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Ladentisch als Brustwehr

In Sachen Service gilt Russland traditionell als Katastrophe. Aber inzwischen hat man auch in Putins Reich eine Vorliebe für Dienstleistungen und zufriedene Untertanen entwickelt.




• Russland kann perfekt sein. Zum Beispiel auf der Bahn im Larissa-Lasutina-Sportpark, westlich von Moskau. Hügelige 5,5 Kilometer, frisch geteert, ohne Schlaglöcher, im Sommer zischen Rollski-, Fahrrad- und Rollschuhfahrer durch den Mischwald, im Winter Skilangläufer. Und das rund um die Uhr, nachts beleuchten Laternen den Achterkurs. Im Winter walzt mindestens einmal täglich eine Pistenraupe die Strecke platt. Alles perfekt und obendrein kostenlos.

Der Sicherheitsdienst des Vorzeigeparks wacht ebenfalls umsonst. Einer der Männer vertritt sich bis spät in die Nacht die filzbestiefelten Beine an der einzigen Kreuzung der Strecke. „Ich passe auf, dass niemand falsch abbiegt“, hat mir der einsame Wächter einmal erklärt. Obwohl über ihm ein großes Schild hängt, dass unmissverständlich die Richtung anzeigt. Aber wenn Russland perfekt sein will, dann gründlich.

Eigentlich gilt das Land, was Service angeht, als Katastrophe. 84 Jahre Diktatur des Proletariats gewöhnten die Russen gründlich an ein Wirtschaften, in dem es um Tonnen- und Literrekorde statt ums Wohlbefinden ging. In den Romanen und Kinofilmen der Sowjetzeit sind Malocher die Stars. Taxifahrer, Rechtsanwälte oder Friseusen mussten sich mit komischen bis zwielichtigen Nebenrollen zufriedengeben. Gerade in der korrupten Spätsowjetunion gerieten Verkäuferinnen und Kellner zu Antihelden: Halbschmarotzer, die rare Würste oder Krimsekt zur Seite schafften.

Ladentheken waren Brustwehren, die Hüninnen dahinter blickten voller Missachtung auf die Schlange stehenden Käufer davor. Demütige Untertanen, die von den neuen ungarischen Damenstrumpfhosen nur Übergrößen abbekommen würden, das Brauchbare hatte man schon für die eigenen Verwandten in Sicherheit gebracht oder für Bekannte mit interessanter Tauschware an der Hand.

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