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Service in Ägypten

In Ägypten wird der Besucher auf Händen getragen – nur nicht von professionellen Dienstleistern. Ein Start-up aus den USA schafft glücklicherweise Abhilfe.





• Ich bin in den vergangenen Jahren oft nach Kairo gereist, zuletzt für mehrere Monate. Besucher werden dort nicht, wie andernorts, misstrauisch beäugt, sondern mit offenen Armen und Herzen empfangen: Kündige ich meine Anreise an, bietet eine ganze Reihe von Freunden und selbst flüchtigen Bekannten an, mich vom Flughafen abzuholen. In Kairo begleiten mich Freunde auf ermüdende Behördengänge, übersetzen für mich, fahren mich quer durch die Stadt, laden mich zum Essen ein und wehren jede angebotene Gegenleistung empört ab: „Du bist doch Gast!“

Kurioserweise hört der gute Service oft genau dann auf, wenn man dafür zahlen muss. Zumindest außerhalb von Sterne-Restaurants sind Kellner zwar meist ausgesucht freundlich, verwechseln oder vergessen aber regelmäßig die Bestellung. Speisekarten haben keinen verbindlichen Charakter: Nicht selten ist die Hälfte der aufgeführten Gerichte nicht verfügbar. Ruft man einen Handwerker, etwa um die Waschmaschine zu reparieren, kommt er vielleicht heute, vielleicht morgen, raucht, ascht auf den Badezimmerboden, fragt am Ende strahlend nach Trinkgeld – und lässt die Maschine nicht selten kaputt (oder auch mit neuer Macke) zurück.

Einen besonders schlechten Ruf genießen, vollkommen berechtigt, Kairos Taxifahrer: Sie fahren klapprige Wagen ohne Sicherheitsgurte, ignorieren das Taxameter und denken sich Mondpreise aus. Dazu sind sie meist mürrisch und rauchen Kette. Leider gab es lange Zeit kaum Alternativen: Öffentliche Verkehrsmittel sind rar, chronisch überfüllt und berüchtigt, weil Frauen dort belästigt werden.

Umso größer war meine Erleichterung, als vor einigen Jahren Uber und das in Dubai beheimatete Taxiunternehmen Careem in Ägypten den Betrieb aufnahmen, zwei Firmen, die nach ähnlichem Prinzip funktionieren: Jeder kann sich dort mit seinem Privatwagen als Fahrer anmelden. Ruft ein Nutzer ein Taxi, ermittelt die App seinen Standort und informiert einen Fahrer in der Nähe. Der Preis wird von der App berechnet, gezahlt wird bar oder per Kreditkarte, und am Ende geben die Nutzer eine Bewertung ab.

In Europa hat Uber ein miserables Image, unter anderem weil es wegen der schwachen Regulierung als unsicher gilt. In Ländern wie Deutschland, in denen Taxifirmen einer ganzen Reihe von Richtlinien unterliegen, mag da was dran sein, in Ägypten aber gilt das Gegenteil: Uber und Careem sind sicherer und bequemer als die „weißen Taxis“, wie die herkömmlichen Wagen ihrer Farbe wegen genannt werden. Die Apps zeigen dem Nutzer an, wie ihr Fahrer heißt, wie viele Routen er absolviert hat und wie andere Nutzer ihn bewertet haben – was in einem Land wie Ägypten, in dem sexuelle Belästigung eine verbreitete Plage ist, gerade für Frauen eine große Erleichterung ist. Ich kenne Ägypterinnen, die sich fast ausschließlich mit Uber und Careem fortbewegen.

Deren Fahrer haben meist modernere, gepflegtere Wagen als traditionelle Taxifahrer. Und weil sie auf die Bewertungen ihrer Kunden angewiesen sind, geben sich die meisten große Mühe: Sie erkundigen sich, welche Musik man hören möchte und ob die Klimaanlage stark genug bläst, bieten Bonbons, Kaugummi oder Taschentücher an und sind oft deutlich freundlicher als traditionelle Taxifahrer (manche verabschieden sich mit den Worten: „Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen, ich hoffe, du fährst mal wieder mit mir“, auch wenn die Bekanntschaft nicht über Begrüßungs- und Abschiedsformel hinausging). Besonders bemühte Fahrer steigen am Zielort aus, um zu überprüfen, ob sie die richtige Adresse erreicht haben, während ihr Kunde bequem im Auto sitzen bleibt. Und weil die App den Preis festlegt, spart man sich das mühsame Verhandeln, früher unvermeidlicher Auftakt jeder Taxifahrt in Kairo.

Kein Wunder, dass Uber und Careem für viele Ägypter zum bevorzugten Transportmittel geworden sind. Vier Millionen Ägypter haben Uber nach Firmenangaben im vergangenen Jahr genutzt. Und neben gutem Service bieten die Apps ein zweites, ähnlich rares Gut: Jobs. Jeder dritte Ägypter zwischen 15 und 24 Jahren ist arbeitslos. Die Wirtschaft leidet unter Korruption, einem aufgeblähten und ineffizienten öffentlichen Sektor, niedrigen Ausbildungsstandards und den politischen Turbulenzen der vergangenen Jahre. Der Tourismus, eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes, ist seit dem Aufstand von 2011 drastisch zurückgegangen, viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Manche von ihnen haben dank der Taxi-Apps eine neue Einnahmequelle gefunden: Mehr als ein Fünftel der gut 150 000 Uber-Fahrer in Ägypten hat zuvor in der Touristikbranche gearbeitet.

Für Fahrer wie Nutzer war es deshalb eine schlechte Nachricht, als ein ägyptisches Verwaltungsgericht im März beschloss, Uber und Careem müssten ihre Dienste in dem Land wegen mangelnder Regulierung einstellen – ausgerechnet in einem Land, in dem rote Ampeln als Dekoration und Sicherheitsgurte als überflüssiges Accessoire gelten. Wenige Wochen später jedoch kam die Entwarnung: Das Parlament beschloss ein Gesetz, das den rechtlichen Rahmen und saftige Gebühren etabliert, damit Uber und Careem weiterhin in Ägypten operieren dürfen.

Alles andere wäre auch zu schade. Nichts hat meinen Alltag in Kairo so sehr erleichtert wie die Taxi-Apps. Und in manchen raren Momenten treffen sich auf der Fahrt sogar guter Service und traditionelle Gastfreundschaft. Wie bei meinem jüngsten Aufenthalt: Ein Fahrer fragte mich, woher ich komme, wie mir das Land gefalle, der übliche Small Talk. Dann griff er nach seinem Handy, auf dem die Uber-App geöffnet war. „Hör zu, ich gebe jetzt ein, dass die Fahrt beendet ist“, sagte er. Ich protestierte: „Wir sind doch eben erst losgefahren!“ Er grinste. „Keine Sorge, ich fahre weiter, aber umsonst. Du bist mein Gast. Willkommen in Ägypten!“ ---

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