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Die Jäger der verschwundenen Räder

Die niederländische Firma Vanmoof verkauft teure Stadtfahrräder. Und hatte ein Problem mit Dieben. Also hat sie angefangen, die geklauten Räder zurückzuholen.




• Das gestohlene Fahrrad muss irgendwo hier sein. Malte Thormeyer blickt auf sein Handy, das eine Karte der Grachten Amsterdams zeigt. Über der Marnixstraat liegt ein blauer Kreis. Thormeyer steht genau in der Mitte des Kreises, zwischen alten Bürgerhäusern aus Backstein. Nur von dem schwarzen, 900 Euro teuren Fahrrad, das vor drei Tagen wenige Straßen entfernt geklaut wurde, ist nichts zu sehen. Thormeyer kennt das schon: „Der Sender gibt uns nur eine ungefähre Gegend. Aber irgendwo hier ist es.“

Thormeyer, 26, arbeitet für das Unternehmen Vanmoof. Sein Job ist es, Kunden ihre gestohlenen Fahrräder wiederzubeschaffen. Seit zwei Jahren bietet die Firma eine „Sorgenfrei-Garantie“ an. Für 100 Euro im Jahr verspricht Vanmoof etwas, das erst einmal ziemlich vermessen klingt: Jedes geklaute Rad der Firma wird binnen zwei Wochen gefunden – oder durch ein neues ersetzt.

Trotz des martialischen internen Namens Bike-Hunter-Team schickt die Firma keine kampfsporterprobten Stiernacken auf die Straße, sondern gewöhnliche Mitarbeiter aus der Werkstatt oder dem Management. Thormeyer arbeitet, wenn er nicht auf der Straße ist, im Kunden-Support. Ab und zu geht auch einer der beiden Gründer selbst los. Alle machen das freiwillig. „Das ist ein bisschen wie Schatzsuche“, sagt Thormeyer.

Heute fährt er mit einer Akku-Flex, einem starken Bluetooth-Empfänger und zwei ausgedruckten Diebstahl-Anzeigen durch den schwülen Sommertag und sieht aus, als wäre er auf dem Weg zum Strand. Er trägt eine kurze Hose, Sneaker und ein offenes Hemd.


Der Bike-Hunter Malte Thormeyer (rechtes Bild) ortet eines der 150 jährlich gestohlenen Vanmoof-Räder per Telefon

Viele Radbesitzer denken den Diebstahl mit

An der Leidsegracht stehen Hunderte Fahrräder dicht an dicht. Schrottreife Mühlen mit verbogenen Felgen neben 30 Jahre alten Hollandrädern in makellosem Zustand. Und dazwischen immer wieder ein Vanmoof-Rad, mit dem charakteristisch wuchtigen Aluminiumrahmen, der aussieht, als wäre er aus zu langen Eisenstangen zusammengeschweißt. Nur das gestohlene Rad, das Thormeyer sucht, ist nicht dabei.

Eigentlich ist ein Stadtrad ein sehr konservatives Produkt. Die meisten Kunden erwarten in erster Linie Zuverlässigkeit, einen gewissen Komfort und einen moderaten Preis. Das Design eines typischen Hollandrads mit 3-Gang-Nabenschaltung, 28-Zoll-Felgen, Dynamo und Gepäckträger hat sich in den vergangenen 40 Jahren nur in Details verändert.

Vanmoof wurde 2009 von den Brüdern Ties und Taco Carlier gegründet. Die beiden Ingenieure waren sich sicher, dass aus dem Klassiker mehr rauszuholen war. Zum Beispiel das ewige Problem mit dem Licht. „Ich habe damals ständig Strafzettel von der Polizei bekommen, weil mein Licht kaputt war“, sagt Taco Carlier. „Entweder war das Dynamokabel kaputt oder die Glühbirne brannte durch, und die Anstecklampen mit Batterien habe ich immer irgendwann verloren.“ Die Lösung der Brüder war ein LED-System, das in den Rahmen integriert wurde. Die Kette packten sie in ein enges, extra angepasstes Gehäuse, das verhindern sollte, dass sie rostet oder abspringt. Sie bauten das Schloss in den Rahmen, damit es nicht mehr um den Lenker oder den Sattel gebunden werden musste. „In Amsterdam werden Räder sehr grob behandelt“, sagt Taco Carlier. „Wir wollten ein robustes Rad, das trotzdem elegant ist.“

Die ersten Vanmoof-Räder kamen gut an, aber nach einem anfänglichen Hype stagnierten die Verkaufszahlen, und die Firma fing an, Verluste zu machen. „Viele haben uns gesagt: Das ist ein tolles Rad, aber das lohnt sich für mich nicht“, sagt Taco Carlier. „Meine Freunde in Amsterdam fuhren alle auf alten Schrottfahrrädern durch die Gegend, weil sie dachten: Ein teures Rad wird sowieso geklaut. Unser erstes Stadtrad hat in der billigsten Version 600 Euro gekostet. Niemand wollte das einfach auf der Straße stehen lassen.“

Mit diesem Problem ist Vanmoof nicht allein: Fahrraddiebstahl ist omnipräsent: Im Jahr 2016 wurden in den Niederlanden 96 507 Fahrräder als gestohlen gemeldet. Das klingt nach wenig in einem Land mit 22 Millionen Fahrrädern. Die Polizei schätzt die tatsächliche Zahl aber auf das Drei- bis Vierfache. In Deutschland wurden 2016 sogar 332 486 gestohlene Fahrrädern zur Anzeige gebracht. Mit einer wohl ähnlich hohen Dunkelziffer.


Nachts werden sie zu Jägern: ein Mechaniker in der Vanmoof-Werkstatt (linkes Bild) und der Firmengründer Taco Carlier (rechtes Bild)

Die Anzeige des Diebstahls ist für die meisten nicht mehr als ein symbolischer Akt. In Deutschland lag die Aufklärungsquote bei Fahrraddiebstahl im Jahr 2016 bei 8,8 Prozent, in den Niederlanden bei rund 7 Prozent.

Das hat Folgen: Fahrraddiebstahl ist einer der effizientesten Wege den Menschen das Fahrradfahren abzugewöhnen. In einer Umfrage in Dublin aus dem Jahr 2014 gaben 16 Prozent der Bestohlenen an, das Rad nicht ersetzt zu haben und stattdessen das Fahrradfahren aufgegeben zu haben. In einer französischen Umfrage aus dem Jahr 2003 sagten dies 23 Prozent.

Fahrraddiebstahl gilt oft als unvermeidliches Ärgernis, so wie Wespenstiche und abgebrochene Schlüssel. Tatsächlich hält es Tausende vom Radfahren ab. Aber vielleicht ist es ja gar nicht so unvermeidlich?

„Wir probieren Sachen oft einfach aus, und so war es mit der Jagd nach geklauten Fahrrädern auch“, sagt Taco Carlier. Als Vanmoof 2014 ein 2250 Euro teures Pedelec herausbrachte – ein Fahrrad, bei dem das Treten durch einen Elektroantrieb unter- stützt wird –, bauten die Niederländer in die Räder einen GPS-Sender ein. Dass die Angestellten von Vanmoof selbst auf die Suche nach gestohlenen Fahrrädern gehen würden, daran hatte man zu Beginn nicht gedacht. „Wir wollten erst einmal Erfahrung sammeln, wie das funktioniert“, sagt Taco Carlier.

Das erste verkaufte E-Bike wurde nach zwei Wochen in Rotterdam geklaut. Malte Thormeyer, der damals noch Praktikant im Marketing war, setzte sich noch am selben Tag in einen Zug nach Rotterdam. Das Fahrrad war aus der Stadt hinausgefahren worden und stand nun auf dem Parkplatz eines Vorortbahnhofs. Zwei Stunden brauchte Thormeyer, bis er es in dem total überfüllten Fahrradständer gefunden hatte. Aus dem Rahmen guckte noch der kümmerliche Rest des abgesägten Schlosses heraus. Die Polizei kam zu sechst, um das Schloss des Diebes durchzuschneiden und sich das Wunder anzusehen: eine Firma, die geklaute Räder wiederfindet. Auf den Dieb wollten sie dann aber nicht warten. Dafür hatten sie keine Zeit. Er kam davon.

Doch der Kunde hatte sein Rad nach weniger als 24 Stunden zurück. In den folgenden Wochen ging Taco Carlier oft abends nach der Arbeit auf Beutesuche. Auch um mehr zu lernen über den Fahrraddiebstahl.

Es gab einige Überraschungen: Fast alle Räder blieben in dem Viertel, in dem sie geklaut worden waren. Die Fahrräder wurden schnell weiterverkauft, oft innerhalb weniger Stunden. Die Vanmoof-Mitarbeiter waren meist zu langsam, um die Diebe zu stellen. Sie trafen nur Menschen, die vorgaben, an dem niedrigen Preis und dem abgesägten Schloss im Rahmen nichts merkwürdig gefunden zu haben. Gut ein Drittel der Räder, die er suchte, war übrigens nie geklaut worden. „Erstaunlich viele vergessen einfach, wo sie es abgestellt haben“, sagt Taco Carlier.

Aus der Improvisation ist seit 2016 ein regulärer Service geworden, der seinen Preis hat und einen festen Ablauf. Etwas mehr als 60 Prozent der Kunden, so Vanmoof, kaufen die Diebstahlgarantie dazu, die 100 Euro für ein Jahr oder 240 für drei Jahre kostet. Die Firma verkauft inzwischen etwa 17 000 Fahrräder im Jahr – genaue Zahlen gibt man nicht heraus, Taco Carlier sagt nur: „Alle halbe Stunde wird irgendwo ein Rad von uns verkauft.“ So kommt genug Geld herein, um auch aufwendigere Suchaktionen zu finanzieren.

Rund 150 Diebstahlmeldungen gehen in der Firma jedes Jahr ein. Zuerst muss der Kunde aber zur Polizei, denn ohne Anzeige fährt das Bike-Hunter-Team nicht los. Wenn die Jäger das Fahrrad gefunden haben, verständigen sie die Polizei. Da diese oft Besseres zu tun hat, dürfen die Vanmoof-Mitarbeiter die Schlösser in Amsterdam oft selbst öffnen. Zur Not mit Gewalt. Thormeyer: „Mit einer Flex kriegst du alles auf, wirklich alles.“

Wenn jemand mit dem Rad angetroffen wird, kommt es auf die Feinheiten an: Die meisten versichern – mal mehr, mal weniger glaubhaft –, einen halbwegs angemessenen Preis bezahlt zu haben. Sie tun zumindest so, als hätten sie nicht gewusst, dass es sich um Diebesgut handelt. Thormeyer bleibt dann höflich, die Polizei geht der Angelegenheit so gut wie nie nach.

Seltener trifft Thormeyer auf Leute, bei denen die Sache eindeutig ist: Da war ein deutscher Tourist aus Mönchengladbach, der das Rad wochenlang zwischen den Niederlanden und Deutschland hin- und hergefahren hatte. Als Thormeyer ihn in Amsterdam aufspürt, gab er ganz offenherzig zu, das Fahrrad für zehn Euro auf der Straße gekauft zu haben. Der Mann wurde direkt von der Polizei mitgenommen.

Oder der Drogendealer, der gleich zwei gestohlene Räder bei Marktplaats, dem niederländischen Äquivalent zu Ebay-Kleinanzeigen, angeboten hatte. Thormeyer fuhr vorbei und tat so, als ob er eine Probefahrt machen wolle. Auf der Straße glich er die Rahmennummer mit der Datenbank ab; das Rad war als gestohlen gemeldet. Als die Polizei kam, fand sie nebenbei noch ein stattliches Paket illegaler Substanzen.

Der absurdeste Fall war aber wohl der, als ein ziemlich ahnungsloser Mann in den Amsterdamer Shop kam, um ein neues Aufladegerät für den Akku seines mitgebrachten E-Bikes zu kaufen – offensichtlich ohne zu wissen, wie der Akku funktioniert und ohne erklären zu können, wieso er ein neues Aufladegerät braucht. Vanmoof rief beim rechtmäßigen Besitzer an und sagte: „Wir glauben, Ihr Rad wurde gestohlen.“

Die Antwort: „Das kann nicht sein, das steht im Keller.“

Der Mann ging runter, guckte nach und kam geschockt wieder: „Das ist unglaublich. Woher wusstet ihr das?“

Sein ganzer Keller war ausgeräumt worden. Vanmoof hatte das Rad wiedergefunden, bevor er es überhaupt vermisst hatte.


Amsterdamer Stillleben

Wie die Nadel im Heuhaufen

In 70 Prozent der Fälle, so erzählt es Taco Carlier, fänden sie das Rad binnen zwei Wochen. Zweimal erstreckte sich die Jagd über mehrere Tausend Kilometer: Im marokkanischen Casablanca fanden sie ein Rad bei einem Medizinstudenten, der es widerspruchslos herausrückte. Im rumänischen Cluj weigerte sich ein fassungsloser Polizist, ihnen zu helfen: „Und für ein Rad fahrt ihr einmal um die Welt?!“ Obwohl Thormeyer erklärte, dass man das Fahrrad mithilfe des Signals in einem kleinen Holzschuppen lokalisiert hatte, wollte der Polizist nichts unternehmen.

Die, die entkommen sind, kann Thormeyer manchmal bis heute auf seinem Computer verfolgen: Zum Beispiel das Fahrrad, das in Paris geklaut wurde, das danach über Bourges in Südfrankreich in die kleine Stadt Oujda in Marokko gebracht wurde, wo der neue Besitzer damit jeden Tag den gleichen Weg zur Arbeit fährt.

Die Suche nach Fahrrädern ist nicht ganz einfach: Sie erinnert trotz Peilsender an die Suche nach einem alten Impfausweis auf einem unaufgeräumten Dachboden: Man weiß ungefähr, wo man suchen muss. Aber eben nur ungefähr.

Vanmoof baut inzwischen keine GPS-Tracker mehr in die Räder ein. Die GPS-Sender verbrauchen für die normalen Fahrräder, die den Sender mit Strom aus dem Nabendynamo betreiben, zu viel Energie. Stattdessen arbeitet Vanmoof mit einem GSM-Signal, das anhand der nächsten drei Handy-Sendemasten eine ungefähre Position bestimmt. Für die genaue Ortung benutzt das Team von Thormeyer einen Bluetooth-Sender, mit dem sie zum Beispiel in der Stadt die genaue Wohnung bestimmen können, in der das Fahrrad steht.

Die Diebe verlieren die Lust

Das Problem: Das GSM-Signal ist nur auf etwa 100 Meter genau, und der Bluetooth-Empfänger stellt eine Verbindung oft erst her, wenn man ganz dicht dran ist. Jede Suche, gerade in einer Stadt wie Amsterdam, wo auf wenigen Metern Hunderte Räder nebeneinanderstehen, wird so zur Geduldsprobe.

An diesem heißen Mai-Tag fährt Thormeyer noch weiter durch die Leidsekade, die Prinsengracht und schließlich sogar runter in die Keizersgracht. Meistens bremst er nicht einmal, wenn er ein Vanmoof-Rad sieht. Mit einem schnellen Blick sieht er, dass das Rad zu alt ist, dass es kein Display im Rahmen hat, dass es dunkelgrau statt schwarz ist.

Auf einmal hält er mit quietschenden Reifen an. Vor den hellblauen Fahnen eines Supermarktes steht ein schwarzes Vanmoof, mit einem neuen Schloss; das Originalschloss im Rahmen ist abgebrochen. Thormeyer kniet sich unter das Rad. Die Rahmennummer ist etwas verdreckt, schwer zu lesen. Als er die Nummer endlich hat, gleicht er sie mit der Datenbank ab. Aber wieder nichts. Niemand vermisst das Fahrrad.

Nach einer Stunde gibt Thormeyer auf. Er wird es in den nächsten Tagen noch einmal versuchen. Zwei Wochen Zeit haben sie ja, um es zu finden. Dass die Wahrscheinlichkeit dafür ziemlich hoch ist, wissen inzwischen auch die Amsterdamer Fahrraddiebe. Die Firma ärgert sie, wo sie nur kann: Bei den elektrischen Fahrrädern kann Vanmoof zum Beispiel den Motor aus der Zentrale abstellen. Das Pedelec hat dann auf einmal den Fahrkomfort einer Schrottmühle mit zerbeulten Felgen.

„Die Diebe in Amsterdam kennen uns inzwischen“, sagt Thormeyer. „Unsere Fahrräder kommen einfach nicht mehr so häufig weg. Und wenn mal eines geklaut wird, dann verscherbeln die Diebe es innerhalb von ein, zwei Stunden für 10, 20 Euro. Die wissen ganz genau, dass das Fahrrad eigentlich nicht mehr viel wert ist, wenn wir hinter ihnen her sind.“ ---