Partner von
Partner von

Reclam Verlag

… heißt es in Schillers „Wilhelm Tell“. Das ist auch die Devise des Reclam Verlags. Er hat mit Klassikern im Kleinformat eine große Marke geschaffen, die noch immer strahlt.





• Unternehmensberater kommen – und gehen gewöhnlich schnell wieder, Wolfgang Kattanek aber blieb. Der aus Hamburg stammende Jurist tat ab August 2013 beim Reclam Verlag in Ditzingen bei Stuttgart, was Sanierer so tun: Druckerei abstoßen, Kantine dichtmachen, Arbeitsabläufe straffen. Um sich dann von der Eigentümer-Familie überreden zu lassen, als Geschäftsführer zu bleiben. Die Reclam-Geschichte und die damals für ihn noch exotische Buchbranche hätten ihn fasziniert, sagt der 49-Jährige: „Man weiß im Voraus nie, wie viel Arbeit ein Manuskript dem Lektor machen und wie oft sich das fertige Buch verkaufen wird. Es ist jedes Mal ein Abenteuer.“

Das Verlagsgeschäft ist heutzutage schwierig. Aber bei Reclam gibt es dafür eine solide Basis: die berühmte Universal-Bibliothek. Seit 1867 wurden rund 600 Millionen Exemplare verkauft. Man kennt die gelben Klassiker aus der Schule; die mehr oder weniger freiwilligen Leser bekritzeln die Umschläge gern während des Unterrichts. Besonders originellen Umgestaltungen widmete das „Museum für Gedankenloses“ sogar einmal eine eigene Ausstellung namens „Kaba und Liebe“ (statt „Kabale und Liebe“) – das Reclam-Heft als Kunstobjekt und Spiegel der Jugendkulturen.

Die Universal-Bibliothek wird liebevoll gepflegt und nach wie vor gern für die gesamte Klasse von Lehrern angeschafft, sodass viele potenzielle Kunden in ihrer Jugend mit der Marke in Kontakt kommen. Seit je bringt Reclam auch zeitgenössische Literatur heraus, die populär sein darf, aber einem gewissen Bildungsanspruch genügen soll. So schreibt Wiglaf Droste in dem Traditionsverlag, was ihn sein Kater gelehrt hat; es gibt gehobene Esoterik (Zen-Theorie) und auch Humoriges wie „Dirigieren verdirbt den Charakter“ – ein bei Musikern, die unter ihrem Chef am Dirigentenpult leiden, beliebtes Werk.

Kattaneks Strategie besteht darin, den Verlag zu modernisieren, „ohne dessen Wesenskern anzutasten“. Dazu zählt der Farb-Code der Universal-Bibliothek: Neben den gelben Klassikern gibt es beispielsweise zweisprachige Ausgaben in Orange und Arbeitstexte für den Unterricht in Blau. Böse Zungen sprechen vom „Suhrkamp für Arme“, aber das lässt sich auch als Kompliment verstehen. Dank Reclam ist Literatur für jedermann erschwinglich, und die kleinen Heftchen lösen keinerlei Berührungsängste aus.

Der Chef hat sich zudem zu einem für die Branche ungewöhnlichen Schritt entschlossen. Viele Verlage begegnen insgesamt sinkenden Auflagen mit erhöhtem Titelausstoß; Kattanek hat die Zahl der Neuerscheinungen dagegen auf rund 80 pro Halbjahr begrenzt. Ein Beispiel, das, wenn es Schule machte, viele Bäume retten könnte, die heute noch für Bücher sterben, die die Welt nicht braucht. ---

Anton Philipp Reclam ist Aufklärer und cleverer Geschäftsmann. Die Basis seiner Leipziger Firma, die den Siegeszug des Taschenbuchs einläuten wird, ist das Urheberrecht im 19. Jahrhundert: 30 Jahre nach ihrem Tod erlischt das Recht von Autoren an ihrem Werk. Einen Tag nach Ablauf der Frist, am 10. November 1867, geht Reclam mit Goethes „Faust“ zum Kampfpreis von zwei Silbergroschen auf den Markt. Zwar kommen auch andere auf die Idee, mit gemeinfreien Werken Geld zu verdienen, doch Reclam setzt sich dank effizienter Produktion – viel Text auf wenig Papier – und guter Markenführung durch. So verwendet man viel Mühe auf die Umschläge; sie sollen nicht vergilben, wenn Klassiker lange auf Lager liegen. Die heutige signalgelbe Farbe wird 1970 eingeführt. Auch im Vertrieb ist Reclam innovativ: So werden ab 1912 unter anderem an Bahnhöfen Automaten aufgestellt, an denen man sich mit Lektüre versorgen kann. Die Verlagsgeschichte spiegelt das Verhältnis der Deutschen zur Kultur; in der NS-Zeit werden Werke jüdischer und politisch missliebiger Autoren aus der Universal-Bibliothek entfernt. 1947 entsteht der westdeutsche Zweig, der 2007 das Leipziger Stammhaus übernimmt. Später gerät der Betrieb in die roten Zahlen. Wolfgang Kattanek macht ihn durch Konzentration aufs Kerngeschäft ab 2016 wieder profitabel.

Mitarbeiter: 50
Umsatz 2017: rund neun Millionen Euro, mehr als 50 Prozent davon mit der Universal-Bibliothek
Bestseller: „Wilhelm Tell“ (ca. 5,4 Mio. Exemplare)