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Leben in Israel

Wer feiern will, muss zahlen

Warum Israelis härter arbeiten und weniger davon haben.




• Als ich kürzlich eine neue Wohnung in Israel bezog, wartete im Wohnzimmer eine einsame Kommode auf mich, groß, plump und schwarz. Mein Vormieter hatte sie zurückgelassen, offenbar, weil sie sich äußerst schwer bewegen ließ. „Streich sie einfach über“, schlug meine Freundin Hanna vor. Sie selbst habe mal eine alte, hässliche Kommode für ihre Kinder bunt angemalt, denn: „Eine neue konnten wir uns nicht leisten.“

Der Nachsatz überraschte mich. Zwar mag die Geschichte zehn Jahre her sein, doch Hanna arbeitet seit Langem in der Marketingabteilung einer führenden Kommunikationsfirma, ihr Mann ist Diplomat. Würde ein vergleichbares Paar in Deutschland alte Möbelstücke aufpolieren, dann höchstens im Zuge des grassierenden Heimwerkertrends. Aber aus Kostengründen?

Sicher, auch in Deutschland wird mit Leidenschaft geklagt über steigende Mieten und teuren Strom. Aber wer dort zur Mittelschicht zählt, genießt in der Regel finanzielle Sicherheit. In Israel dagegen haben viele durchschnittlich und besser Verdienende Mühe, ihre laufenden Kosten zu decken. „Wir rennen, rennen, rennen nur“, heißt es hierzulande oft. Tatsächlich arbeiten Israelis mehr Stunden pro Woche als die Menschen in den meisten anderen wohlhabenden Ländern, und trotzdem kommt es am Monatsende oft nur gerade eben so hin.

So geht es auch Hanna und ihrem Mann: Die beiden sind Anfang 50, haben gute und sichere Jobs. Trotzdem wohnen sie zur Miete in einem Vorort von Tel Aviv, verzichten aufs Zweitauto, obwohl es hilfreich wäre, und können ihre drei studierenden Kinder nur begrenzt finanziell unterstützen. Alle drei jobben neben der Uni, nicht, um sich bessere Jeans leisten zu können, sondern um den eigenen Unterhalt zu finanzieren.

Dahinter steckt eine israelische Eigentümlichkeit: Mit einem Durchschnittsgehalt von 34 000 US-Dollar jährlich verdienen Israelis weniger als die Menschen in den meisten anderen Industrieländern; zugleich sind die meisten Güter des täglichen Lebens teurer als anderswo. Die relativ niedrigen Löhne erklären sich durch die Zweiteilung der israelischen Wirtschaft: Der vitalen und innovativen Start-up-Nation mit ihren hoch bezahlten Experten stehen traditionelle Branchen gegenüber, die unter Ineffizienz leiden und die Gesamtleistung der israelischen Wirtschaft drücken.

Die Produktivität Israels liegt daher unter dem OECD-Schnitt, die sozioökonomische Kluft ist dafür tiefer als in anderen Industrienationen. Zugleich treiben hohe Einfuhrzölle (bis zu 129 Prozent auf Autos) sowie Wohnungsknappheit in Ballungsräumen die Preise in die Höhe. Ein WG-Zimmer in Tel Aviv kostet zur Miete gut 700 Euro im Monat, ein kleines Apartment mindestens 1000 Euro, was aber noch nicht garantiert, dass es nicht im Winter durchs Dach regnet. Viele alleinstehende, berufstätige Mittdreißiger in Tel Aviv leben in WGs und fahren Rad statt Auto – und zwar nicht aus Menschen- oder Umweltliebe.

Ähnlich sieht es bei Lebensmitteln aus: Ein kleiner Joghurt kostet in israelischen Supermärkten drei- bis viermal so viel wie hierzulande. Für ein kleines Bier zahlt man in Tel Aviver Bars zwischen sechs und acht Euro. Auf israelischen Hauspartys spielt sich daher oft ein für ausländische Besucher befremdliches Ritual ab: Auf dem Höhepunkt der Feier kann es passieren, dass der Gastgeber die Musik ausstellt und die Gäste bittet, zehn Euro in einen zu diesem Zweck bereitgestellten Hut zu werfen. Nicht nur Studenten tun dies, auch junge Ingenieure, Programmierer oder Architekten.

Die demografische Entwicklung droht die Lage noch zu verschärfen: Die Mittelschicht schrumpft, während der Anteil der israelischen Araber (derzeit 21 Prozent) und der ultraorthodoxen Juden (11 Prozent) wächst. Beide Minderheiten sind durchschnittlich schlechter ausgebildet, ärmer, öfter arbeitslos, und sie bekommen mehr Kinder. In wenigen Jahrzehnten dürften sie zusammen die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Ökonomen warnen vor einer Flucht der Leistungsträger, vor gesellschaftlicher Spaltung und wirtschaftlichem Kollaps. Schon jetzt knirscht es im komplizierten Gefüge der israelischen Gesellschaft. Immer weniger Berufstätige sind bereit, die Ultraorthodoxen mit ihren Steuern zu finanzieren.

 

Einer der größten Proteste in der Geschichte des Landes entzündete sich nicht an Fragen von Krieg und Frieden, sondern an dem Frust über hohe Preise: Im Sommer 2011 stellte eine Kunststudentin auf dem Tel Aviver Rothschild-Boulevard ein Zelt auf, um gegen steigende Mieten zu demonstrieren. Daraus entwickelte sich eine mehrwöchige Protestbewegung, die zu ihrem Höhepunkt rund 400 000 Menschen auf die Straße trieb – bei einer Bevölkerung von 7,8 Millionen. Neben den üblichen protestfreudigen Studenten liefen auffallend viele junge Familien mit.

Der Protest brachte das Thema auf die politische Agenda. Zwei neue Parteien, Jesh Atid (Es gibt eine Zukunft) und Kulanu (Wir alle), haben sich die Senkung der Lebenshaltungskosten und gerechtere Lastenverteilung auf die Fahnen geschrieben; Kulanu gehört der regierenden Koalition an.

Dennoch werden sozioökonomische Themen in der politischen Debatte bis auf Weiteres eine Nebenrolle spielen. Denn am Wahltag denken die meisten Israelis nicht an ihre eigene finanzielle, sondern die nationale Sicherheit: Vor allem Angehörige sozial schwächerer Schichten wählen rechte Parteien wie die führende Likud-Partei, die sich vorrangig mit Sicherheitspolitik profilieren.

Zwar könnten gerade diese Wähler von einer sozialdemokratischen Agenda, etwa der der Arbeitspartei, profitieren. Doch sie trauen den Smolanim, wie die Linken oft verächtlich genannt werden, nicht zu, das Land gegen seine Feinde zu verteidigen. Und solange die Hamas zur Vernichtung Israels aufruft, die Hisbollah im Libanon Raketen hortet und iranische Milizen in Syrien vorrücken, wird sich daran wohl wenig ändern. ---