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Martina Mara im Interview

Roboter sind zu dumm, um eine Geschirrspülmaschine auszuräumen. Warum wir sie dennoch nicht unterschätzen sollten, erklärt die Roboterpsychologin Martina Mara.




brand eins: Frau Mara, man hat uns schon vor 70 Jahren autonom fliegende Taxis versprochen. Bekommen haben wir Haushaltsroboter, die mehr schlecht als recht staubsaugen oder Rasen mähen, aber keine Geschirrspülmaschine ausräumen können. Wir sind zutiefst enttäuscht!

Martina Mara: Oder Sie haben zu viel Science-Fiction gelesen. Die fliegenden Taxis könnten dank fortschreitender Drohnentechnik ja noch kommen. Die Konzepte sind vielversprechend, und ein autonomes Drohnentaxi lässt sich technisch leichter umsetzen als ein anderer Sci-Fi-Klassiker: der zweibeinige Helfer, der im Alltag putzt, kocht, bügelt, die Wäsche macht und sich dabei noch freundlich und geistreich mit uns unterhält.

Warum?

Weil ein Drohnenflug ein viel stärker standardisierter Ablauf ist als das Ein- oder Ausräumen eines Geschirrspülers. Das Flugtaxi würde von einem festen Start- zu einem Landeplatz durch einen regulierten Luftraum fliegen. Das ist weniger komplex als die Fahrt mit einem Robotertaxi durch die Stadt. Und das beherrschen autonom fahrende Autos schon viel besser als öffentlich wahrgenommen. Für das Einräumen einer Geschirrspülmaschine bräuchte ein Roboter eine extrem filigrane Motorik. Fast jede Tasse oder jeder Teller sieht anders aus, hat ein unterschiedliches Gewicht, eine andere Griffigkeit der Oberfläche oder Zerbrechlichkeit und steht irgendwo in der Küche rum. Der Roboter müsste also nicht nur geschickt und umsichtig sein, er müsste auch noch mit dem Chaos in unterschiedlichen Wohnungen zurechtkommen. Das ist heute technisch nicht möglich und schon gar nicht bezahlbar.

Und wenn wir alle nur noch eine bestimmte Sorte Geschirr aus einem bestimmten Material benutzten?

Dann täten sich Service-Roboter leichter, besonders wenn wir alles noch schön vorsortiert an einen bestimmten Platz stellten. Doch wäre das dann überhaupt noch eine Arbeitserleichterung? Und wollen wir so etwas überhaupt? Wollen wir unsere Lebensumfelder den alltagserleichternden Maschinen anpassen? Nehmen wir das Beispiel der Fensterputz-Roboter: Die funktionieren wunderbar, wenn sie auf großflächigen Scheiben hin- und herfahren. Meine wunderschönen Kassettenfenster hier im Altbau werden vermutlich nicht so schnell von Robotern geputzt werden. Trotzdem würde ich nur ungern auf sie verzichten.

Aber wenigstens eine anständige Pasta vom Robo-Koch wird es doch hoffentlich bald geben.

Ich fürchte, auch auf die werden wir noch lange warten müssen. Der Robo-Chefkoch ist ja eines der Lieblingsmotive in diesen Filmchen, die zurzeit auf Facebook, Instagram oder Twitter rumgereicht werden. Zwei über einer noblen Küchenzeile montierte Roboterarme bekommen über maschinelles Lernen von einem menschlichen Koch beigebracht, wie sie mit Präzision und Geschwindigkeit ein Menü zaubern, und nach dem Kochen räumen sie natürlich auch noch alles auf. Nur: Diese Roboter existieren nicht. Solche Filme sind meist gut gemachte Animationen. Oft werden sie von Robotik-Start-ups mit Kapitalbedarf ins Netz gestellt, um auf sich aufmerksam zu machen. Ich habe auch die Roboter von Boston Dynamics live noch nie so beeindruckend erlebt wie in den Youtube-Filmen. Das sind zwar keine Animationen, aber die Roboter können eben nur unter sehr kontrollierten Laborbedingungen eine Türklinke öffnen. In der Komplexität des Alltags würden sie hoffnungslos scheitern. Und als nachgerade grotesk empfinde ich die Auftritte der androiden Sophia von Hanson Robotics, die wie ein Rockstar um die Welt tourt, auf Bühnen von ihrem Wunsch nach Familie faselt und bei der die Hersteller so tun, als ob da eine menschengleiche Intelligenz aus der Maschine spricht.

Ist das nicht vor allem lustig?

Vielleicht ist das manchmal auch lustig oder faszinierend, aber sicher nicht nur. Bei vielen im Publikum kommt an: Aha, so leicht sind wir Menschen also zu ersetzen. Da befeuert man Ängste. Tatsächlich laufen im Hintergrund relativ einfache Sprachroutinen ab. Wer Sophia auf der Bühne eine Frage stellen möchte, muss sie Wochen vorher schriftlich einreichen. Mich ärgert diese Schaumschläger-Mentalität, denn sie führt zu einer völlig verzerrten Wahrnehmung, was Roboter heute oder in absehbarer Zeit können und was nicht.

Wie werden sie denn in naher Zukunft unseren Alltag verändern?

Ich unterscheide zwischen physischen und digitalen Assistenten. Schnelle Fortschritte sehen wir derzeit bei Diensten und Tätigkeiten, die von digitalen Assistenten ausgeführt werden. Die übernehmen für uns Terminplanung, Restaurantbuchung, die Suche nach einem passenden Flug oder Vermögensberatung. Dazu braucht es dann in der Regel keine besondere Hardware. Es genügt schon ein Smartphone oder Computer. Anfang Mai hat Google eindrucksvoll gezeigt, wie sein Assistent bei einem Friseur angerufen und mit einem Menschen am anderen Ende der Leitung einen Termin ausgemacht hat. Trotz vieler psychologischer und ethischer Fragen, die aufkommen, wenn sich Bots wie jener von Google am Telefon oder online als Menschen ausgeben, ist das wohl erst der Anfang.

Und wer wird uns bei physischen Tätigkeiten künftig entlasten?

Automatisierter Transport im weitesten Sinne wird viele Dienstleistungen sehr bald sehr stark verändern. Hier wird Robotik eher unterschätzt. Auch wenn ich in einem Vortrag 45 Minuten über Robo-Taxis gesprochen habe, kommen hinterher immer Leute zu mir und sagen: „Ach, das kommt doch eh nicht!“ Doch, es kommt – und zwar bald. Auch kleine Lieferroboter bewegen sich sicher über Gehwege. Mehrere Start-ups in den USA und Europa haben Robo-Butler für Hotels entwickelt, die den Burger mit dem Fahrstuhl aufs Zimmer bringen. In China gibt es ein Restaurant, in dem das Essen per Drohne an den Tisch kommt. Letzteres ist wohl eher ein Marketing-Gag, ein automatisches Wägelchen wäre wohl die bessere Lösung für heiße Suppen, aber offenkundig ist: Um Waren zu Menschen zu transportieren, wird man oft keine Menschen mehr brauchen. Im industriellen Bereich werden auch die Putzroboter immer besser. Auf großen Flächen von Kunststoffböden braucht es dann kein Personal mehr, das Maschinen durch die Gegend schiebt.

Gerade in Europa und Japan ist in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel Geld in die Entwicklung von Robotern geflossen, die Senioren helfen oder das Pflegepersonal entlasten sollen. Wie geht es auf diesem Gebiet voran?

Es gibt immer wieder Prototypen, die für öffentliches Aufsehen sorgen, sich aber dann nicht durchsetzen, weil in der Praxis klar wird: Der Nutzen ist noch nicht so groß, die Hürden sind höher als erwartet. Den Care-o-Bot vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung gibt es inzwischen in der vierten Generation, und trotzdem wird immer noch über „mögliche Anwendungsfelder“ gesprochen. Langfristig ist die Hoffnung aber sehr wohl, dass Roboter älteren Menschen mehr Autonomie ermöglichen und dass auch Pflegekräfte unterstützt werden. Dabei darf es aber nicht um das Ersetzen von sozial-kommunikativen Kompetenzen gehen, sondern vor allem um Hilfeleistungen bei mechanischen Tätigkeiten, beim Heben, Tragen, Dinge holen. Die Forschung zeigt uns, dass die Simulation von Emotionen durch Roboter heikel ist, manchmal sogar gruselig wirkt. Der humanoide Pflegeroboter, der einer Oma am Krankenbett scheinbar empathisch den Arm tätschelt, ist nicht zuletzt deswegen für mich ein absurdes Bild.

In immer mehr Elektronikmärkten sieht man niedliche Roboter, die Kunden den Weg zu einer Abteilung oder gleich die Produkte erklären. Das bringt heute in der Regel mehr Heiterkeit als Nutzen. Hat das eine Zukunft?

Heute haben diese Assistenzroboter vor allem Unterhaltungswert, und das wissen natürlich auch die Geschäfte, die sie einsetzen. Für sie ist das Marketing: der Roboter als Sinnbild unternehmerischer Zukunftsorientierung. Je besser die Software wird, mit der diese Systeme mit Kunden chatten, desto größer wird auch ihr potenzieller Nutzen. Eine spannende Frage dabei lautet: Wie soll man Optik und Verhalten solcher Roboter designen? Assistenzroboter wie Pepper, die man derzeit häufig sieht und die in der Regel gut ankommen, machen ja total auf Kindchenschema: nicht zu groß, knubbelige Formen, große runde Kulleraugen. Klar, solche starken Hinweisreize wirken, da können wir uns kaum dagegen wehren. Auch die empirische Forschung deutet darauf hin, dass ein bisschen Menschenähnlichkeit – nicht über das Level von Comicfiguren hinaus – von Nutzern recht gut akzeptiert wird. Wir werden uns aber Gedanken darüber machen müssen, ob dieses Spiel mit der Niedlichkeit auch immer adäquat ist. Es kann problematisch sein, wenn uns ein Roboter auf diese Weise Daten entlockt, die wir gar nicht preisgeben wollen. Und manchmal ist es sogar gefährlich. Es gab zum Beispiel in den USA mal ein Mähroboter-Modell, das so süß aussah, dass Kinder es immer streicheln wollten. Unten rotierten aber die Mähmesser.

In einem japanischen Hotel können die Gäste bei einem Dinosaurier und einer Androidin an der Rezeption einchecken …

Auch das ist gutes Marketing und spricht eine technikaffine Klientel wahrscheinlich an. Aber es funktioniert wohl doch nur so mäßig, dass man zusätzlich klassische Self-Check-in-Terminals aufgestellt hat. Die sehen gar nicht nach einem Roboterwesen aus der Zukunft aus, sondern nach Flughafenhalle.

Wie sähe denn aus Ihrer Sicht der ideale Service-Roboter für den Haushalt aus?

Unsere Studien zeigen, dass Roboter, die mehr als gut gestaltetes Werkzeug denn als Menschenersatz daherkommen, positiv aufgenommen werden. Autonome Staubsauger sind ein Beispiel dafür. Kürzlich haben wir die Frage nach dem idealen Assistenten aber auch in einer Fokusgruppe untersucht, und da kam heraus: Die Leute wünschten sich einen technischen Alleskönner im Gewand eines sympathischen Blechtrottels. Mit einer Einschränkung: Er sollte auf Zuruf im Schrank verschwinden. ---

Was sind Service-Roboter?

Sie übernehmen Tätigkeiten, die dem Wohlergehen von Menschen dienen. Oder sie nehmen Menschen die Arbeit außerhalb von Fabriken und Fertigungsprozessen ab oder erleichtern sie. So definiert der Internationale Roboterverband (IFR) den Begriff – in Abgrenzung zu Robotern in der industriellen Produktion. Roboter zur Reinigung von Swimmingpools sowie Rasenmäher gehörten zu den Ersten, die in Privathaushalten zum Einsatz kamen. Staubsaugroboter sind heute die populärsten maschinellen Dienstleister. Aber auch Pflege-, Transport- oder Spielzeugroboter zählen zu der Kategorie.

Martina Mara, 36, ist Professorin für Roboterpsychologie am Linz Institute of Technology der Johannes Kepler Universität Linz und Mitglied des Roboterrats der österreichischen Bundesregierung. Seit rund zehn Jahren forscht sie zu der Frage, wie diese Maschinen konstruiert sein müssen, damit sie Menschen bestmöglich unterstützen. Promoviert hat Mara über die Wirkung menschenähnlicher Roboter. Ihr Resümee: Je ähnlicher uns die Maschinen werden, desto weniger trauen wir ihnen über den Weg.

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