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Fabian Hinrichs im Interview

Der Schauspieler Fabian Hinrichs über Künstler, Regisseure und andere Servicekräfte.





• Fabian Hinrichs ist einer der profiliertesten und eigensinnigsten deutschen Film- und Theaterschauspieler. Seit 2015 spielt er im Franken-„Tatort“. Im Mai dieses Jahres sorgte er für Aufregung, als er beim Berliner Theatertreffen in einer Preisrede vom „stillschweigenden Auftrittsverbot für den künstlerischen Schauspieler“ sprach. Die „wichtigste Frage für Schauspieler im 21. Jahrhundert“ sei: „Bist du Künstler, oder arbeitest du im Service?“

brand eins: Herr Hinrichs, für Sozialversicherung und Finanzamt sind Schauspieler keine Kreativen, sondern weisungsgebundene Beschäftigte. Ist das so?

Fabian Hinrichs: Ja und auch nein. Ja, denn sie sind weisungsgebunden, meistens zumindest. Zum Beispiel beim Film: Da werden die Szenen, anders als noch vor 20 Jahren, in der Regel nicht mehr mit den Schauspielern entwickelt. Der Dreh folgt bei größeren Produktionen oft dem Storyboard, die Abläufe einer Szene sind weitgehend vorgegeben. Und nein, Schauspieler sind nicht nur Befehlsempfänger, weil Regisseure wie Max Färberböck oder Michael Krummenacher wissen, dass das Zentrum einer lebendigen Szene die Schauspieler sind. Die äußeren Zwänge einer Produktion, etwa weil immer weniger Drehtage zur Verfügung stehen, sorgen aber oft dafür, dass relativ industriell gearbeitet werden muss.

Hängt der Freiheitsgrad auch vom Status eines Schauspielers ab?

Ja, sicher. Im amerikanischen Star-System arbeiten Darsteller wie Jack Nicholson oder Tommy Lee Jones nach ihren eigenen Regeln. Sie setzen eigene Drehbuchvorschläge durch und mischen sich am Set auch in den Aufbau einer Szene ein. Andere Stars sind vielleicht ganz froh, dass sie sich darum nicht kümmern müssen und einfach den Anordnungen der Regie folgen können. Das kann ja auch entlastend sein.

Und wenn es Filmschauspielern nicht genügt, Dienstleister zu sein?

Es gibt immer wieder Produktionen, bei denen die unterschiedlichen Kräfte gestaltend miteinander arbeiten, das ist dann wunderbar. Das gilt auch für technisch und dramaturgisch aufwendige Produktionen wie die Sky-Serie „Acht Tage“, in der ich gerade mitgespielt habe, die Ende des Jahres laufen wird. Aber spätestens im Schnitt ist alles, was die Schauspieler gemacht haben, Rohstoff. Grundsätzlich ist der Filmschnitt aber auch eine filmische Kunst. Eine Entwicklung bei Großproduktionen verstärkt die Gestaltungsmacht des Schnitts: Die Dramatik, die Intensität einer Szene wird verstärkt im Schnitt hergestellt und ersetzt so die Spieldynamik. Man löst die Szene etwa in mehrere Detaileinstellungen auf, die dann recht schnell aneinandergeschnitten und vom Soundtrack zusammengehalten werden. Die Spieler sind hier eher Szenen-Lieferanten der einzelnen Einstellungen.

Wenn es Ihnen nicht genügt, „Szenen-Lieferant“ zu sein, welche Einflussmöglichkeiten haben Sie?

Inzwischen kann ich meine Interessen im besten Fall schon bei der Entwicklung des Drehbuchs einbringen, das wird sogar manchmal ausdrücklich gewünscht. Es gibt mindestens zwei Perspektiven, wie überall in der Arbeitswelt: Die industrielle Perspektive sieht im Schauspieler einen Dienstleister, der funktionieren muss. Andererseits muss man darauf achten, nicht allzu austauschbar zu sein. Diese zwei Rollen, gleichzeitig disziplinierter Dienstleister und selbstbestimmter Künstler sein zu wollen, kann zu berufstypischen Pathologien führen, von prätentiösem Diva-Gehabe bis zu Drogenkonsum.

Wo stehen Sie selbst?

Ich habe bei Bewerbungen an Schauspielschulen gehört, dass ich gleichförmiger werden muss, was ich mache, sei zu eigen, dafür gebe es eigentlich keinen Bedarf. An der Folkwang Hochschule in Bochum, auf der ich dann war, fanden sie das Eigene oder Eigenartige gerade gut. Mir persönlich macht es einfach mehr Freude, Schauspielern zuzusehen, die sich mit einer gewissen Freiheit bewegen. Diese Dienstleistung macht größeres Vergnügen, wenn sie mit einem Überschuss an Spielfreude oder künstlerischer Freiheit erbracht wird. Nur so kann menschliche Tiefe erzeugt werden, deswegen bin ich ja überhaupt Schauspieler geworden.

Sie haben 2012 in einem Münchener „Tatort“ einen ziemlich exzentrischen Assistenten gespielt. Der Auftritt war so prägnant und jenseits aller „Tatort“-Konventionen, dass Sie aufgefallen sind und danach prompt selbst als „Tatort“-Kommissar in Nürnberg besetzt wurden. War das Kalkül?

Eigentlich nicht. Der Regisseur hatte diese Rolle so für mich geschrieben. Man kann auch in einem definierten Format wie dem „Tatort“ relativ eigensinnig spielen und versuchen, die eigene Figur zu formen. Ich würde behaupten, dass eine echte Begegnung zwischen Dagmar Manzel, die im „Tatort“ die andere Kommissarin spielt, und mir stattfindet. Das hat mit Spielfreude zu tun, nicht mit Kalkül. Genau diese Spielfreude macht die Szenen lebendig.

Ist der Traum von künstlerischer Selbstverwirklichung eine lllusion?

Wer auf Udo Lindenberg hört, wenn er singt „Ich mach mein Ding, egal was die ander‘n labern“, kann sich schnell um Entwicklungsmöglichkeiten bringen. Das eigene authentische Ding ist ja nicht immer sehr ergiebig. Damit landet man in der Selbstmumifizierung oder in der gelebten Karikatur wie Lindenberg. Insofern wäre sture Selbstverwirklichung gerade für Schauspieler eher fatal. Wenn ich einen Mörder spiele oder eine Theaterfigur, die Extremerfahrungen durchlebt, hat das mit mir als Privatperson nicht unbedingt viel zu tun. Ich komme im Spiel in Bereiche, die ich selber im Alltag nie auch nur streife. Das ist erst mal interessanter, als immer an einer vermeintlichen Authentizität kleben zu bleiben. Die Parole „Sei wie du bist, sei du selbst“ ist oft eine Lüge. Das ist ja auch der Appell vieler moderner Unternehmen an ihre Mitarbeiter, besonders in Dienstleistungsberufen: Sei authentisch, bring dich als ganzer Mensch ein. Was ist denn dieses Selbst dann noch? Oft ist es nur noch eine Effizienzmaschine.


Schauspieler sind die idealen Servicekräfte

Sind auch Schauspieler solche Effizienzmaschinen?

Zumindest arbeiten inzwischen viele Schauspieler sehr diszipliniert an der Selbstoptimierung, um sich dem Arbeitsmarkt anzudienen. Insofern sind Schauspieler die idealen Servicekräfte. Jede Verkäuferin, die ihre Arbeit wenigstens hassen kann, ist wahrscheinlich innerlich freier als viele Schauspieler. Ich habe in den vergangenen Jahren beobachtet, dass Produzenten oder Casting-Agenten oft ein glamouröseres, exzessiveres Leben führen als die Schauspieler, die sich mit gedämpftem Broccoli fit halten und penibel auf ihr Gewicht achten.

Kein Wunder bei dem Überangebot an Schauspielern.

Es ist ein Konkurrenz-Milieu, das entsprechenden Opportunismus produziert.

Funktioniert das romantische Rock-‘n’-Roll-Gegenmodell noch: Unangepasstheit als Markenzeichen, den eigenen Marktwert steigern, indem man sich nicht an die Regeln hält?

Selbst Rockstars und Techno-DJs leben und arbeiten ja inzwischen durchgetaktet. Rockmusiker wie Pete Doherty, bei dem manchmal nicht klar ist, ob das Konzert stattfindet oder ausfällt, weil er auf Drogen ist, sind vermutlich eher tragische Fälle, deren öffentliches Scheitern und Wiederauferstehen auch Teil der Marke ist. Von Schauspielern wird grundsätzlich eine gewisse Verfügbarkeit erwartet.

Haben Sie das erlebt?

Als ich mal nach zwei Teilen einer Familienserie im dritten Teil nicht wieder mitspielen wollte, gingen alle in der Produktion davon aus, dass es mir nur um eine höhere Gage ging. Man bot mir das doppelte der bisherigen Gage, aber ich wollte wirklich nicht mehr mitspielen, was ich dann auch nicht getan habe. Dafür wurde ich später von allen möglichen beteiligten Leuten angeschrien, in deren Augen war es unverschämt, dass ich ausgestiegen bin. Ein Schauspieler hat für gewisse Leute also verfügbare Masse ohne eigene Identität zu sein. Sie konnten nicht verstehen, dass mal einer sagt: Ich möchte lieber nicht.

Können Sie sich das leisten?

Wir sprechen jetzt die ganze Zeit über Marktmechanismen. Aber jenseits derer gibt es auch so etwas wie ein Recht auf Neugier. Ich will mir die Freiheit erhalten, meiner Karriere auch schaden zu können. Ich würde behaupten, dass gelungene Schauspielerei untrennbar mit Spiel und Zweckfreiheit verbunden ist. Dazu gehört auch Chaos und Suchen, Ungeordnetes, Ungeplantes, Ineffizientes. Ich möchte beim Spielen, aber auch beim Zusehen, etwas erleben, das mich verändern kann und das für einen Moment so etwas leisten kann, wie die Einsamkeit zu überwinden. Und das geht nicht ohne zu lachen, ohne Burleske. Die Burleske, die die Wirklichkeit ertragbar macht, indem man über sie lacht, ist ein Entgiftungsprogramm mit Sofortwirkung und das Gegenteil von Service.

Wo haben Sie die größeren Zumutungen erlebt: beim Film oder im Theater?

Im regisseurzentrierten Stadttheater ist das Zumutungspotenzial größer. In dieser eigentlich sehr jungen Spielart des Theaters hängt die Entwicklung der Produktion von der Bildung, vom Talent, vom Sadismus, vom Drogenkonsum, von der Intelligenz des Regisseurs ab. Man ist dem, besonders als junger Schauspieler, schutzlos ausgeliefert. Wenn man Theaterarbeit aber anders versteht, nämlich als Begegnung unterschiedlicher Künstler, sind die Möglichkeiten im Theater größer. Beim Film ist der Rahmen klar definiert. Schon der Zeitdruck setzt alle unter Effizienzzwang. Wegen der engen Zeitpläne wären solche Auftritte, wie sie in der Affäre um den Regisseur Dieter Wedel geschildert wurden, heute kaum noch so möglich. Da wirkt der Effizienzdruck regelrecht disziplinierend. Finanziell ist es jedoch anfangs im Theater deutlich härter als im Film.

Was heißt das konkret?

Ich war als junger Schauspieler fünf Jahre an der Berliner Volksbühne und habe zeitweise 20, 25 Vorstellungen im Monat gespielt. Das war brutal, wenn man bedenkt, wie exzessiv die Spielweise an diesem Theater war. Als Anfänger habe ich eine winzige Gage bekommen, vielleicht 1400 Euro brutto im Monat. Irgendwann habe ich von dem damaligen Geschäftsführer, der sich gerade eine unfassbar teure neue Küche gekauft hatte, eine höhere Gage verlangt. Ich habe ihm eine Rede gehalten, mit dem Tenor: Das Publikum komme nicht wegen Leuten wie ihm ins Theater, sondern wegen der Autoren, wegen der Schauspieler. Kurz darauf wurde mir gekündigt.

Mit welcher Begründung?

Mir wurde damals gesagt, du spielst doch hier an der Volksbühne, das ist schon eine Ehre. Wir sind ein linkes Theater, wir können nicht mehr zahlen. Allerdings bekamen der Geschäftsführer und der Intendant eine erstaunlich üppige Gage. Vom Schauspieler, erst recht, wenn er jung und relativ unbekannt ist, wird selbstverständlich erwartet, dass er von der Selbstausbeutung begeistert ist. Das wird dann damit begründet, dass die Sichtbarkeit die schlechte Bezahlung kompensiert. Das gibt es ähnlich auch beim Film. Wenn Netflix oder Amazon Prime deutsche Schauspieler für eine Serie engagieren, ist die Gage etwa die Hälfte dessen, was diese Schauspieler in Deutschland bekommen – schließlich werden sie so für den Weltmarkt sichtbar. Das ist ein Versprechen auf mehr. Bei Erfolg der Serie wird die Gage dann allerdings auch massiv erhöht. ---

Fabian Hinrichs, Jahrgang 1974, studierte zunächst Jura und wechselte dann an die Westfälische Schauspielschule Bochum. Von 2000 bis 2005 spielte er im Ensemble der Berliner Volksbühne in Inszenierungen von Frank Castorf und Christoph Schlingensief. Danach folgten Engagements an den Kammerspielen München, am Schauspielhaus Zürich, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und bei den Wiener Festwochen. 2010 wurde er für seinen Soloauftritt in „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang“ (Regie: René Pollesch, Volksbühne Berlin), zum Schauspieler des Jahres gewählt, 2010 erhielt er den Max-Ophüls-Sonderpreis für Schauspiel, 2012 den Alfred-Kerr-Darstellerpreis, 2014 den Ulrich-Wildgruber-Preis.

Zu seinen Filmrollen gehört die von Hans Scholl im Oscar-nominierten Spielfilm „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ und die Rolle des Alexander Halberstadt in der deutsch-belgischen Kinoproduktion „Die Bluthochzeit“. Er fiel als nervender Assistent Gisbert Engelhardt im Münchener Tatort „Der tiefe Schlaf“ auf. Seit 2015 ist Hinrichs im neuen „Tatort“-Team des Bayerischen Rundfunks, das in Franken ermittelt, als Hauptkommissar Felix Voss zu sehen, von Ende 2018 an sieht man ihn in einer Hauptrolle der neuen Sky-Serie „Acht Tage“.

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