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Felix Oldenburg im Interview

Wer könnte mit sozialen Innovationen für mehr Zusammenhalt sorgen? Felix Oldenburg, Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, hat da eine Idee.




Felix Oldenburg, 41, ist seit April 2016 Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen. Zuvor leitete er zwei Jahre die deutsche, dann fünf Jahre die europäische Sektion von Ashoka, einer Non-Profit-Organisation zur Förderung sozialen Unternehmertums

brand eins: Sie beschreiben die derzeitige Situation im deutschen Stiftungswesen gern mit dem Bild eines „perfect storm“. Was soll das heißen?

Felix Oldenburg: Da kommen drei Entwicklungen zusammen, die zur gleichen Zeit wirken. Seit mehr als drei Jahren stecken wir in einer Nullzinsphase. Auch Stiftungsgeld vermehrt sich nicht mehr automatisch. Viele Anleihen haben in den vergangenen Jahren noch gute Renditen eingebracht, aber jetzt, zehn Jahre nach der Finanzkrise, stehen wir vor der Zinsabbruchkante. Viele Stiftungen sind kaum noch in der Lage, Erträge zu erwirtschaften, und haben große Probleme, ihren Zweck zu erfüllen. Diese Situation ist neu. Zweitens leben wir dank des Internets in einer Phase, in der die Transaktionskosten gegen null gehen. Früher hat es viel Geld gekostet, eine Idee großzumachen.

Heute kostet es oft sehr wenig oder gar nichts. Und drittens gibt es mehr Menschen mit viel mehr Geld als je zuvor. Niedrige Zinsen, viele Vermögen und die Digitalisierung, das ist eine Situation, die neue Ideen, ja neue Geschäftsmodelle erfordert – auch wenn dieser Begriff dem Stiftungswesen bislang eher fremd war.

Wer viel Geld hat, ist ja nicht automatisch daran interessiert, Gutes zu tun.

Richtig, es handelt sich um freies Geld, das überwiegend noch nicht in Stiftungen gebunden ist. Es gibt aber mehr Vermögen auf der Suche nach Sinn als je zuvor in unserer Gesellschaft. Das sind die nächsten Stifter, um die müssen wir uns kümmern. Und wir müssen dafür eine andere Geschichte über das Stiften erzählen als in der Vergangenheit.

Wie könnte diese Geschichte lauten?

Dass es eine große Chance für die Gesellschaft ist, das Kapital zum Arbeiten zu bringen, wenn es sich nicht mehr automatisch vermehrt. Die Frage für uns ist doch – und das ist auch eine soziale Frage: Welches Sinnangebot machen wir dem Geld? Wie übersetzen wir Geld in gesellschaftlich positive Wirkung? Als Gesellschaft tun wir gut daran, die gleichen Erwartungen in Sachen Professionalität und Klarheit, die wir an Unternehmen haben, auch an Stiftungen heranzutragen. Man darf niemals zufrieden sein damit, ein bisschen Gutes zu tun.

Haben Sie dabei eine bestimmte Stiftergeneration im Blick?

Ich treffe mich beispielsweise regelmäßig mit Berliner Onlinegründern, die sich schon zu einem frühen Zeitpunkt fragen, was sie mit ihrem Geld machen sollen, das sie Zeit ihres Lebens nicht mehr ausgeben können und auch nicht vererben wollen. Diese Frage stellen sich manche Menschen heute nicht erst mit 60 oder 70, sondern mit 30 oder 40. Aber gerade diese Menschen wollen natürlich auch ganz anders Einfluss darauf nehmen, was mit ihrem Geld geschieht.

Worin besteht der Unterschied zur älteren Generation?

Die Stifter der nächsten Generation stellen die klare Sektorengrenze – hier die gemeinnützige Stiftung, dort das profitorientierte Unternehmen – ganz einfach infrage. Sie interessieren sich für Geschäftsmodelle, die sozialen Mehrwert produzieren, die skalieren und sich refinanzieren können. Und wenn man das jetzt auch noch digital denkt, eröffnet sich ein riesiger Möglichkeitsraum. Der hält andererseits wiederum viele davon ab, etwas zu tun. Es ist ja viel einfacher, mit seinem Geld zur Bank zu gehen, eine Stiftung nach bewährtem Muster zu gründen und den Ertrag jedes Jahr an eine Organisation zu spenden. Dieser gewaltige Möglichkeitsraum kann eben auch lähmend sein.

Vermutlich sind es vor allem große, finanziell und personell gut ausgestattete Stiftungen, die das ganze Instrumentarium nutzen.

Das ist absolut keine Frage der Größe, sondern vor allem der unternehmerischen Kompetenz und Kreativität. Natürlich fällt es einer Stiftung mit großem Budget vergleichsweise leicht, sich Kompetenz zu kaufen. Aber in der Nische gibt es brillante Stiftungen. Nehmen Sie die Deutsche Rockmusik Stiftung. Die wurde 1996 mit einem Stiftungsvermögen von einer D-Mark gegründet. Was soll das, denkt man da. Mit Fördermitteln und Krediten hat der Stifter dann leer stehende Immobilien gekauft, beginnend mit einer Friedhofstoilette in Hannover, und sie als Proberaum an Bands vermietet. Heute verfügt die Stiftung über ein Immobilienvermögen von mehreren Millionen Euro und fördert in ganz Deutschland Talente der Rock- und Popmusik.

Das war nur möglich, weil sich die Initiatoren als Unternehmer verstanden.

Ja, das ist genau das, worauf es mir ankommt. Eine Stiftung ist nicht ein Sack Geld, ist nicht ein Vermögen. Eine Stiftung ist eine Idee – es gibt ganz viele Wege, den Stiftungszweck zu erfüllen.

Mitunter ist die Kritik zu hören, Stiftungen seien eine Art Reparaturbetrieb des Kapitalismus – indem sie Aufgaben übernehmen, aus denen sich der Staat zurückzieht.

Die Kritik teile ich überhaupt nicht. Stiftungen sind eine sehr kluge Art und Weise, mit Ungleichheiten umzugehen – weil sie eine unternehmerische Möglichkeit bieten, aus Überschüssen, die Einzelne zurückgeben möchten, etwas für die Gesellschaft zu tun. Und zwar nicht als Reparaturbetrieb, sondern auch komplementär zum Staat. Nicht als Lückenfüller, sondern durchaus als Ort exzentrischer Stifterzwecke, als Versuchslabor beispielsweise für heute noch unwahrscheinlich klingende soziale Ideen, die gegenwärtig noch keine demokratische Gesellschaft per Mehrheitsentscheid fördern würde, die aber in wenigen Jahren vielleicht schon Mainstream sind.

Die Ökonomin und Risikokapitalgeberin Ann-Kristin Achleitner sprach auf einer Konferenz des Verbands im März 2017 von einer Art sozialem Unternehmertum als Zukunftsmodell für Stiftungen. Ihre Gedanken gehen offenbar in dieselbe Richtung.

Dieser Ansatz beschreibt einen der vielen Wege, die sich uns in der Situation des „perfect storm“ eröffnen. Stiftungen können einen kleinen Teil ihres Vermögens direkt oder über Fonds und teilweise sogar mit staatlichen Garantien abgesichert in sozialen Ideen oder Projekten anlegen. Oder sie können in sozial wirksame Immobilien investieren. Die Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius beispielsweise hat, weil preiswerter Wohnraum für Auszubildende in einer Stadt wie Hamburg kaum zu haben ist, vor gut einem Jahr in ein Lehrlingswohnheim investiert, und in Heidelberg hat die Software AG-Stiftung ein neues Stadtquartier für generationenübergreifendes und ökologisches Wohnen mitgebaut. Das sind ausgesprochen sichere Anlagen, und sie produzieren über eine Rendite hinaus eine soziale Wirkung.


„Welches Sinnangebot machen wir dem Geld? Wie übersetzen wir Geld in gesellschaftlich positive Wirkung?“

Bei Investitionen in Sozialunternehmen und soziale Ideen ist die Wirkung oft nur schwer oder gar nicht messbar. Wie sollen gerade kleine Stiftungen, die keinen riesigen Aufwand betreiben können, effizient arbeiten?

Philanthropie ist keine Effizienzmaschine, sondern hat mit Wagnissen zu tun. Stiften ist keine Übung zur Wagnisvermeidung – eine Spende ist ein maximales Wagnis. Sie bekommen nichts zurück. Sie haben auch keinen Einfluss auf die Organisation, der Sie die Spende zukommen lassen. Ein größeres Wagnis kann man kaum beschreiben. Warum also haben wir solche Angst davor zu akzeptieren, dass mit jeder Investition auch ein finanzielles Risiko verbunden ist? Diese Wette, dieses Setzen auf etwas noch Unbewiesenes ist doch der Kern von Philanthropie. Wenn wir alle nur das finanzieren, von dem wir wissen, welche Wirkungen es produziert, werden wir keine soziale Innovation zustande bringen. Wir brauchen die vielen kleinen Experimente, von denen wir noch nicht wissen, ob sie sich für die Gesellschaft lohnen werden. Aber wir glauben daran. Wenn wir das im Kopf zusammenzubringen, wäre das der größte Gewinn der Nullzinsphase – weil es uns die Freiheit verschaffen würde, über das ganze Potenzial des Geldes nachzudenken.

Und wo ist die Hürde?

Vor allem im Kopf.

Der Manager einer Stiftung, der nach einigen Jahren eingestehen muss, dass von den vier sozialen Start-ups, in die er investiert hat, drei leider eingegangen sind, wird sich allerdings eine neue Aufgabe suchen müssen. Dann lässt er es doch lieber gleich bleiben.

Der Appell, das Kapital an die Arbeit zu bringen, ist keine Aufforderung zu einem unverantwortlich hohen Risiko. Aber es gibt eben keine risikolose Art mehr, sein Geld zu verdienen. Und das ist doch gut. Es stellt uns vor die radikale Frage, welches Sinnangebot wir dem Stiftungskapital machen. Das Stiften ist anspruchsvoller geworden. Die Optimierungsaufgabe ist für jede Stiftung im Kern die gleiche: Wie hole ich aus meinem Vermögen für meinen Zweck die größte Wirkung heraus?

Viele Geschäftsführer von Stiftungen wissen gar nicht, welche Wirkungen sie mit dem Geld erzielen.

Deshalb wünsche ich mir ja, dass wir das Stiften viel stärker diskutieren. Das Stiften selbst ist ein rein privater Akt, aber nach diesem Akt ist eine Stiftung eine öffentliche Sache. Sie gehört ihrem Zweck, der Gesellschaft. Und deshalb sollten wir auch darum ringen, wie wir das Beste daraus machen. Es wäre realitätsfremd zu behaupten, dass jede Stiftung maximal viel Gutes bewirkt. Da ist es besser, konstruktiv zu kritisieren, als höflich Applaus zu spenden.

Mareike van Oosting, ehemalige Projektmanagerin bei der BMW Foundation Herbert Quandt, forderte, wirkungsorientierte Investments „nicht mit dem Herzen, sondern aus der Investmentlogik heraus“ auszuwählen. Da wird mancher Wohltäter alter Schule das Grausen kriegen.

Ich teile diesen Ansatz nicht. Ist denn das Unternehmertum keine Sache des Herzens, sondern nur der Investmentlogik? Viele der besten Ideen sahen doch, als sie formuliert wurden, nach absolutem Wahnsinn aus. Nehmen wir zum Beispiel Wikipedia. Die Vorstellung, dass Millionen Menschen gemeinsam ohne Entgelt eine Enzyklopädie schreiben, klingt noch heute unwahrscheinlich. Wäre diese Idee rein nach Investmentlogik bewertet worden, gäbe es Wikipedia nicht. Wir brauchen Herz und Investmentlogik. Wenn Sie als Stiftung eine Idee zum Wachsen bringen wollen, müssen Sie überlegen, wie sie ökonomisch ans Laufen kommt, damit sie eines Tages vom Stiftungsgeld unabhängig ist. Das ist der rechnende Teil. Und Sie schauen sich natürlich genau an, was die Menschen, die diese Idee entwickelt haben, antreibt, ob sie wirklich an ihre Idee glauben, ob sie andere begeistern können. Das ist das Herz.

Wenn ein Sozialunternehmer vor der Wahl stünde, das benötigte Kapital von einem Wagniskapitalgeber oder als Investment einer Stiftung zu nehmen – was würden Sie ihm raten?

Jeder Geldgeber gibt sein Kapital mit unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Erwartungen. Das betrifft nicht nur die Frage, wie – und ob überhaupt – das Geld zurückzuzahlen ist. Als Sozialunternehmer muss ich mich auch fragen: Was will der Geldgeber sonst noch von mir? Wie stark schränkt er mich ein? Wie sehr möchte er selber gefeiert werden? Wie weit kann er mir mit seinem Netzwerk auch außerhalb der Finanzierung helfen? Es ist eine der schwierigsten Entscheidungen, wann welches Geld das richtige ist. Ich habe bei Ashoka sehr viele Sozialunternehmer erlebt, die von Geldgebern in ihren Entwicklungsmöglichkeiten behindert wurden. Auch sollte man nicht jedes Spendengeld nehmen. Stiftungen stehen mit anderen Gebern in einem Wettbewerb, ob ihr Geld in einer bestimmten Marktphase einer sozialen Idee für einen bestimmten Zweck das klügste Geld ist.

Wenn wir uns die Entwicklung sozialer Projekte anschauen: Gibt es da Phasen, in denen Stiftungsgeld in der Regel das klügere, und solche, in denen es das dümmere Geld ist?

Stiftungen können nicht im Alleingang eine soziale Idee vom Anfangsstudium bis zur Marktreife durchfinanzieren. Dazu braucht es ein Ökosystem der Finanzierung – das haben wir aber als Gesellschaft noch nicht organisiert. Ich halte es allerdings für waghalsig, aus dem Stiftungsvermögen eine Idee zu finanzieren, die noch keinen Markt hat, der auch für eine Refinanzierung sorgen kann. Das wäre Wahnsinn.

Sie mögen doch verrückte Ideen.

Aber wir dürfen kein Stiftungsvermögen mutwillig aufs Spiel setzen. In einem solchen Fall würde man eher mit einer Förderung als mit einer Investition einsteigen. Allerdings kann man während des Förderzeitraums beobachten, ob es der Organisation gelingt, aus Teilen ihrer Arbeit eine Refinanzierung zu erwirtschaften. In diesen Teil könnte man dann einen Teil des Stiftungsvermögens investieren.

Als Sie vor zwei Jahren als Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen antraten und gleich mehr Mut zur Förderung sozialer Innovationen forderten, hieß es über Sie: „Entweder wird das eine geniale Transformationsgeschichte, oder er wird domestiziert. Sonst wird er wohl nicht lange da sein.“ Sie sind noch da – aber wie weit sind Sie in der Zwischenzeit gekommen?

Aus dem Startloch heraus – aber der größere Teil der Strecke liegt noch vor mir. ---

In Deutschland gibt es derzeit knapp 22 000 Stiftungen bürgerlichen Rechts. Sie vereinen ein geschätztes Vermögen von 70 Milliarden Euro. Damit könnte die Bundesregierung knapp zwei Jahre lang ihren Verteidigungsetat bestreiten. 95 Prozent der Stiftungen sind als gemeinnützig anerkannt.

Im Prinzip kann jede Person ab 18 Jahren und jede Organisation eine Stiftung errichten. Rund zwei Drittel aller Stifter in Deutschland sind Privatpersonen. Immer mehr Menschen stiften allerdings gemeinsam mit anderen und schließen sich beispielsweise zu Bürgerstiftungen zusammen (derzeit rund 300 mit dem Gütesiegel des Bundesverbands). Damit eine Stiftung als langfristig überlebensfähig gilt, ist in der Regel ein Mindestkapital von 50 000 Euro erforderlich.

Wer eine Stiftung errichtet, trennt sich für immer von seinem Vermögen. Eine Stiftung ist sozusagen für die Ewigkeit gedacht und kann nicht aufgelöst werden. Auch der vom Stifter definierte Zweck der Stiftung darf nicht wesentlich verändert werden. Allerdings setzt sich der Bundesverband Deutscher Stiftungen für eine Reform ein, die größere Handlungsspielräume eröffnet. Die Stiftung ist verpflichtet, das ihr übertragene Vermögen sicher und gewinnbringend anzulegen. Die meisten Stiftungen erfüllen ihren Zweck aus den erwirtschafteten Überschüssen, das gestiftete Vermögen selbst muss als Grundkapital erhalten bleiben.

Gemeinnützige Stiftungen genießen Steuerfreiheit bei der Körperschaft- und Gewerbesteuer, sie sind in der Regel von Grund-, Schenkung- und Erbschaftsteuer befreit. Zuwendungen in den Vermögensstock von gemeinnützigen Stiftungen können bis zu einem Höchstbetrag von einer Million Euro vom zu versteuernden Einkommen des Spenders abgesetzt werden.