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Sicherheit in den USA

Amerikaner fürchten sich sehr. Zu Recht. Und zu Unrecht.




• Keine noch so kleine Baustelle in den USA kommt ohne einen Einweiser in Warnweste und mit Stoppschild in der Hand aus. Er regelt, wer als Nächster das zu teerende Schlagloch umfahren darf. Keine Entscheidung wird dem Autofahrer überlassen. Das gleiche Schauspiel läuft auf dem Parkplatz vieler Einkaufszentren ab, wo unterbezahlte Helfer die Ein- und Ausparkenden aus ihren Lücken winken. Und bewaffnete Türsteher gibt es nicht nur in der Bankfiliale, sondern auch im Supermarkt.

Der US-Amerikaner, so scheint es, verlangt allgegenwärtigen Schutz, der auch zur Schau gestellt werden muss. Dieses „Sicherheits-Theater“ klingt paranoid, aber es gibt gute Gründe dafür.

Gewalt gehört hier zum Alltag, und das vage Bedrohungsgefühl lässt sich mit Statistiken untermauern. Im Jahr 2016 kamen 37 461 US-Bürger bei Verkehrsunfällen ums Leben – ein trauriger Rekord im Vergleich zu den Vorjahren und auch im Vergleich zu den 25 500 Verkehrstoten in der EU.

15 586 US-Bürger (ab dem Alter von zwei Jahren) starben 2017 durch Schusswaffen, doppelt so viele wurden verletzt; 22 000 Selbstmorde durch Schusswaffen sind nicht eingerechnet. Polizisten erschossen im Jahr 2017 insgesamt 987 Menschen.

Eltern treibt die Sorge um die Sicherheit ihrer Kinder um. Schulen mit 1500 oder mehr Schülern, bisweilen so groß wie eine Shopping Mall, sind keine Seltenheit; sie haben ihre Eingänge mit Metalldetektoren ausgestattet und lassen seit Langem bewaffnete Polizisten in den Gängen patrouillieren. Rechnet man alle Vorfälle seit 2013 aufs Jahr um, dann ereignet sich einmal pro Woche eine Schießerei an einer amerikanischen Schule – und das keineswegs nur in armen Vierteln.

Selbst Kirchen sind nicht sicher: Im November erschoss ein Mann in der First Baptist Church im texanischen Sutherland Springs 26 Menschen und verletzte 20 weitere. Einer der ersten Buchtitel, den Amazon bei einer Suche nach den Stichwörtern Safety und Security auflistet, lautet: „Wie man seine Schäfchen verteidigt. Ein Leitfaden für kirchliche Sicherheitsbeauftragte.“ Auf dem Umschlag sind eine amerikanische Flagge, eine Bibel und eine darauf ruhende Pistole zu sehen. Die Debatte, ob Gottesdienstbesucher oder gar Schüler und Lehrer Waffen tragen dürfen, wird in den USA allen Ernstes geführt.

Woher kommt diese ständige Angst in einem so reichen und stabilen Land wie den USA?

„Es ist zum Teil eine Reaktion auf die ständige Berieselung in den Medien, die sich fast ausschließlich auf Verbrechen konzentrieren. Das schürt die Angst, selbst zum Opfer zu werden“, sagt die klinische Psychologin Demi Rhine mit Praxis im kalifornischen Oakland. Kein Abend, an dem nicht eine Autojagd, ein Raubüberfall oder andere Gräueltaten in Millionen Wohnzimmer übertragen werden. Getreu dem journalistischen Motto: „If it bleeds, it leads.“ Zu Deutsch: Blutvergießen ist der beste Aufmacher.

Rhine nimmt nur Privatpatienten und stellt auch bei dieser Klientel zunehmende Ängste fest. „Wenn sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet, schafft das ebenfalls Sorgen um die eigene Sicherheit: die Furcht, dass mir irgendjemand meine Habe wegnehmen will.“

Besonders die Angst vor der diffusen Bedrohung Terrorismus lässt US-Bürger seit 2001 immer mehr Schikanen hinnehmen. Auch wenn man eher in der Badewanne ertrinken oder vom Blitz getroffen werden könnte, als durch eine Terrorattacke ums Leben zu kommen – am Flughafen dreht sich alles um Safety & Security – von ständigen Videos, während man auf die Sicherheitskontrolle wartet, griesgrämigen Beamten, die Reisende anblaffen, bis zur Entblößung bis auf die Socken.

Die Natur hält gefährliche Überraschungen bereit

Interessant ist die Doppelung: Während man im Deutschen nur den Begriff Sicherheit verwendet, werden in den Vereinigten Staaten für dasselbe Thema immer gleich zwei Wörter bemüht. Während mit Safety der Schutz vor negativen Einflüssen wie Verletzung, Tod oder Krankheit gemeint ist, geht es bei Security um handfeste Sicherheitsmaßnahmen gegen externe Einflüsse, die dem Einzelnen oder der Gemeinschaft schaden können.

Dieser doppelte Sicherheitsgedanke hat seinen festen Platz in der Alltagssprache. Während man sich in Deutschland eine „gute Reise“ oder „guten Flug“ wünscht und ruft: „Komm gut nach Hause“, heißt es hier ständig: „Have a safe trip“, „safe flight“ und vor allem: „be safe!“ Um alles Weitere kümmern sich dann die allgegenwärtigen Uniformierten als Security Guards am Security Checkpoint.

Gut möglich, dass bei diesen Phrasen auch ein kulturelles Erbe Amerikas durchschimmert: die Tatsache, dass dieses relativ junge Land lange Wildnis war und überall Gefahren lauerten. Extreme Naturereignisse vom Blizzard bis zum Orkan, Wölfe, Bären, Pumas und äußerst aggressive Nachbarn – bei der Reise von A nach B konnte es einen noch vor 100 Jahren jederzeit erwischen.

Auch heutzutage kann man ohne Probleme im dünn besiedelten Westen der USA einen Rucksack schultern und spurlos verschwinden, ohne dass jemals auch nur ein Knochen gefunden würde. Sehr zur Freude von Schriftstellern und Drehbuchschreibern auf der Suche nach neuem Nervenkitzel. Die Natur hält gefährliche Überraschungen bereit, die es in Europa seit dem Mittelalter nicht mehr gibt.

Vielleicht beschwört der Taxifahrer also einen Hauch Frontier-Stimmung herauf, wenn er einem beim Aussteigen direkt vor einem hell erleuchteten Kino im Brustton der Überzeugung zuruft: „Passen Sie auf sich auf!“ ---