Lieblingssprichwort des postsowjetischen Generals Alexander Lebed lautete: „Wer nichts riskiert, der trinkt auch keinen Champagner.“ Er starb übrigens als Gouverneur von Krasnojarsk bei einem Hubschrauberabsturz. Die größten Dichter Russlands, Alexander Puschkin und Michail Lermontow, duellierten sich beide zu Tode. Der Romantiker Lermontow schrieb zuvor noch die erste Erzählung über das „Russische Roulette“.

Wer weiß, ob der 16-jährige Suworow-Offiziersschüler in Twer, der sich dieses Neujahr bei seiner eigenen Geburtstagsfeier eine Pistole an den Kopf hielt und erschoss, nicht vorher Lermontow gelesen hat. Und wer weiß, ob der Hitzkopf Puschkin besser oder schlechter gedichtet hätte, wenn er ein eher hasenfüßiger Charakter gewesen wäre wie sein deutscher Zeitgenosse Goethe.

Haus und Hof werden mit Fenstergittern und übermannshohen Mauern vor dem feindlichen Rest der Welt geschützt. In Russland traut man weder dem Staat noch seiner Polizei und erst recht nicht der Allgemeinheit, traut oft auch den Nachbarn nicht recht, man traut erprobten, alten Freunden, man traut Verwandten, man traut sich selbst.

Die Streitfälle in der russischen Wirtschaftswelt schlichten statt Schutzgeldbanditen inzwischen Arbitrage-Gerichte, aber widersprüchliche Gesetze und Verordnungen halten weiter Tür und Tor für allerlei unsaubere Manöver offen. Im Geschäftsleben herrschen Angst und Misstrauen.

Ich habe in Moskau einmal eine Wohnung gekauft, bei einem eigentlich sympathischen Ehepaar, hinterher freundeten wir uns dann an. Aber wie fast jeder moskowitische Immobilienkauf gipfelte unser Geschäft in einem Showdown im Schließfachraum einer Bank: Dort hatten auf Rat der Makler und Juristen die Verkäufer alle Papiere deponiert, die ich als Käufer zur endgültigen Inbesitznahme der Wohnung benötigte. Im Schließfach lagen sie, bis das Katasteramt das Geschäft registriert hatte. Danach trafen wir uns im Safe-Raum und wechselten die Schlüssel: ihr Schlüssel für die Papiere gegen meinen Schlüssel für ein anderes Schließfach, in dem ich zuvor die Kaufsumme hinterlegt hatte, bar, abgezählt von den Verkäufern. Schlüssel gegen Schlüssel, alles kulminierte in zwei Handgriffen hinter verschlossenen Bankkellertüren.

Vor dem Deal hatte ein Makler mir geraten: „Am besten befördern Sie die Rubelscheine in einer Sporttasche in der U-Bahn, das ist am ungefährlichsten, da schöpft niemand Verdacht.“ ---