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Devolo

Das Stromnetz soll smart werden – und vor Hacker-Angriffen geschützt. Dafür sorgen Mittelständler wie Devolo aus Aachen.




• Wer sich gruseln und aus seiner volltechnisierten Komfortzone herausreißen lassen möchte, sollte das Buch lesen, das den Wiener Schriftsteller Marc Elsberg 2012 bekannt machte. Es heißt „Blackout – Morgen ist es zu spät“, ein Thriller über eine unterschätzte Gefahr, den Stromzähler.

Das Buch handelt nicht vom elektromechanischen Drehstromzähler, der heute noch in den meisten Häusern im Sicherungskasten hängt, sondern von dessen digitalem Nachfolger, dem sogenannten Smart Meter, einem schlauen Zählgerät also. Gleichwohl erweist er sich im Roman als ziemlich dumm. Smart ist da nur der Bösewicht. Der dreht eines Wintertags der Millionenstadt Mailand aus der Ferne den Strom ab. Daraufhin gehen in ganz Europa die Lichter, Computer und Maschinen aus, der Kontinent verfällt in Schockstarre. Den Menschen wird bewusst, dass das öffentliche und private Leben von einem stabilen Elektrizitätsnetz abhängig ist: Supermärkte, Fabriken, Krankenhäuser sind lahmgelegt, Radiosender, Mobilfunknetze, Zapfsäulen und Heizungspumpen fallen aus.

Experten bescheinigten Elsberg solide Recherche und einen realistischen Plot. Michael Koch verweist sogar ausdrücklich auf „Blackout“, wenn er erklärt, woran man beim Aachener Mittelständler Devolo AG arbeitet. Sie bauen Smart Meter, die Aggressoren keine Angriffsfläche bieten.

„Der Roman spielt nicht umsonst in Italien“, sagt Koch, Leiter des Geschäftsbereichs Smart Grid. In dem Land seien bereits bis 2006 flächendeckend neue Stromzähler eingeführt worden, doch diese hätten eine Schwachstelle. Einem Kunden, der seine Rechnungen nicht bezahlt, könnten die Elektrizitätswerke per Mausklick den Strom abstellen. Und nicht nur ihm, sondern gleichzeitig auch beliebig vielen anderen Kunden. Hierzulande brauche sich davor niemand zu fürchten, sagt Koch, der auch als Honorarprofessor an der Universität Duisburg-Essen lehrt: „Fernabschaltung ist in Deutschland nicht zulässig. Außerdem muss jeder Zähler einzeln angesprochen werden.“

Manchmal ist es bei neuer Technik besser, sich Zeit zu lassen. Als etwa in Schweden im Jahr 2009 das Stromnetz landesweit „intelligent“ wurde, tüftelten die Deutschen noch immer an Prototypen, die den Strom-, Gas- und Wasserverbrauch an einer Schnittstelle bündeln und online übertragen. Elektroautos nahm kaum jemand ernst, die Energiewende war weit weg, Warnungen vor Cyber-Attacken auf kritische Infrastrukturen wurden als Panikmache abgetan.

Das war einmal. Seitdem ist das Risikobewusstsein in Politik und Wirtschaft größer geworden – und die Chance für Unternehmen wie Devolo, sich als Vorreiter in Sachen Datensicherheit zu positionieren. Der Schutz vor Ausspähung und Cyber-Kriminalität ist für diese mittelständisch geprägte Szene die Grundlage, auf der neue Geschäftsmodelle wachsen sollen. Das smarte Netz der Stromversorger wird erst dann richtig interessant, wenn es mit dem Smart Home verzahnt wird, dem digital vernetzten Haushalt. Dann lassen sich Angebot und Nachfrage besser synchronisieren – der Dreh- und Angelpunkt einer Energieversorgung, bei der das Netz nicht mehr auf den Maximalbedarf ausgelegt ist.


Übers Stromnetz könnten auch sensible Daten übertragen werden. Im Vergleich dazu sei der übliche DSL-Anschluss „sicherheitstechnisch Steinzeit“.

Strenge Regeln schaffen Wettbewerbsvorteile

Eine entscheidende Institution in dem Geschäft ist das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Die Behörde mache den Smart-Meter-Herstellern „tonnenweise“ Vorschriften, sagt Koch, aber er klingt eher amüsiert denn verärgert. Schließlich fördert eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des BSI ja auch das Vertrauen in die Technik. Wer solche Geräte für den deutschen Markt baut, muss sie jedenfalls von Gesetz wegen so konstruieren, dass Manipulationen ausgeschlossen sind. Bei Devolo geht das so weit, dass das Smart Meter irreversibel streikt, sobald sich eine unautorisierte Person am grasgrünen Gehäuse zu schaffen macht. Es zerstört sich quasi selbst, bevor jemand Schaden anrichten kann.

Die Beamten haben aber laut Koch nicht nur das Produkt im Visier, das auf Einhaltung der Spezifikationen überprüft wird, sondern auch das Personal: „Alle meine Mitarbeiter mussten Führungszeugnisse vorlegen. Sie haben spezielle elektronische Schlüssel für die Abteilung, andere Kollegen haben keinen Zutritt. In der Produktionsstätte ist es ähnlich, da dürfen nicht einmal irgendwelche Bauteile im Rohzustand herumliegen.“ Die strengen Vorgaben sind nicht die größten Hürden, vor denen Hersteller von Smart Metern stehen. Knifflig ist vor allem das Marketing. Devolo lebt bislang vom Endkunden – vor allem von Adaptern für den Internetzugang via Schuko-Steckdose (Powerline Communications) oder WLAN sowie Sensoren und Aktoren fürs Smart Home.

Stromzähler hingegen sind ein typisches Firmenkundengeschäft. Angeschafft werden sie meist vom sogenannten Messstellenbetreiber. Das ist die Firma, der das örtliche 230-Volt-Stromverteilnetz, also die sogenannte letzte Meile gehört, beispielsweise die Stadtwerke. Zwar dürfen sich die Kunden den Messstellenbetreiber offiziell selbst aussuchen, doch das Fremdgehen lohnt sich nicht, denn dann trägt der Endkunde die ganzen Kosten für den Stromzähler allein – und bleibt auf ihnen sitzen, falls der Hauseigentümer später für alle Wohnungen eine einheitliche Lösung anschafft. Wer beim Standard-Anbieter bleibt, zahlt je nach Stromverbrauch nur zwei bis acht Euro im Monat.

Während der Kunde sich beim Internetanschluss Gerät und Netzbetreiber aussuchen kann, hat er beim Smart Meter kaum Rechte. Er muss die Installation dulden. Haushalte, die im Jahr mehr als 6000 Kilowattstunden verbrauchen oder eine gewisse Menge an Solarstrom aus ihrer Dachanlage ins öffentliche Netz einspeisen, bekommen spätestens 2020 ein intelligentes Messsystem montiert. Bei allen anderen – rund 90 Prozent der Kunden – hängt es davon ab, ob sich die Sache für den Messstellenbetreiber rechnet. Wegen der gesetzlichen Preisdeckelung kommt dieser allein mit den Gebühren, die er auf die Verbraucher umlegen kann, nicht auf seine Kosten. Lukrativ wird es nur, wenn er dank der Technik Kosten sparen oder weitere Geschäfte machen kann.

Beim Wettbewerb mit den sieben Konkurrenten, die das BSI aktuell für die Herstellung von Zählern nach der Smart-Meter-Gateway-Norm zertifiziert, bleibt Devolo und seinem Software-Entwicklungspartner, der Kiwigrid GmbH aus Dresden, daher nichts anderes übrig, als über Bande zu spielen. Ihre Produkte können mehr, als der Gesetzgeber verlangt. So lassen sich direkt auf der Hardware – also ohne zusätzliche Geräte – Apps installieren, dank denen der Stromkunde zum Beispiel seinen Energieverbrauch detailliert auswerten kann. Dazu werden die Zählerwerte in sehr kurzen Intervallen abgerufen und die Verbrauchskurve mit einer Datenbank abgeglichen. „So kann man dem Kunden sagen, ob sein Kühlschrank ein Stromfresser ist“, sagt Koch. Gute Software filtere einzelne Elektrogeräte so gut heraus, dass sich sogar ablesen ließe, von welchem Hersteller ein Gerät stamme.

Der Messstellenbetreiber fungiert als Vermittler zwischen Kunde und Versorger: Er gewährt dem Stromlieferanten oder einem anderen Unternehmen Zugriff auf die Infrastruktur, damit dieser seine digitalen Dienste auf einem BSI-konformen Sicherheitsniveau anbieten kann. Auf diese Weise kann er die Kosten decken, die er nicht auf den Verbraucher umlegen darf, und darüber hinaus Geld verdienen. Deshalb hofft Koch darauf, dass das Beispiel des Oldenburger Regionalversorgers EWE Schule mache, der plane, flächendeckend die Zähler auszutauschen.

Eigene Apps entwickeln die Aachener nicht, sie konstruieren nur die Plattform – und die ist neutral und offen für alle Anbieter. Vielversprechend ist die Nachfragesteuerung, neudeutsch Demand Response Management (DRM). Dabei handelt es sich um das moderne Gegenstück zum Siebzigerjahre-Klassiker Nachtstrom-Speicherheizung. Mit der konnten RWE & Co. die überschüssige Energie aus ihren rund um die Uhr laufenden Grundlast-Kraftwerken zu Geld machen. Der Zähler für die Heizung war simpel: Er schaltete sich spätabends an und morgens aus.

Heute ist wegen des Atomausstiegs und des Ausbaus von Fotovoltaik Strom nachts hierzulande eher knapp. Das könnte zu einem Problem werden, wenn in ein paar Jahren der Marktanteil der Elektroautos eine kritische Masse erreicht und nach Feierabend alle Besitzer gleichzeitig ihren Wagen aufladen wollen. Lastspitzen könnten sogar das Niederspannungsnetz an seine Grenzen bringen. „Mit DRM ließe sich das so steuern, dass man nicht das Netz ausbauen muss, weil sonst die Drähte glühen“, sagt Michael Koch. Der Stromversorger würde dann die Regie übernehmen und per Software regeln, welche Autos wann an der Reihe sind. Über die App könnte jeder Fahrer die Uhrzeit einstellen, zu der er volle Akkus braucht. Je mehr Flexibilität er dem Versorger gewährt, desto günstiger wäre sein Tarif.


Streikt, wenn man versucht, ihn zu manipulieren: der Zähler

Ein smartes Netz für ein smartes Zuhause

Devolo hat noch einen anderen Trumpf auf der Hand. Das Unternehmen ist Marktführer bei der Datenübertragung über Stromkabel. Diese Powerline-Technik bietet sich überall da an, wo der Zählerkasten im Keller hängt, denn dort sind Funksignale schwach, und für einen Ethernet-Anschluss müsste der Elektriker erst Kabel einziehen. Wenn das Smart Meter aber nun schon per Breitband-Powerline mit dem Verteilerkasten der E-Werke verbunden ist, können so auch andere schützenswerte Informationen mit übertragen werden – zum Beispiel Kontodaten, die dann nicht mehr vom normalen, schlecht gesicherten Internetanschluss abgerufen werden müssten. Eine Verschlüsselung wäre gewährleistet; Koch schwärmt von der „absolut sicheren“ Datenübertragung. Der übliche DSL-Anschluss sei dagegen „sicherheitstechnisch Steinzeit“.

Noch ist das Zukunftsmusik, denn noch kein Messstellenbetreiber hat in großem Stil begonnen, intelligente Zähler zu installieren. Doch Heiko Harbers, der Inhaber von Devolo, verspricht sich einiges von der Kombination aus Smart Grid und Smart Home. Obwohl sein Unternehmen im Jahr 2016 eine Umsatzdelle hinnehmen musste, investierte er in eine neue Firmenzentrale in der Aachener Peripherie, die auf Zuwachs geplant ist. Die Belegschaft von rund 300 Mitarbeitern besteht zu mehr als 40 Prozent aus Forschern und Entwicklern. Und Smart Grid ist weltweit ein Thema.

Ist Datenschutz auch ein Exportschlager? Michael Koch antwortet mit einem „Ja, aber“: „Deutschland ist mit dem abgesicherten Smart-Meter-Gateway einzigartig. In anderen Ländern ist das nicht Gesetz.“ Dort seien die Energieversorger noch nicht überzeugt, dass sie fürs Zählerauslesen so viel Aufwand treiben müssen. Allerdings wachse in einer Welt mit zunehmend dezentraler Ökostrom-Einspeisung die Bedeutung unmanipulierter Daten. Und das Interesse, Blackouts zu vermeiden. ---