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Steuersenkungen in Kansas

Damenwahl

Der US-Bundesstaat Kansas wollte seine Wirtschaft mit drastischen Steuersenkungen in Schwung bringen. Stattdessen zerstörte er die öffentliche Infrastruktur und trieb Tausende von empörten Frauen auf die Barrikaden.




Konferenzraum im Verwaltungsgebäude des Schulbezirks von Kansas City

• Wenn in einigen Jahren die Geschichte des Widerstands gegen ultraliberale Wirtschaftspolitik geschrieben wird, kann es gut sein, dass die Autoren bei Judith Deedy klingeln werden, um sich die Revolte von Kansas einmal im Detail erzählen zu lassen.

Sie wohnt in einem wohlhabenden Stadtteil von Kansas City in einem gelben Holzhaus mit weißem Balkon und Doppelgarage. Ihr Mann ist Kardiologe und fährt eine deutsche Limousine. Auf dem Rasen wirbt ein Schild für das Schwimmteam ihrer Kinder. Eine auf den ersten Blick heile Mittelklassewelt im Herzen Amerikas.

Doch hinter den weißen Fensterläden braute sich so viel Frust und Ärger über das Versagen der öffentlichen Hand zusammen, dass Deedy von der besorgten Mutter zur politischen Aktivistin wurde. Sie initiierte eine Protestbewegung, der sich Zehntausende anschlossen. Mit einem Laptop am Küchentresen schaffte sie es, genügend republikanische Abgeordnete abwählen zu lassen, um das Steuerexperiment von Kansas im Sommer 2017 zu kippen – gegen das Veto des Gouverneurs.

Deedy ist 47 und Mutter von drei Kindern im Alter von 13 bis 16 Jahren. In ihrem früheren Leben war sie Juristin in einer großen Kanzlei, beschäftigte sich mit Umwelt- und Gesundheitsrecht. Politische Ambitionen hatte sie nie, erinnert sie sich bei einem Gespräch in ihrem mit Porzellanfigürchen und Plastikblumen dekorierten Wohnzimmer. „Ich kann Kalkulationstabellen und Gesetzesvorlagen lesen – das hatte ich den anderen Familien im Elternbeirat voraus. Und ich sah wohl früher als andere, dass im Winter 2012 eine Katastrophe auf uns zurollte.“

Was Deedy als Katastrophe bezeichnet, hatten republikanische Politiker in Topeka, der Hauptstadt des Bundesstaats Kansas, als das Gegenteil präsentiert. Sie beriefen sich dabei auf die sogenannte Supply-Side-Theorie, nach der ökonomisches Wachstum am wirkungsvollsten durch Steuersenkung und Deregulierung erreicht wird. Die Welt sollte sehen, wie sehr die Wirtschaft in Schwung kommt, wenn man die Steuern für Bürger und Unternehmen drastisch senkt – und das freigesetzte Vermögen neue Investitionen und Arbeitsplätze schafft.

Doch die Rechnung ging nicht auf. Ein wachsendes Defizit führte zu drastischem Sozialabbau und Vernachlässigung der Infrastruktur. Dass das Steuerexperiment wieder rückgängig gemacht wurde, ist entrüsteten Bürgerinnen wie Deedy zu verdanken, die in diesem Drama in vier Kapiteln eine entscheidende Rolle spielen.

Protest am Küchentresen: Judith Deedy mit ihrer 13-jährigen Tochter Anne. Bei ihrem Kampf gegen das Steuersenkungsprogramm der Regierung half der Mutter ihr früheres Leben als Juristin in einer Kanzlei

1. Der Wahnsinn

Einkommensteuereinnahmen in Kansas, Haushaltsjahr 2013 2,9 Milliarden US-Dollar
Einkommensteuereinnahmen in Kansas, Haushaltsjahr 2014 2,2 Milliarden US-Dollar

„Unsere neue wachstumsfreundliche Steuerpolitik wird wie ein Schuss Adrenalin mitten ins Herz der Wirtschaft von Kansas wirken. Sie wird den Weg für Zehntausende neue Arbeitsplätze ebnen.“ So kündigte Gouverneur Sam Brownback im Sommer 2012 die umfassende Steuerreform als „echtes Live-Experiment“ an und versprach mindestens 25 000 neue Jobs.

Kansas war nie ein Motor der amerikanischen Wirtschaft gewesen. Europäische Siedler hatten die Prärielandschaft im Mittleren Westen erst Anfang des 19. Jahrhunderts den einheimischen Indianerstämmen abgenommen und in Agrarfläche verwandelt. Heute leben auf 213 000 Quadratkilometern, was rund 60 Prozent der Fläche der Bundesrepublik entspricht, nicht einmal drei Millionen Menschen.

Besonders der dünn besiedelte Westen leidet unter Landflucht, es gibt Hunderte von Geisterstädten. Neben dem – staatlich subventionierten – Getreideanbau und der Förderung von Öl und Gas ist die Flugzeugfertigung von Firmen wie Cessna und Learjet in Wichita eines der wenigen ökonomischen Glanzlichter. Ein ausgeprägter Hightech- oder Dienstleistungssektor fehlt. Bei der Wirtschaftsleistung schneidet Kansas im Vergleich zu anderen Bundesstaaten deshalb schwach ab und wurde von der Rezession 2008 entsprechend mitgenommen.

Die Brownback-Reformen sollten den Trend umkehren. Sie reduzierten die drei Einkommensteuerklassen in Kansas auf zwei, mit niedrigeren Sätzen als zuvor. Außerdem mussten Personengesellschaften – also Unternehmen, die bisher mit dem Einkommensteuersatz ihrer Eigentümer veranlagt wurden – nun gar keine Steuern mehr zahlen.

Der Fachbegriff dafür lautet Pass-Through Income, das sind durchlaufende Einnahmen, die beim Unternehmen nur vorübergehend verbucht und dann fiskalisch einer Person zugeordnet werden. Wer in Kansas also zur Mini-Firma umfirmierte und fortan statt Gehalt nur noch Beraterhonorar abrechnete, zahlte keinen Cent an den Staat (von Bundessteuern einmal abgesehen, für die man in den USA eine separate Steuererklärung abgibt). Das sollte Vermögende dazu bringen, mehr Firmen zu gründen, mehr zu investieren, mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

Die Rechtfertigung für diese sogenannte Trickle-down-Theorie stammt von dem Ökonomen Arthur Laffer, der mit einer nach ihm benannten Kurve schon die Regierungen von Gerald Ford und Ronald Reagan für sich gewonnen hatte. Danach gibt es irgendwo zwischen 0 und 100 Prozent Steuersatz ein Optimum, um die Regierungseinnahmen zu maximieren. Überschreiten die Steuern diesen Punkt, schadet der Staat der Volkswirtschaft, argumentiert Laffer.

Seine Kurve hatte er 1974 auf eine Cocktailserviette gekritzelt, als Präsident Ford nach Wegen suchte, die Wirtschaft aus der Krise zu führen. Laffer legte damit den Grundstein für die bis heute bei den Republikanern dominierende Überzeugung, dass Steuersenkungen stets das beste Konjunkturprogramm seien. Eine wohl später angefertigte Kopie der Serviette hängt heute im National Museum of American History in Washington.

An welchem Punkt der Kurve sich ein Land befindet und ob es von Steuersenkungen profitieren kann, ist bis heute Thema intensiver Debatten. Namhafte US-Ökonomen haben errechnet, dass dieser Schwellenwert in den USA oberhalb der 70 Prozent liegt und längst nicht erreicht ist. Wer also ohne Not Steuern senkt, richtet womöglich unnötigen Schaden an.

Haushaltsexperten warnten Gouverneur Brownback deshalb von Anfang an – nicht zuletzt, weil Einkommensteuern fast die Hälfte der Steuereinnahmen des Staates ausmachten. Einer von ihnen ist Ken Kriz, Wirtschaftswissenschaftler an der Wichita State University, zwei Autostunden südwestlich von Topeka. Als die Reformen im Januar 2013 in Kraft traten, war er gerade dabei, mit seiner Frau, ebenfalls Ökonomin, die Steuerpolitik und Budgets aller 50 Bundesstaaten über einen 40-Jahres-Zeitraum zu untersuchen.

Sein Fazit: „Steuersenkungen haben, wenn überhaupt, einen sehr kleinen Konjunktureffekt, der nach spätestens zwei Jahren verpufft ist. Wenn ich also an der Steuerschraube drehe, dann liefere ich mir einen verzweifelten Wettlauf mit der Zeit, um ein bisschen Wachstum zu schaffen, bevor meine Einnahmen abstürzen und radikale Einschnitte nötig sind.“

Tatsächlich rutschte Kansas nach Brownbacks Reformen in die roten Zahlen. Schon im ersten Jahr sanken die Einnahmen aus der Einkommensteuer um mehr als 20 Prozent, dem Staat fehlten rund 700 Millionen Dollar. Der Trend setzte sich fort, daraufhin wurde in neun Runden das Budget fast aller öffentlichen Einrichtungen gekürzt.

„Eine Firma hätte Konkurs anmelden müssen“, sagt Kriz, „aber eine Regierung kann immer irgendwie streichen, tricksen und Gelder zwischen Haushaltsposten verschieben. So wie sich ein unvernünftiger Privatmann eine neue Kreditkarte holt, um die Zinsen und Tilgung seiner anderen zwölf Karten, die er schon ausgereizt hat, ein bisschen aufzuschieben.“

Auch das Gründerfieber stellte sich nicht ein. Innerhalb von drei Jahren wuchs die Zahl der Bürger, die ihr Gehalt als durchlaufende Einnahmen deklarierten und so keine Steuern zahlten, um ein Fünftel auf 393 000. Der Wirtschaftswissenschaftler Jason DeBacker von der Universität von South Carolina schaute sich mit drei Kollegen die Steuererklärungen von 2010 bis 2014 genauer an und stellte fest, dass fast alle vermeintlichen neuen Firmen nur einem Zweck dienten.

„Das Verhalten war überwiegend durch Steuervermeidung motiviert, nicht durch echte wirtschaftliche Aktivität“, sagt DeBacker. Die neuen Firmen waren meist buchhalterische Ein-Mann-Unternehmen ohne Personal, vom Trainer des Hochschulsportteams bis zum Landwirt oder normalen Angestellten, der fortan Rechnungen als Berater stellte.

Eine noch umfassendere Studie, die Ende 2017 erschien, kommt zum selben Ergebnis. Darin hat die Ökonomin Jessica McCloskey von der Universität Kansas die Wirtschaftsleistung pro Kopf, Beschäftigungszahlen und Firmenbestand mit den Nachbarstaaten verglichen. Demnach hatten die Steuerreformen „wenig bis gar keinen Einfluss“ auf die Wirtschaftsleistung von Kansas und vernichteten sogar Jahr für Jahr knapp 30 000 Arbeitsplätze – unter anderem, weil Bürger aufgrund der anhaltenden Misere und Planungsunsicherheit abwanderten. Sehr zur Freude der Anrainer: Missouri mietete Plakate entlang der Hauptautobahn in Kansas, um Lehrer abzuwerben.

2. Der Widerstand

Einkommensteuereinnahmen in Kansas, Haushaltsjahr 2015 2,3 Milliarden US-Dollar
Hoffnung trotz Notstand: Annie McKay, Leiterin der Organisation „Kansas Action for Children“, kennt alle Mängel, aber auch die Solidarität engagierter Bürger

Lange ließen sich die Bürger des Bundesstaates das Experiment nicht gefallen. „Wir hatten gerade die Rezession von 2008 hinter uns und wurden auf einmal zum Labor umfunktioniert, um eine extremistische Wirtschaftspolitik zu testen. Die Antwort auf weniger Einnahmen lautete immer, noch mehr öffentliche Dienstleistungen zu streichen. Darunter haben viele Menschen gelitten. Und tun es bis heute“, sagt Annie McKay.

Sie leitet die Organisation „Kansas Action for Children“, die sich seit 40 Jahren für die Bildung und Gesundheitsversorgung von Kindern und Jugendlichen einsetzt. Sie kann sich beim Thema Sozialabbau sichtlich in Rage reden und aus einer langen Mängelliste zitieren.

Schulen in Kansas stellten aus Geldnot auf eine Vier-Tage-Woche um, Universitäten erhöhten die Studiengebühren. Für die Aufrechterhaltung der Vorschule, die in den USA Kindergarten heißt, mussten bei den Eltern Spenden gesammelt werden. Nachmittags- und Sommerprogramme, mit denen man vor allem Kindern aus armen Familien half, wurden eingestellt, Betreuer für fremdsprachige oder verhaltensauffällige Kinder gestrichen.

Um den Mangel zu verwalten, zweigte die Regierung obendrein Milliarden aus dem Verkehrs- und Infrastrukturfonds ab und verschob Bauvorhaben und Reparaturen vom üblichen Zehn-Jahres- auf einen 50-Jahres-Turnus – für den dünn besiedelten Agrarstaat mit gewaltigen Ackerflächen im Westen ein ernstes Problem. Denn Kansas verfügt über ein Straßennetz von rund 250 000 Kilometern, das zu etwa 80 Prozent von den Kommunen erhalten werden muss. Für den Rest ist der Staat zuständig, aber der konnte nicht mehr. Einzelne Fahrbahnen und Brücken sind deswegen so marode, dass Bauern bis zu 60 Kilometer lange Umwege in Kauf nehmen müssen.

Aber dann spricht McKay von ihren „genügsamen und erfinderischen Landsleuten, die ihren Nachbarn helfen“. Und ihre Augen beginnen kampfeslustig zu funkeln. Der Notstand an allen Ecken und Enden machte Frauen wie Judith Deedy zu ihren Verbündeten.

Womit wir wieder bei den Kalkulationstabellen auf dem Laptop in der Küche wären. „Andere Eltern sagten mir, dass wir einfach mehr Spenden einwerben müssen, um die Löcher zu stopfen“, erinnert sich Deedy. „Ich konnte sofort sehen, dass die Rechnung nicht aufgehen würde. Die Lehrer hatten jedoch Angst, sich zu Wort zu melden.“

Also richtete Deedy eine Elterngruppe auf Facebook namens „Game On“ ein. „Da war ein Riesenspiel mit verheerenden Folgen im Gange, doch als direkt Betroffene hatten wir nicht einmal ein Team aufgestellt. Das musste sich ändern.“ Sobald die republikanische Partei mithilfe der libertär-konservativen Milliardäre Charles und David Koch und deren Frontorganisation „Americans for Prosperity“ gegen ihre Elternlobby zu schießen begann, erhielt Deedy richtig Zulauf.

Zu den zehn besorgten Gründern gesellten sich rasch mehr als 15 000 Facebook-Unterstützer. Deedy organisierte drei Protestmärsche von Kansas City zum Regierungssitz in Topeka – samt entsprechendem Medienecho. Sie entdeckte Schritt für Schritt die Macht der sozialen Medien, um dem wachsenden Unwillen an der Basis Gehör zu verschaffen.

Jedes Mal, wenn Abgeordnete in der Hauptstadt für weitere Haushaltskürzungen auf Kosten von Kindern, Armen oder Senioren stimmten, veröffentlichte „Game On“ deren Namen online. Für die örtlichen Parlamentswahlen 2016 ersann Deedy eine Art Sporthitparade, bei der Gesetzgeber wie Star-Athleten als „Spitzensportler“ oder „akademische Nieten“ eingestuft wurden. „Diese Empfehlungen ließen sich meine Bekannten aufs Smartphone schicken, als sie auf dem Weg zu den Vorwahlen waren“, berichtet Deedy, immer noch erstaunt über ihren Erfolg.

„Game On“ tat sich mit Organisationen wie McKays Kinderlobby und der Lehrergewerkschaft zu einer Initiative namens „Rise Up Kansas“ zusammen. Als Deedy im August 2016 ihre Tochter Kathleen und die Zwillinge Evan und Anne zu einem Schwimmwettkampf in den benachbarten Bundesstaat Indiana fuhr, kamen auf ihrem Smartphone unzählige Nachrichten an. Sie konnte es kaum glauben: Die Protestbewegung hatte es geschafft, in den Vorwahlen 14 radikale Republikaner durch gemäßigte Kandidaten zu ersetzen, die keine weiteren Kürzungen am Bildungsetat mehr hinnehmen wollten. Das war die Grundlage, um bei den eigentlichen Wahlen im November die Wende einzuleiten.

Die von den Kürzungen geplagten Lehrer sind Deedy bis heute dankbar. „Als Erzieher tut man sein Möglichstes, um den Betrieb am Laufen zu halten, auch wenn einem das Wasser bis zum Hals steht“, sagt Martin Stessman. Er leitet den Schulbezirk Shawnee Heights östlich von Topeka, mit rund 3500 Kindern und Jugendlichen. Stessman hat seit 2012 gelernt, weder gegenüber Eltern noch Schülern zu zeigen, wie knapp das Bildungswesen vor der Pleite stand. „Vielleicht wären die Bürger schneller auf die Barrikaden gegangen, wenn wir mehr Alarm geschlagen hätten“, sagt der Pädagoge. „Aber wir haben die Verpflichtung, Ruhe zu bewahren und Kinder auszubilden. Wir haben ein Jahrzehnt auf der Stelle getreten und sehen jetzt, wie die Testergebnisse im landesweiten Vergleich abgesackt sind.“ Die Eltern in seinem Distrikt schlossen sich immerhin nicht nur Deedys Kampagne an, sondern spendeten Geld, um Sportunterricht und Klassenfahrten weiterhin zu ermöglichen.

Verantwortlich für 3500 Kinder und Jugendliche: Martin Stessman, Leiter des Schulbezirks Shawnee Heights, in der Lobby der Shawnee Heights High School.
Jim Ward in seinem Büro. Er ist Fraktionsführer der Demokratischen Partei und kandidiert in diesem Jahr für das Amt des Gouverneurs

3. Die Wende

Einkommensteuereinnahmen in Kansas, Haushaltsjahr 2016 2,2 Milliarden US-Dollar
Einkommensteuereinnahmen in Kansas, Haushaltsjahr 2017 2,3 Milliarden US-Dollar

Die Wahlen 2016 änderten die Mehrheitsverhältnisse. Doch der Tiefpunkt des Steuerexperiments war noch keineswegs erreicht. Zwei staatliche Krankenhäuser wurden wegen unhaltbarer Zustände geschlossen. In einem Gefängnis brach ein Aufstand aus, nachdem die Wärter aus Kostengründen durch billigere, weniger erfahrene Kräfte ersetzt worden waren.

Die Kürzungen beim Schulunterricht waren das eine. Andere traf es härter. Arme Familien hatten nur noch erschwerten oder gar keinen Zugang zur subventionierten Gesundheitsversorgung, da Kansas trotz der Krisensituation Bundesmittel in Milliardenhöhe für eine Ausweitung der Krankenversicherung abgelehnt hatte. Als Folge landeten mehr Kinder in der Fürsorge. Die wurde allerdings weitgehend privatisiert, die Plätze wurden reduziert, sodass Kinder teilweise in den Büros der Sozialarbeiter übernachten mussten oder einfach verschwanden.

Im vergangenen Jahr habe von rund 75 Kindern, die eigentlich in der Obhut des Staates sein müssten, jede Spur gefehlt, berichtet der demokratische Fraktionschef Jim Ward, der dieses Jahr für das Amt des Gouverneurs kandidiert. „Jedes zehnte Mündel ist nicht mehr auffindbar. Wie kann so etwas sein? Das spricht Bände über den Zustand unseres Gemeinwesens“, sagt Ward bei einem Gespräch im Kapitol von Topeka.

Dessen sorgfältig restaurierte Holzvertäfelung und goldene Rotunde stehen in scharfem Kontrast zur sonst baufälligen und menschenleeren Innenstadt. „Fast alle in diesem hohen Haus wollen dieses Kapitel hinter sich lassen“, sagt Ward, „von ein paar unverbesserlichen Hardlinern einmal abgesehen.“

Anfang Juni 2017 hatten sich genügend Kritiker von Brownbacks Experiment versammelt, um gegen das Veto des Gouverneurs fast alle Teile der Steuerreform rückgängig zu machen. Eine der Aufständischen, die gegen die eigene Parteilinie stimmte, war die Republikanerin Dinah Sykes.

Die 40-Jährige wurde als eine Aktivistin von Deedys Revolte in den Senat gewählt – auch sie eine Mutter aus dem wohlhabenden Speckgürtel von Kansas City, die sich noch nie zuvor politisch engagiert hatte. „Ich war von Tennessee nach Kansas gezogen, weil ich die gute Lebensqualität schätze, um hier meine Kinder großzuziehen. Mir wurde am eigenen Leib klar, dass wir das Bildungswesen schützen müssen, da es die beste Investition in unsere Zukunft ist.“

Im Oktober 2017 schrieb Sykes auf Einladung der »Washington Post« einen Gastkommentar. Rechtzeitig vor dem Votum für Donald Trumps landesweite Steuerreform warnte sie Washington, „nicht denselben Fehler zu machen wie wir in Kansas“. Die Regierung habe sich den Wachstumsboom mit falschen Prognosen schöngerechnet und sei jetzt „nicht in der Lage, unsere Bürger mit den Grundleistungen einer Regierung zu versorgen“. Der Artikel erregte große Aufmerksamkeit, Trumps Plan schlüpfte dennoch kurz vor Weihnachten durch den Kongress.

Mit dem erfolgreichen Aufstand ist Kansas allerdings noch lange nicht aus dem Gröbsten heraus. Die Erhöhung der Einkommensteuer und die Abschaffung der Steuerbefreiung für Personengesellschaften soll in den kommenden zwei Jahren rund 1,2 Milliarden Dollar dringend benötigter Einnahmen generieren. Damit könnten ein paar hundert Meilen der kaputten Straßen repariert oder die Wartezeiten für die Aufnahme in die Seniorenkrankenversicherung namens Medicaid von gegenwärtig einem Jahr auf die gesetzlich vorgeschriebenen 45 Tage gesenkt werden. Mehr Kinder im Alter von drei bis vier Jahren würden vielleicht einen Hortplatz bekommen, was gegenwärtig nur für eines von zehn Kindern in Kansas der Fall ist. Eventuell ließe sich auch ein Weg finden, um die Rentenversicherung für Staatsdiener zu retten, aus deren Kasse sich die Regierung ebenfalls bediente – und in der jetzt rund 85 Millionen Dollar fehlen.

Warnung an Washington: Die Republikanerin Dinah Sykes findet Trumps Steuerpolitik falsch

4. Der Wiederaufbau

Einkommensteuereinnahmen in Kansas, Haushaltsjahr 2018 (geschätzt) 2,9 Milliarden US-Dollar
Anpacken statt zu klagen: Cynthia Lane, Superintendentin des Schulbezirks Kansas City, sieht im gescheiterten Experiment auch Chancen

„Wir haben Steuersenkungen als Entschuldigung benutzt, um unser gesamtes soziales Netz systematisch zu zerstören. Die Schäden an der Infrastruktur zu beheben wird Jahre dauern“, sagt die demokratische Senatorin Laura Kelly. „Selbst wenn wir das Defizit in den Griff bekommen, heißt das noch lange nicht, dass wir für die Bürger wiedergutmachen können, was sie seit 2013 erlitten haben.“

Wie schwer und langwierig der Wiederaufbau sein wird, lässt sich im Schulbezirk von Kansas City besichtigen. Rund 80 Prozent der 22 000 Schüler in diesem Einzugsbereich stammen aus so armen Familien, dass sie Anrecht auf ein kostenloses Mittagessen haben. Viele frühstücken auch auf Schulkosten im Klassenzimmer, da sie sonst hungrig in den Unterricht gehen würden. Knapp die Hälfte aller Schüler kommt aus einem nicht englischsprachigen Haushalt und bedarf der sozialen wie sprachlichen Betreuung. Anders als in wohlhabenden Bezirken können Eltern hier nicht mit Geldspenden für Klassenfahrten, Sportunterricht oder Büchern in die Bresche springen.

Bezirksleiterin Cynthia Lane, auch sie eine laute Stimme in der Frauenrevolte von Kansas, ist dennoch optimistisch. „Ich versuche, nicht darüber zu klagen, was wir in den vergangenen paar Jahren alles verloren haben oder streichen mussten“, sagt die Verwaltungschefin. „Ich konzentriere mich auf das, was wir unseren Kindern bisher nie anbieten konnten und jetzt anpacken müssen. Vor allem die Chance, sie so früh wie möglich darauf vorzubereiten, ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu werden. Dann kann das gescheiterte Experiment ungewollt zu einer besseren Zukunft führen.“

Als Beispiel verweist sie auf ihren Versuch, auch in den armen High Schools ihres Bezirks Perspektiven aufzuzeigen. Etwa dass es sich lohnt, die Schule bis zur zwölften Klasse zu besuchen. Oder warum und wie man Bewerbungen schreibt, ein Praktikum findet oder sogar eine Geschäftsidee entwickelt. „Für solche Freiräume, sich entfalten zu können, müssen wir jetzt kämpfen, weil zum ersten Mal seit Jahren wieder vorsichtige Aufbruchstimmung herrscht“, sagt Lane. Mit der finanziellen Unterstützung von mehreren Dutzend örtlichen Unternehmen hat ihr Team ein Programm namens Diploma+ entwickelt. Es soll Schülern ab der neunten Klasse dabei helfen, eine Berufsidee zu entwickeln – zum Beispiel, indem sie örtliche Firmen besuchen.

Wie der Kahlschlag an den Schulen dauerhaft behoben werden kann, ist indes unklar, denn Kansas fehlen mehrere Hundert Millionen Dollar im Jahr. Die Reformen haben ein Problem verschlimmert, das es schon lange gibt. Schulbezirke, Lehrer und Eltern klagen seit Anfang der Neunzigerjahre gegen die mangelnde Finanzierung des Bildungswesens.

Der oberste Gerichtshof von Kansas erklärte im vergangenen Oktober, dass die staatliche Bezuschussung der Schulbezirke ungerecht und deswegen verfassungswidrig sei. Bis zu den Sommerferien müssen Gesetzgeber und Richter eine Lösung finden. Aufgrund der durch die Reform verursachten Etatkürzungen hat der Staat heute rund 1500 unbesetzte Lehrerstellen, denn in Kansas wollen viele Pädagogen schlichtweg nicht mehr arbeiten.

Für Judith Deedy ist die Arbeit deshalb noch lange nicht vorbei. „Wir haben die erste Runde gewonnen. Jetzt müssen wir das Engagement der Eltern aufrechterhalten, um sie daran zu beteiligen, unser Gemeinwesen zu reparieren.“

Die Verantwortlichen des gescheiterten Experiments haben sich neuen Aufgaben zugewandt. Sam Brownback hat seinen Gouverneurssessel Anfang dieses Jahres geräumt und ist gerade von Präsident Trump zum „Botschafter für internationale Religionsfreiheit“ ernannt worden.

Arthur Laffer, der für seine dreitägige Beratertätigkeit in Kansas 75 000 Dollar kassierte, durfte bei der Planung der landesweiten Steuerreform mitwirken und hat Donald Trumps Vorhaben als „großartig“ gelobt. Eines der wichtigsten Wahlgeschenke besteht darin, nicht nur für Unternehmen den Steuersatz auf 21 Prozent zu senken, sondern auch Abgaben auf „durchlaufende Einnahmen“ bei pauschal 20 Prozent zu deckeln, anstatt den individuellen Spitzensteuersatz von 35 Prozent anzuwenden.

Lernen in Zeiten des Kahlschlags: Schüler der Wyandotte High School in Kansas City

Das dürfte in Washington noch größere Haushaltslöcher reißen, denn im Jahr 2012 wurden mehr als die Hälfte aller Unternehmenserlöse in den USA als durchlaufende Einnahmen von Privatpersonen deklariert. Budget-Experten des Kongresses und andere Fachleute erwarten deshalb, dass das nationale Defizit im nächsten Jahrzehnt um rund eine Billion Dollar anwachsen wird.

Für die Kinderaktivistin Annie McKay in Topeka sind das düstere und gute Aussichten zugleich. „Kansas ist das perfekte Anschauungsobjekt, was bei den Supply-Side-Experimenten nicht stimmt. Und es zeigt Wege auf, wie man den Unmut der Bevölkerung erfolgreich bündeln kann, um sie zu stoppen.“ ---