Partner von
Partner von

Augen auf beim Training!

Sie wollen nur das Beste – koste es, was es wolle.





• Vor einem Jahr habe ich mich dazu entschieden, für 1200 Schweizer Franken ein Jahresabo für ein Fitness-Studio zu kaufen. Auf zusätzliche Angebote wie Kurse zur Gruppenmeditation oder Yoga verzichtete ich. Ich wollte lediglich zweimal die Woche den Tag mit etwas Sport beginnen.

Früher bin ich Skirennen gefahren, seitdem ist Sport für mich zur Routine geworden. Jeden zweiten Tag gehe ich joggen oder schwimmen. Das Ganze ist ziemlich monoton und eigentlich eine Qual; doch lieber den Körper heute ein bisschen quälen, als später umso mehr von ihm gequält zu werden.

Das scheint jedoch nicht die Idee dieses Fitness-Studios zu sein, von „quälen“ würde hier niemand sprechen. Stattdessen geht es um das Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele. Selbstoptimierung durch Spannung und Entspannung. Das klingt nicht nur gut, das ist sicher auch gut für den Umsatz des Hauses, das nebst Fitness (also Spannung) auch Wellness (also Entspannung) im Angebot hat.

In der hauseigenen Ernährungsberatung werden sogenannte Vegisan-Produkte angepriesen, die alle notwendigen Nährstoffe enthalten sollen und dazu noch gluten- und laktosefrei sind. Dieses Cleanfood wird in Pulverform eingenommen. Auch das interessiert mich eigentlich nicht. Ich will mich lediglich vor der Arbeit ein bisschen verausgaben, damit ich mich tagsüber gut fühle. Dafür brauche ich kein Pulver.

Ein Jahr zuvor hatte ich mich einem Gesundheits-Check unterzogen, bei dem festgestellt wurde, dass ich für mein Alter eine ausgezeichnete Konstitution hatte. Man verschrieb mir ein Fitnessprogramm, an das ich mich nun weitestgehend zu halten gedachte.

Das gelang mir anfangs auch. Ein Trainer führte mir die Geräte des Studios vor und verwies auch auf die Beratungsmöglichkeiten. Da ich mein Programm bereits kannte, lehnte ich dankend ab – doch dies schien den Trainern zu missfallen. Alle paar Monate unterbrach einer von ihnen meine Übungen und erinnerte mich an das Beratungsangebot. Freundlich bemängelten sie, dass ich die Bewegungen zu schnell ausführte. Das bringe nichts und schädige meinen Körper auf irreversible Weise. „Du machst dich selbst kaputt“, sagte man mir.

Ich zeigte mich dankbar für den Hinweis und machte meine Übungen nun langsamer, obwohl ich nur wenig Gewicht stemme und mich seit meiner Jugend beim Sport schnell bewege. Geschadet hat das meinem Körper bisher nicht.

Allmählich merkte ich, dass ich hier weniger als Kunde denn als Patient betrachtet wurde. Die Grundannahme schien zu sein, dass die Besucher irgendwie psychisch und physisch am Anschlag sein müssen; die Aufgabe der hauseigenen Experten ist es dann, dafür zu sorgen, dass sich wieder Wohlbefinden einstellt. Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden, viele kommen tatsächlich, weil sie etwas an sich verändern und entsprechend angeleitet werden wollen.

Bei mir ist die Situation jedoch anders. Ich fühlte mich eigentlich schon vorher gut und bin lediglich an der Erhaltung dieses Zustands interessiert. Ich erklärte dies schließlich auch einer Trainerin, die mich unbedingt unter ihre Fittiche nehmen wollte. Sie nickte, sodass ich glaubte, die Sache sei nun geregelt. Doch drei Wochen später erhielt ich einen Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich konstant die Vorgaben der Mitarbeiter missachtet und somit gegen die Betriebsordnung und die allgemeinen Vertragsregeln verstoßen hätte. Es wurde mit weiteren Schritten gedroht, falls ich die Anweisungen auch in Zukunft nicht befolgen würde.

Ich kam mir nun nicht mehr wie ein Patient vor, sondern wie ein Krimineller. Als ich die Trainer darauf ansprach, teilten mir diese mit, dass ich die Übungen immer noch zu schnell mache und dabei auch noch die Augen schließe. Ich war mir nicht bewusst, dass das Liderschließen während der Übungen eine Verletzung der Betriebsordnung darstellt. Es sehe unschön aus, so die Trainer. Ich gab zu, dass es nicht mein Hauptziel sei, während der Übungen gut auszusehen.

Ich hege den Verdacht, dass es lukrativer ist, wenn man die Leute davon überzeugen kann, krank zu sein. Denn dann kann man sie wieder gesund machen. Falls jemand darauf besteht, dass er gesund ist, heißt es, dass dies bald ein Ende habe, wenn die empfohlene Kombination von Spannung und Entspannung, kombiniert mit der richtigen Ernährung, nicht befolgt werde.

Insbesondere bei der Entspannung ist das Angebot groß und verlockend: „Lassen Sie sich von unseren professionellen Masseuren verwöhnen, es gibt noch freie Termine“ – solche Lautsprecherdurchsagen sind im Fitnessraum regelmäßig zu hören; warum sich also noch quälen, wenn sich die Leute nebenan verwöhnen lassen?

Ich werde mir nun ein neues Fitnesscenter suchen, denn die angedrohten „nächsten Schritte“ bei anhaltender Beratungsresistenz möchte ich mir nicht ausmalen. Auch möchte ich mir nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn ich mich den Trainern uneingeschränkt unterworfen hätte. Man fände mich dann wohl hauptsächlich im Entspannungsbereich. Dort würde ich – unter der Obhut eines Ernährungsberaters – Vegisan-Pulver verzehren. Und wohl definitiv krank werden. ---

Das könnte Sie auch interessieren:


B8ta: Anfassen erwünscht, Kaufen nicht nötig

Das kalifornische Start-up B8ta betreibt in den USA eigene Geschäfte. Ob die Kunden dort Geld ausgeben, ist egal.

weiterlesen


Blick in die Bilanz: American Outdoor Brands Corporation

Der amerikanische Präsident unterstützt die heimische Waffenindustrie. Warum geht es dem Marktführer American Outdoor Brands Corporation, ehemals Smith & Wesson, dann so schlecht?

weiterlesen