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Liebeserklärung an Criselda

Eine unerwartete Begegnung in einem Postamt in Johannesburg.





• Mein Postamt liegt in der hintersten Ecke eines trostlosen Einkaufszentrums aus den Siebzigerjahren im nicht minder trostlosen Johannesburger Stadtteil Brixton. Es hat weder Fenster noch einen Hauch von Charme. Stattdessen: ein Hinweisschild, das Essen und Telefonieren untersagt, eine niemals kürzer werdende Schlange von Wartenden sowie eine Trennwand aus dickem Glas, hinter der – wenn’s hochkommt – zwei von vier Schalterplätzen besetzt sind. Links ein Postler, der mit einem Finger seine Tastatur traktiert, rechts Criselda Nkosi, die mit freundlichen Augen und warmer Stimme „How can I help you?“ sagt. Es ist, als ob ein Sonnenstrahl in einen Bunker fiele.

Um die Einzigartigkeit dieser Frau würdigen zu können, muss man etwas über die Geschichte des hiesigen Postwesens wissen. Zu Apartheidzeiten diente der staatliche Monopolist chancenlosen Weißen als unerschöpfliches Job-Reservoir. Dunkelhäutige Südafrikaner waren von einer Anstellung beim Post- und Telefonkonzern grundsätzlich ausgeschlossen. Mit dem Unternehmen zu tun haben zu müssen galt auch damals schon als eine der härtesten Strafen. Die nur bedingt zurechnungsfähigen Postbeamten betrachteten sich als Repräsentanten einer Staatsmacht, vor der ein Kunde auf die Knie zu gehen hatte. Der Begriff Service war damals ungefähr so verpönt wie Kommunismus.

Mit dem Ende der Apartheid weichte das Staatsmonopol auf, außerdem änderte sich die Kommunikation. Wer schickt heute noch Liebesbriefe mit der Post oder beantragt ein Telefon, das an der Strippe hängt? Als die Postbeamten hier mehrere Monate lang streikten, bekamen das viele Südafrikaner gar nicht mit. Der arrogante Staatsmonopolist vollzog eine Transformation zum unwichtigen Dienstleistungsunternehmen. Von einst drei Postämtern in meiner Gegend blieb nur das scheußlichste in Brixton übrig. Und Criselda Nkosi.

Wir trafen uns das erste Mal, als ich auf der Suche nach einem Einschreiben von meiner Bank aus Deutschland war, das seit Monaten schon verschollen war. Nur durch ihre hartnäckigen Nachforschungen tauchte die Sendung schließlich wieder auf. Später stand sie mir bei der Klärung eines Streitfalls um die per Post bezahlte Fahrzeugsteuer bei – und stellte sich dabei als eine der sehr seltenen Südafrikanerinnen heraus, die zurückrufen, wenn man ihnen eine Nachricht hinterlässt. Schließlich erkundigte sie sich sogar noch per E-Mail bei mir, ob der Fall zu meiner Zufriedenheit behandelt worden sei. Er war es.

Auf die Frage, warum sie so anders als alle anderen Postbeamten sei, zuckt Nkosi mit den Schultern. Als Manager einer Tageszeitung hatte ihr Vater nicht viel mit Service zu tun, ihre Mutter, eine Gemüseverkäuferin am Straßenrand, schon eher. Vor allem aber wuchs sie unter den zwölf Enkeln ihrer Großmutter auf: „Ich mag Menschen. Je mehr um mich herum sind, desto wohler fühle ich mich.“

Das kommt ihr im scheußlichen Amt und im Umgang mit den vom Warten entnervten Menschen zugute. Spätestens ihr warmes „How can I help you?“ pflegt die Verspannungen ihrer Kunden zu lösen. Oft bekomme sie ganze Lebensgeschichten erzählt, sagt sie. Für eine amerikanische Mutter, deren Geschenk für die Tochter auch einen Monat nach dem Geburtstag nicht eingetroffen ist, durchsucht die Postbeamtin in aller Ruhe ein halbes Heft voller Eintragungen. Wie zu Vasco da Gamas Zeiten wird jede Paketsendung noch handschriftlich in einer Kladde registriert. Kaum einer ihrer sechs Kollegen könne gut mit einem Computer umgehen, sagt sie: Als sie vor acht Jahren hier angefangen habe, hätten manche noch nicht einmal fließend lesen und schreiben können.

Manche weiße Kollegen betrachteten ihre Berufung zur ersten dunkelhäutigen Chefin des Brixtoner Postamtes als Zumutung. „Aber inzwischen geht es gut“, sagt Nkosi. Dass ausgerechnet der dunkelhäutigen Südafrikanerin guter Service am leichtesten fällt, ist alles andere als selbstverständlich. Wer einst per Gesetz zu Menschen zweiter Klasse deklariert wurde, dürfte mit freundlicher Dienstleistung eher Schwierigkeiten haben. Einen Widerschein dessen kann man noch heute im Gesicht eines dunkelhäutigen Verkäufers ablesen, wenn er einem lächelnd mitteilt, dass der gesuchte Artikel nicht erhältlich sei. Statt Bedauern oder Mitgefühl pflegen solche Angestellte Triumph auszustrahlen – als ob sie zum Ausdruck bringen wollten: „Jetzt weißt du mal, wie es ist, wenn man nicht kriegt, was man braucht.“

Wie schafft es Criselda Nkosi trotz aller Widrigkeiten in ihrem Brixtoner Bunker, den Kunden das seltene Gefühl zu vermitteln, dass sich jemand um sie kümmert? Auch nach einem zweistündigen Gespräch habe ich keine Antwort darauf. Die Postmasterin ist überzeugte Katholikin, doch das ist in Südafrika nichts Außergewöhnliches. Auch nicht, dass sie allein zwei Töchter aufzieht. Nicht einmal ihre beiläufig eingeworfene Bemerkung, dass sie „wirklich Spaß an ihrer Arbeit“ habe, kann das Rätsel letztlich lösen. Denn gewiss hat sie Freude an ihrem Job, weil sie freundlich ist und nicht umgekehrt.

Vielleicht hat ihr das zweite X-Chromosom geholfen, denn zweifellos ist der weibliche Teil der südafrikanischen Bevölkerung wesentlich hilfsbereiter als der vom Testosteron vermasselte. Man muss sicherlich auch die Tatsache berücksichtigen, dass es sich bei Criselda Nkosi um eine selbstbewusste Person mit Abitur handelt – und dass sie nicht von der Hybris ihrer sich überlegen fühlenden bleichen Landsleute infiziert ist. Doch selbst dies erklärt nicht erschöpfend, warum Criselda Nkosi so anders als alle anderen ist.

In jedem Diamanten verbirgt sich eben ein kleines Geheimnis. ---

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