Partner von
Partner von

Kriminalität in Großstädten

Lässt sich Kriminalität in Großstädten bekämpfen? Anscheinend ja. Und die Bürger sind dabei fast wichtiger als die Polizei.




• Am 19. April 1989 war Trisha Meili zur falschen Zeit am falschen Ort. Die 28-jährige Investmentbankerin ging am späten Feierabend joggen und erreichte kurz nach 22 Uhr den Central Park. Dass sie das, was dann passierte, überlebte, grenzt an ein Wunder. Die junge Frau wurde verprügelt, gefoltert und vergewaltigt. Sie erlitt Schädelfrakturen, Gehirnschwellungen und Prellungen. Meili lag zwölf Tage im Koma. Es dauerte ein Jahr, bis sie wieder arbeiten konnte.

Der Fall war nur einer von vielen in der gewalttätigen Ära US-amerikanischer Metropolen zwischen den Siebziger- und Neunzigerjahren. Manche Stadtteile waren regelrechte Kriegszonen, geprägt von brutalen Jugendgangs und Schießereien zwischen rivalisierenden Crack-Dealern.

Heute sind solche Zustände unvorstellbar. Der Central Park ist seit Jahren ein sicherer, bis in die Nacht belebter Ort. Der jüngste Mord, der sich dort ereignete, liegt 16 Jahre zurück. In fast allen Metropolen der USA hat die Zahl der Gewaltdelikte stark abgenommen. Man spricht vom „Great Crime Decline“ (siehe Randspalte 1.).

Der kam völlig überraschend. Viele Experten sahen noch Mitte der Neunzigerjahre eine Welle der Jugendgewalt auf das Land zurollen. Zwischen 1985 und 1993 hatte sich die Zahl der von Jugendlichen begangenen Morde nahezu verdoppelt. Mit Blick auf die damals in der amerikanischen Bevölkerung verhältnismäßig stark vertretene Gruppe der Vier- bis Zehnjährigen warnte der Politikwissenschaftler John Dilulio vor einer „neuen Brut von radikal impulsiven und skrupellosen Super-Straftätern“.

Doch dann sank die Mordrate. Ende der Neunzigerjahre erreichte sie den niedrigsten Stand seit Ende der Sechzigerjahre. Das Paradebeispiel dafür ist New York (siehe Randspalte 2.).

Dem Kriminologen Franklin Zimring zufolge gab es dort „den stärksten und nachhaltigsten Rückgang von Kriminalität, den eine Metropole in der entwickelten Welt je erlebt hat“. Wie ist das zu erklären?

1. Raubüberfälle im Central Park

Zahl der Raubüberfälle im Central Park 1981 731
Zahl der Raubüberfälle im Central Park 2001 37
Zahl der Raubüberfälle im Central Park 2011 17


Morde in den USA

Zahl der Morde pro 100 000 Einwohner in den USA 1990 9,4
Zahl der Morde pro 100 000 Einwohner in den USA 2000 5,5
Zahl der Morde pro 100 000 Einwohner in den USA 2014 4,4

 
2. Morde in New York City

Zahl der Morde pro 100 000 Einwohner in New York City 1992 27,5
Zahl der Morde pro 100 000 Einwohner in New York City 2017 3,4


3.
  George Kelling, James Wilson
»The Atlantic«, März 1982 

4. Festnahmen wegen des Besitzes von Marihuana

Zahl der Festnahmen wegen des Besitzes von Marihuana in New York City 1993 1450
Zahl der Festnahmen wegen des Besitzes von Marihuana in New York City 2000 51267


5.
 Bernard Harcourt

Illusion of Order: The false Promise of Broken Windows Policing, 2001

Die Polizei

Einer, der für den unverhofften Wandel gefeiert wurde, ist William Bratton. Der heutige 70-Jährige war ein Cop, wie er im Buche steht: drahtig, strenge Gesichtszüge, schnörkellose Sätze. 1990 leitete er die in New York für den öffentlichen Nahverkehr zuständige Polizei. Mit Amtsantritt des Republikaners Rudolph Giuliani als Bürgermeister 1994 wurde er Polizeichef der Stadt. Seine Strategie fußte auf der sogenannten Broken-Windows-Theorie.

Im namensgebenden Essay, der 1982 im US-Magazin »The Atlantic« erschienen war, beschrieben zwei Sozialforscher Kriminalität als Epidemie, die ansteckend ist und sich ab einem gewissen Punkt so stark vermehrt, dass sie außer Kontrolle gerät. Eine einzige eingeschlagene Fensterscheibe könne zur Ansteckung führen. Werde sie nicht repariert, dauere es nicht lange, bis alle Scheiben im Haus eingeschlagen seien. Kleine Anzeichen von Unordnung könnten große Folgen haben, sie seien Signale für ein vernachlässigtes Stadtviertel. Familien, die es sich leisten könnten, gingen fort. Andere zögen sich so weit wie möglich zurück. Somit unterliege der öffentliche Raum nicht mehr der informellen nachbarschaftlichen Überwachung. Eine solche Gegend sei anfällig für jede Art von Kriminalität (siehe Randspalte 3.).

Der Essay wurde viel diskutiert, und William Bratton konzentrierte sich in New York daraufhin auf Vergehen wie öffentliches Urinieren, aufdringliches Betteln, Sprayen von Graffiti, öffentlichen Konsum von Alkohol und Drogen. Die Festnahmen wegen kleinerer Gesetzesverstöße nahmen zu (siehe Randspalte 4.).

Personen, die der Polizei verdächtig erschienen – im Schnitt 2000 täglich – wurden auf der Straße angehalten und durchsucht. Jeder vermeintliche Unruhestifter wurde verhaftet. Für die Juristin Issa Kohler-Hausmann von der Universität Yale stellt das einen fundamentalen Wandel im Rechtssystem dar: Anstatt über Schuld und Strafen zu entscheiden, seien Gerichte auf der unteren Ebene dazu benutzt worden, kleinere Straftäter möglichst lange von der Straße fernzuhalten.

Die stark rückläufige Kriminalitätsrate schien dem Polizeichef recht zu geben. In der Presse sprach man vom „Bratton miracle“. Hunderte Delegierte aus anderen Bundesstaaten und dem Ausland besuchten in den folgenden Jahren die Polizeizentrale in New York, um mehr über die Methodik zu erfahren. Als 2011 der damalige britische Premierminister David Cameron mit gewalttätigen Ausschreitungen durch Jugendgangs konfrontiert war, holte er Bratton als Berater zu Hilfe.

Zu jener Zeit hatte die Wissenschaft die Broken-Windows-Theorie jedoch längst widerlegt. Es hatte sich gezeigt, dass nicht nur in New York die Kriminalitätsrate stark gesunken war, sondern ebenso in vielen anderen US-Metropolen, wo die Polizei völlig anders agierte. Zudem wurde kritisiert, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen kleineren Vergehen und größeren Gewaltverbrechen gebe, die Theorie rein anekdotischen Charakter habe. Außerdem legitimiere sie ein von Vorurteilen getriebenes Vorgehen der Polizei und führe dazu, dass dunkelhäutige Personen überproportional häufig kontrolliert wurden, wie 2001 der Politikwissenschaftler Bernard Harcourt darlegte (siehe Randspalte 5.). Der drastische Kriminalitätsrückgang blieb ein Mysterium.

Heute herrscht unter den Kriminologen immerhin Einigkeit darüber, dass die verstärkte Präsenz sowie verbesserte Methoden der Polizei durchaus ihren Anteil hatten. Franklin Zimring hebt den grundlegenden Wandel beim Einsatz von Polizeiressourcen seit Mitte der Neunzigerjahre hervor. Damals wurde erst in New York und dann in vielen anderen Bundesstaaten CompStat eingeführt, ein auf Statistiken basierendes Managementinstrument. Zuvor gab es keinerlei systematische Kriminalprävention.

Erst mit CompStat wurden Daten über Ort und Zeit aller Vorfälle gesammelt, wöchentlich die Gefahrenzonen für Diebstähle, Einbrüche oder Gewalttaten visualisiert und die Ressourcen der Polizei entsprechend gesteuert. „Das hat den Kampf gegen Kriminalität effektiver gemacht“, sagt Zimring (siehe Randspalte 6.).

Auch wenn dem kaum ein Experte widerspricht: Polizeipräsenz allein erklärt nicht, warum in manchen Städten die Mordrate binnen zwei Jahrzehnten um mehr als 75 Prozent gefallen ist. Es muss noch andere Faktoren geben.

Die potenziellen Täter

Das Wunder von New York motivierte Wissenschaftler, Ursachen zu finden. Viele suchten sie nicht in der Art, wie Kriminalität bekämpft wurde, sondern in anderen Veränderungen der Gesellschaft. Ihre Leitfrage hieß: Warum gab es weniger gewaltbereite Amerikaner?

Die Antworten reichten von der geringeren Bleibelastung des Trinkwassers bis zum Ablenkungseffekt technischer Geräte wie Handys und Spielekonsolen, die Jugendliche von der Straße fernhielten, von der besseren ökonomischen Lage bis zur Medikation gegen Hyperaktivität. Einer der bekanntesten Ansätze stammt von Steven Levitt. In seinem Bestseller „Freakonomics“ überraschte der Ökonom mit der These, dass liberalere Abtreibungsgesetze die Geburt Tausender ungewollter Kinder verhindert hätten und somit viele potenzielle Täter gar nicht erst geboren worden wären. Doch die Annahme, dass ungewollte Kinder mit höherer Wahrscheinlichkeit kriminell werden als andere, lässt sich wohl kaum belegen.

Vor drei Jahren hat das Brennan Center for Justice, ein überparteiliches Institut, das dafür Sorge tragen soll, dass politische Institutionen und Gesetze den Idealen von Demokratie und Gerechtigkeit entsprechen, die prominentesten Erklärungsversuche überprüft. Demnach hat das seit den Neunzigerjahren gestiegene Durchschnittseinkommen der Amerikaner die Kriminalität um fünf bis zehn Prozent reduziert. Auch andere Dinge hätten einen „gewissen Effekt“ gehabt. Insgesamt aber war das Ergebnis ernüchternd: Ein Faktor mit belegbar großem Einfluss (auch auf die anhaltend sinkende Kriminalität in den Nullerjahren) wurde nicht gefunden (siehe Randspalte 7.).

6.  Franklin Zimring
The Great American Crime Decline, 2007 

7. Brennan Center for Justice
What caused the crime decline?, 2015 

8. Patrick Sharkey
Uneasy Peace: The Great Clime Decline, the Renewal of City Life and the Next War on Violence, 2018 

9. Robert Snyder
Crossing Broadway: Washington Heights and the Promise of New York City, 2014

10. Sharkey hatte mit zwei Assistenten für den Zeitraum zwischen 1990 und 2012 die jährlichen Neugründungen von Bürgerinitiativen in 264 Städten untersucht und in einem zweiten Schritt ihren Effekt auf die Kriminalitätsrate bestimmt. Das Ergebnis: In einer Modell-Stadt mit 100 000 Bewohnern führte jede zusätzliche Anti-Gewalt-Initiative zu einem Rückgang der Mordrate um knapp 1 Prozent.

Lokale Aktivisten

Patrick Sharkey ist überzeugt, diesen Faktor entdeckt zu haben. Der Soziologe der New York University ist wissenschaftlicher Leiter des Crime Lab, das Polizei, Justizbehörden und Jugendämter der Stadt berät. Das Ergebnis seiner Studie vom Januar 2018: Eine entscheidende Rolle beim Great Crime Decline spielten Bürgerinitiativen, die in den Neunzigerjahren begannen, den öffentlichen Raum zurückzuerobern (siehe Randspalte 8.).

In Zeitungsartikeln und Erfahrungsberichten wurden solche Organisationen oft besprochen. Der Journalist Robert W. Snyder beispielsweise beschreibt in einem Buch deren Arbeit im Manhattaner Stadtteil Washington Heights. Die Mordrate war in den Achtzigerjahren auch dort in die Höhe geschnellt, im ganzen Viertel herrschten Angst und Misstrauen. Im Juli 1989 forderte der Bademeister in einem öffentlichen Freibad einen Schwimmer auf, einen gesperrten Bereich des Beckens zu verlassen. Der Schwimmer stieg aus dem Wasser, ging zu seiner Tasche, kam mit einer Pistole zurück, feuerte los. Der Bademeister wurde schwer verletzt, ein 13-jähriges Mädchen starb.

Doch dann schlossen sich Bürger in der „Alianza Dominicana“ zusammen und organisierten Protestmärsche. Die Vereinigung der „Mothers against Violence“ machte es sich zur Aufgabe, Drogenabhängige von Spielplätzen zu vertreiben, die „Friends of Fort Tryon Park“ überwachten die Grünfläche und organisierten Veranstaltungen für die Nachbarschaft, um deutlich zu machen, wem der Park gehört (siehe Randspalte 9.).

Patrick Sharkey hatte festgestellt, dass der Great Crime Decline ungleichmäßig verlaufen war. Am drastischsten war die Kriminalitätsrate in den einst gefährlichsten Gegenden gesunken, in Stadtvierteln mit konzentrierter Armut, die man lange Zeit sich selbst überlassen hatte. Die Frage war: Was hat seit den Neunzigerjahren zur Transformation dieser Viertel geführt?

Nach einer ganzen Reihe von Analysen räumt der Soziologe der massiv gesteigerten Polizeipräsenz, der Videoüberwachung und den Inhaftierungen einen nicht unwesentlichen Anteil an der Veränderung ein. Durch die konsequentere Strafverfolgung sei vor allem der öffentliche Handel mit Crack, der in den Achtzigerjahren zahlreiche tödliche Schießereien ausgelöst hatte, unterbunden worden.

Doch als mindestens ebenso wichtig stellte sich der Einfluss der Bürgerinitiativen heraus. In New York, wo in den Neunzigerjahren rund 25 neue Initiativen pro 100 000 Bewohnern entstanden, verantworteten die lokalen Organisationen einen Rückgang der Mordrate um fast 25 Prozent (siehe Randspalte 10.).

Für die Verwandlung der einstigen No-go-Areas in recht sichere und beliebte Wohnviertel brauchte es also großer Anstrengungen von innen heraus, Leute, die Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen, mit vernachlässigten Jugendlichen arbeiten, sich für die Versorgung von Kindern und älteren Menschen einsetzen, Gewalt anprangern, Werte vorleben.

Sharkey hat auch untersucht, was in den Vierteln passierte, als sie allmählich sicherer wurden. Das dominierende Muster, sagt er, sei der Wandel von einer sehr armen, überwiegend afroamerikanischen zu einer ethnisch und sozial vielfältigeren Bewohnerschaft gewesen – mit der Folge, dass die Kriminalitätsrate weiter sank.

Heißt das, dass das Mehr an Sicherheit in den einstigen Problemvierteln dem Verdrängen armer Menschen zu verdanken ist? „Nein“, sagt Sharkey, „Gentrifizierung ist zwar mancherorts ein Problem, aber viel häufiger ist zu beobachten, dass sicherer gewordene Viertel Leute mit höheren Einkommen anziehen, ohne dass die Armen wegziehen.“

Die Erkenntnisse des Soziologen liefern zwar auch nicht alle Antworten, aber Patrick Sharkey hat einen Faktor in die Diskussion eingebracht, der bisher unterschätzt wurde. Und damit auch einen Hinweis gegeben, wie sich Sicherheit in Großstädten jenseits von Polizeigewalt und Überwachung festigen lässt.

Kriminalprävention müsse darauf abzielen, das Zusammenleben von Reichen und Armen zu fördern. In jedem Viertel müsse es Wohnungen geben, die sich auch die sozial Schwachen leisten können. In jedem Viertel brauche es zudem Bürger, die sich um die Gemeinschaft kümmern. Daher sei die finanzielle Unterstützung der lokalen Initiativen besonders wichtig. „Wo die über starke Ressourcen verfügen, hat Gewalt geringere Chancen.“ ---