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Jugendzentrum „Schorsch“

Ein Jugendzentrum im Hamburger Stadtteil St. Georg kämpft mit Widerstand aus der Nachbarschaft. Und beschließt deshalb, die Nachbarn zum Möbelbauen einzuladen. Protokoll einer Bekehrung.




• Es fing nicht gut an, als das Jugendzentrum „Schorsch“ im Hamburger Stadtteil St. Georg einen Neubau bekam. Die Anwohner beschwerten sich, weil ihnen das große, etwas klobige Gebäude die Sonne nahm. Einige klagten gegen die Baugenehmigung.

Das neue Integrations- und Familienzentrum beherbergt nicht nur den weiterentwickelten Jugendtreff, sondern auch Wohnungen für Auszubildende, eine Familienberatung und eine Aids-Seelsorge.

Doch das ehrgeizige Projekt stößt nicht überall auf Gegenliebe. Während der Bauarbeiten wird der Rohbau mit Farbbeuteln beschmissen. St. Georg ist eines der Viertel in Hamburg mit großen sozialen Gegensätzen: Hier leben gut verdienende Familien in Altbauwohnungen, vor deren Häusern Obdachlose nach Pfandflaschen suchen und Prostituierte auf dem Gehweg stehen.

Wie kann man diese Nachbarschaft gewinnen? Das Schorsch entwickelt mit zwei Designern vom Hamburger Büro für Gestaltungsfragen eine Möbelserie – und baut sie gemeinsam mit Anwohnern des Viertels zusammen.

Die Initiatoren – die Designer Christian Schüten, 52, und Gerrit Kuhn, 45, sowie der Theologe Frederik Ahlmann-Eltze, 37 – über das Projekt:

Gerrit Kuhn: Beim Kampf um das Gebäude geriet aus dem Fokus, dass man auch an Möbel denken muss. Als das Haus stand, wurde auf einmal klar, dass es zu aseptisch ist.

Christian Schüten: Bevor die Möbel hier drinstanden, haben die Leute immer gesagt, das sieht hier ja aus wie in einer Zahnarztpraxis.

Frederik Ahlmann-Eltze: Wenn ein Stadtteil sich ändert, ist das für die, die da aufgewachsen sind, eine Entfremdung. Wir wollten das Gegenteil: dass die Nachbarn das Gefühl haben, dass sie mitmachen können. Dass es auch ihnen gehört.

Schüten: Wir haben von Anfang an gesagt, es muss eine Aneignung geben. Wir können nicht einfach losgehen und Möbel kaufen. Also haben wir Tische, Bänke, Stühle und Schränke entwickelt, die von Laien zusammengesetzt werden können. Die Möbel wären sicher bei Ikea billiger gewesen. Aber hier sollte etwas passieren, das man eben mit Geld nicht einfach kaufen kann.

Ahlmann-Eltze: Die Möbel mussten absolut simpel sein. Und robust genug, damit sie im Notfall Fußtritte von wütenden 16-Jährigen aushalten.

Schüten: Wir haben Bilinga-Holz für die Tische verwendet, sehr hart, sehr widerstandsfähig. Das Material hat ein Holzhändler aus dem Viertel gespendet.

Ahlmann-Eltze: Das war richtig wertvoll, acht Kubikmeter Holz. Dann haben wir im Herbst die Nachbarschaft eingeladen – und hatten ziemliche Angst, dass niemand kommt. Am Morgen war das Haus aber gleich voll.

Schüten: Wir zwei Designer standen vor 40 Leuten und mussten erklären, wie das alles funktioniert.

Kuhn: Ich habe gedacht: Verdammt! Wieso haben wir das nicht bauen lassen? Das waren ja alles keine Tischler, das waren Laien.

Schüten: Da standen 140 Holzkisten, überall lag Holz, hoch gestapelt. Außerdem sieben Bohrmaschinen, 20 Hämmer, 13 000 Holznägel, 20 Bohrer, 2 Eimer Leim, 5 Dübelsägen – und am Anfang weiß niemand, was er machen soll. Es gab ein Nummerierungssystem, um das Holz den Möbeln zuzuordnen. Nach zwei Stunden war dann die erste Gruppe in der Lage, ihre Möbel selbstständig zu bauen. Da ist dann die Anspannung langsam abgefallen.

Kuhn: Als die ersten Tische fertig waren, sind Leute draußen am Fenster stehen geblieben, um Fotos von den Tischen zu machen. Das war schon toll.

Ahlmann-Eltze: Wir haben bei sozialen Einrichtungen irgendwie verinnerlicht, dass Design Luxus ist, den wir uns nicht leisten können. Dass Ästhetik nicht so wichtig ist. Ist sie aber doch! Das hat man an der Reaktion auf diese massiven Tische gesehen. Die Leute sind reingekommen, haben sich umgeschaut.

Schüten: Viele Jugendliche, die mitgeholfen haben, hatten hier das erste Mal einen Hammer in der Hand. Da findet eine Identifikation statt, die man anders nicht hinbekommen hätte.

Ahlmann-Eltze: Wir hatten einige Schüler, 13, 14 Jahre alt, die waren überhaupt nicht mehr wegzubekommen. Die sind morgens mit ihrer Klasse gekommen und bis abends nicht gegangen.

Kuhn: Es gab eine Mutter, die wollte eine Nachtschicht einlegen, um eine Tür fertig zu machen. Das ging dann doch nicht, weil das Gebäude nachts abgeschlossen sein musste.

Schüten: Und die, die da waren, erkennen jetzt die Spur, die sie hinterlassen haben.

Ahlmann-Eltze: Die Jugendlichen gehen mit den Sachen, die sie selbst gemacht haben, auch ganz anders um. Sonst kritzeln sie auf den Möbeln oder ritzen etwas mit dem Messer hinein. Bei den neuen Tischen haben wir bis jetzt nicht einen Kratzer.

Kuhn: Und selbst wenn etwas kaputtgeht: Die Kinder und Jugendlichen können es jetzt selbst wieder reparieren.

Ahlmann-Eltze: Wir wollen nun im Keller eine Werkstatt einrichten, in der die Menschen ihre defekten Möbel reparieren können. Und wir wollen selbst neue Möbel bauen, sie verkaufen und damit Aktivitäten finanzieren.

Schüten: Der Holzhändler, der das Holz gespendet hat, wollte auch gleich einen Tisch für sich selbst. Das ist doch schon einmal ein gutes Zeichen.

Ahlmann-Eltze: Und aus der Nachbarschaft hören wir inzwischen, wie toll es ist, dass wir hier sind. ---